Mittwoch, 11. April 2012

Rübe weg


Es ist noch gar nicht so lange her, da hat der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy im Brustton der staatstragenden Überzeugung verkündet, er werde "voll zu der Krise (in seinem Land) stehen" ("voy a dar la cara", salopper übersetzt: "Ich werde die Rübe hinhalten") und sich niemals vor ihr, der Krise, verstecken ("no me esconderé"). Gut, das war am 10. Januar im Rahmen seiner Regierungserklärung, da sagt man manches, was man nachher nicht mehr sagt oder wofür man jedenfalls nachher die Rübe nicht mehr hinhalten will.

Nach gerade mal drei Monaten ist dem spanischen Politiker der konservativen Partei Partido Popular die Lust gründlich vergangen, seine Rübe hinzuhalten. Nachdem Spanien gestern von den Finanzmärkten Prügel einstecken musste - dies wiederum als Reaktion auf Rajoys Versuch tags zuvor, den bereits böse knurrenden Märkten einen beschwichtigenden Knochen zum Fraß vorzuwerfen: nämlich die Ankündigung, weitere gewaltige Kürzungen in den (bekanntlich die Krise verursacht habenden) Bereichen Gesundheit und Bildung vorzunehmen - verließ Rajoy die gestrige Senatssitzung durch die Hintertür, um sich nicht mit unangenehmen Fragen der Presse herumschlagen zu müssen:


Man muss übrigens kein Wort Spanisch verstehen, um dem präsidialen Abgang folgen zu können, denn der Ministerpräsident macht den Mund kein einziges Mal auf.

Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass - erstens - Schweigen zum richtigen Zeitpunkt mehr sagt als tausend Worte und - zweitens - Rüben kurze Beine haben.

Kommentare:

  1. Das war's dann für Selbständige und Mittelständler: El País - El Gobierno prohibirá a los profesionales el pago en efectivo de más de 2.500 euros

    Ich sage das so salopp, weil Vetternwirtschaft verbunden mit Zahlungen unterhalb der Tischkante die Grundlage jeglichen Geschäftsgebahrens in Spanien ist.
    Das ist jetzt kein Vorurteil von mir, sondern man hat es mir so vor Ort glaubhaft erklärt.

    Ach ja, für echte Steuerhinterzieher gibt es die 10 Prozent-Regel: Yo no pago

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  2. Weil wir es neulich von Selbstmorden hatten.
    Telepolis - Kubanische Dissidenten fühlen sich von Spanien "verraten"

    Ein ehemaliger politischer Gefangener soll angesichts der schwierigen Lage in Spanien Selbstmord begangen haben

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    1. @R@iner - so ist das manchmal mit Dissidenten, sie wollen die Bürgerlichen Freiheiten und vergessen, daß sie keine Bürger sind. In dem Fall wohl nicht mal Staatsbürger.

      Klagen diese wirklich nur über ihr eigenes 'kleines' Schicksal oder realisieren sie doch irgendwie, daß es ihnen nur so geht, wie allen anderen ohne Job auch?
      Büschen vergauckt, würde ich sagen, sorry.

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    2. Och Männo. Wir müssen uns doch gar nicht darüber streiten, daß die individuellen Befindlichkeiten und die Geschichte jedes Einzelnen genau beleuchtet werden müssten, um auch nur einigermaßen von außen nachvollziehen zu können, was den letzten Tropfen lieferte, welcher dann das Faß der Lebensüberdrüssigkeit zum überlaufen brachte.

      Oft bringen sich in Krisenzeiten ja gerade die um, denen es finanziell besser gegangen war. Das konnte man in Irland sehen, wo die Selbstmordrate sprunghaft stieg als es wirtschaftlich bergab ging. Soweit ich weiß, hatten sich dort diejenigen umgebracht, die einige Jahre zuvor erst "aufgestiegen" waren. Wer trotz "Aufschwung" in ärmlichen Verhältnissen verharrt hatte, kam anscheinend mit dem Abschwung besser zu recht.
      Soll ich die Selbstmörder nun noch nachträglich als unfähige Idioten bezeichnen?
      Sich hinter allzu logischen Erklärungen zu verbarrikadieren, heißt für mich in dem Zusammenhang einfach, daß der so agierende Betrachter sich verschließt, weil er nicht mitfühlen will. Der (rationale) Verstand ist ein prima Ort, um der Wucht von Gefühlen den Garaus zu machen. Natürlich brauchen wir aber auch ein gerüttelt Maß an Selbstschutz.
      Dennoch: Kritisieren wir nicht genau diesen Mangel an Empathie auf gesamtgesellschaftlicher Ebene und stellen uns vor, daß Mitgefühl ein Pfeiler der Basis sein müsste, auf der Solidarität wachsen kann?

      Zu klären, was beim Einzelnen letztlich zu Depressionen und Todessehnsucht führt, ist nicht meine Aufgabe. Darüber, dass das gesellschaftliche Setting eine wichtige Rolle beim Wohl- oder Unwohlsein des Individuums spielt, sind wir uns aber sicherlich einig, sonst würden wir nicht "die Verhältnisse" kritisieren.

      Mir ging es lediglich darum, ein kleines Puzzleteilchen dem großen Krisenbild hinzuzufügen.
      Irgendwer kluges, ich meine es wäre Heinrich Böll gewesen, sagte einmal: "Der Schrecken liegt im Detail. Große Dinge wie Massenmord sind schnell vergeben."

