Sonntag, 21. Oktober 2012

Deutsche Verschwiegenheit


Paul Jay - dessen Fan ich bin wegen seiner klugen Gedanken, seiner brillianten Analysen und seiner kompetenten Gesprächsführung - von Real News Network interviewt Costas Lapavitsas (siehe Video). Lapavitsas unterrichtet an der University of London politische Ökonomie und schreibt regelmäßig Kolumnen für die britische Tageszeitung The Guardian.

"Griechenland zerstört sich unter dem Druck von Austerität" ist der Titel des nachfolgenden Interviews (via Naked Capitalism). In einer Schlüsselpassage (siehe unten) des Gesprächs zieht der griechische Ökonom historische Parallelen zwischen der (weniger schleichenden als vielmehr rasanten) Hinwendung Deutschlands zum Faschismus und der aktuellen politischen Entwicklung in Griechenland.

Meinen aktuellen Blogbeiträgen ist sicherlich anzumerken, wie sehr mich diese Entwicklung beschäftigt und beunruhigt. Wohl am meisten beunruhigt mich das unerschütterlich träge, beharrlich schweigende Sitzfleisch, mit der die politische Klasse in Europa die griechische "Gefahr" (Paul Jay) auszusitzen gedenkt: das ignorante Schweigen, mit dem die EU die wachsende Popularität einer faschistischen Partei im Süden Europas kommentiert, während es die Politik des Friedensnobelpreisträgers EU selbst ist, die eine Renaissance des Nationalsozialismus in Griechenland heraufbeschwört und dem Erstarken faschistischen Gedankenguts samt seiner alltäglich werdenden Ausschreitungen Flügel verleiht.

Wovon kündet dieses ohrenbetäubende stoische Schweigen? Sind vielleicht diejenigen, die in Berlin und Brüssel die Hände gelassen in den Schoß legen und keinerlei Interesse zeigen an dem Monster, was im griechischen Keller sein Haupt erhebt und im Begriff ist, die oberen Stockwerke zu erklimmen, die wirklichen, die anständigen, ehrenhaften Faschisten? Wer schweigt, macht sich verdächtig. Hartnäckiges Beschweigen unliebsamer Tendenzen kann stets zweierlei bedeuten: entweder Verdrängen oder aber stillschweigendes Goutieren dessen, was sich unterm Teppich zusammenbraut. Beides, insbesondere letzteres empfinde ich als nachgerade obszön. Ein anderes Wort fällt mir nicht ein.



Jay:
Vor ein paar Jahren interviewte ich Noam Chomsky, und er machte eine interessante Bemerkung, nämlich: Mit welcher Geschwindigkeit die deutsche Gesellschaft einen Hitler akzeptierte, und wie schnell sich ein avantgardistisches, libertinäres Berlin in ein faschistisches Berlin entwickelte. Welche Gefahr besteht diesbezüglich in Griechenland?
Lapavitsas:
Oh, die Gefahr ist sehr real. Die Gefahr ist sehr real. Weil die politische Mitte, die politischen Organisationen, die Griechenland vier Jahrzehnte lang regiert haben, ausgehöhlt worden sind.
Wissen Sie, die Leute missverstehen das, was in Griechenland passiert. Sie denken, der griechische Staat sei schon immer sehr schwach und ineffizient und die griechischen Politiker schon immer unfähig gewesen, und all das. Das ist Unsinn. Der griechische Staat ist ein sehr fähiger Staat gewesen und hat alle möglichen Dinge auf den Weg gebracht. Es war ein Land mit mittleren Durchschnittseinkommen und einem politischen System, das in punkto Stabilität seinesgleichen suchte in Europa. Zwei Parteien haben sich beim Regieren abgewechselt, und drei oder vier Jahrzehnte lang hat sich daran nichts geändert.
Damit ist es vorbei. Das ist zu Ende. Diese beiden Parteien sind vollkommen diskreditiert. Die Mitte ist ausgehöhlt. Parallel dazu erstarken die Parteien der Linken und die Parteien der extremen Rechten.
Das meinte ich, als ich zuvor über die Verunsicherung, die Niedergeschlagenheit und die Verärgerung der kleinen Leute sprach. Die erwarten von der politischen Mitte keine Lösungen mehr; stattdessen schauen sie auf die beiden Endpole des politischen Spektrums. Momentan ist dort die dominierende Seite die Linke. Die Leute orientieren sich nach der Linken. Sie erwarten die Lösung von der Linken, von SYRIZA.
Allerdings orientieren sich immer mehr Menschen - Menschen, die sich gewohnheitsmäßig an der Mitte-Rechts-Politik orientierten - mittlerweile an der extremen Rechten. Und das hat eine Logik. Es hat eine Logik. Wenn die rechte Mitte sich selbst diskreditiert hat, werden eine Menge Leute sich an der extremen Rechten orientieren, die das Versprechen von Aufrichtigkeit und Leistungsfähigkeit liefert, die mit Immigranten in dem Sinne verfährt, was sie unter Aufrichtigkeit und Leistungsfähigkeit verstehen, und all diese Dinge. Dies kann sehr schnell passieren. Das kann sehr rasant geschehen.

