Sonntag, 13. Januar 2013

The Kids Are All Right


Minutenlang starre ich auf einen Text, obwohl ich ihn bereits zum dritten Mal gelesen habe, und starre nicht deshalb, weil ich ihn gerade zum vierten Mal lese, sondern weil der Text mich in eine Art Starre versetzt, weil ich wie vom Donner gerührt bin, und deshalb starre ich auf diesen Text:
Es gibt einen sehr beschränkten Persönlichkeitstyp, der sich dafür entscheidet, den ganzen Tag in einem Klassenzimmer mit Kindern zu verbringen. Die meisten Grundschullehrer sind ESFJ (-Typen). Dieser Persönlichkeitstyp hat viele Überschneidungen mit jenen Menschentypen, die auf Kindern in Horten (after school) aufpassen. Was bedeutet, dass Kinder umgeben sind von gefühlsbetonten, systemisch denkenden Leuten, die dazu neigen, in der Gegenwart zu leben statt in der Zukunft. Weil Kinder nach einer konstanten gegenwartsorientierten Zuwendung verlangen.
Könnte man so stehenlassen, ohne in Schockstarre zu verfallen - wenn da nur nicht eingangs das vernichtende Urteil "sehr beschränkt" gefällt würde. Was ist an einem Pädagogen "sehr beschränkt", wenn er sich Kindern mit einer gefühlsbetonten, systemisch denkenden, gegenwartsorientierten Haltung zuwendet? Irritiert lese ich weiter:
Das Problem dabei ist, dass die Geschäftswelt, in der die Kinder vermutlich einmal Geld verdienen werden für ihren Lebensunterhalt, praktisch keinerlei Überschneidungen hat mit diesen systemischen, fühlenden Typen. Weil nämlich die Geschäftswelt solchen Typen dermaßen die Lust am Leben austreibt, dass sie (solche Typen) aus dieser Welt aussteigen. Die Geschäftswelt wird nun mal betrieben von emotionslosen, zukunftsorientierten Rechtsbrechern. Dies sind die Leute, die zu Geld kommen.
- weshalb, so darf geschlossen werden, der beschriebene "sehr beschränkte" Persönlichkeitstyp es nie zu etwas bringen wird, geschweige denn zu Geld, und es vorziehen wird, "aus dieser Welt auszusteigen". Mit wachsender Irritation schaue ich nach, von wem dieser Text stammt: von einer selbsternannten amerikanischen Karriereberaterin, die die Zielgruppe Generation Y im Visier hat und der sie beruflich auf die Sprünge helfen will, und sei es, dass die Generation Y dabei ganz unsentimental über Leichen springen muss. Business as usual, you know, gelobt sei, was hart macht.
Warum also sperren wir unsere Kinder weg mit lauter solchen Leuten, die nicht in die reale Welt passen, und dann, nach Abschluss des Colleges, schleudern wir die Kinder in die reale Welt und erwarten von ihnen, dass sie sich anpassen? Dabei haben sie keinerlei Training für diese Anpassung erhalten.
- und dann darf - wenn ich die Autorin richtig verstehe - sich niemand wundern, wenn diesen fehlgesteuerten, in die "reale Welt geschleuderten Kindern" dermaßen "die Lust am Leben" ausgetrieben wird, dass sie "aus dieser Welt aussteigen". Und zwar nicht bloß aus der angeblich "realen" - also der Geschäftswelt - aussteigen, sondern aus der Welt schlechthin.

Einer dieser an die "reale Welt" unangepassten Angehörigen der Generation Y ist gestern aus der Welt schlechthin ausgestiegen, aus freien - also vermutlich sehr unfreien - Stücken und von eigener Hand. Die Nachricht von dem Suizid des Aaron Swartz wurde von Felix Salmon zeitgleich veröffentlicht mit dem oben zitierten Text der Generation-Y-Karrierespezialistin. Warum bin ich wie vom Donner gerührt? Weil mir, im Kontext des Todes von Aaron Swartz, der letztgenannte (erst wenige Tage alte) Text beinahe wie ein zynisch sich selbst erfüllendes Todesurteil erscheint.



