Dienstag, 7. September 2010

Haben wollen


Es gibt Dinge, gegen die stumpft man niemals ab, selbst wenn man sie fast täglich erlebt. Zum Beispiel Sonnenaufgänge. Zum Beispiel heute morgen - das war das Wildeste, was mir je an Sonnenaufgang begegnet ist: eine feuerrote Glut über den gesamten Horizont, wie der Widerschein eines gigantischen, gefräßigen Waldbrandes. Zu atemberaubend, um es mit Worten zu beschreiben.

Es gab mal eine Zeit, da habe ich Fotos von Sonnenaufgängen fast serienmäßig ins Blog gestellt, und dann kam eine Zeit, wo ich dachte, jetzt ist aber mal gut; wo ich überhaupt kein Bedürfnis mehr danach hatte, Sonnenaufgänge zu fotografieren und ins Blog zu stellen, und nachdem eine ganze Zeit das Bedürfnis weg gewesen war, brach die Zeit an, wo die Kamera weg war, weil ich sie eines Nachts dem Regen preisgegeben hatte. Kein Bedürfnis, keine Kamera - ein bedürfnisloses Leben wäre an dieser Stelle zu preisen, gäbe es nicht jene Augenblicke, wo meine Hand immer noch instinktiv an die Fotoinnentasche meines Anoraks fährt, um dann frustriert innezuhalten. So ein Augenblick war heute morgen.

Während der Fahrt ins lodernde Feuer hinein - ich fahre von Westen nach Osten - dachte ich über den dringend erforderlichen Neukauf einer Kamera nach. Nach meinem letzten Millionencoup hatte ich nämlich beschlossen, mich mit etwas Schönem zu belohnen. Schön heißt für mich: praktisch, funktional, Freude bereitend, mein Leben bereichernd und damit verschönernd. Also eine neue Kamera, was sonst. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass mich momentan nichts glücklicher machen würde als eine neue Kamera. Das irrsinnige Naturspektakel am Himmel tat sein übriges, um meine subjektive Bedürfnispyramide vollends zu manipulieren.

Zehn Minuten vor Erreichen meines Arbeitsplatzes fing es an zu regnen. Es hörte nicht mehr auf zu regnen. Es hat bis zum jetzigen Augenblick nicht aufgehört zu regnen. Es regnet in einer Tour. Es macht sich äußerst unangenehm bemerkbar, dass mein Fahrradrucksack nicht mehr so wasserdicht ist, wie er es mal war. Es war mir unsäglich lästig, nach Feierabend den Rucksack trickreich in zwei riesige Plastiktüten zu verhüllen, um seinen Inhalt vor Aufweichen zu schützen. Es soll die nächsten Tage weiterhin Hunde und Katzen regnen. Es war sonnenaufgangsklar, dass es mich nach Feierabend mit meinem weißen Plastik-Pixiklo auf dem Rücken in das nahegelegene Fahrradfachgeschäft meines Vertrauens ziehen würde. Es kam, wie es kommen musste: Nach längerem Fachpalaver und Erfahrungsaustausch mit Kunze kaufte ich einen großen Kurier-Rucksack - absolut wasserdicht, gut durchdachter Tragekomfort und so robust verarbeitet, dass der Rucksack mit großer Wahrscheinlichkeit mein kleines Leben überdauern wird.

Um genau zu sein, ich habe den Rucksack nicht gekauft, sondern bestellt. Jetzt fiebere ich ihm voller Vorfreude entgegen. Wenn ich Glück habe, ist er am Freitag da. Was gibt es Schöneres als einen soliden Kurier-Rucksack, allzeit verlässlich wie ein guter Kumpel? Ich kann es kaum erwarten.

Wie, eine Kamera? Hätte ich vor lauter Überschwang fast vergessen. Eine Kamera möchte ich haben, brauche sie aber nicht. Einen Fahrradrucksack brauche ich und möchte ihn haben. Einsnull für den Rucksack. Natürlich soll nicht unerwähnt bleiben, dass die gute Qualität des Rucksacks ihren stolzen Preis hat; bei 79 Euro werde ich einige Putzüberstunden Zeit haben, um diese Investition wieder reinzuholen. Auf der anderen Seite ist der Rucksack nur halb so teuer wie die Kamera. Also habe ich doch, nach Lieschenmüllerhochrechnung, etwas gespart, oder nicht? Jetzt ertappe ich mich schon bei Überlegungen, wie ich die andere Hälfte sinnvoll verprassen könnte. Nieder mit dem Konsumwahn.

Kommentare:

  1. Also ich finde 79 € für einen guten Rucksack ziemlich günstig. Und Kamreas gibt es ja auch schon ab 100 €. Fraglich, ob die dann was taugen. Meine für 200 taugt aber zB nicht viel...

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  2. Ich tausche e und r - Kamera ;-)

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  3. DEN Sonnenaufgang am Dienstagmorgen habe ich auch gesehen. War schon toll! Aber tolle rote Sonnenaufgänge kündigen gerne mal schlechtes Wetter an. Wie man sieht, es regnet immer noch...

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  4. ist es einer von ortli*b? :) seitdem mir vor ~1o jahren diese marke von einem sicherheitsfanatiker empfohlen wurde, schwöre ich drauf ;). [also was wasserdichtheit ^^ angeht.]

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  5. @anonym
    Ich will auch keinesfalls an dem Preis meckern, der ist für Qualität und Verarbeitung voll gerechtfertigt, ruiniert aber trotzdem mein annorektisches Budget, weshalb eine Kamera, egal wie teuer, jetzt erst mal nicht mehr zur Diskussion steht.

    @Klari
    Ja, die rote Glut war die Überbringerin schlechter Wetternachrichten. Trotzdem ein einmaliges Erlebnis.

    @rebhuhn
    Jau, von Ortliebchen, Produktname Velocity. Ein Wahnsinnsteil. So geräumig, dass ich bei Regen auch noch darin Unterschlupf finde. Falls du also jemals einen riesenfetten Velocity auf einem Bikesattel thronen siehst - das bin dann ich :).

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