Von allen preisgekrönten, sich in Betonschweigen hüllenden EU-Apparatschiks empfinde ich am obszönsten und bedrohlichsten die lärmende Friedhofsruhe derer in der deutschen EU-Parteizentrale. Vielleicht ist es ja in Wirklichkeit so, dass der Exportweltmeister unter der Hand noch vieles mehr zu exportieren hat als er sich je hätte träumen lassen?

Nächstes Jahr wird in jenem Land mit der Nazivergangenheit gewählt. Die eiserne Kanzlerin mit der harten Hand, so heißt es allerorten, habe gute Chancen, denn gerade wegen ihrer harten Hand komme sie so gut an beim deutschen Volk. Gut möglich, dass die harte Hand - im Verbund mit dem hartnäckigen Schweigen der deutschen Führung zu den Vorgängen in Griechenland - ihr politisches Kapital auffetten und zu einem Siegeszug führen wird. Gut möglich, dass bis zu diesem Zeitpunkt sich der braune Mob in Griechenland fest etabliert haben und ein faschistisch gewordener griechischer Staat die deutschen Wähler nicht im geringsten an ihrer Wahlentscheidung zweifeln lassen wird.

Mir fällt kein anderes Wort ein. Ich finde das obszön.

Kommentare:

  1. "In einer Schlüsselpassage (siehe unten) des Gesprächs zieht der griechische Ökonom historische Parallelen zwischen der (weniger schleichenden als vielmehr rasanten) Hinwendung Deutschlands zum Faschismus und der aktuellen politischen Entwicklung in Griechenland."

    Diese Entwicklung ist tatsächlich real, verhersehbar und sehr besorgniserregend.
    Man hätte eine Art "Marshall Plan" für Griechenland durchziehen müssen. Aber es geht vielleicht gar nicht darum, den Griechen zu helfen, sondern darum, ihnen weitere Zinsen abzupressen und ihr Tafelsilber billig zu erwerben.

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  2. im großen und ganzen teile ich die besorgnis, aber einen punkt verstehe ich dann doch nicht: Deine überraschung über das schweigen der eu und besonders hierzulande. denn in krisenzeiten ist die faschistische option schon immer eine elitäre option gewesen; teile-und-herrsche (und schaffe ein gutes geschäftsklima) in höchster zuspitzung. das sich diese option allerdings auch auf vorhandene dispositionen in größeren bevölkerungsteilen stützen muss,ist dabei ein anderer punkt.

    und dieser letztere ist dabei v.a. für die brd relevant; aber auch der umgang mit dem nsu-komplex sowie überhaupt mit den hiesigen nazis spricht vor allem über eins: sie werden nicht nur geduldet, sondern teils regelrecht gepampert, und das nicht zufällig, sondern eben als nützliche idioten und "stille reserve" für die herrschende ordnung.

    gar nicht ot ist in dem zusammenhang auch der erste transeuropäische generalstreik am 14. november - ich habe das im beitrag kurz angerissen, warum diese aktion auch eine überfällige reaktion / prävention gegen entwicklungen wie in griechenland sein kann.

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    1. Das Schweigen überrascht mich nicht unbedingt, aber es verstört mich zutiefst und lässt mich keinesfalls kalt - dazu bin ich weder zynisch noch abgebrüht genug und möchte es auch nicht sein.

