Sonntag, 17. Juli 2011

High Noon im Taubendreck


Was passiert, wenn ein Land zu Tode gespart wird?

Dies:
Griechenland droht die Massenarmut

Mittags um 12 Uhr kommen bis zu 2000 Menschen, am frühen Nachmittag dann 1200 und am Abend noch einmal rund 1000. Es wird darauf geachtet, dass nicht immer die Gleichen in der Schlange stehen. Denn "die Zahl der Bedürftigen nimmt rasant zu", sagt eine der Helferinnen. "Bei den Griechen in den letzten Monaten um 30 Prozent, und wir wissen nicht, ob es dabei bleibt." Die meisten verzehren ihre Ration gleich auf dem Platz, so groß ist der Hunger. Sie hocken auf Bänken und Mauern im Taubendreck, trinken Wasser aus dem Schlauch für die Rasensprengung.
(via einspruch)
Sicherlich finden sich wieder genügend Bewohner des "reichen" Deutschlands, die es, schulterzuckend, nur als "gerecht" bezeichnen, wenn die jahrzehntelang dem Müßiggang frönenden Griechen endlich die Rechnung für ihren Schlendrian präsentiert bekommen. Denn wer - wie heißt es immer? - "über seine Verhältnisse lebt", muss halt irgendwann dafür büßen, und sei es im Taubendreck.

Kommentar von einspruch:
Das ist Europa in der Wirtschaftskrise? Nein, es ist erst der Anfang. Es wird noch schlimmer werden, noch mehr Länder werden in den Abgrund fallen. Und es ist unsere Zukunft, die Zukunft Deutschlands - schließlich haben auch wir über unsere Verhältnisse gelebt.
- keine Ahnung, wen er mit "wir" meint, mich bestimmt nicht, aber egal, sein Schlussgedanke ist jedenfalls nachdenkenswert:
Der Finanzmarkt wird Europa nicht mehr finanzieren. Er könnte es, schließlich wurde er mit Rettungsgeldern voll gepumpt, er möchte es aber nicht. Denn er ist mächtig genug für den Klassenkampf.
In einem aktuellen Videointerview gibt der griechische Finanzblogger Demetri Kofinas von Covering Delta einen klaren Überblick über das, was in Griechenland passiert und passieren wird, wenn es weiterhin zu Tode gespart wird. Demokratie? War mal. Die Zukunft liegt im Polizeistaat.


Wer lieber Propagandaopfer und damit Mittäter bleiben möchte, sollte sich das Interview besser ersparen. Wer sich für den Druck der Straße interessiert und für weiterführende Gedanken zur Vernetzung von Bürgern auf öffentlichen Plätzen, sollte das Interview unbedingt anschauen.

Ach, und übrigens, wer meint herummaulen zu müssen, dass die Bürgerbewegung in Athens Syntagma Square wohl eingeschlafen sein müsse, da man gar nichts mehr von ihr hört, sollte ebenfalls dieses Interview anschauen. Und zusätzlich einen Blick auf die europäische Wetterkarte werfen; seit Tagen brütet eine Hitzewelle in Griechenland, gestern waren es in Athen 41 Grad Celsius im Schatten.

Und damit zurück an die schweißperlenfreien Keyboards in wohltemperierten deutschen Schreibstuben.


Update:
Wer meint, Deutschland sei ja nicht Griechenland, sollte seinen Kopf in den Sand stecken. Wer seinen Kopf bereits im Sand stecken hat, dem sei der Open Letter to My Fellow Americans samt Bilderstrecke empfohlen. Wer meint, Deutschland sei ja nicht Amerika, dem ist nicht mehr zu helfen.

Kommentare:

  1. Mit wir meinte ich tatsächlich sie, mich und alle anderen. Denn die Staatsschulden gehören ja uns ;-)
    Der Vorwurf, wir hätten über unsere Verhältnisse gelebt, ist absurd. Schließlich sind wir eine Exportnation und arbeiten für andere Länder mit. In der Krise wird Absurdität zum Normalfall.
    Das ist aber ein anderes Thema, mit meinem kurzen Beitrag wollte ich nur mein Entsetzen über den Zustand Europas und die "alternativlose" Entwicklung ausdrücken
    Danke für das Video. Vieles sehe ich genauso.

