Dienstag, 18. Oktober 2011

Irgendwas mit Medien



Früher oder später holt er einen, der Lagerkoller. Bei mir kam er gestern. Er pirschte sich frühmorgens auf leisen, aber unsanften Pfoten an mich heran, als ich nach langwieriger Entmumifizierung (saukalt, die Nächte) aus meinem Zelt kroch und, noch schlaftrunken schwankend, der bullernden Wärmetonne zustrebte. Statt der gewohnten, extrem gemütlichen und entspannten Tonnenfrühbesetzung hatte irgendein Fernsehkamerateam es für eine gute Idee gehalten, dort ein längliches Interview zu filmen.

"Coole Atmo, los, wir nehmen die Tonne", hörte ich den Kameramann sagen, und so geschah es. Sie belegten die Tonne mit Beschlag, wegen der coolen Atmo. Was, im Gegenzug, für die Frühauf(und Tonnen-um-)steher zwangsläufig zu einer ziemlich uncoolen Atmo führte, weil, man darf ja dann nichts mehr reden, wenn das Fernsehen da ist, nicht wahr. "Sonst haben wir Störgeräusche in der Aufnahme", wurde uns beschieden. Wer will schon das Fernsehen stören? Da lassen wir uns doch lieber vom Fernsehen bei unserer frühen Aufwärmsession stören. Infolgedessen kriegte ich einen dezenten Hals, denn Störungen meiner liebgewonnenen morgendlichen Rituale kann ich auf den Tod nicht verknusen.

Wenn's nur das gewesen wäre - es ging aber so weiter. Das Camp #occupyfrankfurt war in einem ganztägigen Belagerungszustand der Medien. Überall bahnten sich Riesenmaschinen von Kameras ihren Weg, alle Naselang wurde ein Mikrofon vor der Nase plaziert, bald waren mehr Medialeute als Camper unterwegs, viele zogen sich genervt ins Zelt zurück oder suchten das Weite. Missmutig schaute ich dem Treiben vom Zelt aus zu, zack!, fädelte sich ein Kamerateam durch die eng stehenden Zelte, steuerte zielstrebig auf mich zu und fand, dass ich in der Zeltöffnung ein "sehr authentisches Motiv" abgebe, "wir wollen Stimmungen einfangen, wissen Sie", und wenig fehlte, und ich hätte meine momentane Stimmung explosiv in die Kamera artikuliert.

Selbstverständlich riss ich mich zusammen und beließ es bei einer höflichen Ablehnung; schließlich sind wir bei #occupyfrankfurt erstens konsequent gewaltfrei unterwegs und haben uns zweitens darauf geeinigt, auf die Instanz eines Pressesprechers zu verzichten, so dass jeder Camper den Medien Rede und Antwort steht und das erzählt, was er/sie für richtig hält. So weit, so gut, so basisdemokratisch.

Nur, wenn ich dann irgendwann vor lauter Hunger das Zelt zu verlassen wage und mich wie ein Wolf über das (großartige! - es wird jeden Tag besser, danke Küchenteam!) Vormittagsbuffet hermache -


- und beim beidhändigen Beschmieren eines Brotes wehrlos einem in mein Gesicht gehaltenen Mikrofon ausgeliefert bin, es schaffe, mit einem Wahnsinnskäsebrot und einem Kaffee einen Platz an der warmen Tonne zu ergattern, mit Heißhunger am Kauen bin und dann urplötzlich aus dem Hinterhalt neben dem Käsebrot ein Mikrofon vor meinem Mund auftaucht und jemand Wildfremdes mit ins Gesicht reingeliftetem Grinsen mir die Frage aller Fragen entgegenfeuert: "Warum sind Sie hier?", dann, ja, dann kann ich nicht anders als wahrheitsgemäß zu antworten: "Weil ich Hunger habe und hier ein schönes warmes Plätzchen ist" und - da das Mikrofon vor meinem Mund sich keinen Zentimeter wegbewegt - zu ergänzen: "Darf ich bitte in Ruhe weiteressen?" Die vom Fernsehen kriegen das nämlich von alleine nicht mit, dass man sich gerade mit vollen Backen der genüsslichen Nahrungszufuhr hingibt und keinerlei Lust auf medial gewünschtes Multitasking hat.