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    2. Ist dieses Verstört-sein zunächst eine authentische Empfindung, weil man andere mediale Reaktionen erwartet hätte? Nämlich überhaupt eine?
      Wo bleibt z.B. Claudia Roth mit ihrer typischen Betroffenheitsbekundung?
      Jörg Haider wollte Ausländer "nur" ausschaffen - riesen Geschrei allerorten, die griechischen Nazis morden unter Polizeischutz - nüschte.
      Hauptsache unser Steuergeld ("Griechenlandhilfe") wird rechtzeitig unseren Bankstern und Bonzen überwiesen.

      Man sagt mir öfters ich sei zynisch, aber mich verstört der Gegenstand Deiner letzten Blogeinträge trotzdem gewaltig.
      Meine Meinung, mein Glaube wie die Welt funktioniert, verpufft und lässt mich in einem Zustand zurück, der wahrscheinlich genauso einträte, wenn Übernacht alle meine Schuhe zwei Nummern zu klein würden, Steine anfangen zu schweben oder rosa Einhörner durchs Wohnzimmer galoppieren. Das gehört sich nicht!
      Kognitive Dissonanz?
      Um es mit "Matrix" zu sagen, ich habe zunehmend das Gefühl, dass mit der Realität etwas nicht stimmt.
      Vielleicht bin ich doch gar nicht so zynisch, sondern nur ein angeätzter Idealist - und/oder naiv, weil ich die Akzeptanz der faschistischen Spielart im bürgerlichen Lager so beängstigend deutlich nicht vermutet hätte.
      Vielleicht spielt es auch eine Rolle, wie desillusioniert man schon vor den Kriseninszenierungen war.

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    3. Das hast Du ganz gut erfasst:
      "...weil ich die Akzeptanz der faschistischen Spielart im bürgerlichen Lager so beängstigend deutlich nicht vermutet hätte." Treffend auch Dein Hinweis auf die Reaktionen des gespielten Abscheus auf Haider, hingegen null Befindlichkeitsstörungen re: faschistoide Tendenzen in GR, noch nicht mal irgendeine betroffenheitsrhetorische Rothsche Sprechblase und sei es zu reinen Politshowzwecken. Nichts. Einfach nichts.

      Dies veranlasste mich, den Blogbeitrag - zynisch! - mit 'Gewöhnung' zu taggen. Klar gibt es Tage, da reagiere ich fast nur zynisch auf das, was so passiert. Der Zynismus gehört quasi zur Grundausstattung, zur Immunabwehr, als Abhärtungsmaßnahme gegen die dichter werdenden Einschläge.

      Nur: Sich abzuhärten ist das eine, und sich zu verhärten das andere. Wenn Zynismus wie auf Knopfdruck zur 08/15-Standardreaktion wird, verhärtet der Charakter, du fährst dich fest, bist nicht mehr durchlässig, flüchtest dich nur noch alternativlos(!) in den vertrauten Zynismusmodus (Gewöhnung!) und machst dich selbst unfähig zu wderständigem politischem Handeln, egal ob nun reaktiv oder aktiv.

      Und das will ich nicht, keinesfalls will ich das - Zynismus darf nicht zur einzig verfügbaren Waffe werden, weil diese Waffe über kurz oder lang stumpf wird. Und darum, sich hin und wieder vom blanken Entsetzen und von gewaltiger Verstörtheit erfassen zu lassen, zuzulassen, dass der Zynismuspanzer durchlöchert wird und die Fassungslosigkeit von mir Besitz ergreift (sie geht ja irgendwann auch wieder vorbei, das sind ja meistens temporäre Gefühlszustände) - das halte ich für regelrecht gesund, während Zynismus pur einfach nur verhärtet, verbittert, verknöchert und krank macht.

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    4. ...öhm, das wiederholte "du" im dritten Absatz sollte eigentlich "ich" heißen, nicht wahr :)

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    5. Ich/Du passt schon. Interpersonelle Wahrnehmung oder so.
      Stressmanagement und burn-out-Prophxlaxe gegen die Verbitterung muss man auch erstmal vernünftig implentiert bekommen.
      Hat der Duderich gerade was zu bieten und Action gegen Ungemach, war gestern bei feynsinn auch im Kommentariat. Wollte schon selbst einen Blog machen gegen Blogger-Blues und Ungemach, manchmal hilft nur Ablenkung oder gezielter Eskapismus.
      (boah ey, Schlaftablette wirkt, deshalb)
      LG und gut Nacht!

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