Samstag, 12. Mai 2012

Hell wie wach, Hell wie Hölle


Gestern war ich müde, heute bin ich wach. So richtig schön wach gemacht hat mich gerade ein aufgeweckter Blogartikel des amerikanischen Rechts- und Wirtschaftsprofessors William K. Black.

Der Professor ist auch einer, der warnt. Im Gegensatz zu den bezahlten Warnleuchtern warnt er allerdings nicht vor Chaos und Niedergang, vielmehr warnt Black vor den bezahlten Warnleuchtern, genauer: Black warnt vor Chaos und Niedergang, sollte den Warnleuchtern nicht demnächst das Handwerk gelegt werden. Leider ist es um die Hoffnung nicht allzu gut bestellt, dass es einem Volk - indem es von seinem demokratischen Wahlrecht Gebrauch macht - gelingen könnte, den Warnleuchtern das Handwerk zu legen. Weil, dazu gibt es ja die bezahlten Warnleuchter (vulgo: Medien), die das Volk vor dem Gebrauch seines demokratischen Wahlrechts warnen, und wenn das Volk sich frech über die Warnungen der Warnleuchter hinwegsetzt und trotzdem Gebrauch von seinem demokratischen Wahlrecht macht, dann warnen die Warnleuchter das Volk, dass jetzt aber wirklich Ende der Fahnenstange ist.

Black zerpflückt die Berichterstattung der Zeitung New York Times, über der die warnende Schlagzeile prangt:
"Die deutsche Geduld mit Griechenland neigt sich Ende zu."
Dazu Black:
Deutschland hat darauf beharrt, dass Griechenland einer Austeritätspolitik (dem Berlin Konsens) folgt, die mit Sicherheit Griechenland in eine Depression zwingt. Die deutsche Reaktion auf die wirtschaftliche Katastrophe, die es dem griechischen Volk aufgezwungen hat, besteht darin, erzürnt zu sein darüber, dass das griechische Volk bei den aktuellen Wahlen rebellierte gegen seine Regierung, die jenen deutschen Forderungen nachgegeben hat, welche die Griechen in eine Depression gezwungen haben. Griechenlands Geduld mit der destruktiven deutschen Politik, mit deren Angriffen auf die griechische Souveränität sowie der konstanten, zersetzenden Beleidigungen des griechischen Volkes neigt sich mehr als dem Ende zu.
- auf gut deutsch: Griechenlands Geduld ist zu Ende, wie die Wahlen unmissverständlich klar gemacht haben.

Während die NYT darüber schwadroniert, dass ein Wahlausgang wie in Griechenland samt möglicher Folgen "vor ein paar Wochen noch fast undenkbar war", klärt Black über das "Undenkbare" auf:
Die griechische Reaktion war nicht "fast undenkbar" - sie war vielmehr die typische Antwort einer Nation, deren Regierung kapituliert hat vor einem neoliberalen Angriff auf ihre Wirtschaft und ihre Souveränität. Die NYT Journalisten liegen mit ihrer Analyse falsch, weil sie geflissentlich die griechische Perspektive ignorieren und noch nicht einmal die Frage aufwerfen, wieso irgend jemand von einer Nation erwarten könnte, dass sie sich fügt, von einer feindlichen Macht in eine große Depression gezwungen zu werden.
Bemühten sich nämlich die Journalisten, die griechische Perspektive einzunehmen, erschiene ihnen die griechische Reaktion als verständlich. Unglücklicherweise, so Black, ziehen sich die Journalisten den Schuh der deutschen Perspektive an, indem sie der deutschen Politik nacheifern, die sich weigert, die griechische Perspektive auch nur in Betracht zu ziehen.
Die Idee, das griechische Volk sollte bereitwillig weiterhin mit dem Berliner Fahrstuhl nach unten fahren, der die Nation in eine große Depression gestürzt hat ..., zeugt von Wahnsinn.
Denn, so erinnert Black die nacheifernden bezahlten Warnleuchter, wozu gibt es eigentlich Demokratie?
Demokratie heißt, eine Regierung aus dem Amt zu werfen, die in Ungnade gefallen ist, die die Wirtschaft einer Nation an die Wand gefahren hat und unterwürfig die Anweisungen einer feindlichen fremden Macht ausführt. Genau das haben die Griechen getan.
Berlin und die NYT teilen den bizarren Glauben: Wenn deine fremdgesteuerte Regierung einen selbstmörderischen Pakt unterzeichnet, dann hast du, das Volk, die Pflicht, Selbstmord zu begehen, weil - ein Deal ist nun mal ein Deal.
Ein langer, höchst lesenswerter Artikel von Bill Black, der sich zwar an die New York Times richtet, aber ebenso gut gerichtet sein könnte an die deutsche Presse, wo sich bekanntlich die diensteifrigsten, am heftigsten blinkenden Warnleuchter tummeln.

Mächtig aufgeweckt hat mich übrigens die rasante Metapher von dem "Berliner Fahrstuhl nach unten". Endstation Hölle, you know.

Kommentare:

  1. Bill Black macht Freude, oh ja !
    Vier Tage zuvor dieses und vor einiger Zeit auch dieses schöne Stückchen ...

    AntwortenLöschen
  2. "Das Schöne an der Demokratie ist, dass ihre Wähler mit gescheiterten ökonomischen Dogmen weniger verheiratet sind als die akademischen Anhänger des Austeritäts-Kultes."

    Besonders schön, wenn ein Akademiker (Bill Black) so etwas sagt.

    AntwortenLöschen