So ging das den lieben langen Tag. In einer Tour. Dieser mediale Belagerungszustand (wir haben ihn "occupy #occupyfrankfurt" getauft) geht - mehr als Kälte und meterlange Schlangen vorm Dixi-Klo - mächtig an die Substanz. Weil die Omnipräsenz der Medienleute, samt ihren offensiven Annäherungsversuchen und der daraus resultierenden eingeschränkten Bewegungsfreiheit, irgendwann das ungute Gefühl erzeugt: Das ist nicht mehr mein Camp, nicht mehr unser Camp, sondern fühlt sich an wie im Zoo.

Denn schließlich leben wir in diesem Camp. Wir verbringen die Tage und die Nächte dort. Wir sind nicht bloß mal so auf Besuch da. Diese kleine Zeltstadt mitten in der Frankfurter Finanzzone hat innerhalb weniger Tage bei uns ein Zugehörigkeits- , ein Heimatgefühl ausgelöst, über das ich selbst grenzenlos staune. Ich gehöre dorthin, basta. Wenn ich mich vom Camp entferne und nach ein paar Stunden zurückkehre, merke ich, dass ich kurz vor Erreichen der EZB schneller radle. Weil ich es nicht erwarten kann. Ich will da hin. Ich gehöre da hin.

Nach der gestrigen Medien-Ochsentour legte ich mich nachts mit diesem grummelnden Gefühl der 'Heimatlosigkeit' schlafen und beschloss: Morgen nimmst du dir eine Camp-Auszeit. Aber dann kommt es immer anders als man denkt: Heute früh gegen sieben Uhr taperte ich verschnarcht-verschwiemelt-vergrätzt zur Tonne, sah von weitem, dass die komplette Frühschicht versammelt war,

Zeitung lesend,

Zeitung vorlesend,

Zeitung mitlesend,

und fühlte mich auf der Stelle entschnarcht, entgrätzt, entschwiemelt und wieder zuhause. Einer der Earlybirds brachte mir einen frischgekochten Kaffee. Langsam wurde es hell. Ein Polizist kam vorbeischoben, wackelte mit dem Zeigefinger und meinte, diese Tonne sei nicht ungefährlich, wenn man ihr zu nahe käme. Zur Veranschaulichung tippte er mit dem Zeigefinger gegen den Tonnenrand und verbrannte sich höllisch. Fanden wir alle sehr erheiterlich, auch der Polizist.


Überhaupt, die Tonne setzt ungeahnte Energien frei. Martina, ein temperamentvolles Frühgeschöpf mit sympathisch großer Klappe ("ey, ich hab' seit drei Tagen in keinen Spiegel mehr geguckt und wisst ihr was? - das ist ein so geiles Gefühl!") -


- hielt aus dem Stegreif eine flammende Laudatio auf #occupyfrankfurt.

Es kam, wie es kommen musste: Augenblicklich war ihr die frühmorgendliche Medienmeute auf den Fersen. "Okay, aber nicht hier an der Tonne, da stören wir nur", willigte Martina ein, und dann zog sie vor der Kamera ein Ding ab, dass den beiden TV-Damen (geschminkt&gestylt) Hören und Sehen verging.


Die Tonne (nicht im Bild) tobte vor Begeisterung.

War noch was? Ach ja:


Kommentare:

  1. Danke für diese eindrucksvollen Berichte und mein ehrlicher Respekt! Ein klein wenig kann man im Camp dabei sein und das tolle ist, bequem von zuhause aus und sogar ohne zu frieren ;) Nicht ganz uneigennützig wünsche ich dir, dass du bei einem historischen Ereignis mitmischst!

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  2. Danke, Marc und Hansi, Ihr glaubt gar nicht, wie gut das tut - aufbauende Worte am frühen, regnerischen, zähneklappernden Morgen!

    Tonne ruft, Kampf geht weiter, Kaffee heiß&stark :).

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  3. Hallo Mrs Mop und den "Tonnern". ;-)

    Seit Tagen düse ich immer zu Deinem Blog und gucke, was es neues gibt, ob Du hoffentlich noch nicht erfroren bist, es Dir gut geht und Du durchhalten kannst.

    Toll, daß Du es immer wieder schaffst uns Deinen Bericht oder einen Kommentar hier einzustellen - ich bin dann schon dem Wasser auch mal etwas näher...

    Vor allem denke ich seit gestern, menno, ist gleich Mittwoch, bis dahin geht nur die Genehmigung, was machen sie dann, was wird mit ihnen gemacht?

