Samstag, 26. Mai 2012

Hilf dir selbst


... so hilft dir Gott? Falsch. Hilf dir selbst oder fahr' zur Hölle. So muss das heißen im Jahr 2012, wo Griechen eine Lösung für ihre aussichtslose Lage finden, indem sie sich von Dächern stürzen oder sich auf öffentlichen Plätzen die Kugel geben. Manchen ist das zu radikal, die ziehen die Selbsthilfe via Müllcontainer vor, um Essbares fürs Überleben zu finden, oder setzen ihre Kinder aus, weil sie sie nicht mehr ernähren können.

Hilf dir selbst oder fahr' zur Hölle - der neueste Slogan aus dem Hause IMF und aus dem Mund dessen geschäftsführender Direktorin, Christine Lagarde.
"Ich denke, sie (die Griechen) sollten sich selbst gemeinsam helfen," sagte Frau Lagarde.
Herzlos? Aber woher denn. Frau Lagarde hat ein großes Herz, dem sie Luft macht, indem sie mitteilt, dass ihre Sympathien eher den sozial benachteiligten Kindern Afrikas gelten als den notleidenden Menschen in Griechenland:
"Ich denke viel mehr an jene kleinen Kinder einer Schule in einem kleinen Dorf im Niger, die zwei Stunden Unterricht am Tag erhalten, sich zu dritt einen Stuhl teilen und sehr bildungshungrig sind. In meinen Gedanken bin ich die ganze Zeit bei diesen Kindern."
An diesen Kindern möchten sich die Griechen doch bitte mal ein Beispiel nehmen, findet Lagarde. Die tun was. Die jammern nicht bloß herum. Warum muss Lagarde dauernd an die armen Kinder Afrikas denken?
"Weil ich denke, die brauchen mehr Hilfe als die Leute in Athen."
Ist das nicht herzzerreißend? Spricht das nicht jedem verarmtem Griechen aus der Seele, wenn ihm der IMF beisteht und sagt, es gäbe Schlimmeres als abgegraste Mülltonnen und dem Hunger überlassene Kinder?

Wenn Kinder hungern, müssen - wer sonst? - die Eltern an die Kandare genommen werden. Schließlich sind Eltern verantwortlich für ihre Kinder. Egal, wer dafür verantwortlich ist, dass in Griechenland gehungert wird.
In schroffen Worten - schroffer denn je während der zweieinhalb Jahre währenden Schuldenkrise - erklärt sie, griechische Eltern müssten die Verantwortung dafür übernehmen, wenn ihre Kinder unter den Haushaltskürzungen zu leiden hätten.
Im Klartext: Verantwortungslose Eltern sind schuld, wenn ihre Kinder hungern. Könnten ja etwas gegen das Leid ihrer Kinder tun, diese Eltern, nicht wahr? Aber sie tun es einfach nicht, und deshalb sind sie verantwortungslos. Tun was nicht?
"Eltern müssen eben ihre Steuern bezahlen," sagt sie.
Tja, Frau Lagarde, wenn das so einfach wäre mit dem Steuernzahlen. Dafür braucht man Geld, wissen Sie? Und für Geld braucht man wiederum einen Job, schon was davon gehört? Okay, Frau Lagarde denkt halt, wer in Mülltonnen nach Essbarem wühlt, der macht dies mit dem infamen Hintergedanken, auf diesem Wege Steuern zu hinterziehen.

Und deshalb findet Frau Lagarde, den Griechen müsste mal wieder ordentlich aufs Maul gehauen werden. Damit sie endlich zur Vernunft kommen, diese verantwortungslosen, untätigen, immer nur die Hand aufhaltenden Griechen, die ihren Hintern einfach nicht hochbekommen und sich an den Mülltonnen des Landes einen schönen Tag machen. Statt endlich mal die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Auf geht's, Selbsthilfe, wird's bald?

Wird schon, Frau Lagarde, keine Sorge. Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, sich so bald wieder in Athen blicken zu lassen, weil, dort könnten Sie von zur Selbsthilfe schreitenden Griechen die Prügel einstecken, die Sie derart marodierend austeilen.

Apropos Selbsthilfe.

