Mittwoch, 15. September 2010

Gangster


Ein kaputtes Ventil am hinteren Fahrradschlauch trieb mich heute in das Asyl meiner Wahl. Fred im rot gebatikten T-Shirt beäugte die Angelegenheit kritisch und empfahl mir: "Geh nach hinten in die Werkstatt zum Insel-Gangster" (= Giuseppe aus Sizilien aus der Migranten-'Generation Chance', mehr dazu weiter unten). Ich schob das Fahrrad in die Werkstatt. Keiner da. Laut rief ich: "Wo ist denn der Insel-Gangster, bitte?" Aus dem Off tönte ein blutrünstiges "Ha!", und schon kam Giuseppe in die Werkstatt gestürmt. Zur Begrüßung kniff er mir in die Wange und säuselte: "Mein süßes Bastardenhäschen!" Der Typ ist so was von cool.

Dann inspizierte er das Ventil und sprach nur noch mit ihm. "Du armes Ding, was hat sie mit dir gemacht? Sie hat Gewalt angewendet, ich seh' es dir an", was leider zutraf, denn nach der letzten Flickaktion hatte ich den Reifen sehr martialisch - weil ungeduldig - aufgepumpt. Also Schlauch runter, neuen Schlauch drauf. Giuseppe verpasste dem Rad einen von diesen angeblich "unplattbaren", sauteuren Schläuchen; bevor ich protestieren konnte, blinzelte er zwischen den Speichen zu mir rüber und nannte mir einen mafiös guten Preis. Der Bastardenhase willigte freudig ins Geschäft ein.

Kunze erschien mit einem Postpaket unter dem Arm. Mein Rucksack war da! Perfekte Größe, perfekte Passform, fühlt sich im Rücken an wie eine zweite Wirbelsäule - grandios. Ich war vor Freude ganz aus dem Häuschen, bis mich Kunze erstaunt fragte, wieso ich ihn eigentlich dauernd Kunze nenne, was mich insofern in Verlegenheit brachte, als ich dem Kunze ja nur aus blogtechnischen Gründen das Pseudonym Kunze gegeben habe, im wirklichen Leben heißt Kunze natürlich anders, trotzdem sagte ich ganz automatisch 'Kunze' zu ihm - kann man mal sehen! - und geriet in gewisse Erklärungsnöte, was Giuseppe zu der Bemerkung veranlasste: "Mir scheint, die Bastardenhäsin ist nicht ganz koscher", worauf der inzwischen anwesende Bruno knurrte: "Red gefälligst deutsch!", was von Giuseppe gekontert wurde mit: "Wieso denn, noch nicht mal der deutsche Hase findet die richtigen deutschen Worte."

Kurzum, es war mal wieder so richtig zum Auftanken.

Zum Auftanken fand ich auch diesen Beitrag in der Frankfurter Rundschau von Cem Gülay, Autor des Buches "Türken-Sam. Eine deutsche Gangsterkarriere". Gülay sieht nicht nur drei, sondern bereits sechs Deutschtürken-Generationen, zeichnet ihre Biografien nach und formuliert präzise, systematische, knappgefasste Thesen. Ich lese und verstehe. Ich verstehe so vieles. Es ist alles so klar.

Was ich nicht verstehe, ist, warum die FR sich langatmig darüber wundert, dass sich vor einem Jahr "kein Mensch für Thema und Buch interessierte", ganz "im Gegensatz zur jetzigen Debatte, die von Thilo Sarrazin und seinem Buch angestoßen wurde". "Woran lag das?", fragt die Zeitung fettgedruckt und reichlich scheinheilig, denn es findet sich bisher in der FR selbst keinerlei Besprechung, noch nicht einmal eine Erwähnung von Gülays Buch, so dass die Vermutung naheliegt, dass auch die FR sich weder für Thema noch Buch interessiert hat, dafür im Gegenzug der jetzigen Sarrazin-Debatte breitestmöglichen Raum gibt. Über so viel Sichdummstellen kann ich mich ärgern.


Kommentare:

  1. Den Unplattbaren hab ich auch, allerdings nur hinten drauf. Teuer, aber suuuper!

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  2. Zur FR - was soll man da sagen? Sie gehört noch zu den besseren unter den schlechten - dess iss schon was, aber nich viel, gelle?

    Was ich gut finde: Du kaufst Deinen Rucksack in Deinem Fahrradgeschäft und nich - für'n paar Kröten billiger - anonym irgendwo! Das taugt, gell?

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  3. @Mary Malloy
    Unschlagbar, diese Reifen. Ich spar' schon mal für den vorderen...;)

    @Vogel
    "Sie gehört noch zu den besseren unter den schlechten": Schon - aber dass der Einäugige unter den Blinden der König ist, ist noch lange kein Grund, pharisäerhaft den "Besseren" raushängen zu lassen und so einen heuchlerischen Käse zu verzapfen.

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