Donnerstag, 5. April 2012

Kein Überleben


Troika Boot
(zum Vergrößern auf Bild klicken)

Unter diesem Baum in Syntagma Square, Athen, nahm sich heute früh Dimitris Christoulas das Leben. Der 77-jährige Apotheker im Ruhestand tötete sich mit einem Schuss in den Kopf.

In seiner Tasche wurde eine handgeschriebene Abschiedsbotschaft gefunden:
Die Besatzungsregierung von Tsolakoglou* hat mein Überleben zerstört. Es basierte auf einer auskömmlichen Rente, für die ich 35 Jahre lang einbezahlt habe, allein, ohne Unterstützung des Staates. Und weil mein fortgeschrittenes Alter mir keinen Weg des dynamischeren Reagierens lässt (obwohl, sollte ein griechischer Mitbürger nach einer Kalashnikov greifen, würde ich voll hinter ihm stehen), sehe ich keine andere Lösung als dieses würdevolle Beenden meines Lebens; denn ich möchte es nicht weiterführen, indem ich Müllcontainer nach Essbarem durchwühle, um zu überleben.

Eines Tages, glaube ich, werden junge Menschen ohne jede Zukunft zu den Waffen greifen und die Verräter dieses Landes in Syntagma Square hängen, genau wie es die Italiener 1945 mit Mussolini taten.

(*Georgios Tsolakoglou war Premieminister während der deutschen Besatzung in Griechenland im Zweiten Weltkrieg. Die Anspielung auf Tsolakoglou wird in der breiten Bevölkerung verstanden als Vergleich zwischen der Kollaborateurs-Regierung während des Krieges und der gegenwärtigen Regierung von Lucas Papademos.)
Heute abend fand in Syntagma Square eine spontane Demonstration zu Ehren und Gedenken an Dimitri Christoulas statt, die per Livestream übertragen wurde. Von einem Sprecher war zu erfahren, dass Christoulas in Syntagma Square ein wohlbekanntes Gesicht gewesen ist: Er war bei allen Versammlungen der letzten Zeit unter den Demonstranten gewesen, um gegen die drastischen Maßnahmen zur Verarmung der griechischen Bevölkerung zu protestieren.

Dagegen war von einem Ministerprasidenten der griechischen PASOK Partei, Panos Beglitis, in einer TV-Stellungnahme zu der öffentlichen Selbsttötung Christoulas zu erfahren:
"Wir müssen in solchen Fällen sehr vorsichtig sein, wenn wir irgend etwas kommentieren. Wir können keinen Zusammenhang konstruieren zwischen diesem Suizid und der aktuellen finanziellen Notlage des Landes."
Es heißt, der Vertreter der Regierungspartei sei in der Zwischenzeit "unter schweren Beschuss" gekommen wegen seiner Äußerungen.

Unter den Aufrufen zu der heutigen Spontanversammlung zum Gedenken an Dimitri Christoulas kursierte auch dieses Flugblatt:

"Ihr Dreckskerle,
ein Suizid pro Tag wegen euch,
aber es wird der Tag kommen,
wo die Verzweifelten beschließen werden,
das Gesetz in ihre eigenen Hände zu nehmen:
Ihr werdet bezahlen."

Kommentare:

  1. Suizid – auch erweiterter Suzid – aus wirtschaftlichen Gründen gehört doch längst auch in unserer Gesellschaft zu den alltäglichen Meldungen in den Medien. Da bringen sich Eltern mitsamt ihren Kindern um.

    Bereits in den 70-er Jahren wurde davon berichtet, dass in den USA arme, alte Menschen billige Hundefutterkonserven essen, um nicht zu hungern.

    Griechenland ist das Beispiel dafür, dass nunmehr auch in West-Europa absolute Armut, verbunden mit Hunger, Einzug hält. Da entstehen „Dritte-Welt-Verhältnisse“.

