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Mittwoch, 31. Juli 2013

Hartz V für alle


Es ist still geworden um P. Hartz. In Deutschland hat sich der Erfinder der Hartz-Reformen rar gemacht; jahrelang gab er kein Interview. Doch nun bricht der Erfinder von Hartz IV sein Schweigen - und spricht zu den Franzosen.
In wohlmeinender Absicht.
Er wolle Präsident Hollande keine Lektionen erteilen.
Nur ein bisschen nachhelfen.
Jedes Land müsse sich selbst reformieren.
Schließlich sei Deutschland kein Export-Modell, und Hartz IV sei nun mal Hartz IV, das mache den Deutschen so schnell keiner nach, und wenn überhaupt, dann habe Europa, allen voran Frankreich, etwas Besseres, ähm, Neueres, ähm, Deutscheres, ähm, also, einfach was ganz anderes verdient:
... skizziert er ein Hartz V-Programm gegen die Jugendarbeitslosigkeit in Europa.
Es geht voran. Deutschland geht voraus. 
Die jugendlichen Arbeitslosen sollen Sprachkurse erhalten, damit sie Jobs in einem anderen EU-Land (vermutlich Deutschland) annehmen können.
Deutschland, der kommende Export-Import-Weltmeister, möchte schließlich auch was abhaben vom großen europäischen Kuchen Jugendarbeitslosigkeit. Kommet her, ihr Jungverzweifelten, wie bieten euch eine Perspektive.
Doch die "Europatriatres", wie sie Hartz nennt, sollen nicht etwa selbst frei wählen.
Freizügigkeit? Als Perspektive? Für wen?
Vielmehr sollen die Unternehmen sich die benötigten Jugendlichen aussuchen - auf Grundlage einer gigantischen Datenbank, die "Big Data" auswertet.
Na endlich wird die ganze Ausspionier-Obsession einem guten Zweck zugeführt. Jetzt muss nur noch die Finanzierungsfrage geklärt werden.
Finanziert werden soll das gigantische Programm durch neue "Bildungs-Zertifikate" -
- gigantische Idee. Wer gibt die neuen Wertpapiere aus? Kann man überhaupt so dumm fragen?
- die die Banken ausgeben und die Staaten garantieren sollen.
Ah ja, natürlich, die Banken und Staaten. Alles unter einem Dach. Das hat Zukunft, das wird sich rechnen.
Nach einer Weile könnte sich daraus ein neuer Markt entwickeln, so Hartz.
Ein gigantischer neuer Markt für arbeitslose europäische Jugendliche.

Hartz V für alle.
Jobs für jeden.
Wir erschließen neue Märkte.
Krise als Chance.
Deutschland über alles.

Verarscht euch doch selber.

Donnerstag, 25. Juli 2013

Wo der Spass aufhört und wo er anfängt


 Wasserwerfer. Auch so ein Wort, so ein weichgespültes. Seit wann wirft ein Wasserwerfer Wasser? Eben. Das monströse Panzergefährt, geschaffen zur Unterdrückung des Rechts auf Versammlungsfreiheit, heißt auf Englisch korrekt water cannon, also Wasserschusswaffe, und um nichts anderes geht es: Die Leute auf der Straße zu beschießen mit einem unter hohem Druck erzeugten Wasserstrahl. Damit dem Volk die Lust vergehe, sich mit seinesgleichen unter freiem Himmel zu versammeln und zu tun, wonach ihm der Sinn steht. Schon mal von einer Wasserkanone beschossen worden? Da hört der Spass auf. Wasserwerfer. Dass ich nicht lache.


Das Volk selbst ist da erfrischend artikulierter. Verspürt das Volk Lust, sich unter freiem Himmel zu versammeln und zu tun, wonach ihm bei 33 Grad (Celsius) der Sinn steht - nämlich sich zu erfrischen -, dann nennt der Volksmund die Dinge beim Namen: shooting the pump. Das ist zwar ziemlich mehrdeutig, aber so ist das Volk nun mal. Lieber eindeutig mehrdeutig als weichgespült rumgesoftet.


Und wenn das Volk mehr will als mit Wasser nur beworfen zu werden, wenn es also mehr Druck wünscht, dann braucht es dazu nichts als einen Universalschraubenschlüssel -


- und eine Konservendose ohne Boden. Und natürlich einen Hydranten.


Versammlungsfreiheit?  Hände hoch!


Oder halt so.


Und dann alle so.

J.Walter Negro and The Loose Jointz singen Shoot The Pump:

Eine musikalische old school Liebeserklärung an alle New Yorker Wasserkanonen und deren Inbesitznahme durch das Volk - irgendwas Wildes zwischen 80er Latin und Funk aus einer Zeit, als der Hip Hop noch im Brutkasten döste und mit Rap abenteuerlich tolle Geschichten erzählt wurden: Occupy hydrants! oder so ähnlich. Mitten im Song kreuzt plötzlich die Polizei auf ("Get away from that fire hydrant, ya punk!" - "You better just shoot the punk!"), Sirenengeheul, es folgt ein Schusswechsel, vom Schraubenschlüssel-Kid nur knapp überlebt dank einer schussicheren Weste: "I'm gonna live forever or die tryin'". Was den Gute-Laune-Song mit seiner sommerlichen Großstadtenergie auf ein völlig anderes, damals wie heute aktuelles Level hebt.

Keep shooting the pump. Forever.




Bilder: Clayton Cubitt via BoingBoing

Samstag, 20. Juli 2013

Von kraulenden Krallen


Man muss ihn einfach liebhaben, den neuen Totalitarismus des 21. Jahrhunderts auf den samtweichen Schmusepfoten.

Wie er sich da, hilflos die Schultern hebend, vor uns aufbaut, nach allen Regeln der Kunst herumdruckst, zwischen geschlossenen Zähnen ein fast verlegenes ,Hier stehe ich und kann nicht anders' herauspressend, sich verhält wie ein harmloses Haustier, wie ein zufrieden schnurrender Kater, der sanft Miau macht und verspricht, ganz lieb zu allen Hausbewohnern zu sein, zum Streicheln lieb, nichts Böses im Schilde führend, weil, er kann ja gar nichts Böses im Schilde führen, der freundliche Kater, denn er habe ja nichts zu verbergen, miaut der Kater in die Kameras, im Gegenteil, er lege höchsten Wert auf Transparenz, ach was, miaut der Kater weiter - wenn auch unter vermehrtem Stottern und häufigem Augendeckelklappern (was bei lieben Hauskatzen ein sicherer Hinweis ist darauf, dass sie etwas Böses im Schilde führen) -, vertraut mir, meine lieben Hausbewohner, denn:
"This is the most transparent administration in history"


- und weil der freundliche Kater dies bereits im Februar beteuert hatte und inzwischen das Ding mit der Totalüberwachung komplett aufgeflogen ist, hielt er es gestern für eine gute Idee, noch ein extrafreundliches Transparenz-Miau nachzulegen und zu beteuern, er werde das, was ein "geheimes Gericht zur Überwachung von Geheimdienstaktivitäten" beschließe, der Öffentlichkeit (also den aufgescheuchten Hausbewohnern) selbstverständlich transparent machen, wobei der brave Kater offen ließ, wozu es überhaupt eines geheimen Gerichtes bedarf, wenn die Beschlüsse des geheimen Gerichtes ohnehin veröffentlicht werden oder zumindest der Kater beteuert sie zu veröffentlichen, aber egal, Hauptsache ein freundliches Miau.

