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Sonntag, 18. August 2013

Klare Ansage


Eigentlich war zu dem Thema bereits alles gesagt. Dachte ich.

Denn was gibt es noch zu sagen, wenn die griechische Regierung sich damit brüstet, immer mehr Obdachlosenheime aus dem Boden zu stampfen, während sie im Begriff ist, immer mehr Menschen in die Obdachlosigkeit zu treiben?

Doch, da gibt es durchaus noch etwas zu sagen. Das letzte Wort hat der griechische Finanzminister Yannis Stournaras.
"Wenn wir die Menschen nicht in die Obdachlosigkeit treiben, kollabieren die Banken."
Hat er so natürlich nicht gesagt.
"Wir müssen die Menschen aus ihren Häusern vertreiben, sonst kollabieren die Banken."
Schon eher so. War aber auch nicht der exakte Wortlaut.
"Wenn wir nicht wollen, dass die Banken sterben, müssen wir die Menschen in den Suizid treiben."
Kommt der Wahrheit schon näher. Kommt aber irgendwie nicht gut.
"Um zu verhindern, dass die Banken zusammenbrechen, müssen wir zulassen, dass die Menschen zusammenbrechen."
Trifft den Kern der Sache. Klingt nur so unangenehm melodramatisch. Dann doch lieber so:
"Lieber die Menschen in den Ruin treiben als die Banken."
Ja, das hat was. Das hat fast Sloganqualität. Schön griffig, schön kurz, knackig auf den Punkt gebracht. Nur immer noch viel zu menschelnd. Geht's nicht ein bisschen versachlichter? Doch:
"Wenn wir keine Zwangsvollstreckungen erlauben, werden die Banken kollabieren."
Genau. Jetzt ist der Faktor Menschlichkeit dort, wo er hingehört:
bei den Banken. Das weckt Mitgefühl, das geht ans Herz. Obwohl,
na ja, vielleicht noch einen Extraschuss entmenschlichender Sprachkosmetik? Einen Tick technokratischer formuliert? Unmissverständlich Prioritäten setzend? Geht da noch was? Bitte sehr:
"Wenn Hausversteigerungen nicht liberalisiert werden, werden die Banken kollabieren."
Damit wäre nun wirklich alles gesagt.

Montag, 5. August 2013

Häuser räumen, Heime bauen


Wieder mal schlechte Nachrichten aus Griechenland.

Die griechische Regierung kündigt zum 1. Januar 2014 Zwangsräumungen an.

Zwar sind seit 2008 Zwangsräumungen von Häusern verboten, die als Hauptwohnsitz genutzt werden und einen Wert von 200.000 Euro nicht übersteigen - gewissermaßen zum Schutz der sogenannten 'kleinen Leute'. Und eigentlich war von der Troika vorgesehen, das Zwangsräumungsverbot Ende 2012 aufzuheben;  denn schließlich muss es ja vorangehen in Griechenland, dem Land, das sich laut Schäuble "auf dem richtigen Weg" befindet und dessen Weg erst dann am Ziel angelangt ist, wenn der Karren endgültig in den Dreck gefahren sein wird. Wohlgemerkt, der Karren der 'kleinen Leute'.

Doch dann zeigte sich die griechische Regierung "schockiert" angesichts der Suizidwelle, die Spanien überzog, nachdem zahlreiche Hausbesitzer - allesamt 'kleine Leute' - ihre Häuser durch Zwangsräumung verloren hatten. Die Troika - bekanntlich Freund und Helfer der 'kleinen Leute' - ließ sich von der menschlichen Tragödie erweichen und genehmigte eine Verlängerung des griechischen Zwangsräumungsverbotes. Allerdings dürfe die Gnadenfrist keinesfalls länger andauern als bis zum 31. Dezember 2013, danach müsse der menschlichen Tragödie - ergo dem Zugriff der Banken auf die geräumten Immobilien - endlich der Weg frei gemacht werden; der richtige Weg, wohlverstanden.
Aufgrund des immensen Drucks seitens der Kreditgeber des Landes - der Troika (die ihrerseits unter dem immensen Druck seitens der Banken steht) - kündigte die griechische Regierung die schrittweise Aufhebung des Verbotes von Zwangsräumungen an bei Menschen, die außerstande sind, ihre Hypothek zu bezahlen.
- also bei Menschen, die aufgrund von Arbeitslosigkeit, Lohnkürzungen, Steuererhöhungen und Rentenstreichungen außerstande sind, die Hypothek auf das einzige zu bezahlen, was ihnen noch geblieben ist.

Nun steht die griechische Regierung vor der heiklen Aufgabe, jene menschliche Tragödie zu managen, die von der Troika so zielstrebig wie ergebnisorientiert eingeleitet wurde. Was tun, nachdem die Häuser geleert und die Straßen gefüllt sein werden mit immer mehr wohnungslosen Menschen, von denen wiederum immer mehr zu dem Schluss kommen, dass sich etwas Besseres als der Tod nirgends finden lässt? Noch drängender: Wie jener imageschädigenden Wirkung gegensteuern, die der heranrollenden Massenobdachlosigkeit und neuerlichen Suizidwelle auf dem Fuße folgen wird?

Mut machen in harten Zeiten, heißt die Devise. Wie macht man einem verzweifelten, von Obdachlosigkeit bedrohten, suizidgefährdeten Volk Mut? Indem man ermutigende Zeichen setzt.

Und damit zu den guten Nachrichten aus Griechenland:
Ermutigende Zeichen aus den Obdachlosenasylen Athens
Ein neues Wohlfahrtsprogramm der Stadt Athen zielt darauf ab, den Menschen zu helfen und das Image der Hauptstadt zu verbessern
Neue Heime für wohnungslose Athener werden gebaut. Die Stadt, heißt es, habe die Zeichen der Zeit erkannt. Sie gehe mutigen Schrittes voran, um die Menschen zu ermutigen und das Image der Stadt zu verbessern, indem sie die Menschen ermutige, sich von der Straße ins Obdachlosenheim zu entfernen und damit das schmuddelige Stadtbild zu verbessern. Sie nennt dies einen "Wechsel in der Philosophie der Wohlfahrtspolitik".

(Lalaounis ist das teuerste Juweliergeschäft in Athen.)

Raus aus den Häusern, weg von der Straße, rein in die Heime.
Ich bin immer noch auf der Suche nach einem Namen für die philosophische Richtung, aus der der Wind weht.

Mittwoch, 19. Juni 2013

Demokratie muss weg


Also, ich finde es immer sehr erleichternd, wenn irgendwo Klartext gesprochen wird, so richtig ungeschminkt und ohne Maulkorb. So, dass man auf Anhieb weiß, wo man dran ist. So, dass wenig Raum bleibt für endloses Hin-und-her-Interpretieren und ewiges Herumdeuteln, wie dies oder jenes wohl gemeint war, und warum jenes oder dies so gesagt wurde, obwohl es doch ganz anders gemeint war, und ob es sich nicht eventuell um ein Missverständnis handeln könnte und überhaupt.

Doch, ich mag das richtig gern, wenn einer ohne Umschweife zur Sache kommt und freiheraus sagt, was Sache ist. Befreiend finde ich das, irgendwie. Nachgerade entlastend. Weil es mich von all den Grübeleien entlastet, ob ich jetzt spinne oder ob der spinnt oder die spinnt oder ob alle spinnen oder welcher sprachkünstlerisch wertvolle PR-Spin jetzt gerade wieder gedrechselt wird, nur um mir das Gefühl zu geben, dass ich spinne.

Nur, wer tut mir heutzutage noch diesen Gefallen? Irgendein Politiker? Mir fällt keiner ein. Geht ja auch gar nicht. Weil - wie heißt es immer? - Politiker seien ja derart eingebunden in Sachzwänge und Interessensvertretungen und wahlkampftaktische Winkelzüge, dass von dieser Seite kein kommunikativer Befreiungsschlag zu erwarten ist. Von welcher Seite dann?