    In den USA ist dies schon längst Normalität:

    Hunger im Land des Überflusses
    Besonders Kinder sind betroffen

    Unter den Betroffenen seien auch 16,7 Millionen Kinder – 4,3 Millionen mehr als 2007. US-Landwirtschaftsminister Tom Vilsack sagte voraus, dass die Zahl in diesem Jahr wegen der Wirtschaftkrise noch weiter zunehmen werde.
    http://www.dw-world.de/dw/article/0,,4901212,00.html

    Die Glitzermetropole New York hat ein Hungerproblem
    „Einer am Freitag veröffentlichten Studie der New York Food Bank zufolge fiel es im vergangenen Jahr 3,1 Millionen New Yorkern schwer, das nötige Geld für Essen aufzubringen – das waren 40 Prozent der Einwohner.
    Vor allem die Preisexplosion bei Lebensmitteln hat den Autoren zufolge dazu beigetragen, dass diese Zahl seit 2003 um 52 Prozent gestiegen sei.“
    http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,559673,00.html
    http://reset.to/blog/studie-drei-millionen-new-yorker-haben-nicht-genug-geld-fuer-essen


    USA: Sterben in der Krise
    Wie in den Elendsvierteln der Dritten Welt, legen Arme in den USA immer häufiger die Toten einfach auf die Straße.
    http://www.podcast.at/episoden/usa-sterben-in-der-krise-9507001.html

    HAM

    AntwortenLöschen
  2. Ja.

    Die Suizidrate in Griechenland ist in den letzten Krisenjahren sprunghaft angestiegen - so gesehen, war Dimitris Christoulas "nur" einer von vielen.

    Was seinen Fall besonders macht: Er wählte einen öffentlichen, nämlich den symbolträchtigsten Platz schlechthin in Athen, Syntagma Square (Platz der Verfassung), um sich eine Kugel in den Kopf zu schießen; und er wählte einen Zeitpunkt (morgens kurz vor neun Uhr), nämlich die Rush Hour. Und - er hinterließ eine unmissverständliche schriftliche Botschaft.

    Bereits jetzt wird der Tod von Dimitri Christoulas von vielen Griechen als der "griechische Bouazizi" (öffentliche Selbstverbrennung 2010 in Tunesien, Auslöser der Revolution in Tunesien) bezeichnet.

    AntwortenLöschen
  3. Mrs. Mop
    Bereits jetzt wird der Tod von Dimitri Christoulas von vielen Griechen als der "griechische Bouazizi" (öffentliche Selbstverbrennung 2010 in Tunesien, Auslöser der Revolution in Tunesien) bezeichnet.

    Die verwechseln Wunsch mit Realität.

    Wer jetzt in Griechenland die Möglichkeit einer Revolution behauptet oder gar den bewaffneten Kampf proklamiert, ist ein Agent oder nützlicher Idiot der Herrschenden.

    HAM

    AntwortenLöschen
  4. Kontext, bitte!

    Meine letzte Antwort bezog sich auf die Aussage: „Suizid – auch erweiterter Suzid – aus wirtschaftlichen Gründen gehört doch längst auch in unserer Gesellschaft zu den alltäglichen Meldungen in den Medien“.

    Worauf ich hingewiesen habe, war das, was den gestrigen Suizid in Griechenland gerade aus „den alltäglichen Meldungen in den Medien“ hervorstechen lässt, nämlich das Moment der Öffentlichkeit seiner Durchführung, sowie das politische Statement (Abschiedsbotschaft) des inzwischen Toten und die mögliche soziale Triggerwirkung, die das Ganze haben kann. Ob und was da tatsächlich getriggert wird - ich würde mir nie im Leben(!) anmaßen, darüber zu befinden, fernab von Griechenland und den griechischen Lebens- (und Sterbens-)Bedingungen.

    Sich in diesem (auch: Kommentar-)Kontext einzig und allein an dem Wort „Revolution“ (das ich noch dazu lediglich aus dem verlinkten Wikipedia-Eintrag über den Tunesier Bouazizi übernommen habe) hochzuziehen, befremdet mich einigermaßen. Irgendwie stelle ich mir einen befruchtenden Diskurs anders vor, sorry.

    AntwortenLöschen
  5. @Mrs. Mop

    Möglicherweise ist einfach ein Missverständnis.

    Dass sich betroffene Menschen in Griechenland in ihrer Wut und Verzweifelung eine Revolution wünschen, ist psychologisch nachzuvollziehen.