Die treibt aktuell reiche Blüten in Griechenland. Der Tag wird kommen, wo diese kreative, solidarische, gemeinschaftlich organisierte Form der Selbsthilfe denunziert werden wird - von Leuten des Schlages Lagarde, die den Griechen den Höllentrip an den Hals wünschen - als Schattenwirtschaft, Schwarzmarkt und kollektiv organisierter, bösartiger Auswuchs von Steuerhinterziehung:

Aus dem Tränengasnebel in Syntagma Square tauchte ein neue Bewältigung der Krise auf. Es handelt sich weder um Wohlfahrt noch um christliche Nächstenliebe, sondern um praktizierte Solidarität.
Nennen Sie es, wie Sie wollen, Frau Lagarde.

Wir nennen es wachsenden Widerstand.


Kommentare:

  1. Danke für das Video. Neulich hatte ich mir eine fast sechsstündige Doku über den spanischen Bürgerkrieg angesehen.
    Der Unterschied zur Selbstorganisation ohne Eigentum und der durch Enteignung der Betriebe ist natürlich eklatant.

    Falls sich jemand für die hervorragend gemachte sechsteilige Doku interessieren sollte, dann sei gesagt, daß die Sprache englisch ist.
    Los geht's auf youtube mit Teil 1: The Spanish Civil War - Part 1 - Prelude to Tragedy

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. "Der Unterschied zur Selbstorganisation ohne Eigentum und der durch Enteignung der Betriebe ist natürlich eklatant."

      Das hat Tiefgang, muss ich schon sagen.

      Löschen
    2. Ich hatte da noch ein paar Sätze mehr über die Anarchisten in der Doku getippt und die dann kurz vor dem absenden gelöscht. Der übrig gebliebene macht für sich keinen Sinn, ich geb's ja zu.

      Heute ist Sonntag. :-)

      Löschen
  2. Eine manipulative Strategie, die oft Anwendung findet: macht gleichzeitig jede weitere Kritik mundtot, weil wie kann man sich denn noch aufregen, dann würde man sich ja als Unmensch outen, dem die Kinder in Afrika nichts bedeuten... Ronald Reagan war ein Meister in dieser Disziplin: dem sind dabei fast die Tränen gekommen...
    @Rainer: las vor Kurzem Malrauxs 'Die Hoffnung': Hat mir auch wieder mehr Lust gemacht mich mit dem Spanischen Bürgerkrieg zu befassen...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Manipulative Strategie, ja. Nur, der Mme Lagarde kommen dabei nicht die Tränen, die bringt das knallhart und kaltlächelnd.

      Die manipulative Absicht - so wird mittlerweile auf politischen Blogs spekuliert - bestehe darin, dass die Hardlinerin Lagarde genau weiß, dass sie die Griechen mit diesen Statements bis aufs Blut reizt. Um diese ganz bewusst zu provozieren, im Juni so zu wählen, dass das Land bankrott gehen möge und die Troika sich mit reinstem Gewissen ihrer Zahlungsverpflichtungen entledigen kann.

      Man darf ja nicht vergesssen, dass Lagarde und Konsorten durch den Wahlerfolg von Tsipras (und dessen seither rasant steigenden Umfragewerten) ihrerseits bis aufs Blut gereizt werden. Aus Lagardes Worten spricht pure Berechnung und, im Grunde, Verzweiflung.

      Löschen
  3. das einizige was ihr zu grunde liegt, ist das kalkül anderer und nicht ein bisschen verzweiflung....so wie es sich für ein püppchen gehört...fremdgesteuert, gefühlslos... mir persönlich fällt zu solchen personen immer ein video von den anti cut protesten in london ein, dort hörte man auch nur eines " off with their h...s "

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Meintest Du vielleicht "off with the wh...s"?

      Mein ja nur :)

      Löschen
    2. ich meinte "off with their heads"...manchmal da mag ich einfach nicht die dinge aussprechen die mir am herzen liegen ;-)

      Löschen
    3. Ach so, das war mir entgangen, ist ja auch kein Wunder, wo die fraglichen Herrschaften eh immer kopfloser agieren.

      Löschen
    4. @Frau Mop: Siehste, nach unten ist immer noch Platz. Da bleibe ich doch lieber bei meinen Wahrheiten. :-P

      Löschen
    5. ??Deine Wahrheiten??

      Ich nix raff.

      Löschen