Samstag, 22. Oktober 2011

Kommen, gehen, bleiben, reden


Mit Einbruch der Dunkelheit verändert sich fast schlagartig das Bild im Camp, jeden Tags aufs neue, und jeden Tag fasziniert es mich aufs neue: Die technikbewehrte Medienplage verzieht sich, die Camper kehren ins Camp zurück (viele gehen tagsüber arbeiten oder ergreifen die Flucht vor den Kameras), draußen tobt die Rush Hour, es riecht nach frischgekochter heißer Suppe und nach Feierabend.


Jeden Abend wandern auf ihrem Nachhauseweg Kolonnen von Berufstätigen durch die Taunusanlage, wollen zur Straßenbahn, zum Parkhaus, schieben ihre Fahrräder durch das Camp, das sich allabendlich füllt und anfängt zu vibrieren. Viele dieser Menschen bleiben einfach hängen im Camp; manche aus Neugierde - für andere ist es bereits zur Gewohnheit geworden, sich eine heiße Suppe zu besorgen, das Fahrrad abzustellen, die Straßenbahn davonfahren zu lassen und sich unter das wuselnde Campvolk zu mischen. Irgendwann beginnt das Camp zu brummen.

Jeden Abend passiert es, dass urplötzlich, wie aus heiterem Himmel, eine Gesprächsgruppe sich bildet. Dann zwei, dann drei, und irgendwann ist gar nicht mehr zu überblicken, wieviele Gruppen eigentlich entstanden sind - es sind nur noch Massen von dick vermummten Menschen zu sehen, die im Kreis stehen, auf Bänken im Karree sitzen, der Kälte trotzen, angespannt zuhören, dann heben sie die Hand - manche zaghaft, manche forsch - und fangen an zu sprechen, gelegentlich in ein Mikrofon, viele bestimmt zum ersten Mal in ihrem Leben, und wo im Einzelfall das Mikrofon hergekommen ist, ist mir schleierhaft, irgend jemand treibt es auf, stellt es in die Mitte und dann geht es einfach los. Ohne Ankündigung, ohne Organisation, ohne Aufruf, ohne Tagesordnung, ohne Uhrzeit.


Immer mehr Passanten schieben sich durch den Park, sehen die diskutierenden Menschenansammlungen, bleiben stehen, schauen verwundert, ungläubig, auch misstrauisch, nähern sich vorsichtig einer der spontanen Gesprächsgruppen auf Hörweite; innerhalb weniger Minuten weicht das Misstrauen und das Rühr-mich-bloß-nicht-an im Gesichtsausdruck einem vitalen Interesse, dabei zu sein, dazu zu gehören, alles mitkriegen zu wollen und endlich auch mal selber etwas zu sagen, in einer Gruppe völlig wildfremder Menschen, von denen keiner den anderen kennt, die nach einer halben Stunde wieder in alle Richtungen auseinanderstreben und - so stelle ich mir das vor - etwas mit nachhause nehmen. Etwas, was viele dieser wildfremden Menschen veranlasst, am nächsten Abend wieder vorbeizukommen, diesmal mutiger, erwartungsvoller, vielleicht mit einem Gesprächsthema, das ihnen schon lange unter den Nägeln brennt. Es gibt Leute, die fischen aus ihrer Bürohandtasche ein mitgebrachtes Sitzkissen mit Iso-Beschichtung und eine Thermosflasche heraus, weil sie bereits wissen, dass es hier abends empfindlich kalt ist.

Jeden Abend haut mich das aufs neue um. Dieses Kommen und Gehen, dieses Bleiben, dieses Teilhabenwollen, diese ausgehungerte Gesprächslust, diese Erkenntnis: Die Stadt ist ein offener, öffentlicher Raum, der uns allen gehört. Man muss ihn sich nur nehmen.


Kommentare:

  1. that's it. sehr schön beschrieben, danke!
    es braucht keinen Sprecher, jeder spricht für sich und mit den anderen. wer das nicht erleben will u. sich selbst ausschließt u. nur irgendwelchen "offiziellen" Berichterstattern zuhört, isoliert sich freiwillig, ja begibt sich freiwillig in "Isolationshaft" und verschließt sich der "Befruchtung". U.ohhne Befruchtung, kein Honig!

    schön bei dir zu lesen, danke dafür!