    In solchen Situationen gibt es immer Menschen, die einen bewaffneten Kampf propagieren.

    In seinem Abschiedsbrief spricht dies Dimitris Christoulas an:
    „Eines Tages, glaube ich, werden junge Menschen ohne jede Zukunft zu den Waffen greifen und die Verräter dieses Landes in Syntagma Square hängen …“

    Politisch ist dies jedoch völlig falsch. Das sind nichts als realitätsferne Rachephantasien.

    Denn der bewaffnete Kampf wird von Herrschenden instrumentalisiert als Legitimation zur Errichtung von Überwachungs- und Repressionsstaaten, Diktaturen und Staatsterrorismus.

    Deshalb werden Menschen von Agents provocateurs zum bewaffneten Kampf und Terrorismus angestiftet, bekommen von Geheimdiensten Geld und Waffen. Etc.

    Bewaffneter Kampf ist konterrevolutionär. Er dient nur den Herrschenden. Seine Akteure sind Agenten der Herrschenden oder deren nützliche Idioten.

    Das ist eine der Lehren aus „68“.

    HAM

    AntwortenLöschen
  6. Einem alten Mann, der sich öffentlich das Gehirn zerschossen hat - jenes Gehirn, das alt genug war, sich an die Nazi-Besatzung zu erinnern, weil es sie am eigenen Leib erfahren hat und derart unerträgliche Parallelen zum gegenwärtigen "Besatzungs"-Status seines Landes erlebte, dass es sich weigerte, weiterleben zu wollen - ein "falsches" politisches Bewusstsein und "nichts als realitätsferne Rachephantasien" zu attestieren? Grotesk.

    Mir, die ich niemals in meinem Leben auch nur annähernd solchen existentiellen Notlagen ausgesetzt war wie dieser 77 Jahre alte Mann, verbietet sich eine dermaßen be- und verurteilende Betrachtungsweise aus der sterilen Außenperspektive schon aus Gründen des Respekts. Vor dem Mann, seinem Leben, seinem Tod.

    AntwortenLöschen
  7. @HAM: Aha - Klarer Fall von Selbstmord mit politisch inkorrektem Abschiedsbrief.
    Du magst zwar auf der gleichen Seite stehen, aber deine Argumentierweise ist derart theoretisch und befreit von jeder Art des Mitgefühls, daß es mir letztlich keine Freude bereitet, deine Kommentare zu lesen.
    Du wirfst Wat. allen Ernstes vor, ein totalitäres System errichten zu wollen?
    Mach' ma' zuerst den Stock raus Mann, bevor Du anderen hier erzählen willst, wie die Welt zu interpretieren ist.

    AntwortenLöschen
  8. Der Respekt für den alten Mann, der sein Leben beendete, um nicht in unwürdigen und für ihn unerträglichen Verhältnissen leben zu müssen, ist das eine.

    Die Auseinandersetzung mit dessen politischer Botschaft das andere. Hier ein Tabu zu konstruieren, basiert aus meiner Sicht nicht auf Respekt, sondern auf Irrationalität und Denkverweigerung.

    Im Übrigen habe ich – beruflich bedingt - nicht wenige Suizide aus wirtschaftlichen Gründen mitbekommen. So den älteren Kaufmann, der sich mit seinem Tante-Emma-Laden verschuldet hatte und sich dann in der Weser ertränkte. Den jungen Mann – Sohn des Bürgermeisters -, der über einen längeren Zeitraum so tat, als hätte er noch Arbeit. Jeden Morgen ging er zu Bushaltestelle, und man dachte, er würde zur Arbeit fahren. Bis auf jenen Morgen, wo er nicht in den Bus einstieg, sondern sich an einem Baum erhängte.
    Bauern und Bäuerinnen, deren Hof überschuldet waren und die bis zur totalen Erschöpfung gearbeitet hatten, und sich dann die Gurgel durchschnitten, Gift oder den Strick nahmen.

    Die genannten Beispiele stammen aus Westdeutschland, und zwar bereits aus den 80-er Jahren.

    Oberflächlich betrachtet, könnte man meinen, dass sie Opfer einer Wirtschaftspolitik geworden sind. Tatsächlich sind sie Opfer eines gesellschaftlichen SYSTEMS, in denen die Regierungen in Art von Polit-Marionetten in der Logik des Systems operieren.