Von der richtigen Seite natürlich. Von jener Seite, die visionär in die Zukunft schaut, die plant und lenkt, die weiß, wie alles zu laufen hat, damit alles so nach Plan läuft, wie es laufen soll und nichts aus dem Ruder läuft. Die sich auf einem guten Weg sieht, lägen dort nicht noch ein paar Stolpersteine herum, welche jedoch, da ist man sich sicher, von der richtigen Seite mit den richtigen Maßnahmen effizient aus dem Weg geräumt werden können.

Ein finanzkapitalistischer Global Player packt endlich aus. Nennt die Dinge beherzt beim Namen. So frank und frei, so unverblümt unmissverständlich, dass keine Fragen offen bleiben. Es ist nämlich so:

Demokratische Verfassungen, die irgendwann einmal entworfen wurden, um einem Wiederaufleben des Faschismus entgegenzuwirken, stehen dem Großbauprojekt der austeritären Komplettsanierung hinderlich im Weg. Müssen weg. Her mit der Abrissbirne.
Noch hat die politische Reform kaum begonnen.
Zu Anfang der Krise wurde allgemein davon ausgegangen, dass nationale Altlastenprobleme ökonomischer Natur seien. Jedoch wurde mit zunehmender Entfaltung der Krise offensichtlich, dass es in der Peripherie (i.e. den europäischen Krisenländern) tief verwurzelte Probleme gibt, die aus unserer Sicht abgeschafft gehören, wenn die EMU (European Monetary Union) langfristig ordentlich funktionieren soll. Die politischen System der Peripherie wurden in einer Zeit beendigter Diktaturen etabliert und waren von dieser Erfahrung (der diktatorischen Regimes) definiert. Verfassungen tendierten dazu, unter starkem sozialdemokratischen Einfluss zu stehen, was die politische Stärke reflektierte, die linksgerichtete Parteien nach dem Sieg über den Faschismus gewannen. Politische Systeme in der Peripherie tragen typischerweise die folgenden Merkmale: schwache Führungskräfte; schwache Zentralregierungen im Verhältnis zu den Regionen; verfassungsmäßig geschützte Arbeitsrechte; auf Konsens gestützte Systeme, die politischen Klientilismus begünstigen; sowie das Recht auf Protest, falls am politischen Status quo unwillkommene Veränderungen vorgenommen werden.
Habe ich zu viel versprochen? Banker-Mund (in dem Fall J.P. Morgan) tut Wahrheit kund. All das in Verfassungen niedergelegte demokratische Kleingerümpel im Interesse der Bevölkerung - also des zu vernachlässigenden Pöbels - gehört zügig entrümpelt. Wie, es gibt ein von der Verfassung garantiertes Recht auf Protest, gar auf Widerstand? Muss weg. Wird man ja wohl noch sagen dürfen. Ganz offen. Und ganz unmissverständlich. Damit es auch alle verstehen.

Habe ich das jetzt richtig verstanden? Schon, oder? War schließlich unmissverständlicher Klartext: Verfassungen, die geschaffen wurden, um ein Wiederaufleben des Faschismus zu verhindern, gelten dem Finanzkapital als irgendwie veraltet, unzeitgemäß, nicht in sein modernes stromlinienförmiges Schema passend, hinderlich, überflüssig. Alles alte Zöpfe, alle abschneiden, und zwar zügig, bitte. Denn alles, was diese steinzeitlichen Relikte aus post-faschistischen Epochen darstellen, sind Hindernisse, sind Stolpersteine, sind Reibungsverluste, sind lästig auf dem Weg in den - tja, wie nennt man das jetzt? - Faschismus. Wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Freitag, 24. Mai 2013

Gehen Sie ins Gefängnis


Begeben Sie sich direkt dorthin.
Gehen Sie nicht über Los.
Glauben Sie ja nicht, von uns kriegen Sie was zu essen.

Systemrelevant müsste man sein! Heißa, wäre das ein Lotterleben!
Auf Rosen gebettet, mit Samthandschuhen angefasst, stets hofiert wie ein rohes Ei, mit öffentlichen Geldern ebenso beworfen wie mit richterlicher Milde und niemals jenen Härten ausgesetzt, die einen systemirrelevanten Normalsterblichen zermalmen können, wenn er sich mal daneben benommen hat.

Systemrelevant heißt auf Englisch bekanntlich Too big to fail, also
zu groß zum Scheitern, genauer: zu groß um bankrott zu gehen, und bezieht sich auf global operierende Finanzinstitute, die allen möglichen betrügerischen Scheiß bauen, kriminelle Geschäfte im großen Stil betreiben, sich beim Zocken gewaltig überheben, ganze Volkswirtschaften (vulgo: Menschenleben) ruinieren und eben deshalb keinesfalls bankrott gehen dürfen, denn ein Bankrott, so heißt es gebetsmühlenhaft, zöge immensen Kollateralschaden nach sich und würde - na? - genau, ganze Volkswirtschaften ruinieren.

In aller Regel zieht der Blankofreibrief Too big to fail den nicht minder ein Lotterleben versprechenden Persilschein Too big to jail nach sich, also zu groß zum Einbuchten, genauer: zu groß, um strafrechtlich verfolgt werden, und bezieht sich auf besagte verbrecherische Organisationen, deren straffällig gewordene Akteure niemals einen Knast von innen sehen werden; auch davor schützt sie ihre Systemrelevanz. Und zwar mit genau derselben Begründung: Das Verknacken von systemrelevanten Investmentbankern zöge immense Kollateralschäden nach sich und könnte ganze Volkswirtschaften ruinieren.

Woraus wir erstens lernen: Egal, ob ein systemrelevanter Banker verknackt wird oder nicht - seine verbrecherische Organisation wird ganze Volkswirtschaften ruinieren, so oder so. Und zweitens: Offenbar gehört das Ruinieren ganzer Volkswirtschaften zum Geschäftsmodell global operierender Finanzinstitute und kennzeichnet im engeren Sinne das, was unter Systemrelevanz verstanden wird.

Wo wir schon beim Reimen sind und zu fail sowie jail jeder systemirrelevante Normalsterbliche das Wort bail assoziiert: Die Logik der Systemrelevanz will es, dass all jene globalen Finanzplayer, die too big to fail und daher too big to jail sind, keineswegs als too big to bail gelten, im Gegenteil: Wer systemrelevant unterwegs ist, wird für den Scheiß, den er baut, vom Staat finanziell rausgehauen, kriegt also zur Belohnung fürs Ruinieren des Lebens anderer Leute ein Bail-out, kann somit lustig dem fail weiter frönen und dem jail entgehen, derweil der Staat die Kohle fürs bail seinen Bürgern aus der Tasche zieht, vorzugsweise denen, die eh keine Kohle in der Tasche haben, was ganz prima funktioniert über das drastische Kürzen von Sozialprogrammen, vorzugsweise denen, die eigentlich dazu gedacht waren, die Armen zu unterstützen, nun aber dringend zur Unterstützung von systemrelevanten Reichen gebraucht werden.

Potztausend, da geht noch was! Da kann noch mehr eingespart werden! Da gibt es doch dieses verschwenderische Sozialprogramm namens SNAP (Supplemental Nutrition Assistance Program), geschaffen, um unter der Armutsgrenze lebende Menschen mit food stamps (Lebensmittelmarken) zu unterstützen, damit sie nicht verhungern. Viel zu kostspielig, dieses Programm, hat ein amerikanischer Senat vorgestern herausgefunden - da können noch ein paar Daumenschrauben angezogen werden.

Im Visier der sparwütigen Schrauber: Menschen, die, irgendwann mal straffällig geworden (fail), rechtskräftig verurteilt in den Knast (jail) gesperrt wurden, eine jahrzehntelange Strafe abgesessen haben, längst aus der Haft entlassen wurden und es seither trotzdem nicht zum Millionär gebracht haben, vielmehr für sich und ihre Familien samt Kindern(!) auf Unterstützung (bail) angewiesen sind. Ha! Erst fail, dann jail, und dann wollen die auch noch bail? Nix da. Die gehören bestraft! Die sollen doch verhungern! Die kriegen ab sofort keine food stamps mehr! Und zwar lebenslänglich! Warum nicht? Weil, ja, eben darum, weil eben: Strafe muss sein. Findet der republikanische Senator von Louisiana. Ohne Widerrede abgenickt von seinen demokratischen Kollegen im Senat von Louisiana.

