Mittwoch, 13. Juli 2011

Phrasendreschbankrotterklärung


Es geht Schlag auf Schlag, und jeder Schlag ist ein Schlag aus der Phrasendreschmaschine, auf dass die Phrase bei jedem Schlag noch platter und bei jeder Wiederholung noch lächerlicher wird.

Angefangen hat die ganze Drescherei mit "Irland ist nicht Griechenland", zumindest nach der Zeitrechnung dieses Blogs. Seinerzeit wurde von der irischen Regierung die T-Shirt-Phrasendreschdruckmaschine angeworfen, und seither wird gedroschen, was das Stroh hält. Nun darf seit spätestens heute das irische Phrasen-T-Shirt als ziemlich ausgeleiert gelten, denn Irland wurde in denselben Mülleiner ("junk rating") geworfen wie Griechenland und Portugal, weshalb das irische Phrasen-T-Shirt nur noch für einen müden Lacher gut ist.

Heute schreit es von überall "Griechenland ist nicht Irland", während es die letzten Tage verdächtig oft hieß "Griechenland ist nicht Argentinien", was - in penetranter Wiederholung - uns lehrt, dass Griechenland schlimmer ist als Argentinien, jedenfalls schlimmer als Argentinien mal war, aber durchaus Argentinien sein könnte, in naher oder ferner Zukunft. Denn im Zeitalter des finanzkapitalistischen Spins ist man ja inzwischen gut konditioniert, bei jedem öffentlich gekrähten "X ist nicht Y" die Sprechblasenaussage unverzüglich ins Gegenteil zu verkehren, und schon weiß man, dass man so ungefähr richtig liegt.

Vor wenigen Tagen erst haben sie Italien in die Tonne getreten, heute heißt es "Italien ist nicht Griechenland", weil es seit heute in Finanzkreisen auf einmal schick ist, Italien zu loben über den grünen Klee, zumindest über Griechenland, weshalb es jedermann einzuleuchten hat, dass "Italien nicht Griechenland ist", ganz einfach deshalb, weil Italien nicht Griechenland sein kann und deshalb auch nicht sein darf.

"Spanien ist nicht Italien", eh klar, spielt ja besser Fußball, aber erst umgekehrt wird ein Schuh draus, "Italien ist nicht Spanien", versteht sich, schließlich hat der spanische Finanzminister heute für 2012 noch tiefere Ausgabenschnitte verkündet als die ohnehin schon in Kraft getretenen. Darum darf Italien keinesfalls mit Spanien aufs Verlierertreppchen gestellt werden, nur, bitte! - "Frankreich ist nicht Italien", obwohl es ihm schuldentechnisch dicht auf den Fersen folgt oder ihm sogar um mehrere Nasenlängen voraus ist, so genau weiß das keiner, weil, so genau erzählt es einem keiner.

Natürlich, "Deutschland ist nicht Frankreich", schon deshalb nicht, weil Deutschland über alles geht, und erst recht gilt: "Deutschland ist nicht Griechenland" - wäre ja noch schöner, die Deutschen wollen zwar billig Urlaub in Griechenland machen, aber unter keinen Umständen ist Deutschland Griechenland, höchstens dann, wenn Griechenland beschließt, Argentinien zu werden, was aber rein spekulativ und darum verboten ist, denn "Spekulieren ist zum jetzigen Zeitpunkt unerwünscht", habe ich aus irgendeinem EU-Kommissionärsmund vernommen, also lassen wir das, obwohl...egal. Spekulieren dürfen nur Spekulanten, denn nur die verstehen etwas von dem Geschäft, klar?

"Portugal ist nicht Spanien", erwähnte ich das schon? Es kann einem ganz schwindelig werden. Kein Land ist wie das andere, kein Land will wie das andere sein, denn wäre das eine Land so bankrott wie das andere Land, müssten die EU-ler ja zugeben, dass ihr System auf Grundeis geht und der ganze europäische Saustall am Ende ist. Wie, einen Fehler zugeben? Nie und nimmer! Lieber weiter bailouten wie bescheuert. Weil, einen Fehler zuzugeben hieße ja im Endeffekt, weniger Kasse zu machen. Geht gar nicht.

"USA ist nicht Griechenland", habe ich in letzter Zeit auffallend oft gehört. Sehr populär in Expertenkreisen ist auch das zündende "USA ist nicht Europa", was aber auch kein Wunder ist, weil, wer will schon Europa sein, wo keiner mehr weiß, was man sich unter Europa eigentlich vorzustellen hat. Gibt es Europa überhaupt noch? Ich meine, zwar treten EU-Bürokraten, EU-Kommissionen, EZB-Repräsentanten und EU-Notmeeting-Teilnehmer pausenlos den europäischen Ländern - vor allem aber sich selbst - auf den Füßen herum, aber Europa? Was war das nochmal? Ich sehe es weit und breit nicht.