Übrigens wird die Existenzberechtigung von geheimnisvollen Geheimgerichten gleich viel transparenter, wenn man dem Kater aufmerksam zuhörte, wie er vorgestern, behaglich schnurrend, verkündete, dass die normalen (also die nicht-geheimen) Gerichte überhaupt nichts zu melden hätten - sollte ein ganz normaler Richter auf die absurde Idee kommen, die NSA wegen verfassungswidriger Schnüffelaktivitäen zu verklagen. Ha ha, schnurrt sich der Kater da einen ab, sonst könnte ja jeder kommen und auf sein verfassungsmäßiges Recht pochen - nix da, die GröLaRaZ (Größte Lausch-Razzia aller Zeiten)
... findet statt im "öffentlichen Interesse", verletzt keinesfalls die konstitutionellen Rechte der Amerikaner und kann deshalb nicht von einem ordentlichen Gericht angefochten werden.
- und schon gar nicht via Verfassungsklage, weil nämlich, schnurrt unser Kater weiter, wer im "öffentlichen Interesse" handele, der könne ja gar nicht gegen die Verfassung verstoßen, denn schließlich begründe sich das (katerseits so definierte) "öffentliche Interesse" auf die Verfassung. Klar?

Klar. Zwar hätte er auch gleich raunzen können: "Das Rechtsstaatsprinzip geht uns Kontrollfreaks sonstwo vorbei"; aber der Appell ans "öffentliche Interesse" klingt halt viel schnurriger, irgendwie volksnaher. War ja auch für die Öffentlichkeit gedacht, das schnurrige Statement. Zwar wundert sich diese Öffentlichkeit immer mehr, wieso sie vom Kater nicht gefragt wird, welche Variante des Ausspionierens im "öffentlichen Interesse" ist und welche nicht; aber, miau!, derlei Spitzfindigkeiten gehen dem Kater sonstwo vorbei, denn was ein echter Kater ist, der fletscht beim Miauen insgeheim das Gebiss, weil er weiß, in Wirklichkeit ist er ein Raubtier und steht über dem Gesetz.

Und überhaupt, wetzt der Kater genüsslich seine Krallen, wie will einer beweisen, dass er ausspioniert wurde, wo wir das doch alles im Geheimen abgrabschen? Wie will der uns also verklagen, bar jeder beweisführenden Grundlage? Ha ha, miau!

Dies, ihr lieben Hausbewohner, nennt man ein geschlossenes, von außen nicht anfechtbares - also totalitäres - logisches System:
Die Regierung erklärt den GröLaRaZ als "im öffentlichen Interesse" und somit als verfassungsrechtlich abgesichert; außerdem wird der GröLaRaZ im Geheimen durchgeführt, und weil keiner wissen kann, was im Geheimen passiert, kann keiner wegen etwas, was im Geheimen passiert, vor Gericht ziehen, noch nicht mal vor eins dieser im Geheimen tagenden Geheimgerichte, über deren geheimen Beschlüsse wir euch selbstverständlich auf dem Laufenden halten, weil, Transparenz wird bei uns großgeschrieben, miau!

Ach ja, da war noch etwas:

Ebenfalls gestern hat sich das totalitäre logische System mit einem aggressiv lauten, gar nicht freundlichen Miau geschlossen: Der Richterspruch im Militärprozess gegen Bradley Manning lautete, der Beklagte stünde unter dem schwersten aller Vorwürfe, nämlich der "Beihilfe des Feindes". Was genau wird Manning zur Last gelegt? Dass er geheimgehaltene militärische Informationen, sprich: Übergriffe (unter anderem einen Film von amerikanischen Kampfhubschraubern, aus denen heraus Journalisten erschossen wurden) der Öffentlichkeit zugänglich machte.

Beihilfe des Feindes? Wer ist nochmal der Feind? Doch nicht etwa die Öffentlichkeit?
Exactly who is the "enemy" in this case? It's clear who, in this case, the government, the military, the CIA and the NSA see as "the enemy". It's us.
It's us, the people. Die Öffentlichkeit. Jene Öffentlichkeit, die - im wohlverstandenen "öffentlichen Interesse" - ihrer von der Verfassung garantierten Rechte beraubt wird. Von einem als schnurrender Kater getarnten totalitären Raubtier. Zum Kraulen, das Vieh. Der tut nichts. Will nur spielen, mit seinen rhetorischen Schmusepfoten. Miau.

Montag, 8. Juli 2013

Think Global


Die Welt aus der Sicht von Investoren
("The World According to Investors")

Wie, Mittelamerika? Wo soll das denn sein? Guatemala? Nicaragua? Nie gehört. Ach so, Sie meinen die Große Starbucks Kaffeeplantage. Sagen Sie's doch gleich.

Kolumbien? Wächst da der Pfeffer? Ach so, da wächst das Kokain, ja klar wissen wir, wo Kolumbien liegt.

Obwohl. Das mit dem Koks. Wissen Sie, wir verstehen ja was von Qualitätssicherung. Wir verfügen da über bessere Quellen. Reinere Qualität, Sie verstehen. Wie, Bolivien nennt sich das? Soll uns auch recht sein.

Venezuela? Böhmisches Dorf oder was? Ah, Erdölvorkommen, natürlich, gut, dass Sie das richtige Stichwort geben. Sonst wären wir da nie drauf gekommen, Venezuela, müssen wir uns merken.

Geographie ist halt nicht so unsere Stärke. Aber Rohstoffe, da können wir mitreden, dafür haben wir eine Nase, haha, kleiner Scherz, wie hieß jenes komische Land nochmal? Bolivien oder so? Ist ja auch egal, was zählt, sind Rohstoffe, Erträge, verstehen Sie. Was sagen Sie, Brasilien? Klingt fast wie Bolivien, soll sich ein Mensch merken, das. Kann doch keine Sau auseinanderhalten. Wozu auch.

Obwohl. Bisschen gepflegtes Amusement muss ja auch sein, hin und wieder. Man gönnt sich ja sonst nichts. Ab und zu muss einfach die Sau raus, so ganz ungezwungen. Und dann muss man halt irgendwohin, wo man hemmungslos die Sau rauslassen kann, am besten irgendwo in der Nähe von dort, wo das erstklassige weiße Zeugs wächst, wo war das nochmal? Schon wieder vergessen, egal, Hauptsache, im Nachbarland wächst genügend nacktes Fleisch.

Doch, wir sind ganz schön kosmopolitisch drauf. Sieht man ja schon daran, was wir für gute Kontakte zu Call-Center-Land unterhalten. Wie, Sie sagen dazu Indien? Gott, wie old school.

Wenn's uns zwischendurch mal fad wird, gucken wir einfach ein paar neue Folgen von der fabelhaften Austerity Shitshow, Sie wissen schon. Zu den Produzenten der Show haben wir beste Geschäftsbeziehungen, die sind ja unermüdlich am Produzieren immer neuer ertragreicher Folgen, wir können den Hals gar nicht voll genug kriegen. The show must go on, ist ja klar, weil, die Show ist der Renner, lassen Sie sich das von uns gesagt sein, da geht fast täglich irgendwo der Vorhang hoch. Ausverkauf, verstehen Sie, totaler Ausverkauf! Wo läuft die Show, sagen Sie? In Südeuropa? Wo soll das denn sein? Ach so - da, wo unsere Show läuft, alles klar.