    LG Marc

    AntwortenLöschen
  2. Zur Zeit der Subprime-Krise(2008) war es doch so, dass die Banken sich kein Geld mehr beschaffen konnten, aktuell sind die Staaten (zum Teil)nicht mehr in der Lage, sich zu finanzieren - die Zinsforderungen ruinieren jeden Haushalt. Wenn jetzt z.B. in Griechenland jeder zweite Euro für die Tilgung ausgegeben wird, lohnt sich das Arbeiten nicht mehr, denn wo keine Euros sind, kann man nichts verkaufen. Die Krise geht voll auf den Binnenmarkt. Abhilfe können hier Regionalwährungen schaffen, damit der Austausch von Gütern und Leistungen wieder angekurbelt wird. Die Guthaben der Reichen sind mittlerweile ins Astronomische gewachsen und leisten nichts, ausser Zinsforderungen zu produzieren, die wir alle begleichen sollen, entweder durch zu niedrige Löhne oder gigantische Schuldenberge. Das ganze System ist Schrott, es produziert immer größere Gegensätze und Ungleichgewichte und fabriziert Not und Elend! So, ich habe fertig, danke fürs Zuhören!

    AntwortenLöschen
  3. Die Guthaben der Reichen sind mittlerweile ins Astronomische gewachsen und leisten nichts, ausser Zinsforderungen zu produzieren, die wir alle begleichen sollen, entweder durch zu niedrige Löhne oder gigantische Schuldenberge. Das ganze System ist Schrott, es produziert immer größere Gegensätze und Ungleichgewichte und fabriziert Not und Elend!

    Die Politik sorgt lieber für die Verstärkung der Polizeikräfte als sich endlich global zu einer saftigen Erhöhung von Vermögens-, Erb- oder Spekulationssteuern zu bemühen, weil die Konzerne ja ihren Sitz auf den Mond verlagern könnten, wie man uns sagen würde.
    Wann stellen wir endlich (mal wieder) die Eigentumsfrage?

    AntwortenLöschen
  4. vielen dank für den "open letter", reib mir gerade die lachtränen aus den augen :-)))

    AntwortenLöschen
  5. Und wer Glaubt nun das mit freiheitlich frommen Altpapier Wahlzetteln was zu ändern ist ?

    Mal ehrlich,selbst wenn alle zu 100% begriffen hätten was mit ihnen gepielt wird und ich glaube viele wissen es, wollen es sich aber aus Angst vor "Handlungsdruck" nicht eingestehen.

    Oder anders herum ,wenn jemand auf dich ein prügelt,wie lange wirst du versuchen ihn mit salbungsvollen Worten davon abzuhalten bis zu zurück schlägst ?

    Die Zeit der Gespräche ist doch ehrlich gesagt rum .....

    666

    AntwortenLöschen
  6. Das ganze System ist "rum", in Europa flüchten wir nicht vor der Dürre, sondern laufen dem Geld hinterher! Im TV hörte ich heute, dass die Republikaner (Opposition in USA) sich weigern werden, eine Steuererhöhung mitzumachen, da diese ja bekanntlich Arbeitsplätze vernichtet. Die sind imstande zu behaupten, dass Hunger und Elend durch zu hohe Steuern verursacht werden! Die kennen keine Gnade, kein Mitleid sondern nur ihre eigenen sch..ss Interessen. Bin gespannt, wann das Thema in den Medien auftaucht.

    AntwortenLöschen
  7. Die amerikanische Außenministerin Clinton weilt derzeit auf Staatsbesuch in Athen. Vor der Presse lobte sie (O-Ton) „die vitalen Sparmaßnahmen in Griechenland“ und sicherte der Regierung „nachhaltige Unterstützung“ bei deren Umsetzung zu:

    „We stand by the people and government of Greece as you put your country back on a path to economic stability and prosperity."

    Womit der Kreis zum obigen Post geschlossen wäre: Jene Maßnahmen, mit denen sich ein Land zu Tode und seine Bevölkerung in die Armut spart, werden kaltschnäuzig als „vital“ bezeichnet. Aufmunterndes hält Clinton auch für die hungernden Griechen parat: „I have faith in the power of the Greek people.“

    Das sind Worte, die satt machen.

    Bei Keep Talking Greece gibt es ein Video zu sehen, wie Clinton mit Papandreou in dessen Office herumkaspert. Grotesk. Das absurde Theater wird von KTG amüsant kommentiert.

