Montag, 6. Dezember 2010

Auf der deutschen Eisenbahn


Heute mache ich einfach da weiter, wo ich gestern aufgehört habe.
Also beim Orient-Express.


Alle Jahre wieder verwandelt sich mein Arbeitsplatz (das Restaurant) in einen Ort, wo Männer zu kleinen Jungs werden. Denn jedes Jahr zur Vorweihnachtszeit wird traditionell eine Modelleisenbahn überm Tresen installiert. Liebevoll von Hand gebastelt bis ins kleinste Detail: adrette Fachwerkhäuschen mit heimeliger Innenbeleuchtung, dunkelgrün strotzende Tannenbäumchen, gepflegte Gärtlein, glückliche kleine Kühe und Ochsen sowie ein niedliches Kirchlein, das stets im Dorf bleibt. Und, selbstverständlich, ein ausgeklügeltes Gleissystem, an dessen Bett noch nie eine menschliche Hand das Schottern gewagt hätte. Nicht zu vergessen das Allerwichtigste, das Eisenbähnlein: kein Personen-, sondern ein Güterzug, der gastronomisch stilechte Fracht mit sich führt, nämlich kleine dicke Fässchen mit der Aufschrift "Bordeaux".

Kurzum, ein Ort, wo die Welt noch in Ordnung ist. Krisenfest, könnte man sagen. Hier fahren auch im Winter die Züge pünktlich und erreichen unbeschadet ihr Ziel, auf dass der Bordeaux seiner natürlichen Bestimmung im Glase des Gastes zugeführt werde. Wobei Pünktlichkeit eine reine Ermessenssache des diensthabenden Geschäftsführers ist; irgendwann im Laufe des Abends - das Restaurant muss voll bis auf den letzten Platz sein, vorher läuft nichts - drückt er aufs Knöpfchen. Nein, nicht auf das Zuglosfahrknöpfchen, vielmehr auf die Starttaste am CD-Spieler, denn die ganze Show wird mit einem martialischen Soundtrack eingeläutet: Es ertönt der gellende Pfiff einer Lokomotive, danach fängt es träge an zu rumpeln und zu rattern, zu stampfen und zu schnauben (nostalgischer Dampflokbetrieb, was sonst, ICEs haben in diese Welt keinen Zutritt), dann erst wird die Zug-Starttaste gedrückt und das Säuferbähnlein setzt sich gemächlich in Bewegung, dreht vorsichtig seine erste Runde, nimmt an Fahrt auf und knattert sodann rasant über Berg und Tal, über Brücken und durch Tunnels wie Speedy Gonzalez höchstpersönlich.

Jeden Abend - so will es die Dramaturgie - erwischt es die Gäste eiskalt von hinten, nämlich dann, wenn alle auf ihr Wildschweinragout mit Preiselbeersauce fokussiert sind, denn dann durchdringt der schrille Lokpfiff Mark und Bein, alle fahren erschrocken zusammen, lassen Messer und Gabel fallen, starren gebannt nach oben, während die Kinnladen nach unten sinken und das Licht im Lokal effektvoll abgedimmt wird, das Züglein davonächzt und jedesmal, wenn es mit lautem Getüüt und Geblink wieder aus dem finsteren Tunnel auftaucht, geht eine Welle von Ooh und Aah durch die ganze Kneipe, die Wildschweine und Kaninchen werden kalt, die Gläser leer, und alle fragen: Wo bleibt denn bloß der Bordeaux?


Nun heißt es ja immer, diese Modelleisenbahnleidenschaft sei eine typische Obsession deutscher Männer, aber seit heute kann ich wissenschaftlich dagegenhalten, zumindest auf anekdotisch-empirischem Level. Weil nämlich heute morgen einträchtig in der Kneipe versammelt saßen: ein jugoslawischer Getränkelieferant, ein marokkanischer Gemüselieferant, ein italienischer Fleischlieferant sowie ein spanischer Hausmeister. Und weil ich neuerdings weiß, in welchem Timing welche Knöpfchen gedrückt werden müssen, um das fulminante Schienenspektakel loszutreten, machte ich die Probe aufs Exempel.

Ergebnis: Es handelt sich beileibe um kein urdeutsches Phänomen, sondern um ein universelle genetische Prägung. Denn mit dem schrillen Anpfiff verstummte das lautstarke Palaver um den Kneipentisch; vierschrötige Mannsbilder aus aller Herren Länder guckten selig mit runden, glücklichen Kinderaugen nach oben, die Kinnladen sanken kulturübergreifend nach unten, das Züglein raste durch den halbdunklen deutschen Tann, verschwand im Südtunnel, tauchte unter orientalischem Ooh und balkanesischem Aah wieder auf, kurvte kreischend über die Ost-West-Brücke, und aus Männern wurden Buben und aus der Kneipe ein Kinderzimmer.

Willkommen im Orient-Express-Universum.

Kommentare:

  1. Wie du so simple Dinge in so wundervolle Worten packen kannst...

    Als Mann liest man das nicht nur, man ist gleich mittendrin.

    Ach ja. Die Modelleisenbahn.

    Ach ja...

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  2. und wenn die bahn mal erweitert werden soll, hier mein tip:
    http://www.modellbahnboerse.org/Fran056.jpg
    :)
    diesen bahnhof gibt es wirklich noch. wie man sich denken kann ein beliebtes ausflugsziel mitten im wald. der biergarten im sommer immer brechend voll. ob es dieses modell noch zu kaufen gibt, weiss ich nicht. die voreifelbahn hält da auch noch, allerdings nur an wochenenden. in der woche muss man mit dem rad oder zu fuss hinkommen.

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  3. @dervomlande
    Das freut mich jetzt ;).

    @h
    Mit so einem Bahnhof hast du als Gastronom ausgesorgt :).

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  4. der befindet sich schon seit generationen in familienbesitz. ab und an kellnert die oma auch noch mit. :)
    nur im winter ist saure gurken zeit. denn rundherum sind kaum häuser.

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