Warten Sie mal, sagten Sie Südeuropa? Gehört das irgendwie zu Europa? Ist das nicht dort, wo dauernd so tolle Drehbücher geschrieben werden für unsere geliebte Austerity Shitshow? Erste Sahne, die Frau, was die sich für Plots ausdenkt, der fällt immer was Neues ein, vom Allerfeinsten, die ist echt zu gebrauchen, die hat's drauf. Wie? Wo die genau steckt? Ist uns doch so was von wurscht, und wie Sie den Landstrich nennen, ist uns genauso wurscht. Hauptsache, die Frau liefert zuverlässig. Wir nennen es Merkel's Workshop. Reicht vollkommen für unsere Zwecke. Klar?

Montag, 10. Juni 2013

Big Brother im Vollchecker-Modus


Tolles neues Fotoblog, aus gegebenem Anlass:


Lässt keine Fragen offen. 

Bis auf die eine: 

Wer checkt eigentlich die Emails von Obama?

Update:

Bonustrack aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten:


Samstag, 23. März 2013

Matratzengeflüster


Was ein anständiger Bank Run ist, der nimmt seinen Lauf, den halten weder Ochs' noch Esel auf und die EZB schon mal gar nicht.

Allerdings zieht so ein zünftiger Bank Run Folgeprobleme nach sich,
ist ja klar. Hat man erst mal sein Erspartes (so vorhanden) von seinem Konto (so vorhanden) geräumt, stellt sich die Frage 'Wohin damit?' in aller Dringlichkeit, und in aller Regel ist 'Unter die Matratze'
(so vorhanden) die naheliegende Antwort, denn nirgends liegt ein Schläfer seiner Barschaft so nahe wie auf der Matratze, wenn sein physisches Depot unter derselben ruht.

Nun zieht jedoch die gute alte Matratze wiederum neue Folgeprobleme nach sich, ist ja klar. Zwar mag das eigene Bett in diesen unwägbaren Zeiten als Hort der relativen Sicherheit gelten; aber halt nur relativ, solange die Absolutheit serieller Wohnungseinbrüche noch nicht zugeschlagen und jeder, selbst der amateurhafteste Langfinger, begriffen hat, dass ein gezielter Griff unter fremde Matratzen ihn in Minutenschnelle zum reichen Mann macht.

Not - so lautet eine der Grundregeln kapitalistischer Vermarktungslogik - macht erfinderisch. Darum hat es nicht lange gedauert, bis ein findiger spanischer Matratzenhersteller in der Bedrängnis seiner Mitmenschen ('my home is my bank and my mattress is my Schließfach') eine profitable Marktlücke entdeckt hat: Er erfand die erste Matratze mit eingebautem Schließfach - von Käufern kurz und liebevoll "Good Bank" genannt, nachdem diese den aus ihrer Sicht "Bad Banks" endgültig den Rücken gekehrt hatten. Das Ding entpuppt sich als Renner; wie man hört, geht die verschließbare Tresormatratze weg wie geschnitten Brot:



Nun zieht jedoch jedes Schnippchen, das dem System geschlagen wird, neue Folgeprobleme nach sich, ist ja klar. Denn das System wäre nicht das System, würde es nicht prompt jeden, der es wagt aus ihm auszuscheren, bestrafen. Darum liegt die neugeschaffene Zwangssteuer auf Standardmatratzen - fertig ausformuliert und nach EU-Richtlinien harmonisiert - bereits in den Schubladen und wird voraussichtlich noch an diesem Wochenende den südeuropäischen Parlamenten zur Abstimmung vorgelegt werden. Ausnahmslos alle privaten Matratzenbesitzer werden dieser Steuer unterliegen.

Darüberhinaus wird es in einer für den heutigen späten Samstagabend einberufenen Sondersitzung der EU-Kommission zu einer Eilverabschiedung der geplanten Matratzensteuer-Zusatzverordnung kommen, derzufolge Matratzen mit Zusatzfunktion (eingebautes Schließfach) mit einer Zwangsabgabe in doppelter Höhe (verglichen mit Standardmatratzen) belegt werden. Ausnahmslos alle Besitzer von Matratzen mit Zusatzfunktion werden dieser verdoppelten Zwangssteuer unterliegen.

Nun zieht jedoch die Zwangsbesteuerung verschließbarer Tresormatratzen neue Folgeprobleme nach sich - ist ja klar -, für die allerdings seitens der EU-Kommission bereits eine Lösung vorliegt: Wer künftig den Zahlencode seines Matratzenschließfaches vertraulich an die EU-Kommission weiterleitet, darf mit einer Steuervergünstigung rechnen, die vonseiten der EU-Bürokratie umgehend bestätigt werden wird, und zwar mit einem geschützten Passwort: "EGgufiDdnngh" (Euer Geld gehört uns, falls ihr Deppen das noch nicht gemerkt habt).

Sonntag, 23. Dezember 2012

Vom Geben und Nehmen


Friede auf Erden, im Einzelhandel und den Satten ein Wohlgefallen.

Vor ein paar Tagen verhagelte der britische Fernsehsender BBC die allseits friedlich-besinnliche Weihnachtsstimmung mit einer besorgniserregenden Meldung: Laut Aussagen der Polizei schieße die Anzahl der Ladendiebstähle in die Höhe, weil immer mehr verarmte Menschen sich - "infolge des wirtschaftlichen Abschwunges in Großbritannien" - nicht anders zu helfen wüssten, um an Essbares zu gelangen.

Nachdem der Reporter von Müttern berichtet hatte, die beim Klauen von Babynahrung und Milchpulver erwischt wurden, fragte er zunächst einen Mann auf der Straße, ob er wirklich glaube, die Leute klauten "aus Verzweiflung" oder nicht vielleicht doch eher "aus Gier"? Sodann ließ er einen Vertreter des Einzelhandels zu Wort kommen, der beklagte, seine darbende Branche müsse jetzt Sicherheitsetiketten sogar auf solchen Produkten des täglichen Bedarfs anbringen, bei denen es völlig "unrentabel" sei, solche teuren elektronischen Anti-Diebstahl-Tags anzubringen.

Wer soll das bezahlen, fragte mit wachsender Besorgnis der Reporter und kam zu dem Schluss, der Ladendiebstahl - also die Ladendiebe - seien schuld an all den Preiserhöhungen, die von den Nichtladendieben bezahlt werden müssten. Und er ermahnte die Schuldigen, es gebe doch "eine Alternative" zu derart verantwortungslosem Handeln, nämlich die vielen wohltätigen Tafeln und "charity foodbanks", wo die verzweifelten Armen sich ihre gierigen Mäuler stopfen lassen könnten.

Weil, gerade an Weinachten solle keiner hungern müssen, und man müsse nur feste an den Weihnachtsmann glauben, dann werde alles gut und alle satt.

Dazu passen aktuelle Umfrageergebnisse, dass immer mehr verarmte Menschen glauben, beim Weihnachtsmann handele es sich in Wahrheit um einen dicken alten Kommunisten, der die frohe Botschaft verbreite, Reichtum gehöre angemessen verteilt, und wem davon nicht gegeben werde, der müsse sich halt, in Gottes Namen, nehmen.


Freitag, 2. November 2012

Power to the people from the people



Nee, ist kein Fahrradladen.


Ist auch kein Outdoor-Hometrainer.



