Samstag, 11. Mai 2013

Schneeballprinzip Solidarität


Wenn man nicht aufpasst wie ein Fuchs, verpasst man die tollsten Geschichten. Geschichten, die mit Fug und Recht als Erfolgsgeschichten bezeichnet werden können. Die man jedoch in den Medien vergeblich sucht, weil sie keiner jener glamourösen Erfolgsstories entsprechen, über die Medien gern berichten.

Geschichten, geschrieben von Arbeitern, die von der Arbeitslosigkeit bedroht waren.

Geschichten einer von Arbeitern besetzten (O-Ton: "Wir haben alles beschlagnahmt, alles in der Fabrik gehört uns.") bankrotten Fabrik, deren Manager sich aus dem Staub gemacht hatten ("Wir können dieses Unternehmen führen - nachdem sie's nicht können, können wir das."). Sie können es. Inzwischen führen die Arbeiter das Unternehmen.

Geschichten, erzählt ausschließlich von Arbeitern. Nicht von Gewerkschaftsfunktionären, nicht von Parteibonzen, nicht von irgendjemandem, der von höherer Warte den Arbeitern meint sagen zu müssen, wo es lang geht. Sondern von Arbeitern. Sie können es.

Geschichten, packend erzählt von der ersten bis zur letzten Minute:


(deutsche Untertitel) 

Der Protagonist der Geschichte trägt einen Namen. Er heißt: Solidarität.
"Was der Kapitalismus uns vor allem anderen zu verstehen gibt: Geeint zu sein ist der wichtigste Faktor, um weiter zu kämpfen und diesen Kampf zum Erfolg zu führen. Es gab einen Zeitpunkt, wo viele Kollegen, die sich nur ungern dem Kampf anschließen wollten, ihre Meinung änderten und dazustießen.
Wir, die Arbeiter von Vio.Me, haben einen Anfang gemacht. Aber wir ruhen uns nicht darauf aus. Weitere Fabriken, gewerbliche Unternehmen, multinationale Unternehmen werden folgen. Dann werden die Bauern beginnen, die Produktion nach den Bedürfnissen der Armen zu organisieren und darauf achten, dass niemandem etwas fehlt."
Dass es der Kapitalismus ist, der uns lehrt, uns zu solidarisieren - dieser Gedanke war mir ungewohnt. Wo doch der Kapitalismus uns hartnäckig belehrt, einander zu misstrauen, zu bekämpfen, zu verachten und uns lautstark überlegen zu fühlen gegenüber allen, denen wir uns überlegen fühlen. Andererseits, wer sonst sollte uns die Solidarität lehren, wenn nicht der Kapitalismus? Weil, es rettet uns ja bekanntlich sonst kein höh'res Wesen.

Neulich hatte ich ein paar kluge Zeilen gelesen über den Kapitalismus, der, indem er uns jegliches Bedürfnis nach Solidarität auszutreiben versucht, genau dieses Bedürfnis in uns wachruft.
Solidarität: ein Wort auf der Suche nach Fleisch 
Der Geist der Solidarität mag sich im Exil befinden, jedoch wäre es vorschnell zu kapitulieren in der Annahme, er würde niemals zurückkehren. Er wird immer wieder zurückkehren, verstohlen, aber beharrlich. Geduldig wartet das Wort 'Solidarität' auf das Muskelfleisch, zu welchem es werden kann. Und es wird nicht aufhören, begierig und voller Leidenschaft dieses Fleisch zu begehren, bis es ihm gelingen wird.
Worte, die verschüttete Saiten ausgraben und zum verstohlenen Schwingen bringen. Saiten, die vom Schwingen ins Klingen gebracht werden, wenn griechische Arbeiter solche Töne anschlagen:
"Wir sagen, dass die Arbeiter von Vio.Me, die Kollegen und Mitstreiter, nur eine Handvoll Leute sind. Sie sind nur wie eine Handvoll Schnee. Wir machen einen Schneeball daraus und werden ihn werfen. Wir werden ihn von der Klippe werfen, und er wird beginnen zu rollen, und im Runterrollen wird er wachsen, indem er mehr Schnee bekommt, mehr und mehr, und wenn der Ball wächst und noch größer wird und mehr Schnee sammelt und die Arbeiter, die Arbeitslosen, die Hausfrauen, die Studenten, die Bauern an sich zieht - natürlich, Solidarität. Die Solidarität wird gewährleisten, dass der Ball nicht abstürzt und zerbricht, sodass er den Fuß der Felswand unversehrt erreicht. Und er wird so groß werden wie die Erde, und nur dann, Kollegen und Mitstreiter, werden wir sagen können, dass wir gewonnen haben."
Solidarität. Ein Wort auf der Suche nach Fleisch.

