Montag, 13. September 2010

Übertragung


Als ich heute früh das Fahrrad vor dem Restaurant parkte, waren durch die gekippten Fenster laute, vitale Geräusche zu vernehmen. Sie klangen vertrauter als mir lieb war. Drinnen hustete, nieste und schneuzte es weltmeisterlich. Oh je, dachte ich. Jetzt hat's die Übermop erwischt. Und das, wo die Mop doch gerade mal so übern Berg ist. Ob ich noch schnell zur Nachtapotheke fahre, überlegte ich, und mir einen Mundschutz besorge? Da stand sie schon in der offenen Tür mit einer Rolle Zewa unterm Arm. Riss Blatt für Blatt ab und hörte nicht mehr auf sich zu schneuzen.

Schamlos fragte ich sie mit einer gewissen Strenge in der Stimme, warum sie um Himmels willen nicht im Bett geblieben sei? "Bist du wahnsinnig?", schnaubte es zwischen den Papiertüchern hervor, "ich kann doch den Betrieb nicht im Stich lassen." Bist du bescheuert?, wollte ich fragen, ließ es aber, weil es ja noch nicht so lange her ist, dass ich meine eigene Dummheit ventiliert habe, auch wenn meine etwas anders gelagert war als die von Frau Übermop. Trotzdem schaffte es mein Zeigefinger, ohne mein Zutun mir an die Stirn zu tippen.

Frau Übermop baute sich vor mir auf wie der leibhaftige Vorwurf: "Du bist schuld, du hast mich angesteckt!" Wer wollte da widersprechen? Die Wahrscheinlichkeit war zumindest groß. Ich entschuldigte mich und versprach, es werde nicht wieder vorkommen, weil ich bei der nächsten Erkältung im Bett bleiben würde. "Untersteh' dich!", fing sie an zu krawallen und wollte tief Luft holen, was in einen mörderischen Hustenanfall mündete. Kenn' ich alles. Ich klopfte ihr auf den Rücken, bot ihr ein Eukalyptusbonbon an und verschwand in die Küche.

Danach gaben sich die Lieferanten die Klinke in die Hand. Mop und Übermop husteten sich durch ihre Reviere. Einmal blieb sie im Kücheneingang stehen und fragte mich: "War das dein Ernst vorher?" Bevor ich bejahen konnte, klingelte das Telefon. Frau Übermop nahm krächzend Reservierungen entgegen. Dann kam der Schornsteinfeger. Nach ihm der Postbote. Schließlich einer der Geschäftsführer. Wir beschlossen, das Gespräch morgen fortzusetzen.

Kommentare:

  1. Da haste den Salat: Erst hast Du Dich selbst gequält, dann hast Du Deine Umwelt gequält und kriegst jezz Schimpfe. Ich weiß auch nich, welche dunklen Mächte da in einem walten, ich bin leider auch so'n Depp und schlepp mich ... usw. Allerdings: Leg' ich mich, heißt's gleich: "Stell' Dich nich so an! Männer stellen sich immer so an!*schnauf*"

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  2. Düsterste protestantische Arbeitsmoral, würde ich mal sagen.

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  3. Jau, dess könnt's sein: Der Calvin in uns allen! Wenn's kein anderer macht müssen wir uns halt selbst die Peitsche knallen, gell?

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