    Denn der Kapitalismus führt aufgrund seiner Eigenlogik einerseits zu Konzentration von Reichtum in den Händen weniger, zum anderen zu Verarmung und Verelendung von vielen. Zu glauben, ein kompensatorischer Sozialstaat könne im Kapitalismus dauerhaft(!) aufrechterhalten werden, ist bereits vor Jahrzehnten als Sozialstaatsillusion kritisiert worden.

    Inzwischen ist es empirisch evident, dass auch in den Wohlstandmetropolen wieder frühkapitalistische Verhältnisse einkehren.

    Was jedoch viele Menschen - gerade auch „Linke“ - nicht davon abhält, weiterhin an der Sozialstaatsillusion festzuhalten und die Ursache an den schlechten Verhältnissen personalisierend politischen Figuren zuzuschreiben.

    HAM

    AntwortenLöschen
  9. "Was jedoch viele Menschen - gerade auch „Linke“ - nicht davon abhält, weiterhin an der Sozialstaatsillusion festzuhalten und die Ursache an den schlechten Verhältnissen personalisierend politischen Figuren zuzuschreiben."

    Nee, so primitiv bin ich dann doch nicht gestrickt. Vor dem Links-Sein, kommt bei mir das Mensch-Sein.

    AntwortenLöschen
  10. Mitgefühl selbstbeweihräuchernd für sich in Worten zu reklamieren, ist das eine.

    Mitgefühl in praktischen Taten zu zeigen, das andere.

    Jene „Gutmenschen“, die ihr eigenes Mitgefühl wie eine Monstranz verbal vor sich tragen, aber nur selbstmitleidig sind und sich als moralisch höherwertig darstellen wollen, finde ich zum Kotzen.

    HAM

    AntwortenLöschen
  11. Du hast ja offensichtlich viel Spass mit deinen Projektionen. "Höherwertig" - Jaja.

    AntwortenLöschen
  12. @R@iner
    Vor dem Links-Sein, kommt bei mir das Mensch-Sein.

    Dieser Satz ist sehr aufschlussreich.

    Viel Spass bei der weiteren Selbstdarstellung der eigenen, guten Gesinnung.

    Ist bei den Deutschen sehr beliebt (z. B. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“).

    Bei dieser Konkurrenz:
    „Spieglein, Spieglein an der Wand,
    wer ist der menschlichste Mensch im Land?“
    spiele ich nicht mit und überlasse Dir gern den Sieg.

    HAM

    AntwortenLöschen
  13. Danke, ich habe auch das Interesse an deinem Geschreibsel verloren.

    AntwortenLöschen
  14. "Inzwischen ist es empirisch evident, dass auch in den Wohlstandmetropolen wieder frühkapitalistische Verhältnisse einkehren."

    Ich finds ja immer schön, wenn einer 'klug' klingen will.

    Wenn hier frühkapitalistische Verhältnisse einkehren würden, würde hier das kleine Handwerk aufblühen.
    Das ist also gelinde gesagt: Quatsch, sorry.

    Hier kehren wenn, dann um viele sozialstaatliche Aspekte verringerte spätkapitalistische Verhältnisse ein, bzw. sind schon. Das mag den Verhältnissen im Frühkapitalismus in Sachen fehlender sozialer Absicherung recht ähnlich sein, frühkapitalistische Verhältnisse sind es trotzdem nicht. Denn da gab es eindeutig mehr Subsistenzmöglichkeiten... die holt keiner mal eben wieder zurück, wir sind durchkapitalisiert.

    Hier in Mitteleuropa geht außerdem die Verminderung der Sozialstaatlichkeit von einem anderen Ausgangspunkt als in anderen Teilen der Welt. Der Kapitalismus Afrikas, Latein- und auch Nordamerikas war immer ein 'anderer'.

    Das kapitalistische Zentrum verlagert sich nach Asien, vielleicht später auch noch nach Afrika, dort werden sie noch eine ganze Weile durch 'nachholende' Wirtschaft so etwas wie eine Blüte erleben. Der Kapitalismus ist lange nicht am Ende.