Weil, Strafe muss sein. Besonders für die Menschen, die ohnehin be- und gestraft, mithin von keinerlei Systemrelevanz sind, und das sind in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten nun mal überwiegend Afro-Amerikaner. Wozu sollten die durchgefüttert werden? Die sollen hungern! Weil, je mehr sie hungern, desto größer die Chance, dass sie irgendwann vor lauter Hunger und Armut erneut straffällig und zurück in den Knast gesperrt werden. Eigentlich hätte man sie ja gleich beim ersten Mal drin lassen können. Und zwar lebenslänglich. Auch da geht bestimmt noch was.

Erfreut über die aktuelle Sozialgesetzanpassung unter dem aparten Namen "amendment" (=Nachbesserung) dürfte sich vor allem die prosperierende amerikanische Gefängnisindustrie zeigen -
"Die private Untervertragnahme von Gefangenen zur Lohnarbeit schafft finanzielle Anreize, Menschen hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die Gefängnisse sind auf diese Einkommensquelle angewiesen. Großaktionäre, die an Gefangenenarbeit Geld verdienen, betreiben Lobbying für längere Haftstrafen, um ihre (billigen) Arbeitskräfte zu vermehren. Dieses System ernährt sich selbst", so eine Studie der Progressive Labor Party, die die Gefängnisindustrie beschuldigt, "eine Kopie von Nazideutschland zu sein hinsichtlich Zwangssklavenarbeit und Konzentrationslagern."
- aber nicht nur die:
Der Gefängnisindstrie-Komplex ist eine der am schnellsten wachsenden Industriebranchen der Vereinigten Staaten, und ihre Investoren sind in der Wall Street beheimatet. 
Mit anderen Worten:

Just fail.
Go to jail.
We take the bail.

Montag, 13. Mai 2013

Kriminelle Hauptgeschäftsstelle


Frankfurt heute voll in den Negativschlagzeilen.

"Frankfurt für höchste Kriminalitätsrate bekannt"

"Frankfurt ist die gefährlichste Stadt Deutschlands"

"Frankfurt am Main bleibt Hauptstadt des Verbrechens"

"Frankfurt wird zur Verbrecher-Hochburg"

Sagen alle.

Außer manchen.

Aber sonst wirklich alle.

Muss was dran sein.

Gefährliche Stadt.

Gehört hinter Gittern.

Montag, 1. April 2013

Früchte des Zorns


Schauplatz:
Augusta im amerikanischen Bundesstaat Georgia.

Offizielle Armutsquote in Augusta:
31,6 Prozent

Anteil der Bevölkerung, die mit weniger als 50 Prozent des als offizielle Armutsgrenze geltenden Einkommens leben:
11,8 Prozent

Kinderarmut in Augusta:
45 Prozent

Letzte Woche ging in Augusta ein Supermarkt bankrott. Die Nachricht von der Zwangsräumung des Lebensmittelgeschäftes verbreitete sich schnell in den verarmten Nachbarschaftsvierteln; und so strömten am vergangenen Dienstag rund 300 Bewohner Augustas, die meisten mit leeren Plastiktüten in den Händen, zu dem Geschäft - in der Hoffnung, dass die Lebensmittelrestbestände unbürokratisch und gratis an Bedürftige verteilt und damit (aus der Sicht des Betreibers) kostenlos "entsorgt"würden. Sie wurden in ihrer Hoffnung enttäuscht.

Zwar hätten, nach dem Willen des ehemaligen (jetzt bankrotten) Pächters, die verbliebenen Lebensmittel an die Bevölkerung gespendet werden sollen. Jedoch meldete der Eigentümer der Liegenschaft - eine Bank mit dem klangvollen Namen Sun Trust Bank - als Folge des Räumungstitels Besitzanspruch auf die Lebensmittelbestände an und verfügte deren umgehende Vernichtung. Dies geschah vor den ungläubigen Augen der mit leeren Plastiktüten wartenden Menschen: Unter Polizeischutz wurden sämtliche - sowohl frische als auch konservierte - Lebensmittel auf große Abfallcontainer geworfen und abtransportiert Richtung Müll- beziehungsweise Vernichtungsanlage.

Als Begründung für die gezielte Vernichtung der Lebensmittel gab der zuständige Einsatzleiter der Polizei an, erstens, auf Anordnung des Immobilieneigentümers, zweitens, im Namen von Gesetz, Recht und Ordnung gehandelt und, drittens, angesichts der hungrig dreinschauenden Menschenmassen
"... ein extrem hohes Potential für einen Volksaufstand (riot)"
erkannt zu haben, für dessen Verhütung eine im großen Stil angelegte Lebensmittelvernichtung als das Mittel der Wahl erkannt worden sei.

Das Wort hat Adam Kokesh, dem allerdings die Worte fehlen:



Mir fehlen sie auch.

Das letzte Wort hat John Steinbeck:
Lebensmittel wegzuwerfen vor den Augen hungernder Familien ruft die Worte John Steinbecks in Erinnerung, der eine ähnliche Szene in Früchte des Zorns (1939) beschrieben hat:
"Es gibt Verbrechen hier, die nicht zu schildern sind. Es gibt hier Leid, das Tränen selbst nicht sprechen lassen können. Es gibt hier Misserfolg, der all unsere Bemühungen zunichte macht. Die fruchtbare Erde, die geraden Baumreihen, die starken Stämme und die reife Frucht. Und Kinder müssen sterben, weil die Orange ihren Profit nicht verlieren darf. Und die Leichenbeschauer müssen in den Totenschein schreiben - 'starb an Unterernährung' -, weil Nahrungsmittel verrotten müssen, weil sie zum Verrotten gezwungen werden. Die Leute kommen mit Netzen, um die Kartoffeln aus dem Fluss zu fischen, aber die Wächter verbieten es ihnen ... und sie stehen still und sehen zu, wie die Kartoffeln vorbeischwimmen ... sehen die Orangenberge zu einem Fäulnisbrei zusammensinken, und in den Augen der Menschen liegt ein Scheitern; und in den Augen der Hungernden steht ein wachsender Zorn. In den Herzen der Menschen wachsen die Früchte des Zorns und werden schwer, schwer und reif zur Ernte."

Montag, 25. März 2013

Essensausgabe beim Friedensnobelpreisträger


In letzter Minute wurde 
in Brüssel
während eines
nächtlichen Verhandlungsmarathons 
das Frühstückshilfspaket 
der Zyprioten 
gerettet.


Samstag, 23. März 2013

Matratzengeflüster


Was ein anständiger Bank Run ist, der nimmt seinen Lauf, den halten weder Ochs' noch Esel auf und die EZB schon mal gar nicht.

Allerdings zieht so ein zünftiger Bank Run Folgeprobleme nach sich,
ist ja klar. Hat man erst mal sein Erspartes (so vorhanden) von seinem Konto (so vorhanden) geräumt, stellt sich die Frage 'Wohin damit?' in aller Dringlichkeit, und in aller Regel ist 'Unter die Matratze'
(so vorhanden) die naheliegende Antwort, denn nirgends liegt ein Schläfer seiner Barschaft so nahe wie auf der Matratze, wenn sein physisches Depot unter derselben ruht.

Nun zieht jedoch die gute alte Matratze wiederum neue Folgeprobleme nach sich, ist ja klar. Zwar mag das eigene Bett in diesen unwägbaren Zeiten als Hort der relativen Sicherheit gelten; aber halt nur relativ, solange die Absolutheit serieller Wohnungseinbrüche noch nicht zugeschlagen und jeder, selbst der amateurhafteste Langfinger, begriffen hat, dass ein gezielter Griff unter fremde Matratzen ihn in Minutenschnelle zum reichen Mann macht.

