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Freitag, 16. November 2012

Sleep well with Deutsche Bank



Der russische Dokumentarfilmer Victor Kossakovsky hat einen kleinen dreiminütigen Film gedreht.

Ort: eine Deutsche-Bank-Filiale in Berlin.
Handlung: Ein paar Menschen ohne Wohnsitz schlafen auf dem Boden des Geldautomaten-Vorraumes. Zwei Bankkunden betreten den Raum, steigen über die schlafenden Gestalten und ziehen Geld aus einem Automaten. Dann betritt eine Frau den Raum und bleibt zögernd in der Eingangstür stehen.
"...eine Frau öffnete die Tür zu den Geldautomaten, und als sie wahrnahm, dass drinnen Menschen schliefen, schloss sie langsam wieder die Tür und ging auf Zehenspitzen weg, während sie sagte, 'schlaft gut!'"
Victor Kossakovsky, NYTimes
Der Film heißt Lullaby (Schlaflied) und wird untermalt von dem träumerischen Lied Lullaby der udmurtischen Sängerin Nadezhda Utkina. Das Kunstwerk aus Film, Musik und Gesang ist so subtil, so melancholisch, so berührend und so verstörend, dass ich mich vor weiteren Worten scheue und lieber immer wieder den Film auf mich wirken lasse. Ich glaube, wenn Kunst so zu wirken vermag, dann - und nur dann - ist sie: Kunst.


Sonntag, 1. Juli 2012

Neulich im EU-Casino



Lately every Thursday night
She's late getting home
She phoned from work at quittin' time
Says the bosses asked her to stay
She says she's makin' double time

I suspect foul play
Don't you know that I suspect foul play

Sitting here and thinking back
It all starts making sense

I suspect foul play
Don't you know I suspect foul play

She'd better have some kind of evidence
Of all this extra pay
She'd better have some cold, hard facts

Cause I suspected foul play
Said I suspected foul play
Oh yes I do

Yeah, yeah
Something's gone wrong

Foul play, yeah

Donnerstag, 24. März 2011

Finden ohne Suchen


Frühmorgens auf den Balkon treten und die noch kalte Frühlingsluft schnüffeln.

Mehr ahnen als wissen, dass sie sich geschwind erwärmen wird.

Irgendeine Sehnsucht spüren, ohne sich zu kümmern, wonach.

Etwas finden, was der Sehnsucht eine Gestalt gibt:



Der katalanische Künstler Juan Miró und der amerikanische Jazzmusiker Duke Ellington begegnen sich zum ersten Mal für eine improvisierte Jazz-Session während einer Miró-Ausstellung in Südfrankreich.

Miró erzählt Ellington etwas über seine Skulpturen. Er tut es auf Französisch, und der Duke versteht kein Wort. Der Duke antwortet auf Englisch, und Miró versteht kein Wort. Beide verstehen sich großartig.

Inspiriert setzt sich der Duke ans Klavier und fängt an zu spielen. Der Schlagzeuger Sam Woodyard und der Bassist John Lamb lauschen und fallen ein. Lauschend lehnt sich Miró an eine Skulptur, genießt die Frühlingssonne und freut sich. Selbst die Skulpturen lauschen und freuen sich. Am Ende der Session ist die Luft so voller Energie, dass man die Knospen bersten hören kann.

Manchmal geschehen wundervolle Dinge, einfach so, wie aus dem Nichts.

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Zwischenruf


Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.
Marie von Ebner-Eschenbach

Das muss jetzt einfach mal gesagt werden, unbedingt, sonst kann ich nicht mehr ruhig schlafen, und dann wacht mein Hund Blues auf, und dann brechen ungute Zeiten an, und das will ich vermeiden.


Passend dazu:


Der große Solomon Burke ist am Samstag gestorben.

Sonntag, 29. August 2010

Herbstblues


Zwölf Grad. Dauerregen. Windböen, die einen kalten Schwall stechender Wassertropfen ins Gesicht prusten. Kommt der Windstoß ungünstig, ist die kalte Dusche fies vermengt mit der trüben Gischt aus all den riesigen Pfützen, durch die das Fahrrad rauscht. Morgen noch nasser, übermorgen noch kälter. Es ist aufs ekelhafteste Herbst geworden.

Kein Wunder also, dass mein Hund Blues breit und aufgeweckt auf dem Sofa sitzt (statt unter ihm zu liegen) und bei allem mitreden will. Das Schöne am Blues ist, dass er ein rücksichtsvoller Hund ist und mir auf dem Sofa immerhin noch eine taschentuchgroße Fläche zum Mitsitzen übrig gelassen hat. Da hocken wir also.

Das Lieblingsthema von Blues ist die mörderische Rückkehr in den Putzalltag, morgen früh, bei acht Grad, Dauerregen, Windböen, Pfützenduschen, und das auch noch im Halbdunkel eines schlechtgelaunten Tagesanbruchs. Auf dem Thema kann er stundenlang mit wachsender Begeisterung herumreiten. Ich kann es schon fast nicht mehr hören. Aber ich kenne meinen Hund, man muss ihn einfach so lange herumnölen lassen, bis er vor lauter Nölen hungrig wird, was er - gottlob - in wachem Zustand häufig wird, deshalb gehe ich uns jetzt eine gute Mahlzeit kochen, damit der verfressene Kerl endlich Ruhe gibt, denn eins steht fest: satter Hund gleich müder Hund.

