Freitag, 3. Dezember 2010

Verschärfte Rhetorik


Es gibt kaum etwas Schlimmeres, als frühmorgens wehrlos im Bett zu liegen, während die stählerne, rasiermesserscharfe Stimme der Arbeitsministerin aus dem Radio auf meinen Nerven herumsägt. Es ist diese Stimme. Eine Stimme wie aus Hartmetall geschmiedet. Noch bevor ich überhaupt weiß, auf was die Rasierklinge hinaus will, suche ich im Dunkeln nach großkalibrigen Wurfgeschossen, um das Radio in tausend Teile zu zerschießen. Diese Stimme fräst sich derart gnadenlos durchdringend in die verschlafenen Gehörgänge, dass ich - urplötzlich hellwach und hyperaktiv - gar nicht schnell genug aus den Kissen springen kann, um der Off-Taste den K.o.-Schlag zu verpassen. So stelle ich mir das Weck-Kommando im Kasernenumfeld vor: Weiterdösen unerwünscht, strammgestanden!

Die eiserne Jungfrau dozierte zu ihrem Lieblingsthema, der Knebelung von Hartz-IV-Empfängern auf der nach unten offenen Schikane-Skala. Es ging, wenn meine gemarterten Schlafplüschohren das richtig mitbekommen haben, um die Neuberechnung des Regelsatzes (nach unten, wohin sonst). Zu diesem Zweck, so die Rasierklinge, gälte es, die "Referenzgruppe" für diese Berechnung neu zu definieren. Referenzgruppe? Ich dachte immer, die sei längst definiert durch das gebetsmühlenhafte Mantra 'Der Abstand zu den untersten Lohngruppen muss gehalten werden', vulgo Lohnabstandsgebot?

Von wegen - nichts ist so weit unten, dass es nicht noch tiefergelegt werden könnte: Statt wie bisher das untere Fünftel der Arbeitnehmer als Maßstab zugrunde zu legen, sollen es künftig nur noch rasierklingenscharfe 15 Prozent sein, die als Vergleichsrahmen dienen. Wohlgemerkt, die untersten 15 Prozent der Arbeitnehmer statt der bisherigen unteren 20 Prozent. Was ja schon einen kleinen Unterschied ausmacht für all jene, die es darauf anlegen, die entsprechenden Zahlen nach unten schön oder vielmehr hässlich zu rechnen.

Trotz meines Hechtsprunges aus dem Bett hämmerte mir kurz vor Erreichen der Ausschalttaste am Radio noch der in Kruppstahl gegossene Satz "...weil sonst der Abstand zur arbeitenden Bevölkerung zu gering wird" entgegen. Dieser Satz ist mir den ganzen Tag im Ohr hängengeblieben. Ein höchst bemerkenswerter Satz, wie ich finde - oder kursiert diese Rhetorik schon länger und nur ich habe es wieder mal verpasst? Zwischen dem Abstand zu den untersten Lohngruppen einerseits und dem Abstand zur arbeitenden Bevölkerung andererseits besteht doch wohl ein, so darf man sagen, gewaltiger Abstand, und zwar beileibe kein bloß rhetorischer, vielmehr ein gewaltiger qualitativer Abstand, oder nicht?

Die Rhetorik verschärft sich. Rasiermesserscharf.

Kommentare:

  1. Es ist mir bis heute unbegreiflich, warum Menschen sich den Grausamkeiten eines Radioweckers ausliefern, noch dazu außer Reichweite des Bettes. Zur Strafe gibt es dann eben Frau von der Leyens schneidige Stimme samt Belehrung über das elfte Gebot der Deutschen, welches, oh Wunder, noch nicht nachträglich in Stein gemeißelt vom Berge Sinai gefallen ist.

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  2. Von irgend etwas muss man sich ja wecken lassen, und von Musik schlafe ich wieder ein. Normalerweise habe ich eine Fernbedienung neben dem Bett liegen, nur war leider heute nicht normal und die Fernbedienung lag woanders.

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  3. du bist doch sicher auch immer bei den "üblichen verdächtigen" ;-) unterwegs. mittlerweile schafft es die verschärfte rhetorik vom gepöbel der "stammtische" zur geschliffeneren ausdrucksweise der salons. beides unerfreulich aber nicht neu.

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  4. Ich weiß ja nicht, an welchen Stammtischen du so abhängst, etwa an den "üblichen verdächtigen" ;)?

    Mein Eindruck ist eher, dass es an den Stammtischen insgesamt pluralistischer zugeht als an jenen Orten, die den Namen Salon nicht verdient haben. Ein Salon wäre für mich der Inbegriff des Pluralistischen und dessen Reizes. Etwas, was den Produzenten heutiger Politpropaganda völlig abgeht. Die hauen ständig mit dem gleichen geistlosen Hammer auf den gleichen wehrlosen Nagel.

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  5. Wer schon die Stimme einer von der L. als gehirnerweichend empfindet, sollte einmal die von Frau Stefanie von und zu vor und zurück Guttenberg hören, die -gar nicht zu ihrem Puppengesicht passend- mehr an eine Zweibacksäge erinnert.

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  6. "Zweibacksäge" musste ich jetzt gugeln..."bezeichnet ein schwachmotorisiertes Zweirad (z.B. Moped), welches auf Optik getrimmt ist, aber dessen hochfrequentes Motorengeräusch schon auf weite Entfernung die wahre (schwache) Leistung erkennen lässt."

    Passt, *gg*!

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