Not - so lautet eine der Grundregeln kapitalistischer Vermarktungslogik - macht erfinderisch. Darum hat es nicht lange gedauert, bis ein findiger spanischer Matratzenhersteller in der Bedrängnis seiner Mitmenschen ('my home is my bank and my mattress is my Schließfach') eine profitable Marktlücke entdeckt hat: Er erfand die erste Matratze mit eingebautem Schließfach - von Käufern kurz und liebevoll "Good Bank" genannt, nachdem diese den aus ihrer Sicht "Bad Banks" endgültig den Rücken gekehrt hatten. Das Ding entpuppt sich als Renner; wie man hört, geht die verschließbare Tresormatratze weg wie geschnitten Brot:



Nun zieht jedoch jedes Schnippchen, das dem System geschlagen wird, neue Folgeprobleme nach sich, ist ja klar. Denn das System wäre nicht das System, würde es nicht prompt jeden, der es wagt aus ihm auszuscheren, bestrafen. Darum liegt die neugeschaffene Zwangssteuer auf Standardmatratzen - fertig ausformuliert und nach EU-Richtlinien harmonisiert - bereits in den Schubladen und wird voraussichtlich noch an diesem Wochenende den südeuropäischen Parlamenten zur Abstimmung vorgelegt werden. Ausnahmslos alle privaten Matratzenbesitzer werden dieser Steuer unterliegen.

Darüberhinaus wird es in einer für den heutigen späten Samstagabend einberufenen Sondersitzung der EU-Kommission zu einer Eilverabschiedung der geplanten Matratzensteuer-Zusatzverordnung kommen, derzufolge Matratzen mit Zusatzfunktion (eingebautes Schließfach) mit einer Zwangsabgabe in doppelter Höhe (verglichen mit Standardmatratzen) belegt werden. Ausnahmslos alle Besitzer von Matratzen mit Zusatzfunktion werden dieser verdoppelten Zwangssteuer unterliegen.

Nun zieht jedoch die Zwangsbesteuerung verschließbarer Tresormatratzen neue Folgeprobleme nach sich - ist ja klar -, für die allerdings seitens der EU-Kommission bereits eine Lösung vorliegt: Wer künftig den Zahlencode seines Matratzenschließfaches vertraulich an die EU-Kommission weiterleitet, darf mit einer Steuervergünstigung rechnen, die vonseiten der EU-Bürokratie umgehend bestätigt werden wird, und zwar mit einem geschützten Passwort: "EGgufiDdnngh" (Euer Geld gehört uns, falls ihr Deppen das noch nicht gemerkt habt).

Freitag, 22. März 2013

Sozialverträgliche Kapitalverkehrskontrolle


Guten Morgen und Willkommen in der Schönen Neuen Welt.
Zyperns Bürger sollen nach dem Willen der EZB für eine längere Zeit nur einen begrenzten Betrag an Bargeld an Geldautomaten abheben können.
Nach dem Willen der Europäischen Zentralbank. Wie, ist die EZB neuerdings die Europäische Zentralregierung?
Zusätzlich sei im Gespräch, die Spareinlagen vollständig einzufrieren und Überweisungen nur mit einer vorherigen Genehmigung der nationalen Zentralbank zu erlauben.
Nur mit einer vorherigen Genehmigung der nationalen Zentralbank.
Ah ja.
Die EZB werde dafür sorgen, dass die Kapitalverkehrskontrollen "sozialverträglich" ausgestaltet würden. 
Sozialverträglich! Dafür wird die Europäische Zentralbankregierung sorgen! Aufatmen, Leute!
Jeder Bürger werde das zum Leben notwendige Geld erhalten, hieß es.
Es sei, hieß es, an alles gedacht worden, von Geld- bis Lebensmittel-Rationierungen. Wie hoch die Summe des für jeden Bürger zum Leben notwendigen und daher zugestandenen Geldes sei, war nicht zu erfahren. Vorerst muss der Hinweis genügen, dass seit heute der europäische Lebensstandard in (vorerst nur) Zypern von der Europäischen Zentralbankregierung definiert wird.
Dazu gehörten auch die Auszahlung von Renten und anderen Sozialleistungen.
Es seien jedoch, hieß es, bereits Überlegungen im Gange, wie sich genau an dieser Stelle am sensibelsten der Rotstift ansetzen lasse, um die Sozialverträglichkeit von Kapitalverkehrskontrollen zu gewährleisten und zu optimieren.

Frohgemut sollst du deinen Tag beginnen.

Donnerstag, 21. März 2013

Die Bulldozer sind unter uns


Also, jetzt mal eins nach dem andern.

Da wäre zum einen die Revolution. Dauert womöglich noch eine Weile. Und dann wäre da der Bank Run. Dauert auch noch, kommt aber höchstwahrscheinlich vorher. Beiden, der Revolution und dem Bank Run, ist gemeinsam: They will not be televised. Auf gar keinen Fall. Weil, die Medien werden ja nicht dafür bezahlt, dass sie die Leute auf dumme Gedanken bringen. Im Gegenteil. Sie werden dafür bezahlt, dass sie die Leute von solcherart systemgefährdendem Blödsinn abhalten.

Weshalb es völlig witzlos ist, vor der Glotze zu sitzen und zu zählen, wie viele Leute inzwischen vor den Bankomaten Schlange stehen. Es werden nie mehr als vier oder fünf sein. Höchstens mal der eine oder andere Bulldozer dazwischen, wie zur Zeit in Zypern, das ist dann aber schon das Höchste der Gefühle. Weil, Bulldozer vor Banken bringen Einschaltquote, und immer nur vier oder fünf Hanseln vor einem Bankomaten zu zeigen wird ja auf Dauer auch langweilig.

Nur, vor der Glotze sitzen und drauf warten, dass der Bulldozer endlich in die Schalterhalle reinbrettert - vergiss es, Baby. Bis auf weiteres wird der Bulldozer, mattscheibenfreundlich und dekorativ, vor der Bank so statisch rumstehen wie ein Brückenpfeiler aus Beton, wie ein uriges prähistorisches Requisit aus dem ZDF-Fernsehgarten, und sich nicht von der Stelle rühren; dafür sorgen die wesentlich dynamischeren Bulldozer der sogenannten Eurogroup, allen voran der Oberbulldozersturmführer Schäuble, der händereibend frohlockt, dass in den zyprischen Banken eh kein Geld zu holen sei, jedenfalls so lange nicht, wie kein böser Russe hinterm Steuer des Bulldozers sitzt, was zuverlässig daran zu erkennen sei, wenn aus dem Bulldozerauspuff ein paar stinkende Erdgaswolken entweichen -

Cartoon: Fricca

- weshalb sich Chefbulldozer Merkel - mit der russischen Materie seit Kindesbeinen vertraut - nachdrücklich verbeten hat, dass die zyprische Regierung mit irgendjemand anderem verhandelt als mit der Troika. Irgendwie ist der Bulldozerchefin dabei aus dem Blick geraten, dass sie zwar Kanzlerin von Deutschland, aber (noch) nicht von Europa ist, aber sie übt halt fleißig, man muss ihr das nachsehen.

Jedenfalls, die Sache mit dem Bank Run. Der muss, da sind sich alle einig, auf Biegen und Brechen verhindert werden. Nur, wie? Ein erster, wichtiger Schritt ist bereits gemacht: Die Banken in Zypern bleiben einfach geschlossen, fertig. Erst mal bis übers nächste Wochenende. Und weil, günstigerweise, der Montag nach dem nächsten Wochenende ein Feiertag ist ('Griechischer Unabhängigkeitstag', meine Güte, von wem sind die unabhängig? Doch wohl nicht von der Troika?), werden die Banken bis mindestens nächsten Dienstag geschlossen bleiben. Oder noch länger. Vielleicht für immer. Was natürlich, im Sinne der Unterbindung eines Bank Run, eine extrem praktische, auf allen Seiten bulldozersparende Lösung wäre.