Samstag, 28. August 2010

Blues in the night


Oh, oh, oh. Am vorletzten Abend meines Urlaubes regen sich bei meinem Hund Blues die Lebensgeister. Unterm Sofa herrscht Unruhe.

Ja, der Hund spürt, dass eine wunderschöne, volle, lebenspralle Zeit ihrem Ende entgegengeht. Da müssen wir jetzt durch, mein Hund Blues und ich.




Donnerstag, 12. August 2010

Blues zu Fuß


Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen die Problemlösungen: Ich nehme jetzt meinen Hund Blues immer auf die Arbeit mit. Sonst werde ich zu unruhig, denn wer weiß, was mich erwartet, wenn ich nach Hause zurückkehre, unters Sofa schaue und da ist kein Hund mehr! Weil der Blues sich während meiner Abwesenheit auf dem Sofa breitgemacht hat!

Also heute früh mit dem Blues im Schlepptau aufgebrochen - ich auf dem Fahrrad, der Blues zu Fuß - und ich dachte erst noch, ob das wohl gut geht? Ist ja schon ein alter Penner, der Blues, und die Strecke zur Putzstelle ist beträchtlich, nämlich satte 40 Minuten, per Fahrrad wohlgemerkt. Ich hatte schon befürchtet, den Hund huckepack auf dem Gepäckträger transportieren zu müssen, was bei dem XXL-Format vom Blues durchaus beschwerlich hätte werden können. Aber nix da. Kaum waren wir im Freien, zischte das Tier ab wie eine Mittelstreckenrakete, so dass ich (ja, ich!) Mühe hatte, ihm auf den Fersen zu bleiben.

Rennt der Blues also mit fliegenden Ohren und weit heraushängender Zunge davon und ich genauso hinterher - hat der mich auf Trab gehalten! Ständig musste ich einen Gang höher schalten, ein ums andere Mal aus dem Sattel steigen; die Pedale waren ebenso einem Härtetest ausgesetzt wie meine Waden. Ich weiß nicht, wer von uns beiden mehr gehechelt hat. Jedenfalls, an das Denken irgendwelcher Gedanken war heute nicht zu denken.

Für den Hund war's ein echtes Erlebnis, ich sage nur: all die wilden Karnickel, die ja frühmorgens recht zahlreich rumkarnickeln. Die haben den Blues natürlich fasziniert. Allerdings hat er schnell gemerkt, dass Hakenschlagen nicht so sein Ding ist, und sich dann würdevoll zurückgehalten, denn die kleinen Flitzer hätten ihm bloß auf der Schnauze herumgetanzt, und das wollte er sich nicht bieten lassen.

Und selbstverständlich hat er erst mal Bauklötze gestaunt über die vielen frühen Gassi-Hunde. Aber wie gesagt, der Blues ist kein Dummkopf - auch das hat er gleich gerafft, dass die (überwiegend) wohlgestriegelten Mittelschichts-Wuffis in einer anderen Liga spielen als er. Also ließ er von ihnen ab. Es gab auch so noch genug zu erschnüffeln für ihn.

Richtiggehend gereizt hat er auf die rudelartig auftretenden Nordicwalker(innen) reagiert; das alberne Geklappere mit den Stöcken kann der Blues überhaupt nicht ab. Es erinnert ihn wohl irgendwie an Märsche und ähnliches Zeug, und da fährt er ganz schlecht drauf ab, mein Blues. Geknurrt hat er wie ein Kampfhund - ich habe mein verschnarchtes Haustier nicht wieder erkannt. Die Nordic-Damen traten dann auch gleich sehr respektvoll an den Wegrand (so Spalier-mäßig, was zu der Klack-Klack-Marschiererei ja gut passt) und ließen uns passieren, was, wenn ich allein auf dem Fahrrad unterwegs bin, keineswegs der Fall ist. Braver Hund.

Hochinteressant fand der Blues dagegen jenen Park-Freischläfer, der mir täglich begegnet, seit ich im Frühtau zu Putze unterwegs bin. Der Hund blieb abrupt stehen und spitzte die Ohren: Die sägewerk-artigen Geräusche aus dem Schlafsack haben ihn wohl an irgend etwas erinnert - ein Fall von Seelenverwandtschaft, vermutlich. Ich musste den Blues fast mit Gewalt zum Weiterlaufen bewegen.

Viel zu früh (wegen des mörderischen Tempos) erreichten wir das Restaurant. Ich öffnete die Tür - der Hund checkte kurz die fremde Umgebung, sauste im Endspurt mit wehenden Ohren an Frau Übermops sperrangelweit geöffnetem Mund vorbei, peilte zielsicher die Ecke mit dem Klavier an, und - pardauz! - ließ sich mit einem homerischen Ächzen unterm Klavier nieder, streckte alle Viere von sich und sonderte für den Rest des Vormittags nur noch eine Schnarchfanfare ab, dass die Klavierbeine wackelten. Ich schickte ein Stoßgebet sonstwohin, dass dabei nicht das ehrwürdige Piano hoffnungslos verstimmt wurde - sonst könnte es Ärger geben.

Frau Übermop schaute erst den Hund an, dann mich, schüttelte ungläubig den Kopf und brummte dann resignierend: "Ich wusste es schon immer - du spinnst".