Montag, 6. September 2010

Undercover


Einerseits, andererseits.

Einerseits ist da eine kluge, mutige, sympathische Frau: die französische Reporterin Florence Aubenas, heute für das Wochenmagazin 'Nouvel Observateur' tätig. In den neunziger Jahren arbeitete sie während des Krieges zwischen Islamisten und Armee in Algerien; dann in Ruanda nach dem Völkermord an den Tutsi; dann im Irak, wo sie 2005 bei einer Recherche entführt und ein knappes halbes Jahr lang in einem Kellerloch eingesperrt war. Ihr jüngstes Projekt führte sie von Februar bis Juli 2009 in den Norden Frankreichs, nach Caen, einer Hafenstadt in der Normandie, wo die Fähren nach England anlegen und starten. Um das französische Prekariat aus der Nähe kennenzulernen, heuerte sie auf einer Fähre als Putzfrau an und reinigte dort nachts Kabinen und Toiletten.

Andererseits sagt Florence Aubenas so vollmundige Sachen wie: "Ohne die Erfahrung der Geiselhaft (im Irak) hätte ich mich das (den Putzfrauenjob in Frankreich) nicht getraut", und da musste ich dann doch dreimal schlucken - wieso, bitte, kann man als Französin in Frankreich nicht Putzfrau werden, ohne die Erfahrung einer Geiselhaft im Kreuz zu haben? Geht es nicht auch ein paar Nummern kleiner? Zum Beispiel so: Wenn die Not am größten ist und einem das Wasser bis zum Hals steigt, geht man eben zur Not auch putzen, sei es in einer Kneipe oder auf dem unteren Kabinendeck einer Fähre.

Andererseits ist die französische Journalistin und Tochter eines EU-Diplomaten ja nicht aus Not putzen gegangen, sondern weil sie ein Buch schreiben wollte; ein Buch darüber, wie es im französischen Prekariat so von "ganz unten" aussieht; das Buch einer Undercover-Journalistin über ein halbes Jahr Rollenspiel im Dreck, denn so heißt das Buch: "Putze. Mein Leben im Dreck" - auf den Spuren ihres Idols Günter Wallraffs wandelnd, wie sie freimütig bekennt. Offenbar braucht man, wenn man nicht aus Not, sondern im Rahmen eines Buchprojektes putzen geht, zuvor ein spezielles Härtetraining im Irak.
Mittlerweile hat sie das Unterschichten-Kostüm wieder abgelegt und ist ins Journalistenleben zurückgekehrt, als Reporterin an einer ziemlich langen Leine. Ihr Erfahrungsbericht hat es in Frankreich zum Bestseller gebracht.
Einerseits habe ich absolut nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand aus Publikations- und Verwertungsinteresse einen zeitlich begrenzten Selbstversuch als Putzfrau durchzieht.

Andererseits erwarte ich von solchen Unterschichtenschickalsverwertern so viel Respekt, Reflektion und damit Infragestellung der eigenen temporären Rolle, dass es einen Unterschied wie Tag und Nacht ausmacht, ob ich genau weiß, dass ich nach sechs Monaten Maloche das Autorenhonorar ein- und die Putz-Segel streichen kann, oder ob meine Perspektive nach sechs, nach zwölf oder nach achtzehn Monaten Putzen die von weiteren sechs, zwölf oder achtzehn Monaten Putzen ist. Geschweige denn die Perspektive von Putzfrauen vom Schlage einer Frau Übermop, die ihr Leben lang in diesem Beruf gearbeitet haben und ihn vermutlich auch im Rentenalter noch ausüben werden. Aus Not, wie gesagt.

Ich finde es bei solchen Undercover-Reportagen immer etwas vermessen, wenn die Experimental-Unterschichtler sich bei ihren Buchvorstellungen feiern lassen wegen der großen Authentizität ihrer Erlebnisdarstellung - wie authentisch kann einer das Unterschichtsleben erleben und darstellen, wenn der Tag nicht fern ist, an dem er das "Unterschichten-Kostüm" wieder ablegt?

Einerseits heißt es bei Autoren wie Aubenas und anderen Enthüllungsjournalisten immer, sie wollten "Menschen Gehör verschaffen, die sonst keines finden", gern auch "die Unsichtbaren ein Stück weit sichtbar machen". Das ist löblich und aller Ehren wert.

Andererseits kommen solche edel-selbstlosen Autorenmotive bei einer Putzfrau aus Not, Schrot und Korn eher schräg an, weil sie, die Motive, so unerträglich sozialpädagogisch-gefühlig artikuliert werden, dass ich mich des unguten Eindrucks eines klientelistischen Gekraultwerdens nicht erwehren kann.

Einerseits hat sie, die befristete Putzfrau, sich verdient gemacht um literarische "Menschenbilder" von "bewegender Dichte"; andererseits hat daran gut verdient die erfolgreiche Journalistin und Diplomatentochter. Das geht voll in Ordnung, und weil es voll in Ordnung geht, sehe ich überhaupt keinen Grund, warum die Herrschaften Enthüllungsjournalisten immer so tun, als seien sie im Auftrag des Herrn unterwegs und nicht etwa im Dienste der Geldschöpfung.

Einerseits gehen mir diese enthüllungsjournalistischen Selbstinszenierungen à la Florence Aubenas ziemlich auf die Nerven. Andererseits kann ich nicht umhin, diese Frau, wie schon erwähnt, sympathisch zu finden, denn sie sagt auch so kluge Sachen wie:
"Wenn der Schwache überleben will, muss er verstehen, wie der Mächtige denkt, während sich der Mächtige nicht darum schert, was dem Schwächeren durch den Kopf geht."
So ist es. Genau darin liegt die Chance des Schwächeren.
Use ya' loaf of brain, folks.

Kommentare:

  1. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich das Ganze bewerten soll ... aber es stellt sich mir schon die Frage, inwiefern Du eine Chance darin siehst, dass die "Elite" sich angeblich nicht darum schert, welche Gedanken ihre Opfer wälzen?

    Ich fürchte ja, das Gegenteil ist der Fall - denn diese Bande versucht ja massiv Einfluss darauf zu nehmen, welche Gedanken und Meinungen in der breiten Masse vorherrschen - nicht umsonst hat sie die Medien besetzt und in ihrem Sinne mit Propaganda versorgt.

    Ich versteige mich sogar zu der Behauptung, dass die neoliberale Bande sogar sehr stark daran interessiert ist, was die "Unterschicht" denkt und alles dafür tut, damit es eben nicht erkenntnisbringend ist.

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  2. Hallo Mrs Mop

    hihi, vielen Dank für diesen Post, erst vorgestern hatte ich dieses Buch im Zuge meiner Hiwitätigkeit in einer Buchhandlung ausgepackt und verräumt - und du wirst es nicht glauben, ich hab dabei direkt an Mrs Mop gedacht ;-) Als ich dann aber kurz überflog, wer diese Enthüllungsgeschichte tatsächlich geschrieben hat, kamen mir deiner ganz ähnliche Gedanken...von der Irakstory wusste ich da allerdings noch nix...

    Jedenfalls freue ich mich sehr, dass es "die roten Schuhe" gibt und dass ich grade mal wieder die Zeit gefunden habe, hier zu lesen. danke dafür u. weiterhin frohes schaffen!

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