Immerhin ist jetzt bis Dienstag genug Zeit, dem gefürchteten Bank Run prophylaktisch entgegenzuwirken, also die bewährten Propagandageschütze anzuwerfen und die Zyprioten aus allen Rohren zu beballern, dass ihr Erspartes sicher, wirklich garantiert sicher sei, aber nur und ausschließlich dann, so lange sie es auf der Bank lassen. Vorher, da sind sich alle einig, ist es völlig sinnlos, die Banken wieder zu öffnen. Sollten die zypriotischen Bankkunden weiterhin stur bleiben und partout an ihre Kohle ran wollen, bleiben die Banken halt weiterhin geschlossen, basta.

Sollten jedoch auch künftig, trotz allen guten Zuredens, die Leute einfach nicht zur Vernunft zu bringen sein, dann muss mit härteren Bandagen vorgegangen werden. Quasi mit Handschellen. Ein neues Notgesetz, das den Bank Run bei Strafe verbietet, liegt bereits in den Schubladen. Selbstverständlich etwas geschmeidiger formuliert, etwa so: Zu Ihrem Schutz und der Sicherheit Ihrer Bankeinlagen sind Sie ab sofort gehalten, pro Tag maximal 100 Euro von Ihrem Konto abzuheben oder zu überweisen; bei Zuwiderhandlung belasten wir mit einer nach oben offenen Zwangsabgabe Ihr Guthaben so lange, bis Sie keines mehr haben.

Völlig bescheuert oder was? Keine Spur. Hätte vor nur einer Woche irgendjemand erzählt, das EU-Bulldozerteam werde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Bankguthaben der Bürger eines europäischen Landes konfiszieren - alle hätte geschrien: völlig bescheuert oder was?

Das Grauen kommt auf leisen, aber schnellen Sohlen.
In kundenfreundlicher Bulldozerlautstärke.

Montag, 18. März 2013

Zur Kasse, Schätzchen

Merkel macht mobil:
"Jeder, der ein Bankkonto in Zypern hat, muss auch für die Zypern(vulgo: Banken-)-Rettung zur Kasse gebeten werden, denn damit werden die Verantwortlichen mit einbezogen."
Zu der Tatsache, dass damit die kleinen Leute in Zypern als die "Verantwortlichen" der Euro-Krise auf Zypern identifiziert werden, äußerte sich Merkel nicht.
Hingegen äußerte Merkel sich in einer solidarischen Botschaft an die zypriotischen Kleinsparer, das Einbeziehen der Verantwortlichen sei alternativlos:


Update:

Donnerwetter, Chapeau: Grußbotschaft zurück aus Zypern.

Cyprus strikes back:



Sonntag, 17. März 2013

Angepisst


"Diese Aktion ermöglicht die Rettung von 8.000 Arbeitsplätzen in der Bankenindustrie und gewährleistet die Liquidität der Banken."
Nicos Anastasiades, Ministerpräsident von Zypern, 16. 03. 2013
Übersetzung:
Um die Banken zu retten, ziehen wir die Sparer über den Tisch und konfiszieren deren Bankguthaben. Fühlt euch angepisst.


* Der Manneken Pis, Brunnenfigur eines urinierenden Knaben, ist eines der Wahrzeichen von Brüssel. Ganz recht: ein Wahr-Zeichen.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Neues aus der Heilanstalt


Die selbsternannten Rettungssanitäter kriegen den Hals nicht voll. Nachdem das Geschäft mit der sogenannten Rettung der Eurozone vorbildlich nach Plan läuft, muss jetzt eine neue siegreiche Rhetorik her; eine Rhetorik, die die Lichtgestalt des Retters adelt zum Halbgott in Weiß, zum Heiler, ach was, zum Heiland, wo der doch demnächst geboren ward und, rein saisonal gesehen, einer Heiligsprechung der Heilsbringer nichts mehr im Wege steht.
Seit dem Sommer haben sich die Spannungen in der Eurozone merklich gelöst.
- ließ die Europäische Zentralbank vor zwei Tagen verlauten und notierte
... eine Reihe von Indikatoren, dass die Eurozone beginne zu heilen.
Eurozone, o Haupt voll Blut und Wunden, endlich wirst du wieder gesund! Geheilt von was? Von all den Blessuren, die dir zugefügt wurden. Geheilt von wem? Na, von denen, die dir die Blessuren zugefügt, dich hernach gerettet und nunmehr geheilt haben. Weil, in der Heilanstalt Europas kommt alles aus einer Hand, das nennt man effizientes Therapieren.

Noch sei der Patient allerdings in kritischer Verfassung, hieß es auf der Pressekonferenz des Europäischen Kurpfuscherverbandes: Bei der letzten Chefvisite habe man gewisse "Schwächesyndrome" verdoktert. Schwächesyndrome? Womöglich ein dezentes Eingeständnis ärztlicher Kunstfehler? I wo. Die größte Schwachstelle im Heilungsprozess, laut Diagnose der Chefbanker im weißen Kittel, seien
"... die fallenden Profite der Banken"
- aber ansonsten sei die Fieberkurve an der europäischen Reha-Front erfreulich am Sinken und die wirtschaftliche Genesung im Steilanstieg, abzulesen an der jüngst gestiegenen Export- und Wettbewerbsfähigkeit Spaniens und Italiens, die sich den gefallenen Lohnkosten verdanke; ein laut EZB klar "positiver" Befund, auch wenn diese Verbesserung des Gesundheitszustandes
... ihren schweren Preis habe, nämlich hohe Arbeitslosigkeit und sinkende Einkommen: "Diese Anpassung hat einiges gekostet, aber wenigstens können wir sagen, die Anpassung hat stattgefunden."
- womit der EZB-Vizechefkittel Constancio die alte hippokratische Weisheit zum Ausdruck brachte, dass die heilende Rosskur ("Anpassung") ohne Schmerzen nicht zu haben und fallende Löhne nun mal leichter zu verschmerzen sind als fallende Bankprofite und, summa summarum, die Operation erst dann als gelungen betrachtet werden könne, wenn der Patient tot sei. Vorher, so der Heilkundler von EZBs Gnaden, sei es fahrlässig, von vollständiger Heilung zu sprechen.

Unterdessen hat ein anderer Heilkundiger gerade dem Krankenbett Griechenland einen Besuch abgestattet, also jenem Patienten der europäischen Heilanstalt, dessen Heilung bekanntlich am weitesten fortgeschritten ist. Der Besucher, immerhin ein hartgesottener Traumatherapeut aus Deutschland, steht immer noch unter Schock, nennt das,
... was da gerade unter unser aller Augen geschieht, eine "gigantische Verdrängungsleistung". Besonders der Abwehrmechanismus der Politiker funktioniere hervorragend.
- und fragt sich,
"... wieviel diese Gesellschaft noch aushalten kann, bevor sie explodiert."
Alles halb so wild, kontern die EZB-Spindoktoren: Solange sich die Spannungen in der Eurozone merklich lösen, halten wir an unserer gigantischen Verdrängungleistung fest, können noch viel mehr Verdrängung aushalten, bevor irgendeine Gesellschaft explodiert und wünschen allen Patienten auf der europäischen Intensivstation:


Gute Besserung und ein frohes Fest!

Freitag, 16. November 2012

Sleep well with Deutsche Bank



Der russische Dokumentarfilmer Victor Kossakovsky hat einen kleinen dreiminütigen Film gedreht.

