Montag, 11. Februar 2013

Pferdespuren


Heute schon vom Pferd getreten worden? Nein? Ich schon.

Seit heute früh nämlich, als sich auch in Deutschland die appetitlichen Nachrichten von Pferdelasagne und Pferdeburgern überschlugen, also seit heute früh dachte ich in einer Tour, wie vom Pferd getreten: Da war doch mal was, irgendwas war da mal, vor langer Zeit, was war das bloß? Ich kam nicht drauf. Es war irgend etwas, was ich einmal in einem Buch gelesen hatte. Einem Buch über Deutschland in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber ich kam nicht drauf, weder auf den Buchtitel noch auf den Autor noch auf das, was ich da gelesen hatte. Nur dass es irgend etwas mit Pferden zu tun hatte, das wusste ich noch. Und zwar sowohl mit lebenden als auch toten Pferden sowie mit dem Verzehr von Pferdefleisch. Der Rest war Blackout.

Derweil nahm der neueste Akt in der langen Dramenreihe von versautem Austerity-Fleisch seinen Lauf, heute unter der Überschrift: Lasst sie doch Pferde fressen. In gut einstudiertem, daher routinemäßig bagatellisierendem Krisenkommunikationsstil wurde allseits palavert von "Spuren von Pferde-DNA", die sich in "einigen" Fertiggerichten gefunden hätten; dies zu einem Zeitpunkt, als die Spurensicherung bereits so weit fortgeschritten war, dass der tierischen Füllmasse einer Tiefkühllasagne eines namhaften Schweizer Lebensmittelkonzerns offiziell bescheinigt wurde, zu mindestens 60 bis maximal 100 Prozent aus Pferdehack zu bestehen; fast so, als ob sie dort in der Schweiz einem ungeschriebenen Reinheitsgebot (Pferd statt Rind) folgten und halt nur vergessen hatten, dieses zu deklarieren. Kann ja mal passieren.

Nachdem die wohlfeile DNA-Spurenelement-Theorie nicht mehr aufrechtzuerhalten war, jedenfalls nicht glaubwürdig, begann die gesamte fleischproduzierende, -transportierende und -verkaufende, EU-weit vernetzt operierende Connection mit der "Suche nach den Verantwortlichen", sprich: sich als Opfer illegaler Machenschaften, Schmuggelbanden und fleischgewordener Verschwörungen zu inszenieren. Drama queen, dein Name sei Fleischindustrie! Pferdefleisch sei illegal in die Schlachthäuser geschmuggelt worden! Bösartige, mensch- wie tierverachtende Kriminelle hätten Lücken in der - normalerweise, wir schwören es! - lückenlosen Versorgungskette ausgenutzt und ein wildes Rudel Pferde unbemerkt durchschlüpfen lassen, so dass am Ende irgendwie ein paar Hottemaxe quasi undercover durch den Fleischwolf galoppiert wären; versehentlich natürlich, was denn sonst!

Überhaupt, hinter so viel organisiertem Pferd-statt-Kuh-Kriminal könne nur eine abgefeimte bitterböse Mafia stecken - also sprach die Fleischindustrie. Wie jetzt, Mafia?
Es (das getürkte Rindfleisch) kam von Schlachtereien in Rumänien, vermittelt durch einen Händler in Zypern, weitervermittelt durch einen weiteren Händler in Holland, bis zu einer Fleischfabrik im Süden Frankreich, die es (das Fleisch) weiterverkaufte an eine französische Fabrik in Luxemburg, die daraus wiederum gefrorene Fertiggerichte herstellte und diese an Supermärkte in 16 Ländern verkaufte.
Ach so, so läuft das in der gut organisierten kriminellen Fleischmafia? Nein, so läuft das auf den ganz normalen, ganz legalen Routen der gut organisierten Fleischindustrie, die womöglich mit ihrem quengeligen Schuldmantra "Die Mafia war's!" näher an der Wahrheit dran ist als ihr lieb sein kann.

Wie gut, dass es in dem ganzen Sündenbock-Schlamassel die Osteuropäer gibt. Was täte die Fleischindustrie ohne die g'schlamperten Rumänen? Was täten die Deutschen ohne die faulen Griechen? Also lässt sich, gottlob und voller Überzeugung, sagen:
Der Pferdefleischskandal führt nach Rumänien. 
Da haben wir's: Eine heiße Pferde-DNA-Spur führt nach Rumänien. Wir waschen unsere Hände in Unschuld - Rumänien war's. Als Prügelknabe und Blitzableiter ist Rumänien immer gut.