    Wir sind nur in einer Ecke der Welt, wo er jetzt nicht mal mehr die Illusion verbreiten kann, mit ihm könnte das Leben immer besser werden.

    Sozialstaatsillusion.
    Ist nichts weiter als die Vorstellung, daß es etwas geben muß, was das auskömmliche Zusammenleben gewährleistet.

    Und das es etwas geben muß, was das Zusammenleben gewährleistet, ist usus.

    Regeln dafür gibt es, so lange Menschen auf diesem Planeten leben. Während ihrer Evolution änderten die sich nur, wurden (den materiellen Bedingungen) angepaßt.

    Im Kapitalismus ist das der Staat, der diese Regeln, hier Gesetze, garantieren soll, ob darin noch gesonderten Personen scheint mir erstmal unerheblich.

    Es ist die bisherige, Jahrtausende währende aus Tatsachen geborene Erfahrung, daß man seine Interessen und Interessenvertretung delegiert. Was wiederum die Voraussetzung für jede Form von Machtausübung über die Mehrheit der Menschen ist.

    Diesen Lernprozeß, seine Interessen und Bedürfnisse nur selbst zu kennen, machen wohl Menschen jetzt mehr und mehr durch, wenn sie feststellen, daß sie eben gerade nicht 'anständig' vertreten oder behandelt werden.

    Das hat mE auch damit zu tun, daß sich Menschen im Laufe der Evolution immer mehr als Individuen begriffen. Der Kapitalismus brauchte dies als Grundvoraussetzung.

    Die Schlußfolgerungen aus dieser nicht mehr existenzsichernden Vertreterei werden sie (jeweils wieder jeder einzelne für sich selbst) ziehen.

    Sie werden weiter Individuen bleiben, die Entwicklung wird da nicht rückwärts abgewickelt.

    Sie kommen dabei vielleicht zu dem Ergebnis, daß sie niemand anders vertreten kann, als sie sich jeweils selbst - dann braucht auch niemand mehr ankommen und ihnen was von Staatssozialismus oder anderer Vertretung Ihrer Interessen (also Entscheidungen für sie) zu erzählen.

    Das wäre doch mal eine Freude... ok, vielleicht nur meine.
    Denn ich (emp-)finde Macht über Menschen als Graus, egal ob von mir oder über mich.

    AntwortenLöschen
  15. Vielleicht bin ich auch einfach etwas rüde drauf heute. Das ganze Gequatsche - einschließlich meinem - in den Blogs erscheint mir manchmal nur noch als bloßer Ausdruck der Ohnmacht und zur Pflege der eigenen Profilneurose, wobei wir doch ganz genau wissen, wie groß die Zahl derer ist, die man nicht mal eben mit Argumenten erreichen kann.
    Die einen brauchen keine Fakten, weil sie schlicht und einfach die Macht innehaben und den anderen fehlt schon das Gespür dafür, wie sie manipuliert und beschissen werden.

    AntwortenLöschen
  16. @R@iner

    In elementaren Dingen kann niemand manipuliert werden. Dir kann jemand hundert mal erzählen, daß Du keinen Hunger hast, haben tuste den trotzdem.

    Was vielleicht eine Weile funktioniert, die Erklärung für den Hunger woanders hin zu lenken, also auf andere Menschen (Rassen, Religionen, Überflüssige). Aber eben nur so lange, wie das den Hunger vertreibt - machts nicht ewig. Dabei käme es nur eben leider zu den gräßlichen Dingen, die wir schon aus der Geschichte kennen...

    Aber Du hast mE recht, wenn Du die gefühlte Ohnmacht ansprichst.
    Nur, haben wir uns denn mit Argumenten überzeugen lassen, ich sag mal: Nein.
    Erst als wir selbst irgendwie stolperten, waren wir überhaupt für Argumente zugänglich. Das hat bestimmt auch schon welche in den halben Wahnsinn ob unserer Begriffsstutzigkeit getrieben...