Ist eine Strom- und gute-Laune-Ladestation.


Mittwoch, 31. Oktober 2012

Donnerstag, 2. August 2012

Morgenröte und Paradies



In Athen gibt es neuerdings ethnisch reine Lebensmittel-Almosen an bedürftige Griechen. Griechen, wohlgemerkt, nur an Griechen. Gegen Vorlage des griechischen Passes. Die Passkontrolle der schlangestehenden hungrigen Menschen erfolgte durch Organisatoren der rechtsextremen Partei Golden Dawn. Mit Kartoffeln, Nudeln, Milch und Olivenöl beschenkt wurden bevorzugt arbeitslose Menschen und kinderreiche Familien. Sofern sie ihre reinrassige griechische Herkunft nachweisen konnten.

Die wohltätigen Nationalsozialisten verteilten unter dem Signum 'Für Griechen von Griechen' ausschließlich Produkte griechischer Hersteller und griechischer Landwirte. Ob den griechischen Herrenmenschen von den Lebensmittelproduzenten ebenfalls Rassenachweise vorgelegt werden mussten, ist nicht bekannt, darf aber vermutet werden; immerhin war es bei vorausgegangenen Suppenküchen - veranstaltet von Golden Dawn für arme Menschen ausschließlich griechischer Herkunft - zu unliebsamen "Fehlern" gekommen, als unter den Zutaten Produkte entdeckt wurden, die in deutschen Supermärkten gekauft worden waren.

Die jüngste Spendenaktion fand in Syntagma Square statt, direkt vor dem Gebäude des griechischen Parlamentes. Die Aufforderung (griechischer) Staats- und Polizeibeamter, "solcherart Aktionen" auf dem berühmtesten Platz Athens zu unterlassen, wurde von der Partei der aufziehenden Morgenröte ignoriert. Ilias Kasidiaris, Parlamentsmitglied von Golden Dawn,
bezeichnete den Bürgermeister von Athen als "Bürgermeister der illegalen Immigranten" und schloss in eindeutig beleidigenden Worten, dass Golden Dawn weiterhin die Entscheidungen griechischer Beamter missachten werde, genauso wie griechische Bürger dies täten.
Eine in der Warteschlange anstehende Frau gab gegenüber dem bei der Aktion anwesenden BBC channel an, diese Initiative mache "Golden Dawn um ein Vielfaches attraktiver". Betont wurde ferner von Partmitgliedern, das gespendete Essen werde aus "staatlichen Geldern" finanziert: "Unser Slogan heißt: Staatliches Geld zurück an die Bürger".

Mehr fällt mir im Moment nicht ein.

Oder doch, das hier:


Besonders interessant: ab etwa 9:30 min.
Noch interessanter:
die letzten 30 Sekunden:
Was hat er versprochen? Arbeit und Brot für die Massen, für die Millionen Arbeiter, die damals arbeitslos und hungrig waren. Heutzutage, in unserer Wohlstandsgesellschaft, haben Arbeit und Brot keine Bedeutung mehr, aber damals war es ein absolutes Grundbedürfnis. Dieses Versprechen würde heutzutage keinerlei Sinn haben, aber damals - damals klang es wie ein Versprechen aus dem Paradies.
Damals.

Samstag, 28. Juli 2012

Excuse me?


Schockiert und zutiefst betroffen reagierte die internationale Finanzwelt auf diese Schlagzeile:
Barclays says sorry for Libor scandal as profits hit £ 4.2 bn

Barclays entschuldigte sich für den Skandal um Libor (manipulierter Zinssatz unter Banken am Londoner Geldmarkt) und berichtete gleichzeitig von einem über den Erwartungen liegenden Halbjahresgewinn von 4,2 Milliarden £.
Aus Brancheninsiderkreisen war zu erfahren, dass es sich bei diesem Statement um eine unerhörte Entgleisung und eine schwerwiegende Verletzung weltweit gültiger ethischer Standards in der Finanzindustrie handele. Was das Bankenvorstandsmitglied Marcus Agius da - in einer offensichtlich schwachen Minute - dahergeredet habe, sei an Verantwortungslosigkeit nicht zu überbieten. Selbst hochrangige Mitglieder aus dem Vorstand Barclays' hätten sich von ihrem Kollegen distanziert mit den Worten:
"Entschuldigung, aber wie kann einer von uns sich entschuldigen?"
Ein den Libor-Vorgängen nahestehender Kenner der Szene (der namentlich nicht genannt werden wollte) ging sogar so weit, von Agius eine Entschuldigung zu verlangen dafür, dass er sich entschuldigt habe.
"Wehret den Anfängen!"
soll er sich empört haben, und:
"was, wenn das Sichentschuldigen Schule macht, wo kommen wir da hin?"
Quer durch die Reihen war man sich einig darüber, dass der Fettnäpfchentreter des Londoner Finanzdistriktes die mahnenden Worte seines großen Landsmannes Elton John (Video) beherzigen und zur Strafe hundertmal sich hinter die Ohren schreiben sollte, auf dass ihm das Unwort sorry niemals mehr über die Lippen rutsche - mit der Begründung, erst das Wörtchen sorry habe der obigen Schlagzeile einen obszönen Beigeschmack verliehen.

Ansonsten, wurde aus der Londoner City versichert, laufe alles weiterhin seinen normalen Gang. Angesichts der unkontrollierbaren Manipulationsvorwürfe in Sachen Libor habe die Finanzindustrie versprochen, neuartige Kontrollen und Gesetzesentwürfe zur Regulierung des Gewerbes einzubringen, die dafür sorgen würden, dass in Zukunft das Unwort sorry ein für allemal der Vergangenheit angehöre.

Musik, zwo drei.


Donnerstag, 26. Juli 2012

Goldman Sucks


Die Goldmanisierung™ der europäischen Politik ("Masters of the eurozone") schreitet zügig voran:

vorher...
...nachher
(zum Vergrößern auf Link klicken)

Demnächst dürfte ein Neuzugang aus dem Hause Goldman Sachs in Good Old Europe zu erwarten sein: Die Bank of England - skandalgeschunden durch die jüngsten Enthüllungen rund um LIBORgate, bei dem ihr bisheriger Gouverneur Mervyn King keine allzu gute Figur machte - braucht dringend einen repräsentablen neuen Kopf. Am besten einen unbescholtenen. Also lieber keinen aus England, weil dort womöglich jedes große Finanztier irgendwie in die LIBOR-Affäre verwickelt ist, gewesen ist, gewesen sein könnte oder sich herausstellen könnte, dass er es tatsächlich war. Ein frisches, unverbrauchtes Gesicht muss also her:
"Warum nicht einen Kopf, der global ist? Banker sind nun mal nicht besonders beliebt, da klingt ein Kanadier nach einer guten Wahl. Gut möglich, dass sie, um die Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, sich nach einem Außenstehenden umschauen sollten."
Der unbescholtene Hoffnungsträger aus Kanada heißt Mark Carney, ist Gouverneur der Bank of Canada und trägt auch ansonsten eine saubere Weste, denn er war zuvor in leitender Stellung bei Goldman Sachs. Letzteres wird von der Finanzpresse allerdings weniger prominent gefeatured, schließlich geht es um Glaubwürdigkeit, nicht wahr, und da will man sich auf offener Bühne ja nicht selber in die Suppe spucken.

