Freitag, 15. Februar 2013

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser


Uff, geschafft! Die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland hat die 60-Prozentmarke geknackt. Mit rekordverdächtigen 61,7 Prozent! Aber da geht bestimmt noch was:
... angesichts der nachhaltigen Rezession, die laut den vorläufigen Daten der ELSTAT das griechische BIP im letzten Quartal 2012 im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum 2011 um weitere 6 % schrumpfen ließ, kann dieser neue Höchststand der Arbeitslosigkeit jedoch keinesfalls als das "Ende der Fahnenstange" bezeichnet werden.
Doch, da geht noch was. Wäre ja gelacht. Mindestens 38,2 Prozent gehen da noch. "Wir" sind nämlich auf einem guten Weg. "Wir" sind Leute vom Schlage eines Olli Rehn, Vizepräsident der Europäischen Kommission. Der Mann mit dem putzigen Vornamen lehnte eine Neuverhandlung der griechischen Austeritäts-Zwangsjacke ab, nachdem der Zwangsjackenspzialist IMF offiziell eingestanden hatte, die verordnete Zwangsjacke falsch kalkuliert, weil mit den falschen fiskalischen Multiplikatoren berechnet zu haben.


Neuverhandlungen, nur weil der IMF mit seinem Rechenschieber ins fiskalische Klo gegriffen und ein Land, eine Gesellschaft, eine Bevölkerung in den Abgrund getrieben hat? Wäre ja gelacht, kann Olli Rehn dazu nur sagen. Weil, so ein popliger Rechenfehler kann schließlich jedem mal unterlaufen, das muss doch nicht gleich auf die Goldwaage gelegt werden, nicht wahr?

Rechenfehler? Yanis Varoufakis sieht das anders. Der griechische Ökonom - sonst ein Musterbeispiel an Diplomatie und höflichem Umgangston selbst auf kontroversem Volkswirte-Parkett - verlor die Contenance und fuhr bemerkenswert aus der Haut:
"Dieser Fehler wurde vorsätzlich begangen. Das war kein buchhaltungstechnischer Irrtum des IMF, das war eine politische Entscheidung. Sie haben die Ökonomen gezwungen zu lügen. Dieser unbedarfte, feige Unterknecht will den Irrtum nicht eingestehen, denn andernfalls wäre ein sofortiger riesiger Schuldenschnitt in Griechenland fällig."
Unterknecht ("understrapper"), starker Tobak, wie ist das gemeint?
So ist das gemeint:
"Als ein drittklassiger Unterknecht nimmt er (Rehn) seine Befehle entgegen und ist verpflichtet, den Fehler des IMF zu leugnen. Und er leugnet ihn."
Zum Leugnen gehört zu behaupten, dass "wir" auf einem guten Weg seien. Also, die Griechen. Na ja, so ein Wort wie "die Griechen" würde ein hartgesottener Unterknecht niemals in den Mund nehmen; denn seit wann spielen in den Berechnungen eines Unterknechtes solche Faktoren wie "die Menschen" eine Rolle?


Olli Rehn zieht den inflationären Gebrauch des Begriffes "Vertrauen" vor und wird dafür von Leonidas Chrysanthopoulos aufgespießt und mit deutlichen Worten auf den Grill gelegt.

In einem offenen Brief an den Unterknecht, hm, Vizepräsidenten der Europäischen Kommission geißelt Chrysanthopoulos diesen wegen seines konsequent menschen-vernachlässigenden Brüsseler Technokraten-Kauderwelsch:
"In Ihrem Brief an die ECOFIN erwähnen sie häufig das Wort Vertrauen, Rückkehr des Vertrauens, Aushöhlung des Vertrauens, Unterstützung von Vertrauen etc. Ja, aber wessen Vertrauen? Die EU hat das Vertrauen der Menschen verloren. Das Vertrauen der Märkte bleibt erhalten? Kein einziges Mal wird das Wort "Menschen" erwähnt. Alles, was Sie erwähnen, sind prozentuale Anteile am Bruttoinlandsprodukt, aber wir sind keine prozentualen Anteile am Bruttoinlandsprodukt, wir sind Menschen."
Mit "Menschen", von Mitmenschen ganz zu schweigen, stehen Unterknechte professionell auf dem Kriegsfuß.


Die griechische Unterknechts-Regierung macht dies fast täglich aufs neue unmissverständlich klar. Ihr neuester Coup:
Zensur in Griechenland: Die "verbotene" Nachricht
Seit einigen Tagen ist es in Griechenland gegen Androhung von Strafe verboten, im Fernsehen Bilder von verwahrlosten Bürgern zu zeigen. Der Medienaufsicht gemäß sollen es die Sender unterlassen, die Krisenfolgen anhand personifizierter Beispiele zu präsentieren. Dass dadurch für Medienkonsumenten ein real nicht existierendes Paralleluniversum, in dem lediglich die Parolen der Regierung vom angeblich nahenden Wirtschaftswachstum geschaffen wird, scheint dem Rundfunkrat nicht nur egal zu sein, sondern das dürfte eher beabsichtigt sein.
Aus den Augen, aus dem Sinn. Über das explosionsartig grassierende menschliche Elend im öffentlichen Raum Griechenlands wurde ein Bilderverbot verhängt - eine, in der typischen Denke eines Unterknechtes, vermutlich "vertrauens"bildende Maßnahme. Der griechische Fotograf, von dem die hier gezeigten Bilder menschlichen Elends stammen, möchte lieber namentlich nicht genannt werden, "aus Angst, dass ihm etwas passieren könnte". So viel Vertrauen war selten.