Kommentare:

  1. blockquote Geschichten, erzählt ausschließlich von Arbeitern. Nicht von Gewerkschaftsfunktionären, nicht von Parteibonzen, nicht von irgendjemandem, der von höherer Warte den Arbeitern meint sagen zu müssen, wo es lang geht. Sondern von Arbeitern. Sie können es./blockquote

    ...die allerdings den größeren, den wichtigeren Teil der Angelegenheit verschweigen müssen, damit die Schwächen ihrer Kampfmethode nicht offensichtlich wird. Auch ein von Arbeitern besetztes Unternehmen ist ein kapitalistisches Unternehmen, das nach betriebswirtschaftlichen Gründen geführt werden muß. Es muß Produkte verkaufen und sich auf dem Markt behaupten, indem es Ware zu besseren Preisen und besserer Qualität anbieten als die Konkurrenz, damit das Unternehmen überleben und seinen Beschäftigten Löhne auszahlen kann. Es läuft also alles wieder auf Ausbeutung hinaus. Und wenn das Unternehmen bankrott ist, erst recht. Stakeholder machen doch keinen Unterschied zwischen gewöhnlichen und von Arbeitern bessetzten Unternehmen.

    Abgesehen davon betreiben die betreffenden Arbeiter typische Gewerkschaftspropaganda, indem sie das Unheil der Unfähigkeit ihres Managements anlasten. Ein Unternehmen gut zu führen, bedeutet nämlich in erster Linie, das Unternehmen am Leben zu erhalten, auch wenn die Arbeiter dabei unter die Räder kommen. Dieser Maßstab ist ja gerade das Argument der erfolgreichen Leuteschinder gegen die Interessen der Arbeiter. Die betreffenden Leuteschinder kommen sich dabei auch noch furchtbar gerecht dabei vor, weil ihre Arbeiter ihretwegen ja immerhin noch am Leben wären.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Schon klar. Kann ja keinen richtigen Arbeiterkampf im falschen Kapitalismus geben. Geht ja gar nicht. Ich finde auch, die Griechen sollten in aller Ruhe ihre Fabriken verrotten lassen, die Hände in den Schoß legen, drauf warten, dass die Revolution vom Himmel fällt und in der Zwischenzeit mitsamt ihren Familien verhungern.

      Löschen
    2. Naja, man sollte die Sachzwänge verstehen. Dazu kann man durchaus Gewerkschaftsfunktionären, Managern und anderen Systemschweinen genau zuhören, muß deren Rede aber wie eine Bibel oder einen Koran in seinem Sinne auslegen. Solange Arbeiter nichts verstanden haben, sind sie ohnmächtig und leichte Beute für Populisten und Leuteschinder. Der Mensch konnte auch erst fliegen, indem er genügend Einsichten in die Gesetze der Natur gewonnen hat. Zuvor war der Mensch ohnmächtig der Schwerkraft ausgeliefert.

      Ich sehe das so: Die genannten Arbeiter machen keine Revolution, sondern richten nur den Kapitalismus neu auf, und das zu Bedingungen, vor denen frühere Manager und Gewerkschaftsfunktionäre davongelaufen sind. "Wir Arbeiter sind die besseren Schweine", so lautet jetzt die Parole, "Wir zeigen der Welt jetzt mal, wie Ausbeutung richtig geht" etc.

      Löschen
    3. "Wir zeigen der Welt jetzt mal, wie Ausbeutung richtig geht" etc.

      Eben nicht. Hast du den Text nicht gelesen? Du bist es, der sich nicht vorstellen kann, dass Arbeit, Produktion, Verteilung auch anders funktionieren kann als im Kapitalismus. Was ist an dem Begriff Solidarität denn nicht zu verstehen? Oder an dieser Aussage hier: "Dann werden die Bauern beginnen, die Produktion nach den Bedürfnissen der Armen zu organisieren und darauf achten, dass niemandem etwas fehlt."? Wer die Sachzwänge, die uns der Kapitalismus in seiner heutigen neoliberalen Form aufzwingt als alternativlos ansieht, kann selbstverständlich nicht begreifen, dass Arbeit und Produktion nicht für Herrschaftsansprüche herhalten muss. Oder ist es etwa ein alternativloser Sachzwang, dass Managergehälter unabhängig von Erfolg oder Misserfolg ständig ins Unermessliche steigen müssen, dass Gewinne privatisiert und Verluste vergesellschaftet werden müssen? Kein Zocker hat je wirklich für sein Verzocken auch das Risiko tragen müssen. Ein Unternehmen gut zu führen bedeutet mitnichten, es auf Kosten der Arbeiter durch z.B. Lohndumping am Leben erhalten zu müssen. Wo kommen die Riesengewinne der Banken und Konzerne denn her? Ich rede da nicht von Kleinbetrieben. Die haben genauso unter dem einseitig ausgerufenen "Wettbewerb" zu leiden wie jeder Arbeitnehmer und können mit den global agierenden Großkonzernen sowieso niemals konkurrieren, auch wenn das Gegenteil behauptet wird.
      Nene, es geht in dem Beispiel nicht um einfache Umkehrung der Ausbeutungsrichtung.
      Ich sage: Hut ab! solche Hoffnungsschimmer machen Mut, nicht komplett zu resignieren.

      Löschen