"Unsere Gesellschaft sollte sich besser für die Aaron Swartz's dieser Welt entscheiden. Stattdessen jedoch kehrt sich ein großherziger, ethischer Verhaltenskodex - besonders wenn er sich mit technischer Brillianz paart -, um in etwas Schlechtangepasstes, wahrhaft Tödliches. Wäre Swartz der jüngste Investmentbanker an der Wall Street gewesen, wäre er heute noch am Leben."
(Lambert Strether, amerikanischer Blogger, via Rick Perlstein)

Kommentare:

  1. Ich habe die Starre bereits überwunden. Es war auch gar keine Starre, sondern eher ein Erkenntnisprozess, der für mich sehr schmerzhaft war.
    Die Bildung in Deutschland hat das "Problem" längst erkannt und seine Bildungs"inhalte" an die reale Welt angepasst. Nennt sich Kompetenzmodell und gilt zumindest im Abiturbereich. Das ist ja auch die Zielgruppe, zukünftige Akademiker sollen fit gemacht werden für den Wettbewerb und ihre Karriere als zukünftige Elite der Gesellschaft. Man muss nicht fragen, welche Kompetenzen das sind, die da gefördert und gefordert werden. Nur die Härtesten kommen schließlich in den (Geld)Himmel.
    Ich habe für mich jedenfalls erkennen müssen, dass ich nicht mehr an der richtigen Stelle bin, weil ich, jetzt kann ichs sogar "wissenschaftlich" untermauern, zu den beschränkten Persönlichkeitstypen gehöre (wahrscheinlich doppelt beschränkt, weil ich mich nichtmal extrovertiert wähne). Und da ich unseren künftigen Machern nicht im Wege stehen will und sie nicht mit unnützen literarischen und ethisch-moralischen Denkanstößen quälen möchte, bin ich es, die aussteigt. Nicht gänzlich aus der Welt, sondern "nur" aus der real existierenden.
    Ich befürchte nur, dass es für mich zu spät sein wird, von irgendeiner Karriereneratung noch profitieren zu können.
    Die Frage, die ich aber noch beantwortet haben möchte: Bin ich es, die krank ist, weil mir an Karriere nicht allzuviel gelegen war, oder sind es solche Leute wie diese sogenannte Karriereberaterin?


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    1. Auf Deine Frage - zwar nicht so alt wie die Menschheit, aber schon eine ziemlich alte - gibt es eine Antwort, die vor geraumer Zeit noch ungeniert ins Öffentlich-Rechtliche posaunt werden durfte: "Die Normalsten sind am kränkesten" ;)

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    2. Arno Grün nennt es den Wahnsinn der Normalität und untersucht das in seinen Büchern näher.
      Danke auch, dass das mit Aaron Swartz in Beziehung gesetzt wurde.

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    3. Der Wahnsinn der Normalität galoppiert weiter: Heute hat die US-Regierung offiziell verlautbart, die Klage (Androhung von 35 Jahren Gefängnis, Geldstrafe in Millionenhöhe) "gegen den Angeklagten Aaron Swartz einzustellen. Zur Begründung dieser Klageeinstellung erklärt die Regierung, dass Mr. Swartz am 11. Januar 2013 gestorben ist".

      Gestern Schockstarre, heute Kälteschock. Mich friert.

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  2. Jo, *kopfkratz*... Dann geh ich mal zum Arbeitsamt. ;/))

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  3. "Glücklich, der der einen Schmerz hat."

    Der Schmerz kann das Leben kosten, das ohne ihn erst gar nicht statt gefunden hätte.

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    1. Schön gesprochen.
      Goethe: "Wer nie sein Brot mit Tränen aß..."
      Wer Schmerz nicht kennt oder nachempfinden kann (Geht das, ohne ihn zu kennen?), der kann auch nicht ermessen, was Freude und Glück ist.
      Das nennt sich Leben.
      Aber aufs Leben werden unsere Kinder nicht vorbereitet,sondern außschließlich auf Ablenkung von echtem Leben.
      *Seufz*

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  4. Ich verstehe diese Argumentation nicht: einerseits wird einem „sehr beschränkten Persönlichkeitstyp“ das Leben in der Gegenwart „statt in der Zukunft“ vorgehalten und dann besteht der Gegenentwurf scheinbar darin, Kinder an einen gegenwärtigen Zustand der Geschäftswelt anzupassen. Das klingt doch irgendwie besoffen!- oder ist mir hier schlicht der Zynismus zwischen den Zeilen abhanden gekommen?
    Don´t drink and write!

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