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  2. Gute Frau Mop,

    zu nächst mal Happy Birthday zur 1. Woche OCCUPY FRANKFURT

    mit hoechsten Interesse folge ich Ihrer Berichterstattung im allgemeinen und zur Occupy Thematik besonders.

    An manchen Tagen sind die Diskussionen fruchtbar und an anderen ärgerlich, vor allem wenn Trolle ihre ewriggestrigen Mantras runterrattern.
    Nicht vereinnahmen lassen gerade da alles noch so frisch und offen ist ...
    Versuche auch noch nach Frankfurt zu kommen, bin gerade Arbeits-und Maßnahme frei. Das ist ein Leben;)

    Alles Gute und beste Wünsche und nochmal Glückwunsch zur 1. Woche OF

    P.S. Sonderrespekt für Kältewiderstand!!!

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  3. Schön. Da merkt man auch mal im Kontrast, wie abgestorben unsere Parteiendemokratie ist. Erstarrte Rituale, sinnentleerte Debatten, in denen KEINER unsere Belange vertritt. Geführt von Außerirdischen, deren Ufos dicke schwarze Limousinen sind. Das Mutterschiff ist vermutlich dieses seltsame Glaskuppelgebäude in Berlin Mitte, wo sie immer von "den Menschen" reden. Klar, sie selber sind ja keine.

    Es besteht Hoffnung. Weiter so!

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  4. Occupy ist für'n Arsch!
    Jochen Hoff auf Duckhome
    ...
    glaubt nicht an einen Erfolg der Bewegung, da sie im Volk und überhaupt nicht die Beachtung
    erfährt, die zu einer breiten Akzeptanz in Politik und Wirtschaft führen kann. Überzeugungen und Ziele stehen gegen die
    Macht des Geldes. Die gekaufte Politik wird versuchen, einen "Weg des geringsten Widerstandes" zu gehen und da ist die
    Occupy-Bewegung eindeutig der Schwächere. Natürlich ist in der Wirtschaft sehr viel Geld zu machen und man kann sich mit Recht fragen, ob beides nicht schon ein und das gleiche sind. Fragt sich nur, ob unsere Demokratie so einen kompletten Austausch
    der Administration zulässt und das Volk direkt regiert kann. Was im Kleinen funktioniert, ist im Großen vermutlich nicht praktikabel.
    Ziat J. H.:
    " Occupy ist leider völlig für'n Arsch. Es ist Beschäftigungstherapie. Die Würfel sind längst gefallen. Die Politik gehört der Finanzwirtschaft. Wenn man noch etwas ändern will, braucht man eine völlig neue Politik und ein völlig neues System. Am besten ist eine Verfassung und die notwendigen Gesetze für einen anständigen Staat selbst zu entwickeln und dann mit einem Generalstreik die jetzige Politik von dannen zu jagen um völlig neu und unbelastet anfangen zu können."

    Wenn ich nach Griechenland schaue, habe ich so meine Zweifel ob das der richtige
    Weg ist. Die Protestbewegung hat natürlich "Recht", weil die Regierung sich und das ganze Land ins Abseits manövriert hat, nur dass man hinterher immer klüger ist. Wenn Jochen Hoff hier von einem "neuen und unbelasteten Anfang" schreibt, dann muss gleichzeitig die Last der Schulden entfallen, Schnitt und weg!
    Was ist dann anders? Die Reichen behalten ihre im Ausland gebunkerten 320 Milliarden, die Gläubiger werden dann wohl verstaatlicht und das Land ist immer noch Pleite.
    Oder geht Revolution ganz anders?

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  5. @spinne
    „es braucht keinen Sprecher, jeder spricht für sich und mit den anderen.“

    Ja, so einfach geht das. Wenn Du einmal erlebt hast, wie diese Menschen mit großen staunenden Augen am Rande oder inmitten von so einer Spontandiskussion stehen und kaum fassen können, dass so etwas überhaupt möglich ist, dann fängst Du an, anders zu denken und zu urteilen. Bei mir jedenfalls verändert sich irgendwas (mir fehlen grad die passenden Worte dazu...ich glaube, Du verstehst?).

