Montag, 5. Dezember 2011

Strukturell dumm


Gestern war ja, sozusagen, Intellektuellentag bei occupyFrankfurt. Oder besser gesagt, gegenüber von occupyFrankfurt. Im Schauspiel Frankfurt fanden nämlich die traditionellen 39. Römerberggespräche statt.
"Ob Stuttgart 21, Demonstranten in Madrid und Jerusalem oder die occupy-Bewegung: Gegenüber einer Politik, die zunehmend ratlos und überfordert wirkt, erheben sich an vielen Orten Menschen, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen und Partizipation einzufordern. Auch das klassische Bürgertum der Mitte..."
- welches, mit spürbar linksliberalem Einschlag, bei den Frankfurter Römerberggesprächen zahlreich und debattierfreudig zu erscheinen pflegt -
"...empfindet Unbehagen, da alte Sicherheiten Makulatur geworden sind.
Nicht immer ist die neue Lust an der Einmischung dabei mit ausformulierten Manifesten verbunden. Im Gegenteil, gerade die sichtbare Abstinenz von politischen Programmen irritiert viele Beobachter. Liegt dies daran, dass eine getriebene Politik ohne klare Konturen eben auch keine Gegenentwürfe provoziert? Oder ist die ästhetische Praxis dieses Widerstands, der oft ohne intellektuelle Programme auskommt, doch als politisches Handeln zu begreifen?"
- wobei den "beobachtenden" Besuchern der gestrigen Veranstaltung "die ästhetische Praxis dieses Widerstandes" in neblig-nasskalter Gestalt quasi zu Füßen lag.


Sonderlich irritiert von der "sichtbaren Abstinenz von politischen Programmen" schien das Publikum nicht zu sein; deutlich irritierter dagegen von dem Eröffnungsvortrag des Soziologen Heinz Bude, weshalb ich mich in guter Gesellschaft fühlte, denn der Vortragstitel "Empörung in einer Welt ohne Alternative" hatte bei mir bereits im Vorfeld beträchtliche Irritationen ausgelöst. Wie kann ausgerechnet ein Soziologe von einer Welt ohne Alternative sprechen? Einem Ideologen mag dies mühelos gelingen, aber einem Soziologen? Na gut, es muss auch Ideologieliebhaber unter den Soziologen geben, und Heinz Bude gehört ohne Zweifel zu ihnen.

Vor zweieinhalb Jahren nämlich hatte er im Rahmen eines Rundfunkinterviews den Begriff Unterschicht dahingehend umgedeutet, dass die heutige Unterschicht keinesfalls charakterisiert sei "durch materielles Schlechtergestelltsein, sondern aufgegeben (habe), mitzukommen, den sozialen Aufstieg zu wollen", im Gegensatz zu jenen, "die mit dem Takt der gesellschaftlichen Entwicklung mitgehen und dadurch sogar ihre Chancen mehren", die anderen hingegen, diejenigen, "die aus dem Takt geraten sind, plötzlich zurückbleiben", als "bedauernswerte Population" bezeichnet, "die eben nicht verstanden hat, worum es geht." Mit anderen Worten: Die Unterschicht hat im Jahr 2009, als Bude die Welt noch voller Alternativen sah, halt den Anschluss verpasst. Pech gehabt, Unterschicht.

Im Jahr 2011 spricht der Soziologe Bude in der Vergangenheitsform von einer Finanzkrise als einer (mit der Lehman-Pleite) "zu Ende gegangenen Periode", als "einer riesigen Veranstaltung zur Veränderung der Vermögensverhältnisse in unserer Gesellschaft", aus der er die "bewegende Bilanz" zieht, es gebe daraus "keinen transzendentalen Ausweg". Keinen Ausweg für wen? Für "uns". Ja, im Jahr 2011 spricht Bude gern, ausdauernd und pathetisch von "wir" und "uns" anstatt von "jenen" und "denjenigen" und meint mit "uns" offenbar alle - die Unterschicht, die Mittelschicht, die Oberschicht, die politische Klasse, die mediale Klasse, die Finanzelite, die occupy-Bewegung, die Intellektuellen, die Soziologen und anscheinend auch sich selbst.