Ort: eine Deutsche-Bank-Filiale in Berlin.
Handlung: Ein paar Menschen ohne Wohnsitz schlafen auf dem Boden des Geldautomaten-Vorraumes. Zwei Bankkunden betreten den Raum, steigen über die schlafenden Gestalten und ziehen Geld aus einem Automaten. Dann betritt eine Frau den Raum und bleibt zögernd in der Eingangstür stehen.
"...eine Frau öffnete die Tür zu den Geldautomaten, und als sie wahrnahm, dass drinnen Menschen schliefen, schloss sie langsam wieder die Tür und ging auf Zehenspitzen weg, während sie sagte, 'schlaft gut!'"
Victor Kossakovsky, NYTimes
Der Film heißt Lullaby (Schlaflied) und wird untermalt von dem träumerischen Lied Lullaby der udmurtischen Sängerin Nadezhda Utkina. Das Kunstwerk aus Film, Musik und Gesang ist so subtil, so melancholisch, so berührend und so verstörend, dass ich mich vor weiteren Worten scheue und lieber immer wieder den Film auf mich wirken lasse. Ich glaube, wenn Kunst so zu wirken vermag, dann - und nur dann - ist sie: Kunst.


Samstag, 22. September 2012

Blühende Landschaften



Frankfurt, Stadtteil Ostend. Anlässlich des Richtfestes für den im Bau befindlichen EZB-Tempel freut sich die Stadt mitteilen zu können, dass dem Aufstieg Frankfurts als prestigeträchtiger internationaler "Global City" nichts mehr im Wege steht. Erst recht keine traditionell gewachsenen, ehemaligen Arbeiterviertel wie das Ostend, das inzwischen zur zweitteuersten Wohnlage Frankfurts avanciert ist.

Durch die Schaffung hochwertigen Wohn- und Büroraumes für die Ansiedlung globaler Finanzdienstleistungen und damit verbundener einkommensstarker Haushalte, so die Stadt, sei es gelungen, die einkommensschwachen und daher als verzichtbar geltenden Bevölkerungsteile aus dem Stadtteil zu verdrängen.


Dies, so die Stadt weiter, sei eine alternativlose Auswirkung des EZB-Neubaus, in dessen Schatten immer mehr Luxuswohnanlagen entstehen und in dessen ebenfalls neu gestaltetem Umfeld samt gehobener Infrastruktur ressourcenschwache Elemente nur ungern gesehen würden. An der zügigen Durchgentrifizierung eines ehemals bezahlbaren Stadtteils führe daher kein Weg vorbei.

Frankfurt habe nämlich den Ehrgeiz, sich - unter städtebaulichem Gesichtspunkt - weltweit mit Finanzdienstleistungsmetropolen wie New York, London und Tokio zu messen. Der Rest - also der Rest der noch verbliebenen urbanen Bevölkerung - sei im Rahmen der ambitionierten Stadtplanung ein zu vernachlässigender Faktor.


Sollte es sich bei dieser Restbevölkerung um marginalisierte Bevölkerungsschichten handeln, spreche nichts dagegen, diese konsequent weiter zu marginalisieren und in wohnghetto-artige Stadtrandgebiete auszulagern. Ein boomender Wohn- und Immobilienmarkt und die damit verbundenen Rendite-Erwartungen fordere nun mal seinen Preis. Außerdem gelte nach wie vor das Diktum der ehemaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth, jeder Bürger habe das "demokratische Recht, woanders hinzuziehen", wenn es ihm am einmal gewählten Wohnort nicht mehr passe (egal aus welchen Gründen).


Erfreulicherweise, hieß es weiter, zögen bei dem Projekt "Global City" (auch: "unternehmerische Stadt" oder Neoliberalisierung des städtischen Raumes) alle am gleichen Strick: Planungsamt, Bauaufsicht und Magistrat (schwarz-grün) äußerten Genugtuung über das völlige Fehlen einer ernstzunehmenden Opposition.

Um letzteres zu illustrieren, betonte unlängst eine Kommunalpolitikerin (SPD), "Wir beobachten diese Tendenzen mit Besorgnis" und fügte hinzu, zu mehr als dem Artikulieren von tendentieller Besorgnis habe es bisher leider nicht gereicht, was jedoch für eine sozialdemokratische Partei bereits einer heroischen Kampfansage gleichkomme.


Keineswegs übertrieben hat Jörg Asmussen, Mitglied des EZB-Direktoriums, als er in seiner Richtfest-Begrüßungsansprache darauf hinwies: "Von meinem Büro im Eurotower konnte ich mitverfolgen, wie die EZB-Türme im Frankfurter Osten langsam in die Höhe wuchsen. Mittlerweile kann man sie von vielen Orten innerhalb und sogar außerhalb der Stadt sehen." Ja, sogar weit außerhalb der Stadt, beispielsweise von wohnghetto-artigen Randlagen aus, ist das "neue und einzigartige Wahrzeichen" mit bloßem Auge zu erkennen.

Ob er allerdings die dorthin abgeschobene frühere Ostend-Nachbarschaft meinte, als er hinzufügte, er freue sich anlässlich des "Umzuges ins Ostend, der neuen Nachbarschaft der EZB wieder einen Schritt nähergekommen zu sein", darf bezweifelt werden. Dennoch hoffe er, "dass die Menschen hier in Frankfurt unseren Neubau als Bereicherung der Frankfurter Skyline und der europäischen Landschaft ansehen". Schließlich kennzeichne es die zeitgenössische europäische Landschaft, dass selbst verarmte Bevölkerungsschichten einen bereichernden Blick auf die Frankfurter Skyline werfen könnten.


Denn, so fuhr er fort, Austerität schaffe nun mal neue Perspektiven. Wie nachhaltig sich die EZB selbst dem Austeritätsprinzip verpflichtet fühle, brachte Asmussen zum Ausdruck, als er erwähnte: "Als öffentliche Einrichtung sind wir dazu verpflichtet, verantwortungsvoll mit unseren Ressourcen umzugehen," womit natürlich keine menschlichen Stadtteil-Ressourcen gemeint waren, sondern öffentliche Baukosten.

Die, so Asmussen, seien aufgrund "einiger unvorhergesehener Herausforderungen" in die Höhe geschnellt, allerdings nicht etwa unverantwortlich, sondern verantwortungsvoll, seien also budget-disziplinär zu verantworten; weshalb die gesamten Investitionskosten von ursprünglich 850 Millionen Euro um den peanuts-kompatiblen Betrag von weiteren 200 Millionen Euro aufgestockt werden müssten.

Immerhin, betonte Asmussen, liege das ehrgeizige EZB-Neubauprojekt mit seinen nunmehr 1,2 Milliarden Euro Gesamtkosten höchstens bei der Hälfte jener von der griechischen Regierung noch zu tätigenden Budgetkürzungen, um ein der EZB (im Rahmen der Troika) gefälliges Austeritätspaket zu schnüren. Weil, von nichts komme nun mal nichts, weder Kredite noch Bondkäufe, wie Asmussen mit einem launigen Seitenblick auf Spanien anmerkte.


Mit seinen verantwortungsvollen Sparbemühungen, schloss das Direktoriumsmitglied, wolle die EZB im Frankfurter Ostend als leuchtendes Beispiel in der verarmenden, weil verantwortungsvoll kaputtgesparten europäischen Landschaft vorangehen. Wem das nicht passe, der könne gern von seinem demokratischen Recht Gebrauch machen, also woanders hinziehen oder Europa verlassen oder - im Falle Frankfurts - halt die SPD wählen.

Er vergaß zu erwähnen, dass zu den demokratischen Rechten auch das Recht auf Widerstand gehört. Gottlob ist eine wachsende Zahl von Frankfurtern sich dieses Rechts bewusst und wird keinesfalls vergessen, das EZB-Direktorium, das Planungsamt, die Bauaufsicht, den schwarz-grünen Magistrat und die in Besorgnis verharrende SPD daran zu erinnern. Weil, von nichts kommt nichts, auch kein Widerstand. Aber wo was ist, da blüht er, der Widerstand.
Demnächst in diesen blühenden Landschaften.

Dienstag, 7. August 2012

Was fürs Geld


"Macht 23 Euro 95. Haben Sie eine Paybackkarte?"

Nö, wieso?

"Weil, dann kriegen Sie extra Punkte."

Wie, extra Punkte?

"Na, so Bonus-Punkte, Sie wissen schon."

Bonus-Punkte, wow, wofür denn Bonus-Punkte?