    @mp
    Danke für die Gratulation! Eine Woche ausgeharrt, das ist ein Grund zum Feiern und wird heute auch gebührend gefeiert, große Party im Camp, Riesenvolksfest, die vielen Teilnehmer der Demo haben sich mit Kind und Kegel unter die Besetzer gemengt und finden das alles kolossal aufregend. Hat auch tagsüber keiner gefroren, es gab Sonne satt.

    Ja, die leidigen Mantras. Manche Leute können einfach nicht anders. Die rotieren so gebetsmühlenhaft in ihren selbstgebastelten Hamsterrädern, dass sie gar nicht merken, dass sie komplett an dem vorbei kommentieren, was ich im Beitrag geschrieben habe. Sei milde (mir fällt‘s auch schwer). *g*

    „Nicht vereinnahmen lassen...“. Yo. Wird die größte Herausforderung sein. Leider rennen hier einige Leute rum, die der festen Überzeugung sind, alle Menschen wären Brüder oder sollten es zumindest werden, inklusive Schwestern. Die Kinderladenfraktion, sozusagen. Gottlob springen hier auch genügend Erwachsene durchs Camp :).

    @Anonym
    Ja, diese wild und leidenschaftlich durchdiskutierten Abende haben etwas wunderbar Belebendes. Fühlt sich an wie geöffnete Schleusen.

    @georgi
    Konstantin Wecker hat auf diesem Blog Hausverbot.

    @Kaluptikus
    Wie kommst Du auf die Idee, es könnte mich im geringsten jucken, ob ein strammer Linker die Welt wissen lässt, dass er „Occupy völlig für‘n Arsch“ hält? Habe ich mich in meinem gestrigen Post nicht deutlich genug ausgedrückt?

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  6. @Mrs. Mop - bitte locker bleiben.
    darum gehts doch garnicht in dem Beitrag. Er schreibt lediglich, ist ja nichts neues, dass die Politik nunmal von der (Finanz)Wirtschaft occupiert ist und stellt natürlich wieder die Systemfrage. Als Beleg dafür dienen ihm die Parteispenden, naja.

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  7. @Mop
    hatte die Mantras nicht nur auf Blogkommentare bezogen, sondern auch aufs echte Leben...

    Ja und Freiheit, Gleicheit, Brüderlichkeit hat für mich auch son Geschmäkle, wills gar nicht ausführen, aber damit u.a. hat man uns doch die Malaise hier verkauft.

    Und gerade die üblichen Mäkelfritzren haben sich doch genauso arrangiert wie na ja eben die meisten.

    Und es sind schon Massen aktiv und unterwegs, nur wird wenig berichtet.
    In NY stellt sich das (meist prekär lebende Militär, Veteranen) zunehmend zu den Occupanten auch wg & gg Polizeigewalt.

    Noch mals herzliche Grüße,
    @und geben Sie mal durch wie lange es noch läuft( und gerne erlernte überlebenstipps in "schwierigen" Lebenslangen:)

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  8. 100 Millarden, woher nehmen und nicht stehlen?
    --------------------
    http://www.stern.de/wirtschaft/geld/banken-in-der-schuldenkrise-100-mrd-euro-gesucht-1741976.html

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  9. @Kaluptikus
    „darum gehts doch gar nicht in dem Beitrag.“ Bitte? Worum dann? Wer meint, „Occupy sei leider völlig für‘n Arsch“, der hat sich als Linker gegenüber der Bewegung eindeutig positioniert und soll bitte dort hocken bleiben, wo es sich so bequem hocken lässt, nämlich hinter seiner Klugscheißertastatur, jenem magischen Ort, von dem aus sich garantiert nichts bewegen lässt, am allerwenigsten der eigene breitgehockte Klugscheißerarsch.

    @mp
    „...die üblichen Mäkelfritzren“, die‘s schon immer gewusst haben, vor allem besser gewusst haben - Mannmann, die kamen schon bei #occupywallstreet in Regimentstärke aus ihren nöligen Löchern gekrochen (hab mich ja beim Thema #ows bereits drüber ausgelassen), und jetzt geht das gleiche uröde Spiel hier los, es ist ein einziger Abnerv.

    Das Camp ist bis mindestens 29.10. verlängert worden (open end!).

    „erlernte Überlebenstipps in schwierigen Lebenslagen“:
    Oberste Survival-Regel in Außencamps bei niedrigen Temperaturen: Hör auf die Leute zu siezen! :)

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  10. Konstantin Wecker trifft zwar nicht meinen Geschmack, aber warum gleich Hausverbot?