Wobei ihm selbst in Gestalt seines Professorengehaltes sowie seiner Referentenhonorare mit Sicherheit ein - wenn schon nicht transzendentaler, so doch komfortabler - Ausweg zur Verfügung steht. Was ihn nicht daran hinderte, jedem, der einen Ausweg, eine Alternative in einer "Welt ohne Alternative" für möglich hält, markig entgegenzuschmettern: "der spinnt", beziehungsweise, der sei - elaborierter gewendet - "strukturell dumm". Gut möglich, dass er die occupy-Bewegung für Spinner beziehungsweise deren Empörung für strukturell dumm hält.

Auch vergaß Bude im Eifer des ideologischen Wir-Gefühls zu erwähnen, dass es den Akteuren der Finanzkrise bravourös gelungen ist, durch "eine Veränderung der Vermögensverhältnisse in unserer Gesellschaft" einen transzendentalen Ausweg für all jene zu finden, die sich zu den '1%' rechnen können. Weshalb der Rest jetzt im Regen steht (oder zeltet) und strukturell schön dumm ist, wenn er sich einbildet, es gäbe Alternativen. Vor Gericht würde man so eine Argumentation, glaube ich, 'Täterschutz' nennen.

Nach derart beschworener Auswegs- beziehungsweise Alternativlosigkeit entblödete der Redner sich nicht, noch einen pathetisch draufzusetzen und seinem Publikum den aus seiner Sicht einzigen Ausweg aus der quasi naturhaft über uns gekommenen Finanzkrise zu weisen: Bude appellierte eindringlich an "unsere(!) kollektive Disziplin und Hoffnung". Wie, Disziplin? Ja freilich, weil "wir (jawohl, wir!) doch alle über unsere (jawohl, unsere!) Verhältnisse gelebt" hätten und damit endlich Schluss ein müsse. Wie, Hoffnung? Ja freilich, "Hoffnung auf Wachstum und die Chance zu partizipativer Teilhabe".

Hat man Töne? Während derzeit die Demokratie direkt bedroht, weil zügig abgewickelt oder vielmehr vom Finanzkapital schlicht abgeschafft wird, ermahnt uns(!) ein Soziologe, der früher mal Redenschreiber für Gerhard Schröder war, zu der "Hoffnung auf die Chance zu partizipativer Teilhabe". Und das, wo im Camp gegenüber auf partizipative Teilhabe nicht gehofft, sondern darum gekämpft wird; was jedoch, wenn ich richtig verstanden habe, ebendieser Soziologe einen Atemzug früher als "strukturell dumm" abgetan hatte. Übrigens, woher in einer "Welt ohne Alternative" - also einer Welt der Hoffnungslosigkeit - die Motivation zu egal welcher Hoffnung kommen sollte, ließ der Soziologe im Dunkeln.

Das Frankfurter Publikum machte seiner Irritation über so viel Sprechgebläse engagiert und temperamentvoll Luft, weil es sich für (und sei es strukturell) dumm verkauft fühlte. Zeitweilig ging es fast so tumulthaft zu wie auf einer gutbesuchten Sonntags-Asamblea von occupyFrankfurt. Gesagt hat es keiner, aber gedacht haben wird es mancher (darunter auch ich): ein ausgesucht strukturell dummer Vortrag eines soziologischen Ideologienverkäufers. Weniger elaboriert gewendet (sage ich jetzt): Der spinnt.


Kommentare:

  1. Wo die Seele verlumpt, verlumpt auch das Denken.

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  2. Wo kriegt ihr eigentl. immer diese seltsamen Redner her?

    Das ist genau die Aussichtslosigkeit die ich meine - die Aussichtslosigkeit der "alternativlosen" Phrasendrescher.

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  3. Die Römerberggespräche werden nicht von #occupy-ffm veranstaltet (siehe Link auf den Flyer); vielmehr dienten die occupy-Bewegung bzw. #occ-ffm als thematische "Vorlage" für die Veranstalter.

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  4. @ Frau Mop

    Der Heitmeyer war ja, wie ich da lese, auch geladen, hat dem denn dann überhaupt noch irgendjemand zugehört?