Wieso gerade Rumänien? Ist doch klar: Weil die Rumänen vor ein paar Jahren - um europäischen Standards zu genügen - mit einer jahrhundertealten Transportform gebrochen und von Pferden gezogene Karren aus dem Straßenverkehr gebannt haben. Ja, und irgendwo mussten die Rumänen ja hin mit ihren alten Kleppern, und deshalb sind die Rumänen an allem schuld. Und nicht etwa - nur als Beispiel - die Briten, die jetzt an der Pferdelasagne würgen und deren Regierung, austerity-geil wie sie ist, die Gelder für Lebensmittelsicherheit und -überwachung rigoros zusammengekürzt und damit dokumentiert hat, dass es ihr völlig wurscht ist, was ihre Bürger in sich hineinstopfen, auch wenn sie jetzt Zeter und Mordio und Rumänien an den Pranger schreit.

Wobei noch gar nicht raus ist, ob das Pferdehack in der Lasagne tatsächlich von ausgemusterten rumänischen Kleppern stammt oder nicht vielleicht von hochgezüchteten englischen Rennpferden, die ja auch irgendwann profitabel entsorgt werden müssen, wenn sie, bis zur Mähne zugedopet mit entzündungshemmenden Medikamenten, einfach nicht mehr können und zusammenbrechen. Aber keine Panik, die Pferdedroge Phenylbutazone ("Bute", hochgiftig für das menschliche Nervensystem) wurde bislang nur in einigen Pferdefleisch-Fertiggerichten und auch dort nur in - na? genau: - "verschwindend geringen Spuren" entdeckt, so niedrig dosiert, dass sie "keinesfalls" ein Erkrankungsrisiko für den Menschen darstellten. Schließlich hat noch kein Lasagnekonsument hysterisch zu wiehern angefangen, also alles im grünen Bereich, noch. Findet übrigens auch die EU-Kommission:
Pferdefleischskandal kein Grund für Handelshemmnisse
Die EU-Kommission ruft im Pferdefleischskandal zur Ordnung. Ohne Risiken für den Verbraucher seien Handelsverbote fehl am Platz.
- lese ich in einer Agrarfachzeitschrift und lehne mich beruhigt zurück, kann mir allerdings ein leichtes Wiehern nicht verkneifen, obwohl ich keine Spur von Lasagne zu mir genommen habe.

Übrigens gibt es bereits neue Verdachtsmomente: dass nämlich der Pferdefleischskandal gar keiner ist, sondern etwas viel Schlimmeres. Die - na? richtig: - "Spur" führt schon wieder nach - na? eben: - Rumänien. Weil, angeblich sollen dort früher die Straßenkarren nicht nur von Pferden, sondern auch von Eseln gezogen worden sein, und irgendwo mussten die Rumänen ja hin mit ihren alten Eseln, was sie (die Rumänen) unter Generalverdacht bringt, dass sie in Wirklichkeit getürktes Pferde-, also Eselsfleisch auf den Markt brächten:
Bei dem in britischen Supermärkten gefundenen Pferdefleisch könnte es sich auch um Esel aus Rumänien handeln.
- mutmaßt vorwurfsvoll ein namhafter französischer Fleischindustrieller und Schuldzuschreibungs-Spezialist, während er sich die Hände gründlich in Unschuld wäscht. Immer diese liederlichen Rumänen! Erzählen einen vom Pferd und verticken Esel - wo soll das noch hinführen in einer Branche, die unermüdlich auf der Suche ist nach profitabler, noch profitablerer, der allerprofitabelsten Protein-Spachtelmasse für ihre Produkte?

Pferde statt Kühe,
Esel statt Pferde,
Katzen statt Esel,
Katzenfutter statt Katzen,
Ratten statt Katzenfutter,

- doch, da geht noch was -

Rattengift statt Ratten.