Kommentare:

  1. Von troptard:

    Beim Lesen des Artikels ist mir ein Gedanke von Thomas Ebermann eingefallen, den er anlässlich einer Diskussionsveranstaltung geäussert hat.

    Er bemerkte dort, dass unsere neoliberalen Wirtschaftseliten sich die Frage gestellt hätten, ob die Thesen der Sozialdemokratie, dass es eines sozialen Ausgleich Bedarf um den sozialen Frieden zu gewährleisten, überhaupt schlüssig sind.
    Möglicherweise ist der soziale Frieden ja gar nicht gefährdet, wenn soziale Wohltaten eingestampft werden. Versuchen wir es doch einfach und schauen was passiert.

    In der BRD (BrechReizDemokratie) ist das bisher ohne grosse Gegenwehr gelungen. Wenn es gelingt, die Krisenverwerfungen vom System auf Minderheiten umzulenken auf welche man treten kann, dann ist auch die Hegemonie der neoliberalen Ideologie nicht gefährdet.

    Was in Griechenland, Spanien und Portugal passiert ist dann das neoliberale Versuchsfeld für " da geht doch was".

    Für die Unterknechtsregierungen hätte ich da noch einen Tip!
    Verbot der Darstellung von Elend ist schon mal ne gute Idee.
    Es bedarf aber auch der Ablenkung von den Ursachen, sozusagen der Selbstbeschäftigung der Marginalisierten mit ihrer Situation, dem selbstverschuldet sein.

    Z.B. Talkshows! Sind unsere Jugendlichen nicht mehr bereit zu arbeiten? Richten wir es uns in der sozialen Hängematte zu gemütlich ein?
    Dazu vielleicht noch ein Kochkurs! Mit ein 1,5 Euro leben wie Gott in Frankreich.

    Da geht wirklich noch mehr, wenn man seinen eigenen Ar..h retten will.

    Gruss Troptard;









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    1. Natürlich, seit Beginn (und Aufrechterhaltung!) der sog. Krise gilt Griechenland als "neoliberales Versuchsfeld", quasi ein brutaler Stresstest für Wirtschaft und Gesellschaft. Die Versuchsanordnung lautet: Wie weit können wir gehen, d.h. wie weit können wir die "Ratten" runterhungern bis zum Ausbluten, ohne dass sie sich wehren und wir ordentlich Beute machen?

      Merkel hat übrigens diesen Laborversuch inklusive IMF-Zwangsjacke in ihrer verklemmten S/M-Diktion ganz unverhohlen zum Ausdruck gebrach, als sie herumbellte, an Griechenland müsse "unbedingt ein Exempel statuiert werden".

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  2. Troptard

    Wünsche mir mehr Kommentare auf Deinem Blog!

    Bonne nuit!

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  3. Grade gefunden:

    Gute Bildunterschrift für einen Cartoon, dessen Thema der Weltuntergang ist (übertragen wir jetzt mal freihändig auf den Bewusstseinszustand der europäischen Laborbetreiber!):

    "OK, das Weltuntergangs-Szenario wird zwar voll von unvorstellbarem Horror sein, aber wir glauben fest daran, dass die Periode kurz vor Ende voller noch nie da gewesenen Profitchancen sein wird."

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  4. Warnung! Der Konservative Frank Schirrmacher hat ein Buch über den Irrsinn des totalitären Kapitalismus geschrieben. "Ego" ist ein intellektuelles Vergnügen und ein politisches Zeichen der Hoffnung: Der Widerstand wächst...........................schreibt der im Zweifel Linke Jakob Augstein. Und weiter: "Kapitalismuskritik im Herzen des Kapitalismus

    "Ego" ist also ein Buch über den menschenverachtenden Irrsinn des totalitären Kapitalismus. " Vom Saulus zum Paulus frage ich?

    Aus jahrhundertelanger Erfahrung weiss das Kapital, wann eine kritische Masse erreicht ist (Aufstand) und bringt rechtzeitig seine Mietmäuler und Marionetten in Stellung, die den Auftrag haben, von einem humanitären, gebändigten Kapitalismus mit menschlichem Antlitz (soziale Marktwirtschaft oder demokratischer Sozialismus!!!) zu schwadronieren und uns einzulullen. Diese Strategie ist wesentlich wirksamer, als die offene Konfrontation mit dem “Mob”.

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    1. Fällt mir schwer, mich über einen Autor aufzuregen, der in regelmäßigen Abständen Kreide frisst, um mal wie einen Bestseller zu landen. Kreide zu Kohle oder was.

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    2. ...mal wieder sollte das heißen.

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