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  5. zu Heitmeyer hab ich grade einen link bei klaus Baum gepostet:

    Auf dem ersten Blick scheinen das WSI-Herbstforum „Gespaltene Gesellschaft“ vom 24.11.2011 und die IGM-Konferenz zur Energiewende vom 1./2.12.2011 nicht viel miteinander zu tun zu haben. Der Link wird optisch sichtbar nur durch die Kooperation mit der Hans-Böckler-Stiftung. Allerdings gibt es noch ein anderes widerspruchreiches Bindeglied und das mag paradox anmuten: Die Herbstforum-Rede von Wilhelm Heitmeyer. Sie erklärt das Hauptproblem der Gewerkschaften in Deutschland: ihre problematische Rolle in der globalen Konkurrenz, insbesondere in der globalen Standortkonkurrenz. Sie wollen mehr – vor allem höhere Einkommen und höheren materiellen Wohlstand – von den Früchten dieser Konkurrenz anstatt diese zu bekämpfen. Sie meinen, dass dies sowohl für die Deutschen in ihrer Gesamtheit als auch für „die Wirtschaft“ besser wäre, den Standort Deutschland nachhaltiger sichern würde. Weiterlesen…

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  6. Dem Heitmeyer habe ich auch noch zugehört. Er hat, wenn ich mich recht erinnere, im Wesentlichen die Thesen von Colin Crouch (Postdemokratie, "Demokratie-Entleerung" etc.) referiert.

    Schönes Zitat von Heitmeyer mit Blick auf die Occupy-Bewegung:

    "Die Gläubiger sind dabei, den Demokratien ihre Unterstützung zu entziehen."

    (Wobei ich in dem Kontext "Demokratien" gern in Anführungszeichen setzen möchte.)

    Sehr gut war übrigens der Vortrag von Paul Ingendaay (Spanienkorrespondent der FAZ) über die Bewegung 15-M. Sehr kenntnisreich und getragen von Sympathie und Empathie. Einer der wenigen Intellektuellen, die sich in die Bewegung selbst hineinbegeben haben, anstatt sie bloß aus der Distanz von außen zu kommentieren.

    Ingendaay sprach u.a. begeistert über die "phantastische Organisationsleistung", die in den weltweiten occ-Camps auf die Beine gestellt wird, und fügte mit leicht sarkastischem Unterton (unschwer als Nadelstich gegenüber seinem soziologischen Vorredner Bude zu verstehen) hinzu: "So etwas müsste einen eigentlich als Soziologen interessieren!"

    Yep. Müsste. Eigentlich.

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  7. >>Einer der wenigen Intellektuellen, die sich in die Bewegung selbst hineinbegeben haben, anstatt sie bloß aus der Distanz von außen zu kommentieren.<<

    diese formulierung gibt ein zentrales motiv allen denkens, aller wissenschaft wider: in der regel verhält sich der wissenschaftler wie einer, der einen ameisenhaufen beobachtet. immer von außen, immer der distanzierte - geht mir selbst am arsch vorbei - beobachter.

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  8. Und dabei vergisst der - namentlich soziologische - Wissenschaftler gern, dass es eine wissenschaftliche, sozialforscherisch anerkannte Disziplin gibt, die nennt sich: 'Teilnehmende Beobachtung'.

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  9. ... die aber vielen Wissenschaftlern leider zu umständlich zu sein scheint oder unter Rückgriff auf die Gefahr des going native gleich komplett als unwissenschaftlich diskreditiert wird.

    Ach, schade. Nach dem, was du berichtest, hätte ich mir den Vortrag von Heinz Bude gerne angehört, gerade als Soziologe und Teilnehmer von Occupy:Frankfurt.

    Ideologieliebhaber gibt es unter den Soziologen leider so einige. Ich habe schon viel zu viele Bücher und Artikel gelesen, in denen die Autoren A feststellen, daraus aber dann das Gegenteil von A schließen. Schöne Fälle kognitiver Dissonanz. Ganz zu schweigen von denen, die gleich von Anfang an ihre Studien so aufbauen, dass das herauskommt, was man herausfinden möchte. Viele vergessen zudem, dass (Sozial-)Wissenschaft auch heißt, gerade das Selbstverständliche zu hinterfragen, anstatt es als Prämisse hinzunehmen.

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  10. "... die aber vielen Wissenschaftlern leider zu umständlich zu sein scheint oder unter Rückgriff auf die Gefahr des going native gleich komplett als unwissenschaftlich diskreditiert wird."

    Zu umständlich, zu anstrengend, zu langwierig, zu teuer, und vor allem viel zu gefährlich: weil es keine bessere Methode gibt als die teilnehmende Beobachtung, um vorgefasste Ressentiments eines Sozialforschers komplett aus den Angeln zu heben und seine Denkmuster zu durchlüften. Viel zu riskant, das.

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