Dienstag, 30. Juni 2009

Cooldown

Dienstag ist Kühlhausputztag. Das bedeutet, dienstags geht es nach einer Küchenkurzreinigung um sieben Uhr in den Keller, wo sich die beiden Kühlräume befinden. Einer für Fleisch, einer für Gemüse. Der Kühlraum für Fleisch ist besonders ungemütlich, da temperaturmäßig unter vier Grad. Celsius. Danach den Gemüsekühlraum zu betreten fühlt sich an wie Frühling nach einem langen Winter. Obwohl das Gemüse höchstens zwei, drei Grad höher gekühlt wird.
Ich erinnere mich gut an meinen Kühlhausschock, als ich im März den neuen Job an- und den Fleischraum zum ersten Mal betrat. Meine Nase rebellierte sofort. Sie wollte das nicht. Nach zwei Minuten in der Kälte wurde ich stocksteif (physisch), nach vier Minuten war mein Hirn komplett entleert, nach dreißig Minuten war ich fertig, aber wie. Fluchtartig verließ ich das Kühlhaus, die wohlige Wärme des alten Kellergewölbes umhüllte mich wie Omas Federplumeau, mein Blut kehrte allmählich wieder zurück, bloß mit dem Denken funktionierte es noch nicht so recht. Mir war alles egal. Ich wollte nichts als mich ins warme Lokal setzen, einen heißen Kaffee trinken und von niemandem angesprochen werden. Nichts leichter als die Erfüllung der ersten beiden Wünsche; das dritte Bedürfnis, meine antisozialen Anwandlungen, blieb ungestillt. Während der Kaffee durchlief, schaute Frau Übermop mit großerstaunten Augen auf ihre Armbanduhr und fragte, wieso ich schon wieder da sei? In einer halben Stunde das komplette Kühlhaus geputzt? "Das hat vor dir noch keine geschafft", meinte sie, "nicht mal ich schaffe das." Es klang weniger anerkennend als es sich vielleicht liest, es klang eher so nach 'da kann doch was nicht stimmen!'. Ich stammelte etwas von "nur Fleisch"; zu differenzierterer Sprachäußerung war ich außerstande, mein Oberstübchen lief allenfalls auf Notaggregat. Frau Übermop verstand sofort (Sätze ohne Prädikat und Objekt sind eine Spezialität von ihr), außerdem war mein Zähneklappern wohl unüberhörbar. "Ach so", gab sie zurück, "du hast den Gemüsekühlraum noch gar nicht gemacht. Ja, beim ersten Mal friert man sich den Hintern ab. Das gibt sich mit der Zeit." Was stimmt. Ich habe dazugelernt. Es ist alles nur eine Frage der richtigen Technik.
Am heutigen Dienstag, dem letzten Tag im Juni, betrat ich das Kühlhaus, ein tiefer Seufzer der Erleichterung entrang sich meiner Brust, und ich dachte: Nie mehr will ich hier wieder raus, ich bleibe bis heute abend bei den Hasenrücken und Rumpsteaks, egal wie sie riechen. Plötzlich waren sie meine Freunde geworden, dank der Außentemperaturen von schwülen 26 Grad, Tendenz steigend.
Ich freute mich geradezu auf das Arbeiten in der Kälte und machte mich beschwingt und frisch ans Werk.
Bald öffnete sich von außen ruckartig die schwere Stahltür: Der italienische Feinkostlieferant stand auf der Schwelle, schweißüberströmt, schwer atmend, schwer schleppend an einem großen Karton Lammkeule. Mit Hüfte, ohne Knochen. Stand drauf. Er ließ den Karton sinken, atmete ein paar Mal tief durch, wischte sich mit einem bereits klatschnassen stöffernen Riesentaschentuch Gesicht und Arme ab, sah mein frisches Begrüßungslächeln, erkannte die Ursache, weil er sie spürte, die fabelhafte Kälte nämlich, bückte sich wortlos nach dem Lammkeulenkarton, drehte ihn um, ließ sich mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung darauf nieder und sah mir beim Regalewischen zu. Nach längerem Schweigen meinte er tiefsinnig: "Heute haben Sie den besseren Job!" Ich lud ihn ein, doch dienstags mal wieder auf einen Chill vorbeizuschauen, ähnlich schwüle Außentemperaturen vorausgesetzt. "Cool", antwortete er und schaute sich im Raum um, "wirklich sehr cool." Bester Laune wechselten wir zum Akklimatisieren in den Gemüsekühlraum. Es fühlte sich an wie das Betreten eines subtropischen Gewächshauses.

Kommentare:

  1. Mir wäre jetzt auch irgendwie nach Kühlhaus. Aber das geht nicht - leider...

    Dein Schreibstil gefällt mir.

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  2. das klingt wirklich gut :)

    wir hier im institut haben eine art bio-klima-anlage: wärme kommt im winter über die abwärme der rechner und des großen clusters im keller, kühlung über ein erdsystem. dabei wird luft außerhalb des gebäudes angesaugt und beim durchlaufen eines unterirdischen 'tunnels' durch die erdkälte gekühlt. die luft, die dann ebenfalls über eine 'unterirdische' im fußboden liegende leitung in die zimmer gelangt, ist theoretisch kühl. theoretisch. ich finde, das konzept klingt cool ;), in der praxis hat es sich aber noch nicht unbedingt als superduper bewährt. tja. schwül hier, heute.

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  3. Offensichtlich ist mein Kommentar im Nirgendwo gelandet.

    Nun also Versuch 2:

    Der Schreibstil gefällt mir. Werde hier zukünftig häufiger reinschauen.

    Am liebsten wäre ich jetzt auch im Kühlhaus. Das wäre mit Sicherheit angenehmer...

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  4. @dervomlande
    Freut mich!
    Das 'Nirgendwo' ist die Moderationsschleife, da muss jeder Kommentar rein, bevor ich ihn wieder raushole.

    @rebhuhn
    ...also vom Prinzip eine andersrum funktionierende Fußbodenheizung, oder? Klingt echt cool, schade, dass es nur so klingt ;), bleibt nur der gute alte Eimer kaltes Wasser unterm Schreibtisch...

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  5. ... den ich auch in den beiden letzten jahren exzessiv genutzt habe. :D

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