"Na, das dürfen Sie sich dann aussuchen. Sie haben die Wahl."

Aha. Was haben Sie denn so im Angebot?

"Alles mögliche. Töpfe, Pfannen, Bonusmeilen, Hotelrabatte, Kosmetikgutscheine...überhaupt, Gutscheine für alles mögliche!"

Für alles mögliche, ist ja'n Ding. Echt jetzt, für alles mögliche?

"Ob Sie's glauben oder nicht. Sie haben die Wahl. Aber damit Sie dem Auswahlstress nicht erliegen, haben wir eine kleine Umfrage vorbereitet. Die Frage lautet: 'Was würden Sie für Ihre Extrapunkte am liebsten kaufen?', und wir haben gleich ein paar Antwortoptionen für Sie ausgearbeitet."

Irre cool. Was haben Sie denn da für Antwortoptionen ausgearbeitet? Jetzt bin ich ganz gespannt!

"Na ja, unsere kleine Exklusivumfrage gilt natürlich nur für Premiumkunden, Sie verstehen."

Klar verstehe ich das. Also mal angenommen, ich wäre Premiumkundin bei Ihnen, was hätten Sie mir da so zu bieten?

"Zum Beispiel so ein schnittiges Küchenmesser-Set im Holzblock."

Pfft, hören Sie auf, Küchenmesser, ist ja so was von old school, jeder Depp hat heutzutage ein Küchenmesser-Set in seiner Küche rumstehen.

"Wie wär's mit einem attraktiven Hotelrabatt?"

Uninteressant. Ich übernachte meistens bei mir zuhause.

"Vielleicht einen wertvollen Geschenkgutschein?"

Hm, ja, kommt der Sache schon näher. Was haben Sie denn so für Geschenke zur Auswahl?

"Alles mögliche, wie gesagt."

Jetzt spannen Sie mich auf die Folter. Geht's ein bisschen konkreter?

"Also, unsere kleine Exklusivumfrage lautet: 'Welche Produkte oder Dienstleistungen würden Sie in Erwägung ziehen zu kaufen für Ihre Extra-Bonus-Punkte?'"

Machen Sie's nicht so spannend. Ich will was haben für mein Geld.

"Okay. Antwortoption a) Hotelrabatte? - gut, kommt für Sie nicht in Frage, sagten Sie ja schon."

Eben. Weiter, bitte.

"Dann vielleicht Option c) Geschenkgutschein...?"

Hey, Sie haben die Antwortoption b) ausgelassen! Was zum Teufel ist mit Option b)?

"Also, Option b) ist jetzt wirklich nur für unsere Premiumkunden..."

Schon gut. Ich behalt's für mich, als Premiumkundin. Also, Option b)?

"Option b): Frauen."

Wie, Frauen? Frauen zum Kaufen?

"Ja, sicher. Für alle Premiumkunden, denen Hotel- und Allerweltsgeschenkgutscheine zu langweilig sind. Die Frauen kriegen Sie dann auf Gutschein ins Hotel geliefert."

Der Wahnsinn. Haben Sie auch Männer?

"Wie, Männer? Männer zum Kaufen?"

Zu was denn sonst? Über was reden wir hier die ganze Zeit?

"Ich glaube, Sie haben da was missverstanden. Wir sind ein seriöses Bankunternehmen mit seriösen Kunden..."

Wollen Sie damit sagen, dass...

"Genau. Bei Option b) haben wir exklusiv an unsere seriösesten Premiumkunden gedacht. Können Sie mir folgen?"

Und wie. Als Premiumkundin bin ich Ihnen schon voraus.

"Ich sehe, wir verstehen uns."

In der Tat. Gut, dass wir über alles gesprochen haben.

"Keine Ursache. Empfehlen Sie uns weiter."

Mach' ich doch glatt:


Donnerstag, 2. August 2012

Rückfall mit Rendite


Und jetzt das Neueste vom Tage: Goldman Sachs kommt ins Gefängnis!

Falsch, zu früh gefreut - nicht um dort wegen organisierten Finanzbetruges einzusitzen. Vielmehr um dort zu tun, was eine Investmentbank von Haus aus tut: bisschen Geld verdienen. Immer am Ball, wo es ein Schnäppchen zu machen gibt.

Knast und Schnäppchen? Na klar doch. Die Stadt New York City ist dabei, eine "hochmoderne Strategie" anzuwenden, um die Rückfälligkeit unter Strafgefangenen des wegen seiner Rückfallquote (50 Prozent) berüchtigten Gefängnisses Riker's Island zu reduzieren. Was dabei mit den Häftlingen in einzelnen angestellt werden soll, um aus ihnen keine Rückfalltäter zu machen, bleibt unerwähnt, ist aber auch völlig irrelevant, denn unter "hochmoderner Strategie" sind keine zeitgemäßen Präventiv- oder Resozialisierungs-Maßnahmen zu verstehen, sondern ein bahnbrechendes Geschäftsmodell mit reizvollem Spekulationsrisiko:

Goldman Sachs investiert 9,6 Millionen Dollar in ein (noch aufzulegendes, nicht näher definiertes) Programm zur Minimierung der Rückfallquote (rate of recidivism) bei gleichzeitiger Maximierung der Profitrate (rate of profit).
Falls das Programm die Rückfallquote um zehn Prozent reduziert, bekommt Goldman die vollen 9,6 Millionen Dollar wieder ausgezahlt; geht die Rückfallquote noch mehr zurück, könnte Goldman bis zu 2,1 Millionen Dollar Profit machen.
Fällt dagegen die Rückfallquote um weniger als zehn Prozent, müsste Goldman draufzahlen und einen Verlust bis maximal 2,4 Millionen Dollar verschmerzen (was sich bestimmt auf dem steuervergünstigenden Wege schmerzfrei wegstecken ließe). Das zum Einsatz kommende Finanzinstrument trägt den aparten Namen "social impact bonds", also so viel wie 'sozialbezogene Bonds', oder - etwas freihändiger übersetzt - 'Bonds zur Sozialverträglichkeit', oder - in so schnörkellosem wie effizientem Wording - 'Sozialeffizienz-Bonds'.

Hey, wenn das nicht hochmodern ist: Die Regierung beauftragt eine Räuberhöhle von straffreien Finanzkapitalverbrechern mit der Supervision von straffällig Gewordenen, um sie zu besseren Menschen zu machen (die Straffälligen, nicht die Straffreien) und aus dem Menschen-Umerziehungsprogramm Gewinn zu erwirtschaften. Wobei die Logik bestechend ist; denn wenn diese Goldman-Typen von etwas Knowhow haben, dann davon, wie man am besten nicht in den Knast kommt.

Sollte je der Tag kommen, wo Kriminelle aus der Finanzindustrie sich der Strafverfolgung ausgesetzt sehen (unwahrscheinlich, aber nur mal angenommen), werden die dann in den von ihnen selbst supervisierten Knästen verknackt?

Und wenn oder falls - warum dann nicht ein völlig neuartiges, hochmodernes Programm zur Resozialisierung betrügerischer Goldman-Sachs-Manager auflegen: Wir verwenden die Gelderträge aus deren kriminellen Finanztransaktionen und investieren sie - großzügig und non-profit - in die soziale Wiedereingliederung jugendlicher Straftäter.

Was dann noch an Kohle übrig bleibt, dürfte für ausreichend Wasser und Brot für die in Haft Zurückverbliebenen genügen.

Mittwoch, 1. August 2012

Lichtblicke


Mir wär's peinlich, innerhalb von nur drei Wochen zweimal denselben Käse zu verzapfen, aber wenn andere es können, tu ich es halt auch.