    Ich wünsch Euch Kraft, Nerven... und die richtige Mischung aus "Gottesfürchtigkeit und Dreistigkeit".

    In Gedanken, auch wenn weit von Euch, hier an der polnischen Grenze - laßt Euch drücken und umarmen.
    Ich hatte es Samstag wenigstens bis Bln geschafft.

    Btw. und 'uns' @R@iner hat hoffentlich seinen EarlGrey heiß gebadet gekriegt ;-)

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  4. @Wat.: Nee, hab's nicht geschafft. Meine Ankündigung war deshalb auch nicht allzu vollmundig. Bei mir läuft gerade alles schief. So schief, daß ich es hier nicht breit treten möchte. Jedenfalls habe ich viel Frust und nicht einmal Kohle, um ein zweites Mal nach Frankfurt zu fahren. Äh, und die Bank spielte bei mir eine nicht unbedeutende Rolle.

    Der Frau Mop sende ich deshalb nur virtuelle 'hugs' und ein herzliches Dankeschön an sie und an alle Occupier!!!

    Hoffentlich wird auch das Wetter wieder besser.

    Wenn die Leute lesen, was da mit dem Rettungsschirm läuft, dann können sie doch nicht andersm als sich irgendwie anzuschließen.
    Btw.: Die aktuell genannte Zahl von 2 Billionen Euro bedeutet meiner Ansicht nach nur, daß Spanien und Italien bereits als pleite eingestuft werden. Der Betrag entspricht in etwa der Summe deren Schuldenstände.

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  5. @R@iner: Du schlägst eben Deine Schlacht an anderer Front, die wohl doch, so hört es sich an, die gleiche ist.
    Laß Dich nicht unterkriegen.

    Ja, 'sie' versuchen zu retten, was nicht zu retten ist... es geht nur um Zeit.
    Ich denke, sie wissen das und hoffen noch um irgendeine 'Lösung' - darum versuchen sie wohl auch mit 'Verständnis' die Occupiers so zu umarmen, daß ihnen die Luft weg bleibt...

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  6. +++ Frankfurt/Main - Das dortige Ordnungsamt genehmigte die Verlängerung des eigentlich nur bis Mittwoch angemeldeten Protestcamps mit etwa 60 Zelten bis zum 29. Oktober. +++

    Jetzt gehts aber bald an die Substanz!

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  7. @Wat.: Hoffentlich steht am Ende des ganzen Herausgezögere nicht die einzige und irgendwann als alternativlos gepriesene Lösung, nämlich die Einführung einer us dominierten Weltwährung. Sich nicht vor diesen Karren spannen zu lassen wird sehr schwer für die Leute bzw. für uns alle, wenn die Presse partout nicht aufhören will, die Proteste immer nur als 'Anti-Banken'-Proteste zu verorten.
    Mir schwant, das solche Pläne längst in den Schubladen liegen und ich betone dabei, daß ich mich selbst Äonen entfernt von jeglichen Verschwörungstheorien sehe.

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  8. Soso. Attac ruft zu weiteren Kundgebungen am 22.10. auf. "Proteste gegen den Bankenrettungsgipfel der EU" nennen sie das.
    Vor einigen Monaten hatte ich mich schon deswegen fürchterlich mit einem Attacler in die Haare gekriegt. Damals wollten sie nix von den Protesten in Griechenland und Spanien wissen. Jetzt setzen sie sich geschickt an die Spitze einer Bewegung, die sie in der Mehrheit inhaltlich nicht verstehen.

    Ich glaub' ich platz' gleich.

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  9. hey mrs. mop,

    erstmal vielen dank für die wirklich eindrucksvollen berichte.

    mein besuch hier folgt aber auf diese meldung - ihr habt heute abend unangenehmen besuch in der nachbarschaft...nicht nur den hosenanzug und den franzzwerg persönlich, sondern auch noch...

    ...Wie Regierungsmitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters sagten, nahmen an dem Treffen auch der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble, sein französischer Amtskollege Francois Baroin, IWF-Chefin Christine Lagarde, Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sowie EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy teil. Von Seiten der EZB waren der scheidende Chef Jean-Claude Trichet und sein Nachfolger Mario Draghi anwesend."

    wenn ihr diese bande seht, grüsst sie mal ganz herzlich von mir. so mit ein bißchen teer und so.