    Profilneurose hättest Du mE 'nur', wenn Du Dich einzig wichtig machen oder Deine Schlußfolgerungen als einzig richtige verstanden wissen wolltest.
    So kamst Du bei mir aber niemals rüber. Dafür bist Du a) viel zu 'anständig' und b) viel zu sehr auf eigener 'Suche'.
    Da gibts andere, die zelebrieren das regelrecht ;-)

    AntwortenLöschen
  17. "In elementaren Dingen kann niemand manipuliert werden. Dir kann jemand hundert mal erzählen, daß Du keinen Hunger hast, haben tuste den trotzdem."

    Du bist wirklich ein Optimist. Einfaches Gegenbeispiel: Was ist z.B. mit den Soldaten in aller Welt, die für "Volk und Vaterland" immer wieder in die Kriege ziehen?

    Danke für den vorletzten Satz. Ich hatte mir in der Pubertät gedacht, daß ich als Suchender und unzufrieden Fragender mich in bester literarischer Gesellschaft befinden würde.
    Außerdem kann die Eigenschaft zum Lebensmotor werden. Unangenehm ist es nur, wenn man zu häufig von Leuten umrundet wird, die einem einreden wollen, man läge falsch und müsse unbedingt mehr verdrängen, obwohl sie selbst nicht recht zufrieden mit ihrem Leben sind.
    Da hilft es dann wirklich ein wenig, wenn man sich in den Blogs aktiv vergewissern kann, daß man nicht der Einzige mit einer medial wenig begleiteten Weltsicht ist.
    Es muß wohl immer schon so gewesen sein, nur daß man früher Briefe schreiben musste und die "geistige Erleichterung" sich für manchen nur in größeren Zeitabständen erreichen ließ.
    Die heutigen Kommunkationsmöglichkeiten sind aber aber auch gleichzeitig mit der Frequenz der Entscheidungen und Ereignisse gestiegen, die unser aller Leben mittel- bis langfristig zu beeinflussen in der Lage sind.

    AntwortenLöschen
  18. @R@iner

    "Du bist wirklich ein Optimist. Einfaches Gegenbeispiel: Was ist z.B. mit den Soldaten in aller Welt, die für "Volk und Vaterland" immer wieder in die Kriege ziehen?"

    Wegen des Gegenbeispiels - das meinte ich mit: eine Zeit lang durch die (fremde) Erklärung für den Hunger woandershin lenken lassen...

    Ja, ich bin Optimist.
    ... aber Du auch, oder weshalb lebst Du noch ;-)

    AntwortenLöschen
  19. @Wat.
    Ich finds ja immer schön, wenn einer 'klug' klingen will.

    Ohne dämliche Anmache geht es bei Dir offensichtlich nicht.

    Was mit „frühkapitalistischen Verhältnissen“ gemeint ist, geht doch klar aus meinem Beitrag hervor:

    „Denn der Kapitalismus führt aufgrund seiner Eigenlogik einerseits zu Konzentration von Reichtum in den Händen weniger, zum anderen zu Verarmung und Verelendung von vielen. Zu glauben, ein kompensatorischer Sozialstaat könne im Kapitalismus dauerhaft(!) aufrechterhalten werden, ist bereits vor Jahrzehnten als Sozialstaatsillusion kritisiert worden.“

    Der Spätkapitalismus ist nicht in der Lage, sozialstaatliche Verhältnisse dauerhaft(!) aufrechtzuerhalten. Systemimmanent gibt es langfristig(!) keine Alternative zum Abbau des Sozialstaats und damit auch der Demokratie. Systemtransformation oder Barbarei.

    Aber dies muss man erst einmal begreifen.

    Wenn hier frühkapitalistische Verhältnisse einkehren würden, würde hier das kleine Handwerk aufblühen.

    Das ist doch gar kein entscheidendes Kriterium. Der Kapitalismus in seinem Frühstadium hat die Lohnarbeiterklasse der Industriearbeiter geschaffen, in seinem Spätstadium schafft er sie tendenziell ab. Daher auch die ständige Zunahme von Arbeitslosigkeit und Prekarisierung. Selbst in China wird die Industriearbeit zunehmend durch Roboter ersetzt.

    Aber – ich wiederhole mich - dies muss man erst einmal begreifen.

    Der Kapitalismus zerstört seine Basis, die mehrwertschaffende Lohnarbeit.