Apropos Bühne. Zu jeder Bühne gehört eine Kulisse, und in der warten bereits weitere Goldman-Sachs-Stammhalter auf ihren Einsatz im Tagesgeschäft der Politik; scheint's wird es denen im finanzkapitalistischen Tagesgeschäft zu langweilig, weil, immer nur Geld zählen ist ja auf Dauer auch öd. Von Tony Blairs - britischer Ex-Premierminister und derzeit Goldman-Sachs-Berater - feuchten Rückkehrträumen wurde hier bereits berichtet.

Nun scharrt seit kurzem aus demselben Großfinanz-Stall ein weiterer politisch ambitionierter Banker mit den Hufen: kein Geringerer als Lloyd Blankfein. Der ist nicht irgendwer und auch kein popeliger Goldman-Sachs-Berater mit fragwürdiger politischer Vergangenheit, der ist vielmehr quasi Mr. Goldman Sachs himself und höchstpersönlich, nämlich CEO der weltumspannenden Finanzkrake. Und streckt jetzt seinen Kraken-Fangarm nach Regierungsteilhabe aus - ihn dürstet offenbar nach (noch mehr) politischer Macht:
Mr. Blankfein schloss nicht aus, sich Regierungsgeschäften zuzuwenden, wenn seine Amtszeit als Chef bei Goldman beendet sein wird. "Ich habe Ambitionen, mich gebraucht zu fühlen. Von egal welchem Präsident; ich meine das nicht so, dass dies auf die Vereinigten Staaten beschränkt sein muss."
Noch ein Banker in einer Regierung - genau das, was der Welt gefehlt hat. Wo doch bereits quer über den Staaten Europas irgendein Goldman-Sachs-Spross mit dem Fallschirm abgesprungen ist, um die fachgerechte Abwicklung des Niederganges dieser Staaten zu managen.

Ein Blick auf die obige Graphik zeigt, wo noch Vakanzen zu besetzen wären. Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy wirkt ohnehin ein wenig abgekämpft in letzter Zeit. Vielleicht sollte ihm mal jemand sagen, dass es da jemanden gibt. Mit Ambitionen, sich gebraucht zu fühlen.

Sonntag, 8. Juli 2012

Vom Brief- zum Bankgeheimnis


Lustig.

Mal angenommen, ich hätte unlängst eine Bank ausgeraubt. Natürlich nicht allein, sondern mit ein paar zünftigen Kumpels. Mit denen hätte ich im Vorfeld per Email darüber korrespondiert, wie wir das krumme Ding am besten durchziehen. Nachdem wir das krumme Ding erfolgreich durchgezogen haben, liegen - pardon, lägen - inzwischen den Ermittlungsbehörden Beweise und Zeugenaussagen vor, dass meine Kumpels und ich das krumme Ding minutiös geplant hätten und ich deshalb besagte Emailkorrespondenz rausrücken solle. Weil nämlich meine Emailkorrespondenz minutiös die Planung dokumentiere, wie meine Kumpels und ich das krumme Ding am besten durchziehen würden.

Weil ich aber ein kackdreister Bankräuber bin (oder wäre oder gewesen wäre, ist ja jetzt egal), sage ich zu den Ermittlungsbehörden: Nix da, ihr spinnt wohl, so weit kommt's noch, dass ich euch meine Emails rausrücke, schließlich gibt es so etwas wie ein Briefgeheimnis!

Daraufhin fordern die Ermittlungsbehörden mich höflich auf, ihnen bitte den Grund mitzuteilen, warum ich ihnen meine - die Planung des krummen Dings minutiös dokumentierenden - Emails nicht aushändige, wenn nicht aus dem Grund, dass meine Emails dokumentierten, dass ich das krumme Ding minutiös geplant hätte.

Geduldig erklärte ich den Behörden, dass der einzige Grund, warum ich die Emails nicht rausrücke, im verfassungsrechtlich geschützten Briefgeheimnis zu suchen sei. Den Rest bitte über meine Anwälte. Na gut, erwidern die Behörden freundlich, dann versuchen wir's mal auf die nette Tour: Wenn Sie uns ihre Emailkorrespondenz überlassen, sichern wir Ihnen im Gegenzug Straffreiheit zu.

Ja, für wie blöd halten die mich eigentlich? Straffreiheit? Wo mir als kackdreistem Bankräuber ohnehin nur eine popelige Geld-, aber keine Freiheitsstrafe droht? Pfft, sagte ich, machte mal eben die paar lumpigen Millionen Bußgeld locker und würde mich mit den Kumpels und dem Rest meiner erbeuteten Milliarden (oder waren es Billionen?) auf die Bahamas absetzen. Davor einen kleinen Zwischenstop in New York (Wall Street) und London (City) einlegen, um die Korken (Bollinger! Darunter tun wir's nicht!) knallen zu lassen. Muss ja gefeiert werden, so ein Coup!

Lustig, oder?

Na ja. War jetzt nur so eine private kleine Bankräuberpistole, mit viel Phantasie, aber weniger Hand und Fuß - trotzdem: aus dem richtigen prallen Leben gegriffen, dort, wo die großen starken Bankkumpels wohnen. In der New Yorker Wall Street und der Londoner City. Dort, wo Briefgeheimnisse noch etwas gelten und Bankräuberpistolen wahr werden. Dort, wo so ein Coup funktioniert, wie geschmiert. Dort, wo sie Bollinger trinken und sich über den dummen Rest der Welt lustig machen. Und das Ganze unglaublich lustig finden.

Mittwoch, 30. Mai 2012

Mind the Crap


Wenn ich etwas liebe, dann sind es spontane Wortschöpfungen - geboren aus dem Augenblick der Not, der Klarsicht oder dem Sinn fürs Absurde.

Voilà:
(Evacuating) The Tispanic
Alles drin in diesem struppigen Wortgewächs:

- situative Panik, buchstabiert auf Spanisch;
- reimt sich auf Hispanic;
- jeder denkt sofort an die unselige Titanic und deren jämmerliches Absaufen.

Panik auf der Tispanic. Da rattert es im Assoziationsgetriebe: Aha - die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Zwar wird uns immerzu erzählt, der Kapitän bleibe bis zum bitteren Ende an Deck und gehe als Letzter von Bord oder notfalls mit unter. Das ist aber reine Folklore und gilt nur für den ehrbaren Berufsstand der Kapitäne, keineswegs für den der Politiker und Banker. Den Blick fest gerichtet - nicht etwa auf den Eisberg, sondern auf die Rettungsboote.

Könnte ich jetzt stundenlang und mit wachsender Begeisterung drüber ablästern, wäre da nicht eine weitere geniale Wortschöpfung, die alles Ablästern ins Feinstoffliche pulverisiert.

Voilà:
And that, my friends, is that.



What one says when one is afraid to say 'shit'.

Samstag, 26. Mai 2012

Hilf dir selbst


... so hilft dir Gott? Falsch. Hilf dir selbst oder fahr' zur Hölle. So muss das heißen im Jahr 2012, wo Griechen eine Lösung für ihre aussichtslose Lage finden, indem sie sich von Dächern stürzen oder sich auf öffentlichen Plätzen die Kugel geben. Manchen ist das zu radikal, die ziehen die Selbsthilfe via Müllcontainer vor, um Essbares fürs Überleben zu finden, oder setzen ihre Kinder aus, weil sie sie nicht mehr ernähren können.