Insofern, wenn Frau Merkel jetzt auf ihrem aktuellen Beutezug, ähm, ihrer Afrikatournee, sagen würde: "Afrika ist nicht Europa", dann würde ich als Afrikanerin einen Lachanfall kriegen und sie fragen: Welches Europa? Wo ist Europa? Was ist Europa? Ist Europa überhaupt? Wie kann Afrika etwas nicht sein, was gar nicht ist? Aber gut, Mop ist nicht Merkel und schon gar keine Afrikanerin.

"Griechenland ist nicht Island", las ich vorher und dachte, hey, es könnte aber wie Island sein, es müsste nur wollen, oder vielmehr, "es" müsste einfach mal seine Bürger befragen, aber genau das will "es" ja nicht, auf gar keinen Fall, denn was schert "es", was seine Bürger wollen? Vielleicht wären wir alle furchtbar gern Island, trauen uns das aber nicht laut zu sagen, weil, man darf weder den Euro noch den europäischen Gedanken schlechtreden. Das kann Frau Merkel gar nicht ab, da wird sie immer schrecklich böse.

Überhaupt, jedes Mal, wenn wieder ein neues Fass "X ist nicht Y" aufgemacht wird, frage ich mich instinktiv, wer gerade wem das Wasser hinterher trägt, damit er genau jene Behauptung in die Welt posaunt. Man muss sich sowieso den internationalen Finanzkapitalmarkt vorstellen wie eine global gut vernetzte Armee, in der es wie in jeder guten Armee Tausende von ergebenen, loyalen Soldaten (= Banker, Berater, Politiker) gibt, die mit modernsten Panzern (= Phrasendreschmaschinen) die Völker anfeuern zur freudigen Unterstützung (= Kriegspropaganda) des Kampfes für eine bessere Welt (= Geld und Macht in den Händen der Finanzdiktatur).

Bankrotte Länder Europas, vereinigt euch.

Kommentare:

  1. Du schreibst mit einer erfrischenden Mischung aus fragender Naivität, die sich mit Empörung mischt. Ich mußte Tränen lachen.

    Die Erkenntnis, daß man sich der Wahrheit nähert, indem man vom Gegenteil der Aussagen zu oft vorgetragener Sprüche ausgeht, ist eine, die sich bei mir über die Jahre in eine beständige und nützliche Lebenserfahrung umgewandelt hat, auf die ich mich auch in privaten Dingen verlassen kann.

    Neulich kam mein Nachbar und meinte bereits grienend, daß sie dauernd sagen würden, Italien ginge es gut.
    Wir mußten beide nur den Kopf schütteln und lachen.

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  2. Du musst dir unbedingt das hier anschauen.

    Nigel Farage zerpflückt die Antrittsrede vom polnischen EU-Ratspräsidenten Tusk. Tusk findet nämlich, dass in Europa alles ganz prima läuft. Woraus wir scharfsinnig schließen, dass es beschissen läuft. Außerdem meint der Armleuchter, die Griechen sollen sich mal nicht so anstellen, wegen dem bisschen Souveränität, wegen dem der Juncker ihnen jetzt an die Wäsche will - ha! Trivial sei das, verglichen mit dem, was die Polen unter sowjetischer Herrschaft erlebt hätten.

    Farage in Hochform. Enjoy it.

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  3. öh, wegen meinem Dativ, der ist leider weniger in Hochform...

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  4. Bom dia senhora Mop! Die ganze Zeit fehlte uns das Omega in der Buchstabenstuppe der 'Minderleister', wenn ich die mal so ganz frei nach den Worten der Bundeskanzlerin nennen darf. Zypern könnte auch eine milde Gabe gebrauchen. Allerdings in überschaubarem Maße und für endlich einmal nachvollziehbare Aufwendungen.(http://www.heise.de/tp/artikel/35/35108/1.html)

    Der Farage hat vollkommen recht. Der Frager hatte doch tatsächlich geglaubt, seinem dümmlichen 'Ihr könnt nur mosern' könnte nichts erwidert werden.

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  5. Schaun wir doch am Morgen mal bei Mrs.Mopp vorbei.
    Alles um mir den Tag wieder zu vergeigen,
    aber so schön geschrieben, daß es einen wieder an die edlen Werte der Menschlichkeit denken läßt. Weiter so......es gehört sich auch so.....

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  6. Au ja. Wir basteln uns eine Müllkippe und nennen sie 'faules, leistungsschwaches Südeuropa'. Wie, die wollen dafür auch noch Geld haben? Wo wir ihnen unseren wertvollen Sprengmüll geschenkt haben?Wo kommen wir da hin? Merke(l): "Deutschland ist nicht Zypern."

