Sonntag, 14. Oktober 2012

Du darfst


Neuerdings darfst du, was du früher nicht durftest.

Früher durftest du nicht gegen strenge EU-Verordnungen verstoßen, sonst drohte dir Strafe; heute darfst du das alles ein wenig lockerer sehen. Heute darfst du als Lebensmitteleinzelhändler abgelaufene Produkte verkaufen, die du früher wegwerfen musstest. Hast du früher mit abgelaufenen Produkten ein Verlustgeschäft gemacht, machst du heute Umsätze mit ihnen. Sofern du ein griechischer Lebensmitteleinzelhändler bist.

Bist du ein armer, arbeitsloser, hungernder Grieche, musst du nicht mehr - wie noch vor kurzem - in den Containern hinter den Supermärkten nach weggeworfenen, weil abgelaufenen Lebensmitteln wühlen. Du darfst sie jetzt völlig legal kaufen. Doch, darfst du! Natürlich musst du - oder sagen wir: du darfst - jetzt für die abgelaufenen Lebensmittel Geld bezahlen, während du dich früher zum Nulltarif am Container bedient hast. Aber dafür bekommst du heute auch ein wertvolles Einkaufserlebnis! Schließlich werden die abgelaufenen Lebensmittel neuerdings ansprechend im Regal präsentiert, und Regalplatz kostet Geld, also greif zu, hol dir das luschige Zeug und zahle. Und sei froh, dass es im Kapitalismus nichts, aber auch gar nichts gibt, was sich nicht gewinnbringend vermarkten ließe.

Einschränkend musst gesagt werden, dass dir - solltest du ein griechischer Gastronom sein - der Vertrieb von abgelaufenen Lebensmitteln per Gesetz verboten ist. Nicht verboten hingegen ist dir, griechischer Restaurantbetreiber, als Kunde einen griechischen Supermarkt aufzusuchen und dort abgelaufene Lebensmittel zu kaufen. Doch, darfst du! Wie man sieht, haben die EU und der Gesetzgeber an alles gedacht.

Wobei ja dem kapitalistischen Vermarktungswahn in aller Regel der kapitalistische Propagandawahn auf dem Fuße zu folgen pflegt. Wann endlich wird uns eine maßgeschneiderte EU-Pressemitteilung wissen lassen, dass es sich bei der griechischen Ramschverkaufsoffensive in Wahrheit um ein humanitäres Projekt im Dienste des Welt- oder doch wenigstens des europäischen Friedens handelt?

Noch wird hinter verschlossenen Türen um geschmeidige Formulierungen gerungen, etwa: Wir holen die Menschenwürde zurück in den Supermarkt, nachdem sie zuvor am Container in die Tonne getreten wurde! Oder: Hier vor dem Verkaufsregal bist du Mensch, hier darfst du's sein! Oder: Deine Würde ist unantastbar, dein leerer Geldbeutel nicht!

Nicht zu vergessen die Würde eines Friedensnobelpreisträgers. Die muss ja auch gewahrt bleiben. Denn so ein Preisträger schmückt sich ungern mit um die Welt gehenden Bildern von Menschen, die sich aus Müllcontainern ernähren. So hat alles seinen Preis: Die EU hat jetzt ihren, und der hungernde Grieche zahlt seinen Preis. Immerhin um zwei Drittel reduziert, denn schließlich wurde die abgelaufene Ware vor dem Zugriff auf den Müllcontainer gerettet. Kostet ja auch Geld, diese innovative Entsorgungsprozedur. Muss ja irgendwer bezahlen.
Grieche! Du darfst!


Kommentare:

  1. Hallo Mrs. Mop,

    bei uns im Supermarkt gab es bisher Tüten mit Wurstabschnitten zu kaufen, gutes Zeug von der Theke zu einem lächerlichen Preis. Da habe ich als Mutter von 4 Kindern gerne zugeschlagen. Jetzt hat der Besitzer gewechselt. Ihm ist das zu teuer. Er schmeißt es jetzt lieber weg. Da kommen mir Tränen des Zorns.

    Gruß Steffi

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    1. "Da kommen mir Tränen des Zorns." Verstehe ich gut, Steffi. Anscheinend verdient der neue Besitzer am Wegschmeißen der Wurstreste mehr, als wenn er sie zum Schnäppchenpreis verkauft. Anscheinend denkt er, an seiner Edelwursttheke auf Kunden verzichten zu können, die dort für kleines Geld einkaufen möchten. Sozusagen ein Fall von "Gentrifizierung" der Wursttheke. Ich wäre auch stinksauer.

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