Hilf dir selbst oder fahr' zur Hölle - der neueste Slogan aus dem Hause IMF und aus dem Mund dessen geschäftsführender Direktorin, Christine Lagarde.
"Ich denke, sie (die Griechen) sollten sich selbst gemeinsam helfen," sagte Frau Lagarde.
Herzlos? Aber woher denn. Frau Lagarde hat ein großes Herz, dem sie Luft macht, indem sie mitteilt, dass ihre Sympathien eher den sozial benachteiligten Kindern Afrikas gelten als den notleidenden Menschen in Griechenland:
"Ich denke viel mehr an jene kleinen Kinder einer Schule in einem kleinen Dorf im Niger, die zwei Stunden Unterricht am Tag erhalten, sich zu dritt einen Stuhl teilen und sehr bildungshungrig sind. In meinen Gedanken bin ich die ganze Zeit bei diesen Kindern."
An diesen Kindern möchten sich die Griechen doch bitte mal ein Beispiel nehmen, findet Lagarde. Die tun was. Die jammern nicht bloß herum. Warum muss Lagarde dauernd an die armen Kinder Afrikas denken?
"Weil ich denke, die brauchen mehr Hilfe als die Leute in Athen."
Ist das nicht herzzerreißend? Spricht das nicht jedem verarmtem Griechen aus der Seele, wenn ihm der IMF beisteht und sagt, es gäbe Schlimmeres als abgegraste Mülltonnen und dem Hunger überlassene Kinder?

Wenn Kinder hungern, müssen - wer sonst? - die Eltern an die Kandare genommen werden. Schließlich sind Eltern verantwortlich für ihre Kinder. Egal, wer dafür verantwortlich ist, dass in Griechenland gehungert wird.
In schroffen Worten - schroffer denn je während der zweieinhalb Jahre währenden Schuldenkrise - erklärt sie, griechische Eltern müssten die Verantwortung dafür übernehmen, wenn ihre Kinder unter den Haushaltskürzungen zu leiden hätten.
Im Klartext: Verantwortungslose Eltern sind schuld, wenn ihre Kinder hungern. Könnten ja etwas gegen das Leid ihrer Kinder tun, diese Eltern, nicht wahr? Aber sie tun es einfach nicht, und deshalb sind sie verantwortungslos. Tun was nicht?
"Eltern müssen eben ihre Steuern bezahlen," sagt sie.
Tja, Frau Lagarde, wenn das so einfach wäre mit dem Steuernzahlen. Dafür braucht man Geld, wissen Sie? Und für Geld braucht man wiederum einen Job, schon was davon gehört? Okay, Frau Lagarde denkt halt, wer in Mülltonnen nach Essbarem wühlt, der macht dies mit dem infamen Hintergedanken, auf diesem Wege Steuern zu hinterziehen.

Und deshalb findet Frau Lagarde, den Griechen müsste mal wieder ordentlich aufs Maul gehauen werden. Damit sie endlich zur Vernunft kommen, diese verantwortungslosen, untätigen, immer nur die Hand aufhaltenden Griechen, die ihren Hintern einfach nicht hochbekommen und sich an den Mülltonnen des Landes einen schönen Tag machen. Statt endlich mal die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Auf geht's, Selbsthilfe, wird's bald?

Wird schon, Frau Lagarde, keine Sorge. Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, sich so bald wieder in Athen blicken zu lassen, weil, dort könnten Sie von zur Selbsthilfe schreitenden Griechen die Prügel einstecken, die Sie derart marodierend austeilen.

Apropos Selbsthilfe.

Die treibt aktuell reiche Blüten in Griechenland. Der Tag wird kommen, wo diese kreative, solidarische, gemeinschaftlich organisierte Form der Selbsthilfe denunziert werden wird - von Leuten des Schlages Lagarde, die den Griechen den Höllentrip an den Hals wünschen - als Schattenwirtschaft, Schwarzmarkt und kollektiv organisierter, bösartiger Auswuchs von Steuerhinterziehung:

Aus dem Tränengasnebel in Syntagma Square tauchte ein neue Bewältigung der Krise auf. Es handelt sich weder um Wohlfahrt noch um christliche Nächstenliebe, sondern um praktizierte Solidarität.
Nennen Sie es, wie Sie wollen, Frau Lagarde.

Wir nennen es wachsenden Widerstand.


Samstag, 21. April 2012

Bücher auf Rädern mit Eselsohren


Buch macht kluch.

Auch solche Menschen, die weder eine Buchhandlung vor der Haustür noch Geld in der Tasche haben.

Zum Beispiel in Argentinien:

"Weapon of Mass Instruction"

Dort kommt ein zweckentfremdeter Panzer vor die Haustür oder einfach auf die Straße und bringt den Leuten etwas zum Lesen. Gratis, selbstverständlich. Der Künstler Raul Lemesoff hat einen ausgedienten Panzer zu einem sinnvollen Einsatzfahrzeug umgebaut, nämlich zu einer ambulanten Bibliothek.


Zum Beispiel in Venezuela und Kolumbien:


Dort ist in ländlichen Gegenden und schwer zugänglichen Andenbergdörfern der Bücher-Esel unterwegs und bringt den Leuten etwas zum Lesen. Gratis, selbstverständlich. Angestoßen wurde die vierbeinige Bildungsoffensive von der kleinen venezolanischen Universidad de Mombay (Blog "Proyecto Bibliomulas").

Bücher-Esel 'Alpha'

In Kolumbien hatte der Lehrer Luis Soriano bereits vor zehn Jahren die Idee, mit einem Bücher-Esel durchs Land zu ziehen (Blog: "El Biblioburro").


Für ein paar Momente aus der Selbstverständlichkeit mitteleuropäischer (Bücher-)Warenwelten herauszutreten und die glückseligen Reaktionen von Kindern und Erwachsenen auf das Geschenk Buch zu erleben, hat etwas Berührendes.

Freitag, 20. April 2012

Souverän



Frau Lagarde ist jene Person, die derzeit mit dem Klingelbeutel unterwegs ist. Nicht im Auftrag des Herrn, vielmehr im Auftrag des IMF.

Der IMF ist jener Verein, der Ländern wie Griechenland oder Irland (vielmehr deren Bürgern) gern drastische Armutsprogramme aufs Auge drückt, selbst aber dringend mehr Geld braucht, weshalb, im Umkehrschluss, besagte Armutsprogramme einem guten Zweck dienen. Aus Sicht des IMF jedenfalls.

Dass der IMF jetzt dringend noch mehr Geld braucht und deshalb betteln gehen muss, leuchtet jedem ein, dem das Treiben des IMF einleuchtet, weil, der IMF braucht nämlich dringend noch mehr Geld, um mit dem Geld, das dringend gebraucht wird, noch mehr Geld zu versenken als bereits versenkt wurde. Das Ganze nennt sich Beggars Banquet oder, etwas geschmeidiger, EU Bailout Funds.

Allerdings scheint die Spendensammelaktion eher schleppend zu verlaufen. Bislang weigern sich die meisten Länder, auch nur einen Pfennig oder ähnliches Kleingeld rauszurücken, weil sie angeblich keines haben, wobei jene Länder, die bereit sind, Kohle an den IMF abzudrücken, eigentlich auch kein Geld haben, jedoch die altbekannte Frage "Woher nehmen, wenn nicht stehlen?" mit der altbekannten Antwort parieren: Na, vom Steuerzahler, woher denn sonst? Blöd ist halt nur, dass der Steuerzahler gleichzeitig auch Wähler ist, was die knausrige Zurückhaltung der spendenunwilligen Länder ein Stückweit erklärt.