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  7. "Deutschland ist nicht Zypern."
    Ich könnte mich auch zu einem "Mecklenburg Vorpommern ist nicht Deutschland" hinreisen lassen.
    Die dort geringer ausfallenden Löhne müssen doch eine ausmachbare Ursache haben.
    Meckpomm ist doch von der wirtschaftlichen Aufstellung eher auf dem Stand einer vorindustriellen Gesellschaft.
    Ergo: Meckpomm ist Zypern und deshalb nicht Deutschland.
    Ich bin gerade selbst erstaunt, was man mit Logik alles erreichen kann. :-D

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  8. He! "MeckPomm ist nicht Deutschland" stimmt nur bedingt, insofern als MeckPomm ja noch nicht mal MeckPomm ist, sondern MeckZyp. Sagtest du ja bereits, ich schließe mich an.

    Grundverkehrt wäre es übrigens, MeckPomm als politisch irrelevantes Hinterland oder gesamtdeutsches Mezzogiorno abzutun (wozu man ja als Besserwessi gelegentlich neigt). Neulich wurde ich hier eines Besseren belehrt.

    "Another random date to circle on your calendar: September 4.
    That's the day when the northeastern German state of Mecklenburg-Vorpommern holds its regional elections.

    We're at the point where the future of the eurozone hangs on the successful outcome of every tiny vote here and there ... All it will take is for one to go wrong, and the whole thing could go boom.

    So if the Mecklenburg-Vorpommern election goes sharply against Angela Merkel's CDU party then that calls into question her overall leadership, her willingness to support more bailouts, and so on and so on."

    Ob den MeckZyprioten klar ist, dass sie kurzerhand auf den Knopf drücken können und dann macht es ... "boom!"?

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  9. kurz und bündig, (Nigel Farage), der Rest wird entlassen, fristlos ohne Abfindung ;-))
    Danke Nigel, das tat gut!

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  10. Ohne weiteren Kommentar oder Wertung verlinke ich hier mal den 'Crash Course' von Chris Martenson, der Videos und Texte beinaltet: http://www.chrismartenson.com/crashcourse/deutsch
    Habe im Moment selbst keine Zeit, die Sachen konzentriert durchzusehen. Vielleicht ist etwas brauchbares dabei.

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  11. Den Link hatte ein Kommentator zu diesem Artikel bei Telepolis gepostet: "Spanien weist Deutschland Schuld für Turbulenzen zu" (http://www.heise.de/tp/blogs/8/150146)

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  12. Der Crash Course von Martenson ist guter Stoff, danke.

    Bei ausreichenden Englischkenntnissen empfehle ich wärmstens eine "Mitgliedschaft" im Club Orlov Blog. Dmitri Orlov ist ein russischer Ingenieur, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Amerika ging und dort blieb. Orlov ist insofern sehr einmalig, weil er den Kollaps in Russland erlebt hat und vor diesem Erlebnishorizont - mit seismographisch geschärften Sinnen - über den amerikanischen Kollaps schreibt; es kommt ihm nämlich alles sehr bekannt vor, was sich seit ein paar Jahren in Amerika anbahnt.

    Orlovs Blogname ist sinnigerweise 'Kollapsnik'. Ich mag seine nüchterne, oft sarkastische und manchmal einfach witzige Art des Schreibens und höre ihn auch ausgesprochen gern, es gibt (auf seinem Blog) viele Podcasts und Videointerviews. Der Typ ist schwer in Ordnung (hab hier im Blog vor längerer Zeit mal was Spannendes von ihm übersetzt).

    Im Unterschied zu Martenson ist Orlov viel näher an der Lebenswirklichkeit = dem tatsächlich längst stattfindenden (langsamen) Kollaps dran. Er selbst lebt inzwischen - angesichts von Peak Oil und zusammenbrechender Infrastrukturen in Amerika - auf einem selbstgebauten Segelschiff in Boston, mit Frau und Katze.

    Im Unterschied zur damaligen russischen Bevölkerung hält er die Amerikaner (und das lässt sich getrost auf den Lebensstil von Mitteleuropäern übertragen) für völlig unvorbereitet für den schleichenden Zusammenbruch. Vielen Russen, sagt er, haben ihre gut vernetzten Familien- und Clanstrukturen den Hals gerettet, die Tradition des eine-Hand-wäscht-die-andere-Prinzips, sowie ihre Vertrautheit mit schwerer Hand- bzw. körperlicher Arbeit. Also Voraussetzungen, die im postindustriellen Westen als nicht gegeben betrachtet werden können.

    Einen guten ersten Eindruck von Orlovs Ideen und Empfehlungen gibt diese Präsentation von Juni 2011, kurz und bündig, wie es seine Art ist. Er endet mit den Worten:

    "Change the culture

    Being poor is normal.

    This used to be a rich country with a few poor people left.

    Times change.

    Now it's a poor country with a few rich people left.

    Be happy to be alive!"

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