Und damit zurück zum Thema Pferd. Inzwischen habe ich meinen Hänger überwunden und den seit heute früh gesuchten Text gefunden:
Frau Eisenmenger schrieb, "die riesigen Mengen Arbeitsloser, aufgestachelt von den Kommunisten, kochen über vor Unzufriedenheit ... ein Mob hat versucht, das Parlamentsgebäude in Brand zu setzen. Berittene Polizisten wurden von ihren Pferden heruntergerissen, die (Pferde) wurden mitten auf der Ringstraße geschlachtet und das warme, blutende Fleisch von der Menschenmenge fortgeschleppt ... lautstark verlangten die Protestierer nach Brot und Arbeit."
aus:
When Money Dies: The Nightmare of the Weimar Collapse
von Adam Fergusson

Kommentare:

  1. Jetzt könnte ich mich damit beruhigen, dass ich seit gefühlten soundsoviel Jahren kein Fleisch mehr esse. Mach ich aber nicht.

    Die stecken ihre Schmutzfinger überall rein wo's nach Geld stinkt!

    Hervorragender Artikel!!!

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  2. Ja ja die Rumänen:

    Es ist nicht gerade das Nationalgericht der Schweiz, aber ein Stück Hund oder Katze auf dem Teller kommt in manchen Gegenden durchaus vor. Einige Rheintaler und Appenzeller Bauern outen sich in der Schweizer Zeitung „Tagesanzeiger“ als Hunde- und Katzenfleisch-Esser – und lösen damit große Empörung aus....

    Die Schweizer mit einer Vorliebe für Hunde- und Katzenfleisch finden die ausgebrochene Debatte um ihre Essgewohnheiten verlogen. „Dann dürfte man auch keine Schweine essen“, sagt eine Landwirtin aus dem St. Galler Rheintal auf die Frage des „Tages-Anzeigers“, warum sie Hundefleisch esse. „Fleisch ist Fleisch“, meint ein anderer Bauer aus dem Rheintal. Ein anderer Landwirt gibt an, dass sich früher kaum jemand darüber aufgeregt habe, wenn Hundefleisch serviert worden sei. „Heute ist das offenbar verpönt.“ Er werte dies als Heuchelei einer Gesellschaft, „die sonst nicht genug Fleisch kriegen kann“....

    http://www.focus.de/panorama/welt/tid-28837/haustiere-auf-dem-teller-geraeucherter-hund-ein-schweizer-pausensnack_aid_891395.html

    Iris Radisch, ehemaliges Mitglied des literarischen Quartetts sagt dazu:
    "Niemand versteht heute mehr, warum Katzen, Hunde, Affen, Ratten, Pferde und Mäuse keinesfalls, Rinder, Schweine und Hühner dafür in unvorstellbaren Massen verspeist werden dürfen. Und warum es in einer anderen Weltgegend gerade umgekehrt zugeht. Der Übergang von einer ursprünglichen Blut- und Hack- zu einer zivilisierten Vernunft- und Mitleidskultur steht auch im 21. Jahrhundert noch nicht auf der Speisekarte. "

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  3. Nachtrag aus "Jungle World":
    Neu ist, dass der Müll von gestern zum Fertiggericht von heute gerät. Die Bratmaxe, Currykings und Schnitzelsnacks, mit denen die Fleischfabriken die Regale vollstellen, sind luftdicht verpackter Proteinschrott, künstlich Vorgekautes, industriell Hochgewürgtes, artifiziell erzeugter Ausschuss. Der neueste brechreizerregende Einfall: Verzehrfertige Buletten in Plastikdosen, als »Mühlenfrikadellen« von der Rügenwalder Knochenmühle mit dem abscheulichen Marktschrei »Essen ist fertig!« angepriesen. »Ideal für zwischendurch und unterwegs« seien die Schlachtabfälle, und im Fernsehspot ruft Jörg Pilawa zur Musik von Simon & Garfunkel badende Kinder zum Picknick, die sich heißhungrig auf die Müllfrikadellen stürzen. Rügenwalder warb früher mit Großmama, Heuernte und Buchenrauch; heute reicht es, auf wiederverschließbare Dosen hinzuweisen. Schnitzel für den Toaster, Rouladen für die Mikrowelle – war Fleischkonsum nach dem Krieg noch Ausweis von Wohlstand und wiederhergestellter Zivilisation, wollen sich die Leute heute noch nicht einmal die Wurst selber aufschneiden; statt dessen möchte man fug- und widerstandslos an die Fleischbrei-Pipelines der Tötungsindustrie angeschlossen werden. 

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  4. Carrefour France

    Findus Lasagne im Angebot!
    Guten Appetit

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    1. Bei Rewe Deutschland seit gestern im Angebot.
      Mahlzeit.

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    2. Allerdings die von Maggi. Eh wurscht, Pferd wie Hose.

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