Was soll's, dachte sich die nimmermüde Frau Lagarde, irgendwie muss diese dümpelnde Spenden-Acquise doch auf Trab zu bringen sein - schließlich braucht der IMF, sprich: die Banken, dringend Geld, sprich: Rekapitalisierung - und legte bei den Meetings der G-20, des IMF und der Weltbank einen Zahn zu:
"Was die Rekapitalisierung betrifft, könnten der ESM und der ESFS eigentlich überall in der Eurozone hilfreich einspringen - allerdings muss das immer auf dem Umweg über die jeweilige Staatssouveränität geschehen ('it has to be channeled through the sovereigns')."
- wie gesagt, blöd halt, dieser Umweg über die Staatssouveränität, auf jeden Fall lästig und zeitverschwendend. Darum will der IMF nichts anbrennen lassen und sinnt auf zügige Abhilfe:
"Darum setzen wir uns dafür ein, dass dies (die Rekapitalisierung der Banken) ohne den Umweg über die Staatssouveränität erfolgen kann."
- also, der Einfachheit halber den notleidenden Banken die wohltuende Finanzspritze direkt zu injizieren, ohne dieses ganze hemmende nationalstaatlich-bürokratisch-pseudodemokratische Gedöns. Selbstverständlich, ergänzte Frau Lagarde souverän, nicht ohne ein angemessenes übergeordnetes Kontrollinstrument:
"Es (die Rekapitalisierung der Banken) könnte und sollte (stattdessen) begleitet werden durch eine eher global ausgerichtete europäische Supervision."
Ja, warum eigentlich nicht? Könnte doch vieles vereinfachen, oder? Ob es das auch sollte, steht auf einem anderen Blatt, und in einem anderen Blatt lese ich zum gleichen Thema unter der Überschrift
"IMF's Lagarde: Lasst die EU Bailout Funds den Banken zukommen ohne den Boxenstop beim Staat"
den folgenden folgenschweren Satz:
"Eine größere Sorge tut sich auf, falls die Banken beschließen sollten, den Staaten ('sovereigns') kein Geld mehr zur Verfügung zu stellen; dies könnte passieren, wenn die Banken zu dem Schluss kommen, die notwendigen Austerity-Maßnahmen und Haushaltskürzungen drosselten das wirtschaftliche Wachstum, welches für den Kreditsektor der entscheidende Maßstab ist."
- und denke, Moment mal: Die Banken beschließen, den Staaten kein Geld mehr zur Verfügung zu stellen? Hallo? Das hieße doch im Klartext, der Staat hat seine Funktion als Souverän mal eben ganz souverän an die Banken abgetreten? Ja, darf der das denn? Ohne seinen Souverän (Volk und so) vorher zu fragen? Klar darf der das.

Lange nichts mehr gehört von Irland. Was ja immer ein sicheres Anzeichen ist dafür, dass sich irgendwas zusammenbraut. Im Falle Irlands ist das zum einen die gefürchtete, dummerweise in der Verfassung verankerte Volksabstimmung ("Fiscal Compact Referendum") am 31. Mai, wovor es der EU-Kommission und dem IMF gleichermaßen graut, weil sich da eventuell irgendwas zusammenbraut. Immerhin, der Souverän wird befragt; steht ja nun mal so in der Verfassung, dummerweise.

Zum andern hat sich in Irland auf Initiative der Regierung - Volksabstimmung hin, Volksabstimmung her - ein dubioses Gremium zusammengebraut namens "Constitutional Convention" (Versammlung zur Verfassungsänderung), die, wie der Name schon sagt, sich zum Ziel gesetzt hat, "die Verfassung (von 1937) einer Prüfung zu unterziehen und eine reformierte Verfassung zu entwerfen". Es durfte darüber spekuliert werden, wer in wessen Interesse welche Elemente der Verfassung reformieren, vulgo: über die Klinge springen lassen möchte.

Seit gestern nimmt das Vorhaben der irischen Regierung zur geplanten Verfassungsänderung endlich Gestalt an: Dem renitenten Ice Moon Blog ist es nämlich gelungen, sich Einblick in ein bislang geheimes Regierungs-Memo zu verschaffen, aus dem hervorgeht, nach welchem Modus die irische Verfassung zweckmäßigerweise abzuändern sei, sobald das leidige Fiscal Compact Referendum über die Bühne gegangen sein wird.

Im folgenden seien von den Artikeln der neuen irischen Verfassung bzw. den neuen Artikeln der irischen Verfassung die relevantesten zitiert:

Artikel 5
Irland ist ein Territorium des International Monetary Fund (IMF) mit vielen netten Pubs.

Artikel 6
Alle Rechte der Regierung, der Legislative, der Exekutive und der Justiz leiten sich - unter der Herrschaft des IMF - aus der EU ab, deren Recht es ist, das Führungspersonal des Staates zu bestimmen und, in letzter Berufung, über sämtliche Fragen der nationalen Politik zu entscheiden, entsprechend den Erfordernissen der herrschenden Klasse, die sich gegenwärtig aus multinationalen Konzernen konstituiert.

Artikel 10
Alle nationalen Ressourcen, einschließlich der Luft sowie sämtlicher potentieller Energieressourcen, die von dieser Verfassung als innerhalb des Geltungsbereiches von Parlament und Regierung liegend etabliert wurden, sind Eigentum des Höchstbietenden.

Artikel 11
Alle Einkünfte des Staates, egal aus welcher Quelle, fließen ausnahmslos in einen Fonds und werden bereitsgestellt, um Bondholdern in irischen Banken jenen Komfort zu gewährleisten, an den sie sich mittlerweile gewöhnt haben.

Artikel 28
Die Regierung soll für nichts verantwortlich zu machen sein. Die Vorgängerregierung wird für alles verantwortlich zu machen sein.

Artikel 29
Irland versichert seine Ergebenheit zu Unternehmensidealen, zu Kapitalismus, Profit, Kooperation mit den USA, und leugnet jegliche Solidarität mit anderen Nationen, insbesondere mit Griechenland.

Artikel 34
Die Rechtssprechung wird von Gerichten gehandhabt, die rechtskräftig von jenen Richtern etabliert werden, die dazu berufen wurden im Sinne dieser Verfassung, und zwar gehandhabt mit extremer Strenge gegenüber den Armen, den Regimekritikern und den Schwachen, jedoch nicht gegenüber den Reichen und Mächtigen und keinesfalls gegenüber korrupten Politikern oder Bankern, die das Land in den Konkurs getrieben haben respektive Leuten, die letztere geschützt haben.

Artikel 50
Gesetze, die von nationalen Parlament erlassen werden, müssen zuerst mit der Bundesbank abgestimmt werden.
Es heißt, das - streng vertrauliche - Dokument sei unverzüglich an Frau Lagarde weitergereicht worden zur gefälligen Überprüfung (schließlich will die irische Regierung weiterhin mit dem IMF auf gutem Fuß stehen). Lagarde - bekannt dafür, nach Herzenslust und Schulmeistermanier willfährige EU-Länder zu loben und aufsässige Mitgliedstaaten zu tadeln - soll sich hocherfreut gezeigt haben: "Seht ihr", wird sie demnächst den Ländern der EU-Peripherie wohlwollend zurufen, "es geht doch, mit ein bisschen gutem Willen, Bereitschaft zur Zusammenarbeit und Anpassung. Nehmt euch ein Beispiel!"