Schon wieder werden in Italien (Monti) "Lichtblicke am Ende des Tunnels" gesehen. Diesmal just an dem Tag, an dem die rekordverdächtigen - offiziellen! - europäischen Arbeitslosenzahlen (mehr als 18 Millionen Menschen) veröffentlicht wurden: In Italien sind sie mit 10,8 Prozent (2,8 Millionen Menschen) auf dem höchsten Stand seit acht Jahren; innerhalb eines Jahres ist dort die Arbeitslosigkeit um 37,5 Prozent hochgeschnellt. Allein zwischen Mai und Juni kamen 73.000 Menschen ohne Arbeit hinzu, die sich in einem sehr dunklen Tunnel fühlen dürften, einem Tunnel, der immer länger und bevölkerter werden wird, je länger die politische Klasse ihren derzeitigen Kurs beibehalten und mit ihren Totsparmaßnahmen den Trend fortsetzen wird.

Die aktuellen Zahlen hindern den italienischen Ministerpräsidenten keineswegs an seinem beschwingten Halluzinieren. Demnächst wird er mit erleuchtetem Tunnelblick verkünden, mit seinem jüngst im Senat durchgepaukten "harschen Spar- und Reformprogramm" habe er der Wettbewerbsfähigkeit seines Landes gewaltig auf die Sprünge helfen können. Das kostet zwar ein paar Arbeitsplätze mehr, hilft aber ungemein dabei, "verlorenes Vertrauen am Finanzmarkt zurückzugewinnen". Um nichts anderes geht es dem ehemaligen Goldman Sachs Investmentbanker Monti, der nach Berlusconis Abgang ins Regierungsamt installiert™ wurde (so sagt man, wenn einer ins Amt gehievt wird, ohne gewählt worden zu sein).

Statt also lang und breit drumherum zu reden, sollte einer wie Monti nicht des Halluzinierens verdächtigt, vielmehr ob seines Klarblickes gelobt werden. Denn natürlich sieht der Ex-Banker einen (für ihn) ganz realen Lichtblick am Ende des Tunnels: das Licht der sprunghaft ansteigenden Arbeitslosigkeit. Alles eine Frage der Perspektive.

Samstag, 28. Juli 2012

Excuse me?


Schockiert und zutiefst betroffen reagierte die internationale Finanzwelt auf diese Schlagzeile:
Barclays says sorry for Libor scandal as profits hit £ 4.2 bn

Barclays entschuldigte sich für den Skandal um Libor (manipulierter Zinssatz unter Banken am Londoner Geldmarkt) und berichtete gleichzeitig von einem über den Erwartungen liegenden Halbjahresgewinn von 4,2 Milliarden £.
Aus Brancheninsiderkreisen war zu erfahren, dass es sich bei diesem Statement um eine unerhörte Entgleisung und eine schwerwiegende Verletzung weltweit gültiger ethischer Standards in der Finanzindustrie handele. Was das Bankenvorstandsmitglied Marcus Agius da - in einer offensichtlich schwachen Minute - dahergeredet habe, sei an Verantwortungslosigkeit nicht zu überbieten. Selbst hochrangige Mitglieder aus dem Vorstand Barclays' hätten sich von ihrem Kollegen distanziert mit den Worten:
"Entschuldigung, aber wie kann einer von uns sich entschuldigen?"
Ein den Libor-Vorgängen nahestehender Kenner der Szene (der namentlich nicht genannt werden wollte) ging sogar so weit, von Agius eine Entschuldigung zu verlangen dafür, dass er sich entschuldigt habe.
"Wehret den Anfängen!"
soll er sich empört haben, und:
"was, wenn das Sichentschuldigen Schule macht, wo kommen wir da hin?"
Quer durch die Reihen war man sich einig darüber, dass der Fettnäpfchentreter des Londoner Finanzdistriktes die mahnenden Worte seines großen Landsmannes Elton John (Video) beherzigen und zur Strafe hundertmal sich hinter die Ohren schreiben sollte, auf dass ihm das Unwort sorry niemals mehr über die Lippen rutsche - mit der Begründung, erst das Wörtchen sorry habe der obigen Schlagzeile einen obszönen Beigeschmack verliehen.

Ansonsten, wurde aus der Londoner City versichert, laufe alles weiterhin seinen normalen Gang. Angesichts der unkontrollierbaren Manipulationsvorwürfe in Sachen Libor habe die Finanzindustrie versprochen, neuartige Kontrollen und Gesetzesentwürfe zur Regulierung des Gewerbes einzubringen, die dafür sorgen würden, dass in Zukunft das Unwort sorry ein für allemal der Vergangenheit angehöre.

Musik, zwo drei.


Donnerstag, 26. Juli 2012

Goldman Sucks


Die Goldmanisierung™ der europäischen Politik ("Masters of the eurozone") schreitet zügig voran:

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Demnächst dürfte ein Neuzugang aus dem Hause Goldman Sachs in Good Old Europe zu erwarten sein: Die Bank of England - skandalgeschunden durch die jüngsten Enthüllungen rund um LIBORgate, bei dem ihr bisheriger Gouverneur Mervyn King keine allzu gute Figur machte - braucht dringend einen repräsentablen neuen Kopf. Am besten einen unbescholtenen. Also lieber keinen aus England, weil dort womöglich jedes große Finanztier irgendwie in die LIBOR-Affäre verwickelt ist, gewesen ist, gewesen sein könnte oder sich herausstellen könnte, dass er es tatsächlich war. Ein frisches, unverbrauchtes Gesicht muss also her:
"Warum nicht einen Kopf, der global ist? Banker sind nun mal nicht besonders beliebt, da klingt ein Kanadier nach einer guten Wahl. Gut möglich, dass sie, um die Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, sich nach einem Außenstehenden umschauen sollten."
Der unbescholtene Hoffnungsträger aus Kanada heißt Mark Carney, ist Gouverneur der Bank of Canada und trägt auch ansonsten eine saubere Weste, denn er war zuvor in leitender Stellung bei Goldman Sachs. Letzteres wird von der Finanzpresse allerdings weniger prominent gefeatured, schließlich geht es um Glaubwürdigkeit, nicht wahr, und da will man sich auf offener Bühne ja nicht selber in die Suppe spucken.

Apropos Bühne. Zu jeder Bühne gehört eine Kulisse, und in der warten bereits weitere Goldman-Sachs-Stammhalter auf ihren Einsatz im Tagesgeschäft der Politik; scheint's wird es denen im finanzkapitalistischen Tagesgeschäft zu langweilig, weil, immer nur Geld zählen ist ja auf Dauer auch öd. Von Tony Blairs - britischer Ex-Premierminister und derzeit Goldman-Sachs-Berater - feuchten Rückkehrträumen wurde hier bereits berichtet.

Nun scharrt seit kurzem aus demselben Großfinanz-Stall ein weiterer politisch ambitionierter Banker mit den Hufen: kein Geringerer als Lloyd Blankfein. Der ist nicht irgendwer und auch kein popeliger Goldman-Sachs-Berater mit fragwürdiger politischer Vergangenheit, der ist vielmehr quasi Mr. Goldman Sachs himself und höchstpersönlich, nämlich CEO der weltumspannenden Finanzkrake. Und streckt jetzt seinen Kraken-Fangarm nach Regierungsteilhabe aus - ihn dürstet offenbar nach (noch mehr) politischer Macht:
Mr. Blankfein schloss nicht aus, sich Regierungsgeschäften zuzuwenden, wenn seine Amtszeit als Chef bei Goldman beendet sein wird. "Ich habe Ambitionen, mich gebraucht zu fühlen. Von egal welchem Präsident; ich meine das nicht so, dass dies auf die Vereinigten Staaten beschränkt sein muss."
Noch ein Banker in einer Regierung - genau das, was der Welt gefehlt hat. Wo doch bereits quer über den Staaten Europas irgendein Goldman-Sachs-Spross mit dem Fallschirm abgesprungen ist, um die fachgerechte Abwicklung des Niederganges dieser Staaten zu managen.

Ein Blick auf die obige Graphik zeigt, wo noch Vakanzen zu besetzen wären. Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy wirkt ohnehin ein wenig abgekämpft in letzter Zeit. Vielleicht sollte ihm mal jemand sagen, dass es da jemanden gibt. Mit Ambitionen, sich gebraucht zu fühlen.