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  10. @mo: Kommu-ni-ka-tion!

    Was können wir Frau Mop und den anderen schon bieten.
    Die Merkel streift scheinbar immer ihr Kermit-Outfit über, wenn das Thema "Hoffnung" ist. Werde das mal weiter beobachten.

    Haha. Der Captcha-Generator betätigt sich als Orakel: Eben mußte ich "eumpast" eingeben.

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  11. @R@iner: Was auch immer passiert, Du kannst Menschen ihre Erfahrungen nicht einfach wieder wegnehmen ;-)

    Da könnteste Sabbeln bis zum Sankt-Nimmerleinstag, Erfahrungen kriegst Du höchstens um andere erweitert, nicht ausgelöscht.

    Und auch wenn es so kommen sollte - mir ist da attac tatsächlich auch zu sehr dran - Menschen, die dabei waren, vergessen nicht, was da war, was das für sie war.

    Da redet ihnen hinterher auch niemand etwas anderes ein.
    Es mag dann unterschiedliche Ansichten über die Zeit geben, aber die sind eben so subjektiv wie die Menschen, die dabei waren.
    Aber es sind eben ihre Ansichten und Wahrnehmungen und bleiben ihre.

    Gilt nicht nur für DDR, dortige Montagsdemos und Runde Tische, gilt auch für OccupyXYZ.

    Schön wäre allerdings, wenn an den jeweiligen Orten sichtbar(er) auch andere Forderungen kommuniziert werden würden, wenn es diese Forderungen denn seitens der dort Demonstrierenden gibt.
    (kann ich von hier aus ja nicht mal einfach als gegeben festschreiben)
    Dann bliebe das dort tatsächlich Kommunizierte, egal was Medien verlauten lassen, in den Köpfen der dort lebenden Menschen, so lange sie leben ;-)

    Btw. Wer oder was ist denn attac?, will ja niemandem zu nahe treten, aber mehr als eine Job-Beschaffungs- und Job-Bezahlbude für das 'Gründungsbüro', das weder gewählt noch (ent-)/wählbar ist, scheint da nun echt nichts zu sein - die werben morgen auch für Zahnpasta.
    Mal googlen... ;-)

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  12. @Wat.: Ich verstehe nicht genau, auf was Du abhebst, auch wenn ich deine Aussagen bezüglich individueller Erfahrungen verstehe und bejahe.

    Attac ist vor allem dezentral organisiert, was mir zunächst natürlich gefällt. Jede Ortsgruppe kümmert sich um eigene oder lokale Themen, wo die Globalisierung eben ihre Ursprünge hat. Auf kommunaler Ebene lassen sich dann viel besser Themen wie z.B. cbl (Cross Boader Leasing) auseinandernehmen, weil sie plötzlich greifbar werden, wenn die städtischen Wasserwerke zur kurzfristigen Geldgewinnung an einen Eigner im Ausland verkauft werden sollen, um danach in 99-Jahres-Verträgen dessen Dienstleistungen anzumieten.

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  13. @R@iner: Ja, Lobeshymnen und Wikipedia-Eintrag habe ich gehört und gelesen, aber eben auch das:
    http://de.indymedia.org/2008/02/208503.shtml

    ... kann man sehen, wie man meint.

    Ich meine aber tatsächlich, daß, wenn Du von attac umarmt wirst, Dir die Luft weg bleibt.

    Dann gibt es nur noch attac, nicht Dich, nicht Deine Meinung und da frag ich mich schon, ob das irgendeiner Emanzipation und Selbstfindung dienlich ist - siehe zb. jetzt, daß Banken, Banken über alles steht... anderes beinahe oder tatsächlich (versucht wird?) abzuwürgen.

    Das kannste in jeder Partei haben, dazu brauchs nicht attac.

    Warum sollte gerade auf lokaler Ebene, etwas durch attac besser laufen, wenn, dann läuft es dort durch die Leute, die sich attac verbunden fühlen.

    Auf was könnteste da eher verzichten auf die Leute oder attac^^

    Das nimmt den Menschen auf Dauer eher ihr Selbstvertrauen, als daß sie gewinnen.
    Sie sind es "die machen" - nicht attac!

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  14. Danke für den tollen Bericht, bei der nächsten Weltrevolution bin ich auch dabei!

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