Montag, 30. April 2012

Gastfeindschaft


Was ist Gastfreundschaft?

Eine Kultur zwischenmenschlicher Zivilisiertheit und Kontaktfreude. In ihr kommt zum Ausdruck der Wunsch nach einem großzügigen, freigiebigen sozialen Miteinander, das die Beteiligten unentgeltlich bereichert. Sei mein Gast - vielleicht werden wir irgendwann Freunde. Gastfreundschaft: Mein Haus ist offen für dich. Du kannst kommen und gehen, wie du möchtest.

Gastfreundschaft ist mehr als nur ein Wort. Es ist aber auch ein Wort. Als Wort eignet es sich, wie alle Worte, für Propagandazwecke; auch solche der niedersten Art. Wenn das 'offene Haus' als Synonym für Gastfreundschaft gilt, was ist dann unter "geschlossener Gastfreundschaft" zu verstehen? Etwa: Du darfst kommen, aber nicht mehr gehen? Oder: Du kommst als Gast und bleibst als Feind? Oder: Sei mein Gast, lass dich einsperren?

Bild: Katerina Komita

In Griechenland wurden auf die Schnelle 30 Internierungslager zur "Unterbringung" illegaler Immigranten eingerichtet, auf Initiative des griechischen Ministers für sogenannten Zivilschutz. Natürlich nennt der Zivilschutzminister seine Internierungslager nicht Internierungslager.

Internierung? Ach wo. "Gastfreundschaft"! Lager? Nicht doch. "Zentren"! Das klingt hilfreich, edel und gut. Vielleicht ein wenig zu hilfreich, edel und gut? Weil, es soll ja keiner die neuen "Zentren für Gastfreundschaft" mit einem offenen Haus verwechseln. Na gut. Der Minister für Zivilschutz ist um kreative Wortfindungs- beziehungsweise Wortverdrehunglösungen nicht verlegen und nennt seine Internierungslager darum:
"Geschlossene Zentren für Gastfreundschaft"
("Closed Hospitality Centers")
Natürlich sollte hospitality (Gastfreundschaft) in diesem Kontext keinesfalls verwechselt werden mit hostility (Feindseligkeit), auch wenn beides ähnlich klingt. Natürlich ist "zivil" im Kontext von "Zivilschutz" keinesfalls zu verwechseln mit 'zivilisiert', auch wenn beides ähnlich klingt. Schließlich will der Minister für Zivilschutz ja nicht den zivilisierten Umgang mit Immigranten, Flüchtlingen, Asylanten (also: Menschen) schützen, sondern dem unzivilisierten Umgang mit diesen Menschen Tür und Tor öffnen; weshalb es unter propagandistischem Aspekt als nahezu genial gelten darf, dass er seine gastfreundlichen Zentren als "geschlossen" bezeichnet. So geschlossen wie Lager nun mal sind.

Natürlich würde der Minister für Zivilschutz sich entschieden dagegen verwahren, unterstellte man ihm, bei seinen Zentren der Gastfreundschaft handele es sich um Sammelstationen für Menschenmüll. Weil, so etwas sagt man nicht, selbst wenn man es so meint.

Was der Minister für Zivilschutz allerdings meint, wenn er sagt: "Athens Innenstadt säubern" ("clean up the center"), ist unschwer zu erraten. Vollends unzweideutig und politrhetorisch kaum zu toppen ist seine zweideutige Formulierung "sweeping operations": Sweeping ist ein semantisch biegsamer Begriff - sweeping bedeutet einerseits "drastisch, weitreichend, einschneidend"; andererseits heißt sweeping nichts Eindeutigeres als "kehren". Und zwar, laut Wörterbuch, "in hohem Bogen", gern auch "im Rundumschlag".
Niedriger, fürchte ich, geht es nicht; eine Gesellschaft in tiefer Krise betrachtet ihre Mitmenschen als "Müll", und anstatt, wenn ihr "Closed Hospitality Centers" zu Ohren kommen, damit Konzentrationslager zu assoziieren, betrachtet sie diese Zentren als die Lösung. "Endlösung"?
Gestern gab der Minister für Menschenmüll die "Einweihung" des ersten "Geschlossenen Zentrums für Gastfreundschaft" bekannt; 56 Immigranten ohne Papiere wurden in das Internierungslager Amygdaleza* im Nordwesten Athens deportiert. Pardon, eingeladen.


Die Amygdala ist ein Kerngebiet des Gehirns. Sie ist wesentlich an der Entstehung der Angst beteiligt und spielt allgemein eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren.

Kommentare:

  1. Sicher, daß der Mann Minister für Zivilschutz ist? Klingt eher nach dem Ministerium für Liebe.

    AntwortenLöschen
  2. Greek Reporter - Following Dispute, Illegal Immigrant Center to Start Functioning in Athens

    [..] Public opinion in Greece is still torn apart in regard to Amygdaleza, while citizens continue protesting against it, claiming that their quality of life will be completely destroyed.

    Also so ein KZ um die Ecke empfände ich auch höchst unangenehm...Sind die verrückt?

    AntwortenLöschen
  3. Amygdaleza findet in Berichten von "Human Rights Watch" bereits 2008 Erwähnung.

    AntwortenLöschen