Erwartungsgemäß wird das Volk lautstark murren. Egal. Was zählt, sind Regierungen, die in lautstarkem "Tschakka!"-Taumel delirieren. Und sich hinterher nicht mehr auf die Straße trauen.

Montag, 16. April 2012

Schutzbedürftig


Gelesen und nach Luft geschnappt:
...die Mitarbeiter der Institution machen mit einem Vorstoß deutlich, dass sie am Erfolg der Bewältigung ihrer Kernaufgabe zweifeln: Für Geldwertstabilität zu sorgen. Die Personalvertretung der Notenbank fordert jetzt, die Pensionen der Mitarbeiter müssten gegen die Inflation geschützt werden. Sie verlangt damit eine Versicherung gegen das eigene Versagen.
Muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Dieselben Leute, die immer drastischere Lohn- und Rentenkürzungen in Ländern wie Griechenland, Portugal oder Spanien verlangen, wollen vor ihrer eigenen Politik geschützt werden und fordern daher einen Inflationsschutz für ihre eigenen, selbstverständlich ungekürzten und mit Sicherheit nicht zu knapp bemessenen Pensionen.

Ruhig bleiben, tief durchatmen.

Inflationsschutz gibt's natürlich nicht für lau, wer wüsste das besser als die Zielgruppe? Ihr schwant ihr vor,
"...die Risiken über geeignete Finanzinstrumente abzusichern - etwa inflationsindexierte Anleihen." Solche geschützten Anleihen bringen zwar in der Regel etwas weniger Rendite als normale Anleihen...
- es ist schon ein schweres Kreuz, was die Banker mit ihrer Gier auf Renditen zu tragen haben -
Aber selbst diesen Preis wären die EZB-Beschäftigten zu tragen bereit -
- hey, schließlich müssen wir alle den Gürtel ein bisschen enger schnallen, nicht wahr?
- so groß ist die Furcht der Eurohüter vor einem Geldwertverlust des Euro.
Angst essen Bankerseele auf.

Beim Weiterlesen nach Luft gerungen:
Der ganze Streit wäre vermutlich nicht bemerkenswert, wäre die Inflation, vor der sich die Mitarbeiter der EZB so fürchten, nicht genau jene Erscheinung, die zu verhindern oder zumindest gehörig einzudämmen der Sinn der ganzen Einrichtung ist.
Na, na. Inflation verhindern? Nicht doch. Nicht in Ländern wie Griechenland, Portugal oder Spanien. Vielmehr schwerpunktmäßig im eigenen Portfolio.

In Frankfurt wird derweil gemunkelt, dass wegen der geplanten Blockade des Bankenviertels im Rahmen der sogenannten "Maifestspiele" vom 16. bis 19. Mai die Mitarbeiter der EZB - zu ihrem eigenen Schutz - für einen (Arbeits)Tag, nämlich den 17. Mai, freigestellt würden (daher der Name Freitag).

Gestern gehört und einen Lachanfall bekommen, gefolgt von akuter Atemnot.

Dürfen sich einen Tag frei nehmen! Zu ihrem eigenen Schutz! Bezahlt, selbstverständlich. Da sage noch einer, die EZB schütze ihre Mitarbeiter nicht angemessen.

Es halten sich (ungeschützte) Gerüchte, dass die Personalvertretung speziell für diesen freien Schutz-Tag - neben der regulären Gehaltsfortzahlung - die Konstruktion einer außerordentlichen Inflationsschutzmaßnahme einfordere. Weil, so heißt es, die EZB-Mitarbeiter an diesem Tag ja nicht zum Dienst antreten dürften, um ihrer "Kernaufgabe" der Inflationsverhinderung gebührend nachzukommen, somit der eintägigen inflationären Gefahr Tür und Tor geöffnet und ein nicht zu verantwortendes Loch ins EZB-Banker-Tagesbudget gerissen würde.

Daraufhin nur noch schutzlos auf dem Boden gerollt.
Atemmaske, bitte.

Freitag, 7. Oktober 2011

Nahaufnahme


Right Here All Over
ist ein wunderbarer Dokumentationsfilm
über den Mikrokosmos #occupywallstreet.

Er zeigt genau das, worüber in den Medien kaum berichtet wird: wie so ein selbstorganisierter Mikrokosmos funktioniert, wie dort gelebt und gearbeitet, organisiert und improvisiert wird.

Er fängt Momente aus diesem Mikrokosmos völlig unplakativ ein, ohne jeden reißerischen Anflug - aber mit viel Intimität und situativer Poesie.

Es ist ein meisterhafter kleiner Film; weil er bei mir kein Gefühl hinterlässt, einen Film angeschaut zu haben, sondern das Gefühl, für ein paar Augenblicke dabei gewesen zu sein, mittendrin. Aus nächster Nähe, statt aus der Ferne. Right here all over.

Dienstag, 27. September 2011

Zugedröhnt am frühen Morgen


Vor einer knappen halben Stunde wurde ich auf beunruhigende Weise damit konfrontiert, dass ich zu einer Risikogruppe gehöre: Internetsüchtige!, lautete die frühmorgendliche Dröhnung aus dem Radio. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung zeigte sich schrill "alarmiert", möchte darum "die Internetsucht zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit machen" und stieß handfeste Drohungen aus: "Diese Art der Abhängigkeit braucht viel öffentliche Aufmerksamkeit."

Rette sich, wer kann. Wenn etwas meine "physische und seelische Gesundheit", mag sie noch so suchtgefährdet sein, ruiniert, dann ist sind es übergroße Dosen öffentlicher Aufmerksamkeit. Man darf sich in den nächsten Tagen auf viel Geschrei und Gekeife gefasst machen; ich habe mir vorsorglich schon mal eine Woche lang strengste Rundfunk-Abstinenz verordnet.

Warum lassen die mir nicht einfach meine Ruhe? Eben drum:
"Diese Art der Abhängigkeit braucht viel öffentliche Aufmerksamkeit, sonst droht sie eine stille Sucht zu werden."
Meine Ruh' ist hin. Die Dramatisierung nimmt ihren Lauf und wird verlässlich in öffentliche Hysterie münden. An den Pranger gehört sie, die Sucht, nicht ins verschwiegene Kämmerlein, denn dort "fallen sie erst einmal nicht auf", die Internetsüchtigen. Und damit die Online-Junkies auch gleich wissen, in welch gefährlicher Nachbarschaft ihr Risikoverhalten anzusiedeln ist, deliriert die Drogenexpertin mit ganz großer Keule:
"Während Koma-Säufer in der Notaufnahme und in den Schlagzeilen landen, können krankhafte Online-Nutzer lange unentdeckt bleiben."
Oh Schreck. Vorbei die Zeit, wo ich mich - sozial unauffällig - dem surfenden Koma-Saufen hingeben konnte. Die fürsorgliche Drogenbeauftragte will, dass ich in der Notaufnahme der öffentlichen Schlagzeilen lande. Harter alarmistischer Entzug droht.

Da hilft nur eins: mit heraufgesetzter Dosis gegensteuern. Radio aus. Computer an. Doppelte Dröhnung setzen. Komatös in den Tag starten. Heimlich. Unentdeckt. Solange es noch geht.