Samstag, 27. Juni 2009

Nebelbank

Wie gut, dass der Sommer da ist und es draußen immer wärmer wird. Auch nachts. Inzwischen hat der Vagabund sich seine Schlafstatt eine Etage höher eingerichtet; die Temperaturen erlauben es. Seit er weiter oben schläft, deponiert er seinen Siebensachenrucksack stets körpernah unterm Schlafsack. Ob sich in seinem Rucksack auch ein Laptop befindet?
Aus Amerika ist zu hören, dass für immer mehr obdachlose Menschen das Laptop samt Internetzugang zum 'Lifeboat' geworden ist. "You don't need a TV. You don't need a radio. You don't even need a newspaper. But you need the Internet." Ohne Wohnung und Job stellt das Internet die einzig verbliebene Brücke zur Gesellschaft, zum Arbeitsmarkt, zum Leben der anderen dar: 'On the Street and On Facebook: The Homeless Stay Wired'. Steht nicht irgendwo, sondern im Wall Street Journal.
In den Obdachlosenunterkünften in New York City wird der Bestand an Computern und Internetanschlüssen derzeit zügig aufgestockt. Im Central City Hospitality House in San Francisco ist die Nachfrage nach Computer- und Internetnutzung so stark gestiegen, dass die Nutzungsdauer auf 30 Minuten begrenzt werden musste. SF Homeless, ein Internetforum für Obdachlose, veröffentlicht Informationen, Termine und bezahlbare Wohnungsangebote; ein integriertes Blog führt Onlineumfragen durch zum Thema Leben ohne Wohnung.
Nicht alle obdachlosen Menschen übernachten in den 'Shelters'; ein Mr. Pitts beispielsweise zieht es vor, unter einer Brücke zu schlafen. Nachdem zwei seiner alten Laptops auseinandergefallen waren, hat er sich angewöhnt, eine mentale Liste von Locations mit sich zu führen, wo er online gehen kann, 'including Internetcafés whose owners don't mind long stays and lots of bags'. Als kürzlich der Dalai Lama seinen Besuch in einer Suppenküche angekündigt hatte, recherchierte Mr. Pitts auf Wikipedia, kopierte den Text auf sein iPod und las alles Wissenswerte über den prominenten Besucher in seinem "Bett" unter der Brücke.
Keine Ahnung, ob es sich auf einer Parkbank besser schläft als unter einer Brücke. Aber bestimmt schläft man ruhiger, wenn man sich im Besitz einer virtuellen Brücke zur Restgesellschaft weiß.

Kommentare:

  1. Auf der Parkbank schläft sichs um Klassen besser als unter Brücken. Eine Decke und Unterlage sollten aber sein, gegen Morgen wird es empfindlich kühl sonst. Auch sollte ein Baum drüber sein, sonst kriegt man den Tau ab.

    Unter den Brücken sind Ratten...

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  2. Danke für den Einblick. Klingt nach Erfahrungswissen.

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