    Das kapitalistische Zentrum verlagert sich nach Asien, vielleicht später auch noch nach Afrika, dort werden sie noch eine ganze Weile durch 'nachholende' Wirtschaft so etwas wie eine Blüte erleben. Der Kapitalismus ist lange nicht am Ende.

    Völliger Nonsense.

    Wem gehören denn hauptsächlich die Unternehmen in Asien, Afrika etc.?

    Das Ende des Kapitalismus ist absehbar.

    HAM

    AntwortenLöschen
  20. Ja @HAM, auch im vierten Jahr unserer Blog-Auseinandersetzungen, egal unter welchen Deiner Nicks, wirst Du wenigstens was mich betrifft, begreifen müssen, daß ich selbst denke. Dieses Denken nicht Deiner Vorgabe entspricht und nicht nur deshalb auch zu anderen Ergebnissen kommen darf.

    Es ist nämlich nicht nur interessant, wem die Unternehmen gehören, es ist auch interessant, wo die mehrwertschaffende Lohnarbeit stattfindet. Denn wenigstens die muß ihre Lebensmittel für ihre Reproduktion kriegen.

    Daß der Kapitalismus über kurz oder lang seine Basis selbst zerlegt - unbestritten. Haben alle anderen Gesellschaftsformen vor ihm auch. Das ist das Ding mit der Entwicklung der Produktivkräfte... dem Du Dich aber wohl nicht (gedanklich) anschließen kannst.

    Ein Ende ist insofern absehbar - aber nicht, weil er an seine jetzige Grenze kommt, das ist er schon x-mal. Da gabs nen 'hübschen' Krieg, alles wurde zerlegt und damit gings auf höherer, aber immer noch in und mit ihm, weiter.
    Ich konstatierte nur: dafür hat er noch gut 'Luft' in Asien und vielleicht auch noch Afrika.
    Fraglich ist 'nur', wie lange das unser Planet aushält.

    ... und wie lange wir Menschen hier in Europa das aushalten, wir durften nämlich schon mal daran 'riechen', wie sich ein auskömmliches Leben für die allermeisten anfühlt.
    Das bleibt im kollektiven Gedächtnis.
    Achso, sorry, das gibts ja bei Dir auch nicht.

    AntwortenLöschen
  21. @Wat.
    Daß der Kapitalismus über kurz oder lang seine Basis selbst zerlegt - unbestritten. Haben alle anderen Gesellschaftsformen vor ihm auch. Das ist das Ding mit der Entwicklung der Produktivkräfte... dem Du Dich aber wohl nicht (gedanklich) anschließen kannst.

    Ein Ende ist insofern absehbar - aber nicht, weil er an seine jetzige Grenze kommt, das ist er schon x-mal. Da gabs nen 'hübschen' Krieg, alles wurde zerlegt und damit gings auf höherer, aber immer noch in und mit ihm, weiter.
    Ich konstatierte nur: dafür hat er noch gut 'Luft' in Asien und vielleicht auch noch Afrika.



    Mit Obsolenzproduktion, künstlicher Zerstörung und Kriegen wurden künstlich Märkte erhalten bzw. durch Zerstörung neu geschaffen.

    Aber dies „rettet“ den Kapitalismus nicht (mehr).

    Wenn für Dich die Argumentation nicht nachvollziebar ist, mit der das absehbare Ende des Kapitalismus begründet wird, dann ist dies eben Dein Denken.

    Vielleicht verstehen dies aber andere Menschen. Und dies - nicht Du - ist der Grund, weshalb ich es hier schreibe.

    HAM

    AntwortenLöschen
  22. @HAM

    Für mich ist diese Argumentation nachvollziehbar, nur ist Nachvollziehbarkeit nicht automatisch Zustimmung.

    Das ist ja eines der Dinge, die ich an Blogs so toll finde. Ich lese nicht nur die Ergebnisse des Denkens anderer, zumeist gibt es auch Hinweise, weshalb jemand zu diesem oder jenem Ergebnis kam.

    (Probleme lösen sich trotzdem nicht von selbst - wir lösen das Problem, falls wir es als solches (schon) haben, oder es löst uns)

    AntwortenLöschen