Samstag, 10. Juli 2010

Teil der Gesellschaft


Es gibt Geschichten, die schreibt nur das Leben. Da geht einem Zeitungsfotografen die Waschmaschine kaputt, weshalb er sich in den Waschsalon begibt, wo das wirklich Leben tobt. Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit er seine Wäsche hinbringt - immer trifft er dort auf ein und dieselbe Putzfrau und wundert sich. Eines Tages fasst sich der Fotograf ein Herz und fragt die Putzfrau, wieviel sie eigentlich arbeite, und die Putzfrau antwortet "eigentlich immer". Das müsste für eine Story reichen, denkt sich der Mann. Wenig später rückt er mit einer Kollegin aus dem SZ-Magazin bei Petra Steingart (Name der Putzfrau) an. Einfach sei das nicht gewesen, lässt uns das Magazin im Abspann wissen: Für das Interview habe Frau Steingart sich "viel Zeit freischaufeln und Termine umschichten müssen", Putztermine wohlgemerkt, denn die Frau arbeitet im Schnitt 17 Stunden am Tag, manchmal werden es auch 19.

Das sei der "Terminkalender eines Managers" heißt es im ersten Satz des Vorspanns anerkennend, wenn auch nur für "einen Lohn, der gerade zum Überleben reicht". Keine Ahnung, wieviele Manager mit einem 17- bis 19-Stunden-Arbeitstag das SZ-Magazin schon interviewt und porträtiert hat (ich kann mich an keines erinnern), aber egal, Hauptsache, man hat eine griffige Einstiegsphrase, die einem im zweiten Satz erlaubt, noch tiefer ins Klischeeklo zu greifen und unsagbar dämliche Pseudoalternativen zu konstruieren:
Ist sie ein Vorbild? Oder ein Opfer unserer Zeit?
Nach diesem Vorspann war mir schon klar, dass die Lektüre des kompletten Artikels mir vermutlich den Samstagmorgen vermiesen würde, und so kam es. Bei immerhin vier Stunden Putzen täglich fragte ich mich zunächst, ob vielleicht auch ich "ein Opfer unserer Zeit" geworden sei oder gar "ein Vorbild" verkörpere. Als semantisch sensible Putzfrau scheiterte ich schon an den Begrifflichkeiten: Unsere Zeit? Wessen Zeit? Überhaupt, welche Zeit? Wäre System nicht angebrachter? Oder loser statt Opfer, noch einfacher? Vorbild? Bitte für wen? Ganz konkret? Na? (Raten. Auflösung steht am Ende des Artikels.)

Vollends den Zahn der Reflektion gezogen hat mir dann der Satz: "Petra Steingart putzt nicht ein bisschen und nicht bloß so nebenbei", aha, verstanden, vermutlich war das mit dem Vorbild so gemeint, dass eine wie ich mit läppischen vier Stunden täglich sich mal eine 17-Stunden-Malocherin zum Vorbild nehmen sollte. (Dachte ich zu dem Zeitpunkt, aber da hatte ich ja den Artikel noch nicht zu Ende gelesen.)

Trotz ihres harten Arbeitspensums, erfahren wir,
...will Petra Steingart ein anständiges Leben führen: Arbeitslosigkeit, Hartz IV oder andere staatliche Unterstützung kämen für sie nicht infrage. 'Dann arbeite ich lieber wie ein Tier.'
Ah ja, nun kommt der Leser auf die richtige Spur: Nur wer bereit ist, wie ein Tier zu arbeiten, kann/darf ein anständiges Leben führen - wer hat das jetzt gesagt, die Interviewte oder die SZ-Redakteurin?

Ach, man wüsste zu gern, welche Worte tatsächlich von Frau Steingart stammen, welche ihr in den Mund gelegt wurden und welche aus den Ganglien der Autorin einfach so herauspurzelten. Mir fiel unangenehm auf, dass die spärlichen Originaltöne in dem ellenlangen Artikel nur mit der Lupe zu entdecken waren; da lobe ich mir jenes andere Porträt einer Putzfrau, wo nur und ausschließlich die Befragte selbst zu Wort kommt, wo niemand wie wild herum kommentiert und interpretiert und raunt und deutelt. Im Falle des SZ-Magazins wüsste ich schon gern, wer hier eigentlich die Ideologieproduzentin ist, die befragte Putzfrau oder die Redakteurin?

