Dienstag, 22. Januar 2013

Krankheit als Chance


Der gute Onkel Doktor ist deshalb ein Guter, weil er weiß, was für den Patienten gut ist. Wenn also der gute Onkel Doktor Medikamentengifte in den Patienten stopft, die den Kranken immer noch schlimmer dahinsiechen lassen, dann wird der Onkel Doktor schon wissen, warum er das tut.

Sollte der inzwischen Sterbenskranke irgendwann aus dem allerletzten Loch pfeifen, dann erfasst den guten Onkel Doktor ein menschlich' Rühren, weil er das Siechtum nicht länger mit ansehen kann, und verordnet großherzig eine Medikamentenpause. Weil, gestorben werden kann auch noch später, da kommt es auf ein paar Monate mehr oder weniger nicht an.

Weil es so gut klingt und weil der Onkel Doktor so ein Guter ist und unbedingt möchte, dass alle nur Gutes von ihm denken, hat er sich für die Medikamentenpause einen hübschen Wohlfühlnamen ausgedacht: Moratorium. Ah, das geht runter wie die süßeste Medizin! Moratorium heißt, die medikamentöse Zwangsbehandlung wird eingestellt (natürlich nur befristet, denn die hochgiftige Rosskur muss auf Tod und Verderben zu Ende geführt werden, sonst hätte der Onkel Doktor sie ja gar nicht erst zu verordnen brauchen).

Dem Sterbenskranken wird also mildtätig ein fast karitativ zu nennender Schonzeitraum gegönnt, und solange dieser verspricht, die bereits verschriebenen Medikamente brav weiter einzunehmen, zeigt sich, im Gegenzug, der Onkel Doktor von seiner menschlichen Seite und verzichtet auf die Verabreichung neuer, immer giftigerer Maßnahmen. Befristet, wohlgemerkt. Auf sechs Monate, um genau zu sein.

Sechs Monate hat also der gebeutelte Patient erst mal seine Ruhe und kann zusehen, wie er seinen kranken Karren mühsam aus jenem Dreck zieht, den der Doc ihm verschrieben  hat, bevor ihn der gute Onkel mit neuem, noch höher dosiertem Dreck noch tiefer in die Grütze reiten wird. Aber, ruhig Blut, erst nach Ablauf von sechs Monaten.
Die Europäische Kommission, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds haben sich auf ein sechsmonatiges Moratorium geeinigt, während dessen sie keine neuen Austeritätsmaßnhmen von Griechenland fordern werden.
Wieso eigentlich gerade sechs Monate? Wieso nicht zwei, wieso nicht zwanzig? Welches therapeutische Konzept verbirgt sich hinter dem magischen Timing von ausgerechnet sechs Monaten?
Das Ziel der Troika besteht darin, der griechischen Regierung eine Chance einzuräumen, einen Maßnahmenkatalog sowie strukturelle Reformen zu implementieren, an welche - im Austausch dafür - kontinuierliche Rettungsgelder gebunden sind ...
Okay, Onkel Doktor, den Spin haben wir gerafft, du willst den Griechen also eine Galgenfrist geben, um hernach erst recht mit der Brechstange ..., wie? Keine Galgenfrist, sondern eine "Chance"? Ach so, du meinst so eine Art Verschnaufpause? Eine großzügige Chance, mal endlich zu verschnaufen, okay, aber wieso gerade eine sechsmonatige Verschnaufpause? Erklär's uns, weil, wir wollen nicht dumm sterben, und die Griechen schon gleich gar nicht, also bitte:
... wobei sie (die Troika) gleichzeitig versucht zu gewährleisten, dass Griechenland und seine Schuldenprobleme kein Thema darstellen wird im Rahmen des Wahlkampfes in Deutschland, das sich für die (Bundestags)Wahlen im September vorbereitet.
Kein Thema darstellen wird? Damit meinst du also,
Die sozialen Unruhen in Griechenland auf kleiner Flamme zu kochen, bedeutet, die wirtschaftliche Krise des Landes wird nicht als Vorwahl-Kampagnenproblem für Merkel dazwischenfunken können.
Gut, dass du, Onkelchen, uns - wenn auch etwas zögerlich - den therapeutischen Hintergrund der verordneten Rosskur-Unterbrechung erläuterst; wir wären von allein gar nicht drauf gekommen. Staunen aber nicht schlecht, dass du dir mittlerweile nicht mal mehr die Mühe machst zu vertuschen, um wessen "Chance" es tatsächlich geht: Angela Merkel braucht eine Verschnaufpause. Wahlkampfstrategisch gesehen.

Hättest du auch gleich sagen können, Onkel Doktor. Wir sind gar nicht so schwer von Begriff, wie du denkst. Und werden uns bestimmt nicht wundern, wenn an der deutschen Nachrichtenfront des griechischen Krankenbettes in den nächsten Monaten Funkstille herrschen wird. Ist ja für einen guten Zweck. Gut, dass wir drüber gesprochen haben.


Kommentare:

  1. wer heute naoch einem Arzt vertraut muss schön blöd sein

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  2. Troptard
    Gelungener Text!
    Dennoch für mich nicht ganz schlüssig. Lieben wir Frau Doktor nicht gerade deshalb so innig,, weil sie es so genial versteht, therapieresistenten Patienten die Notwendigkeit einer Zwangsbehandlung anzuordnen.
    Folgeschäden sind leider in Kauf zu nehmen und sind nicht die Folge eines ärztlichen Kunstfehlers sondern beruhen darauf, dass der Patient sich nicht rechtzeitig der Therapie unterworfen hat.
    Die Überlebenden einer solchen Therapie werden in Talkshows gerne als Zeugen auftreten und die Fangemeinde der Frau Doktor wird sich bestätigt fühlen:" Wieder hat sie alles richtig gemacht, unsere Frau Doktor."

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  3. Was ist der Unterschied zwischen einem Killer und einem Arzt?

    Der Killer kommt in schwarz mit einem Schalldämpfer und der Arzt in weiß mit Pillen.

    ;)

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