Donnerstag, 23. September 2010

Systemrelevante Armut


Vorbei die Zeiten, wo die Armut der einen die anderen ankotzte. Heute findet, wer arm ist, bei den weniger Armen volle Unterstützung, zwar nicht finanziell, doch dafür wird ihm in moralischer Hinsicht der Rücken gestärkt. Wo kämen auch die Reichen hin, wenn es keine Armen mehr gäbe?
Armut ist schon lange kein Armutszeugnis mehr. Armut ist ein Zeichen von Wohlstand der anderen. Ohne Armut kein Reichtum. Wer Reichtum sagt, muss auch Armut sagen. Armut ist die neue Arbeit.
Also, frisch ans Werk: Die Zusammenlegung der Ministerien Entwicklungshilfe und Arbeit zum neuzuschaffenden "Ministerium für Armut" steht unmittelbar bevor und wird endlich den Armen amtlicherseits das attestieren, was diese ohnehin seit jeher haben: Systemrelevanz nämlich.
Frau von der Leyen: "Ich möchte alle Menschen in Armut bringen und halten, die es verdient haben. Armut ist systemrelevant. Gerade in fremden Ländern mit vielen fremden Menschen wird meine Hilfe dringend benötigt."

Dirk Niebel: "Armut schafft Arbeitsplätze. Zumindest meinen. Armut ist alternativlos, wenn man nichts gelernt hat oder wenn man von Ursulas 13-Millionen PR-Budget profitieren möchte."
Das Tolle am neuen Ministerium für Armut: Es erspart die eigentlich dringend notwendige Schaffung eines Propagandaministeriums, was wiederum Geld spart für die noch dringlicher notwendige Propaganda des Ministeriums für Armut.
Schon bald, so die Ankündigung der Super-Minister, soll es eine Kampagne des Ministeriums für Armut geben, sich für mehr Armut zu engagieren. Arme sollen direkt angesprochen, und ihre Relevanz für das System in knackigen Sätzen allen eingebleut werden.
Kleiner Vorgeschmack auf die knackigen Sätze der kommenden Kampagne? Bitte sehr:
Ohne Armut können Länder, Gesellschaften und Einzelmenschen sich nicht entwickeln. Armut fordert den einzelnen und fördert ihn. Ohne Armut keine Herausforderungen. Ohne Armut kein Ehrgeiz, kein Wettbewerb, kein fairer sportlicher Wettkampf um die besten Überlebensbedingungen der menschlichen Art. Ohne Armut keine Raumfahrt, keine Offshore-Bohrungen, keine Genpflanzen, keine Atomkraftwerke.
Was wäre eine millionenschwere Kampagne ohne einen knackigen Schlussappell?
Armut macht reich! Arme, wir brauchen Euch!
Und jetzt alle: Arme, äh, Ärmel hochkrempeln!


Alle Zitate aus der mediaclinique. Das Beste, was ich seit langem zur derzeitigen politischen Entwicklung gelesen habe.

Kommentare:

  1. Genial!

    Dirk-Ursula von der Niebel: "Eure Armut ist systemrelevant und alternativlos"*rofl* - wenn's nich so traurig wär'. Bei längerem Nachdenken kann man tatsächlich zu diesem Zirkelschluss kommen. Und dann iss man direkt bei dem Bild, in dem das personifizierte Kondolenzschreiben und daneben stehend der Stone, der Eine, die Systemrelevanz von irgendwas TINA-mäßig retten. *Arrgh*

    "40 Euro im Monat mehr für jeden Hartz-IV-Empfänger, aber Nullrunden für die Rentner - das ist nicht gerecht. Das kann und wird so nicht kommen" [Guy d' Eau] Genau das hat das BVerG untersagt: Willkürliche politische Festlegungen. Was lernen wir? Bissiness äs juschual!

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  2. Es ist eine gewaltige Propagandamaschinerie, die da zur Zeit unterhalten wird. Kein Wunder, die Etats für die Polit-PR sind dieses Jahr drastisch erhöht worden:

    http://www.fr-online.de/politik/schwarz-gelb-spart-nicht-bei-eigenwerbung/-/1472596/4660634/-/index.html

    TINA-Prinzip in Reinformat!

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  3. Ich glaub', das geht schon seit der "geistig-moralischen", seit Oktober 1982. DummSinn und Schwachfug ohne Sendeschluss - bloß: Warum machen soviele das mit?

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  4. Wenn Etats für Öffentlichkeitsarbeit derart massiv erhöht werden wie jetzt, ist immer was oberfaul im Staate und deshalb muss die noch größere ideologische Keule geschwungen werden, damit keiner was merkt, und dazu muss man halt viel Geld in die Hand nehmen.

    Damals wurde das Fundament gelegt. Jetzt geht die Saat auf, vielmehr steht in voller Blüte. Ich korrigiere: Die 'Früchte' sind pflückreif. Wurden gut gedüngt. Ideologisch, nicht biologisch ;).

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