So etwas zum Beispiel lese ich lieber im Originalton und frage mich, wieso die Autorin ihn mir vorenthält:
Sie kenne viele Menschen, sagt sie, die ähnlich hart arbeiten wie sie. Die zwei, drei Jobs haben, um sich ihr Leben finanzieren zu können, als Kfz-Mechaniker, im Sicherheitsdienst, im Supermarkt. Die bloß nicht runter wollen, nicht zu Hartz IV, in die Trägheit, ins menschliche Aus. Wie ein Monster hat sich Hartz IV im Leben der Menschen aufgebaut. Hartz IV heißt Stillstand, Arbeit heißt Fortkommen, Teil der Gesellschaft sein. Petra Steingart hat sich für diesen Weg entschieden, und sie geht ihn...
...und das SZ-Magazin hat sich für den Weg der höheren Leserverarschung entschieden und geht ihn, indem es versäumt mir zu erklären, wie das funktioniert, "Teil der Gesellschaft sein" bei einem (Minimum) 17-Arbeitsstundentag. Wie schafft es die Marathonputzfrau, in den verbleibenden fünf bis sieben Stunden sich als Teil der Gesellschaft zu fühlen?

Für Frau Steingart ist die Sache klar: Am liebsten nutzt sie die wenigen freien Stunden zum Schlafen. Lieber schläft sie als etwas zu essen. Schlafen und Arbeiten sind ihr wichtiger als Essen.

Für das SZ-Magazin ist die Sache auch klar: Die Story ist im Kasten - jetzt noch ein fetziger Schluss! Was eignet sich dafür besser als eine weitere haarsträubende, dem Leser die Socken ausziehende Pseudoalternative?
Ist sie, Petra Weingart, das Arbeitstier, die 85-Stunden-Frau, eine Heldin unserer Zeit?
Drunter ging's nicht. Heldin. Unserer. Zeit. Aua. Aua. Aua.

Arbeitslose, nehmt euch ein Beispiel, werdet Teil der Gesellschaft. Heldin unserer Zeit...Helden der Arbeit...alles schon mal dagewesen, irgendwann, irgendwo.

Oder? Oder was? Wo bleibt das rhetorische Gegenstück zum aufgepumpten Heldenpathos?
Im larmoyant-langweiligen Sozialpädagogensingsang:
Oder ein Opfer ungerechter Verhältnisse?
Sammer a bisserl betroffen, sammer a bisserl mitfühlend. Passt scho. Nur, das mit dem Heroisieren rockt halt a bisserl mehr, verstehn's.


Kommentare:

  1. Super Artikel, sehr treffende Analyse - herzlichen Dank!
    Bemerkenswert für mich: die "Hitze" hat zumindest bei Ihnen nicht den "kühlen" Kopf verdrängt . . .

    AntwortenLöschen
  2. Danke - sehr gern geschehen!

    Ja, ich finde das auch bemerkenswert, denn beim Lesen jenes Zeitungsartikels stieg mir die Hitze so zu Kopf, dass ich mir ein nasses Handtuch um denselben wickeln musste, sonst hätte ich in den Computer gebissen.

    AntwortenLöschen
  3. Kompliment! Ich hätte dieses Propagandagewäsch nach 30-sekündiger Lektüre mit auf's Klo genommen. Wiewohl Hochglanzpapier dafür ja nicht sonderlich gut zu gebrauchen ist.

    Wie sagte unsere Kandesbunzlerin ((c) www.schandmaennchen.de) so richtig? "Wir haben alle (sic!) über unseren Verhältnissen gelebt."

    Alle. Und jetzt, liebes, faules Fußvolk, sucht Euch bitte zwei oder drei mies bezahlte Jobs, damit auch Ihr weg kommt von Hartz IV.

    Was mich aber mal wirklich interessieren würde: welche geistig-moralische Grundausstattung man braucht, um einen Artikel für eine Zeitung zu schreiben, der so tief im Enddarm unserer "Leistungsträger" endet, daß man ihn nicht mal mehr mit einer Taschenlampe sehen kann?

    AntwortenLöschen
  4. Mit Sicherheit lebt die 17-Stunden-Putzfrau "über ihre Verhältnisse", wenn man unter letzteren nicht bloß finanzielle, sondern auch physische, seelische und gesundheitliche Verhältnisse versteht. 17 Stunden Maloche täglich stehen einfach in keinem Verhältnis mehr.

    Aber klar, für derartige Verhältnisse haben weder Bundeskanzlerin noch SZ ein Verständnis. Vermutlich läuft es in diesen Kreisen schon unter "Dekadenz", sich über gesundheitliche Schwerstbelastung/Überlastung überhaupt Gedanken zu machen.

    Tja, und was das Geistig-Moralische angeht: Da muss wohl Gehirnwäsche im Vollwaschgang stattgefunden haben. "Gute" Ideologien erkennt man daran, dass sie funktionieren.

    AntwortenLöschen