Sonntag, 27. Mai 2012

Casseroles of Quebec, unite!


Quebec, 22. Mai 2012

Die Kanadier zeigen, wie ziviler Ungehorsam geht. Jeden Abend. Die halbe Nacht durch. Seit über hundert Tagen. Täglich werden es mehr (am Dienstagabend über 250.000 in Quebec). Sie sind wie im Rausch, dabei kämpfen sie eigentlich 'nur' für ihr demokratisches Recht auf freie Rede, freie Versammlung und freien Protest unter freiem Himmel.

Nicht zu vergessen: das Recht auf geräuschvollen Widerstand.

Angefangen hat alles mit massiven Studentenprotesten gegen die massive Erhöhung der Studiengebühren (Red Square Revolt). Weil das der kanadischen Regierung nicht passte, hat sie in einem Nacht- und Nebel-Eilverfahren ein repressives Gesetz durchgepeitscht ("Loi 78"), das die Versammlungs-, Rede- und Protestfreiheit rigide einschränkt: Seit Freitag ist jede spontane Versammlung unter freiem Himmel illegal.

Streetart:
wurde der Polizei von Quebec
zur freundlichen Kenntnisnahme vorgelegt,
als sie von den Protestierenden
einen Demonstrationsrouten-Verlauf forderte

Weil das den Protestierenden nicht passte, haben sie gerufen:
jetzt erst recht!

Weil dem Rest der Bevölkerung einleuchtete, dass sich demokratische Grundrechte nicht im Hauruck-Stil in die Tonne treten lassen, hat sie gerufen: nicht mit uns!

Weil die Bevölkerung sah, dass Protestieren sinnvoll ist, hat sie gerufen: nicht ohne uns!

Und seither sind alle auf der Straße, Abend für Abend, und schlagen Krach. Schlagen auf Töpfe. Bratpfannen. Woks. Schlagen mit Kochlöffeln, Schneebesen, Deckeln. Schlagen mit allem, was die Küche hergibt. Mir scheint fast, in vielen kanadischen Küchen ist derzeit nur noch die Spüle übriggeblieben, alles andere wird perkussiv verfremdet und zum Protest umfunktioniert.
Um acht Uhr abends renne ich aus dem Haus mit einem Kochtopf und einem Kochlöffel, und während ich meinen Protestkumpels entgegenlaufe, höre ich Leute auf ihren Balkonen auftauchen, und dann fängt die Musik an. Ich wünschte - falls ihr woanders lebt -, ich könnte euch angemessen rüberbringen, wie sich das anfühlt; vielleicht schafft es dieses Video:

Es ist magisch. Es fängt ruhig an, hier und da ein Sound, dann baut es sich auf. Jeder auf der Straße beginnt zu lächeln. Wenn ich ankomme, grinsen wir alle - Junge und Alte, Kinder und Studenten, Paare und Rentner und Arbeiter und komische Kauze und Hunde und, okay, Nachbarn - grinsen wir alle das breiteste Grinsen, was ihr je erlebt habt, während wir herumtanzen und so viel Krach wie irgend möglich machen. Wir geraten völlig aus dem Häuschen, werden fast ekstatisch vor Freude darüber, unseren Gefühlen freien Lauf zu lassen, Freude, unserem Widerstand eine Stimme zu geben gegenüber einer Regierung, die uns zum Schweigen bringen will, Freude darüber, zusammen und miteinander verbunden zu sein.


Seit fünf Jahren lebe ich in meiner Nachbarschaft, und nie zuvor habe ich mich so stark als Teil einer Community gefühlt. Diese Proteste werden eine langanhaltende Wirkung haben, wie die Menschen in der Stadt miteinander in Verbindung treten, und diese Wirkung ist unglaublich und unglaublich tief. Ich bin in Montreal geboren und aufgewachsen, habe diese Stadt immer geliebt, habe allen erzählt, dass es die beste Stadt der ganzen Welt ist, aber ehrlich - nie habe ich diese Stadt mehr geliebt als genau jetzt.

Dies ist eine Revolution des Zusammenhaltens, der Solidarität.

Am nächsten Abend waren es doppelt so viele Menschen. Heute abend werden es noch mehr sein.

Ich komme von diesen Protesten in euphorischer Stimmung nach Hause. Als ich in der ersten Nacht zurückkehrte, setzte ich mich auf mein Sofa und brach in Tränen aus, weil dieser Akt des Widerstandes - laut, geräuschvoll, gemeinsam mit meinen Nachbarn und mit so viel Freude - so viel Anspannung gelöst hat, die ich mit mir herumgeschleppt hatte, aus Angst vor der Regierung, aus Angst vor Verhaftung, aus Angst vor der Zukunft. Plötzlich fühlte ich mich leichter.

"Liebte ich meine Stadt noch mehr als gerade jetzt, mein Herz würde zerspringen." Wir verwenden häufig das Wort "Liebe". Wir fühlen uns stark. Wir fühlen uns verbunden. Wir fühlen uns wie Sieger.

So sieht Quebec zur Zeit aus: Jede Nacht ist gefüllt mit Tränengas und Bereitschaftspolizei, aber auch mit Freude, Gelächter, Freundlichkeit, Zusammenhalt und toller Musik. Unsere Herzen zerspringen. Wir sind so stolz auf uns, auf den Geist von Quebec und seiner Menschen, auf unsere Fähigkeit zum Widerstand und unsere Fähigkeit zum Zusammenhalt.

"It's really kicking off in Quebec"

Ein engagierter, empfehlenswerter, informativer Artikel von Philippe Fournier, der Politik an der Universität Montreal lehrt und unverhohlen stolz ist auf seine Studenten,
"diese junge Generation, von vielen etikettiert als völlig apathisch und unpolitisch, nimmt einen resoluten Standpunkt ein gegen den eingeschränkten Zugang zum öffentlichen Raum, gegen die Kommerzialisierung von Bildung und gegen die knallharte Law-and-Order-Politik einer arroganten, verantwortungslosen Regierung.

Viele mag dies überrascht haben, denn sie (die Studenten) taten es in Eigeninitiative, ohne die Unterstützung ihrer Politologen-Professoren, die schon seit langem kritisches Denken aufgegeben haben zugunsten des funktionalistischen Nachbetens einer Realität, die von Regierungsgeldern finanziert wird."

Kommentare:

  1. Starkes Video:

    "Kinetische Typographie" einer kurzen Rede, gehalten von Gabriel Nadeau-Dubois, Sprecher von CLASSE (Quebec student union).

    "We must stop being afraid of words
    we must name these people by their name
    these people are the ruling class."

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  2. Der erste Kommentar unter dem Video, von dem Hochladenden selbst, hat es mir angetan:

    "Or maybe we should be able to devote ourselves to whatever the fuck we want, regardless of privilege, you neoliberal asshat."

    Ich denke, da liegt der Hund begraben - dann bräuchten 'wir' auch vor nichts und niemandem mehr Angst zu haben...

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  3. über den erfreulichen szenen aus quebec und den laufenden aktionen der occupistas in den usa würde ich aber auch einen blick in den süden empfehlen :-)

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