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  11. Weil mich Liedermacher nerven, die Morgenluft wittern und meinen, sich trällernd an die Spitze einer jungen Bewegung plazieren zu müssen.

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  12. Apropos Morgenluft: Grade läuft hier ein gigantischer Sonnenaufgang ab. Lässt mich auf der Stelle alles andere vergessen.

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  13. Ey Du, Morgengrüsse!

    Und ein paar Morgengedanken, nur so.

    Mal Allgemein. Ich bin ja bezüglich "Des Lebens und dem ganzen Rest" eine Pessimistische Ausgabe.
    Dadurch kann man zur Resignation kommen, d.h. die Überzeugung der eigenen Wirksamkeit verlieren und daher in Apathie verfallen.
    Und /oder man verfängt sich in einer! Ideologie oder Dogma und bricht darüber die Welt.

    Jedoch vergisst man oft, dass eine der Wahrheiten darin besteht, das Alles sich wandelt, fortwährend verändert. Und da sollte man versuchen positiv zu denken und zu wirken wo möglich.

    So Far,

    Dir & Euch im Csmp FRA einen sonnigen Tag

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  14. Da ist es: "... und fangen an zu sprechen, gelegentlich in ein Mikrofon, viele bestimmt zum ersten Mal in ihrem Leben ... veranlasst, am nächsten Abend wieder vorbeizukommen, diesmal mutiger, erwartungsvoller, vielleicht mit einem Gesprächsthema, das ihnen schon lange unter den Nägeln brennt" !

    Zu entdecken, daß wir mehr als Konkurrenten sind, daß wir miteinander leben und dieselben Fragen haben können.

    A great hug, Ms. Mop, for your reports. Thank you very much.

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  15. Big hug back, KL, thanks for your support!

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  16. mp,
    dieses Camp ist das allerbeste, um aus seinem eingefahrenen Alltagstrott rauszukommen, auch und grade aus dem Alltagstrott der eigenen Denke.

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  17. //los der rant:

    Nein occupy ist nicht fürn ar***
    Wenn nämlich alle zuhause hocken bleiben, dann ändert sich eben nix.

    Egal ob man nun glaubt, dass man mit occupy was ändern kann, oder zumindest einen denkanstoß geben kann, oder ob man glaubt, dass auch letztendlich diese bewegung (mund-)tot gemacht wird, durch die einnehmende umarmung des establishments, es ist richtig, dass man auf die strasse geht.
    Denn nur in sein perönliches sofakissen zu weinen,wie yschlimm alles ist, hat in der welt noch nie nix genutzt.

    Ich kann das "diebewegungbrauchtnensprecherdiebewegung brauchtzielediebewegungbraucht... blabla nimmer hören, was soll das gewimmer?
    Ist das wieder der kleine deutsche kasper, der da noch dem führer schreit, oder was?
    Wer erklärt, er könne sich nun mal nicht anschließen, solange alles unklar ist, ok gut, bleib weg. Wer sagt, er brauche klare ziele: die versammlung steht jedem/r offen, diese vorzustellen und zu dikutieren, oder hab ich da was verpasst?

    Und an all die anderen besserwisser: die französische revolution begann mit _einer_ _einzigen_ _unzufriedenen_ marktfrau.
    Die hatte auch keine klaren ziele, nur hunger und das gefühl, es müsse sich was ändern.

    //aus der rant
    bel.
    legt sich jetzt wider mächtig angeschlagen indie matratzengruft.

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  18. Ja das haben wir alle bitter nötig, die alte Denke, man (Ich) hänge ja auch fest in sona einfachen Antihaltung-aber das ist nicht genug-
    -informieren
    -diskutieren
    -köcheln lassen.

    Hack das Holz;)

    Beste Grüße

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  19. Na wie schön, die sonntägliche Sonne hat die dicke Luft vertrieben. Die rants von Frau Mop sind ja Klasse Literatur. Es gibt einen über den Adabei, die österreichische Version des Immerschongewussthabers, der sicherheitshalber nie was macht, aber mit fällt ums verplattzen weder der Autor noch das Buch ein.
    Was soll's, der Liedermacher macht sein Lied, der Linke ist frustriert, aber occ ffm wächst und gedeiht. So muss es sein.

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