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    3. Sorry @R@iner, Mißverständnis. Ich hatte 'nur' den Protest der Dissidenten gemeint...
      ... war ich daneben gelatscht.
      Irgendso ein blöder (womöglich falscher) Reflex meinerseits wohl, der mich auf eine vermeintlich sachliche Ebene gehen ließ.
      Siehste, passiert sogar mir.^^

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    4. Dann lag das Mistverständnis aber bei mir vor.

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  3. Und weil die neoliberalen Thesen so schön sind, kommt jetzt auch der imf mit Frau Lagarde ins Spiel: El País - El FMI pide bajar pensiones por "el riesgo de que la gente viva más de lo esperado"

    Ein Kommentator schreibt: Oiga Señora Lagarde, no será que "el riesgo de que la gente viva más de lo esperado" sea que los ricachones ganen menos de lo esperado y acostumbrado?

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  4. Die Erklärung für den von fefe verwendeten Begiff der "imf riots": Greg Palast - The Globalizer Who Came In From the Cold

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  5. @ R@iner: Magst du evtl, falls du die Zeit hast, wenn du hier Spanische Sachen einstellst, ein bisschen übersetzen? Google oder meine Ratekenntnisse taugen da nicht viel.
    Heißt das eine, dass die Renten gesenkt werden sollen, weil das Risiko besteht, die Leute lebten länger als erwartet?
    Falls das nun völlig vorbeischießt, dann liegt das daran, dass ich kein Spanisch spreche. Falls die Übersetzung hinkommt, finde ich das krass, aber nicht sonderlich überraschend. So wie das meiste in letzter Zeit...

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    1. Hast Du intuitiv völlig richtig übersetzt. Ich persönlich fände ja das ersatzlose Streichen der Renten viel effektiver, um dem Langlebigkeitsrisiko zu begegnen. Die alten Leute müssen endlich mal kapieren, dass sie nichts weiter als eine Belastung darstellen. Als ultimative Maßnahme wäre natürlich ein Krieg vorstell- und propagierbar - stell Dir nur mal das Einsparpotential hinsichtlich der Renten vor!

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    2. @Amike: Muß ich mal sehen. Ich sträube mich aber davor, weil ich entweder nur die Überschriften übersetzen oder jedes Mal, wenn ich hier meine etwas auf die Schnelle hinterlassen zu müssen, eine Zusammenfassung schreiben müsste.
      Wollte ich das, dann sollte ich konsequenterweise selbst ein Blog führen.
      Mir ist aber schon klar, daß ich mich auch abgehängt fühlen würde, wenn Du hier aus der schwedischen Gerüchteküche zitieren würdest.

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    3. @Rainer
      Wobei "nur die Überschriften übersetzen" schon mal eine Verständnishilfe für Nicht-Spanisch-Sprechende wäre.

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    4. Na gut, das sollte schon drin sein. Ich gelobe Besserung.

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  6. Oder ich rate munter weiter, hat ja diesesmal auch geklappt. Überschriften würden mir schon reichen, damit ich wenigstens ein bisschen weiß, worum es geht. Ich häng doch so gerne hier rum.
    Schwedisch raten ist übrigens einfacher als Spanisch. Und in Schweden tut sich nix Revolutionäres, die haben sich ja in weiser Voraussicht den Euro vom Hals gehalten, damit ihnen in Zukunft nicht das Wasser bis zum selbigen steht...

    @ Mrs Mop: "Rüben haben kurze Beine" ist übrigens genial!

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  7. einen hab ich auch noch - der innenminister von katalonien kehrt sein "inneres" nach aussen:

    "Puig betonte, dass die Strafrechtsreform nicht erreichen solle, dass mehr Menschen im Gefängnis landen, sondern dass er darauf hoffe, dass "die Leute mehr Angst vor dem System haben und deshalb nicht mehr so wagemutig sind".

    und hinterher jammert der pyromane wieder über die lodernen flammen...

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    1. Puig hofft, dass "die Leute mehr Angst vor dem System haben...":

      Umgekehrt wird ein Schuh draus: Was die geplante Strafrechtsreform offenbart, ist die Angst des Systems vor den Leuten.

      "...und deshalb nicht mehr so wagemutig sind":

      Wenn ihn (Puig) da mal nur die Hoffnung nicht trügt: streetart in Madrid am 29. März (Generalstreik), "no hope": No hope - no fear.

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  8. Die einzige gute Nachricht diese Tage aus Spanien war für mich, daß im Baskenland ab 2013 von der Landespolizei - genauer der Ertzaintza - keine Gummigeschosse mehr benutzt werden dürfen. Der Grund des Verbots ist der durch eine Kopfverletzung bedingte Tod des 28-jährigen Iñigo Cabacas nach dem Fußballspiel zwischen Athletic Bilbao und Schalke 04. Das Geschoss wurde von einem ertzaina abgefeuert.
    Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, hoffe aber, es mögen dann keine noch gefährlicheren Waffen zum Einsatz kommen.

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  9. Jo. Sehr schön. Spanien wird dem bodenlosen Euro-Faß auch den virtuellen, von der Euro-Kamarilla "hineingephotoshopten" Boden gründlich ausschlagen.

    Dann hilft auch kein Abwiegeln, Rumsalbadern, Aussitzen, Auf-Zeit-spielen, Auf-die-lange-Bank-schieben" mehr.

    Dann ist Ende Gelände. Leute, lest die Memoiren von Heinrich Brüning. (Wer?!)

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