Mittwoch, 28. Juli 2010

Reboot


Wenn ich schon keine Hauptrolle beim Fernsehen bekommen kann, so verdanke ich dem Fernsehen heute immerhin einen freien Tag. Es wird weiter gedreht im Restaurant - wer fragt da schon nach einer sauberen Küche. Mir dann auch egal. Bleibe ich halt zuhause und putze meine eigene Küche.

Jedenfalls habe ich mir das fest vorgenommen. Aber zunächst genieße ich den zweiten Kaffee, das ungezwungene häusliche Dasein im Schlafanzug sowie das frühmorgendliche Internet und komme zu dem Schluss: erst das Vergnügen, dann die Arbeit.

Ich stolpere über The Times Literary Supplement, wo von "abenteuerlichen Träumerinnen mit hinreißenden Namen" die Rede ist, von "Women who invented the twentieth century". Von Frauen, die Voltairine (!) de Cleyre hießen, oder Elsie Clews (Knäuel!) Parsons, oder Storm (!) Jameson, oder Mary Church (!) Terrell, oder Maggie Lena Walker (these boots are made for, you know...). Schwupp, schon sitzt der Ohrwurm im Gehörgang.

Die amerikanische Anarchistin Voltairine de Cleyre (muss einen pfiffigen Vater gehabt haben, der Vorname ist echt) hat es mir besonders angetan: Voltairine
...war eine glühende Verfechterin der freien Liebe. Niemals sollte es erlaubt sein, 'die Liebe zu vulgarisieren durch die verbreitete Unanständigkeit eines fortgesetzt engen Kontaktes'...
Ist das nicht umwerfend? Mein Kaffee wird kalt. Weiter:
...behauptete sie, die auch nie besonders erpicht auf Kinder war, sich über mütterliche Instinkte mokierte und die Kinderlosen verteidigte.
Wohlgemerkt, wir sprechen vom ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Oder die britische Sozialreformerin Clementina Black, die
...erklärte, das Fahrrad würde mehr für die Unabhängigkeit der Frauen tun als alles, was explizit diesem Ziel dienen sollte. *
und zwar deshalb, weil das Fahrrad es der Fahrerin erlaubte, den damals obligaten Anstandsdamen und Dienstmädchen flugs davonzuradeln. Unnötig zu erwähnen, dass ich ein glühender Fan von Frau Black bin, erst recht von Frances E. Willard, die so vernarrt war in ihr Fahrrad, dass sie es Gladys nannte und ein Buch schrieb How I Learned To Ride The Bicycle, aus lauter Trotz, weil ihre Freunde (sie hatte die falschen) behaupteten, sie sei zu alt, um Radfahren zu lernen. Da war sie zarte 53 Jahre alt.

Das Thema schlechthin um die vorletzte Jahrhundertwende war für diese renitenten Frauen die Klamottenfrage. Die Welt zu verändern, hieß damals zuallererst den rigiden weiblichen Dresscode zu knacken: raus aus den einschnürenden Korsetts, den langen Röcken und den albernen Handschuhen - rein in die bequemen Hosen, und dann nix wie aufs Fahrrad. Das Nachsehen hatte die Gouvernante im bodenlangen Gewand mit dem rüschenverzierten Sonnenschirm. Mein Schlafanzug freut sich.

Leider gab es zur damaligen Zeit noch keine anständigen Stiefel für Frauen, wie mir mein Ohrwurm zuraunt. Sehr schade.
These boots are made for walking
And that's just what they'll do
One of these days these boots are gonna walk right over you.
Ahh, diese Bläser im Background. Und dann diese knochentrockene Bassline. Zum Stiefelanziehen. Are you ready, boots? Start walking.


*Die Übersetzungen vom Englischen ins Deutsche wurden vom Perlentaucher übernommen.

Kommentare:

  1. Echt ausgefallener Blog. Wo bekommt man solche roten Gartenschuhe her? :D

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  2. Meine habe ich chèz Aldi erbeutet. Preisgünstige Markenpiraterie - die echten Crocs sind schweineteuer.

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  3. Wo wir grade beim Thema sind (oder auch nicht):

    Herzlichen Glückwunsch, du Unterhund! Den freien Tag kannst du ja jetzt genüsslich mit Champagner und Kaviar begehen oder stilechter mit Dosenbier und Dosenhering :)

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  4. Graz fuer den Underdog! :-)

    http://feynsinn.org/?p=4088

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  5. @Amike
    Zufällig steht ein Bierchen kalt. Sogar eins in der Flasche, das ist der Feier des Tages angemessen. Prost.

    @bojenberg
    Danke für den Link.
    Ist das oben drüber ein Glückwunsch? Was ist ein Graz? Hoffentlich was Nettes...auch dafür danke.

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  6. Ich lehne mich mal gaaaanz weit aus dem Fenster und behaupte "Graz" ist die Abkürzung von "Grats", was widerum die Abkürzung von "Congrats", was widerum die Abkürzung von "Congratulations" ist. Quasi Mrs. Mop ftw :)

    Ich könnte mich allerdings auch umfassend verschätzt haben. Desöfteren wird mir vorgeworfen, meine Zwischennetzumgangsfloskelnkenntnisse ließen sehr zu wünschen übrig.

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  7. Oha.

    Ich musste grade nach ftw googeln, denn bisher hatte ich das immer als "f**ck the world" decodiert. Sachen gibt's. Nun bin ich schlauer ;), danke.

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  8. Dachte anfangs auch, das hieße "f*ck the world". Geht wohl auch, aber ich meinte das andere.
    Wurde aber gerade aufgeklärt, dass die Abkürzung theoretisch "Gratz" heißen müsste.
    Wie auch immer, vielleicht war's ja ein Tippfehler oder ein österreichischer Gag. Wer weiß. Man könnte ja testweise alle möglichen Gelegenheiten mit "Graz!" kommentieren, eventuell fällt es auf fruchtbaren Boden?

    Heut Nacht träum ich bestimmt vom absurden Theater, dieser Tag ist prädestiniert dafür...

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