    AntwortenLöschen
  8. Aber unten bei KTG steht doch "Lady Gaga will not perform in Athens! Why Not?"
    Und jetzt kam sie doch?
    Das verstehe mal einer.

    AntwortenLöschen
  9. Etwas wichtiges haben wir gestern vergessen.
    17.07.2011 - Merkel: "Die Gelder der Sparer sind sicher."

    AntwortenLöschen
  10. Ja ich weiß. Alles nur Neid. Aber geschätzte 2 Milliarden Euro in der Schweiz auf Geheimkonten ist kein Pappenstiel. Er muß als Strafe bestimmt versprechen, das nie wieder zu tun.
    Immerhin sind die Steuerfahnder, die den Fall anzeigten, nicht für bekloppt erklärt und frühpensioniert worden, wie bei uns.
    http://www.elconfidencial.com/economia/2011/botin-millones-ocultos-suiza-hsbc-20110616-80204.html

    AntwortenLöschen
  11. Anhörbefehl! "José Luis Sampedro y la visita del papa" https://www.youtube.com/watch?v=8DmYGz3EvXk

    AntwortenLöschen
  12. Mensch, finde ich das toll: http://www.youtube.com/user/democraciarealburgos#p/a/u/0/Xypp80weosc

    AntwortenLöschen
  13. Man spricht sich in Spanien für die zentrale Kungebung in Madrid am kommenden Samstag ab. Die einen sind (teilweise seit Wochen) sternmarschiermäßig zu Fuß unterwegs, während andere Fahrgemeinschaften bilden. Man schaue sich das Bild des Buses an: http://tomalaplaza.net/2011/07/16/autobuses-indignados

    AntwortenLöschen
  14. Tschulljung. Die Kundgebung findet natürlich am Sonntag statt.

    AntwortenLöschen
  15. Wie alles begann - Der erste tweet: http://myfirsttweet.com/1st/acampadasol

    AntwortenLöschen
  16. Kleiner Tipp. Die 'Sargnagelschmiede' gibt es auch auf spanisch: http://tertuliamos.blogspot.com

    AntwortenLöschen
  17. Man lese und staune: In Israel geht auch was: http://acampadabcninternacional.wordpress.com/2011/07/17/spirit-of-revolution-starts-in-tel-aviv-sweeps-across-israel

    AntwortenLöschen
  18. La familia Botín...“Er muß als Strafe bestimmt versprechen, das nie wieder zu tun.“

    Ja, und dann vielleicht noch ein Bußgeld von 1 Mio zahlen, was ihn gewiss nicht verarmen lassen wird. Wie überhaupt Bußgeldzahlungen als „Strafe“ bei Bankern und Steuerhinterziehern im großen Stil sehr in Mode gekommen sind. In den Knast einfahren? Aber woher denn. Man drückt mal eben locker 1 Milliönchen ab und macht weiter wie gehabt.
    Bedeutet unterm Strich: Straffreiheit für Finanzhaie.

    AntwortenLöschen
  19. http://acampadabcninternacional.wordpress.com/2011/07/17/jerusalem-also-rise-up

    AntwortenLöschen
  20. Ha, "empörte Autobusse"! Solche Fahrgemeinschaften kenne ich nur aus Afrika. Sehr, sehr cool. Oh, ich liebe es.

    AntwortenLöschen
  21. Schönes Video aus Jerusalem.

    "Man lese und staune: In Israel geht auch was."
    Man lese (in Kürze in diesem Blog) und staune: In Amerika geht auch was. Bin grade im Netz drauf gestoßen. Hui, es braut sich was zusammen.

    AntwortenLöschen
  22. Bilder aus Tel Aviv: http://www.ronengoldman.com/?p=1418

    AntwortenLöschen
  23. Letter from Tel Aviv

    I’m writing to you from the new protest camp in Habima Square in Tel Aviv, where dozens of tents have been set up and hundreds of people have been participating throughout the day. There is music, people are bringing food, and there is a lot of talk about how to organize and how to move forward. The knowledge we got from Spain is priceless. It’s been a bit chaotic till now, it’s unclear how long this can last and when the police will come to evacuate us, but for now they are leaving us alone. People are angry about prices of housing, food, and basic living, and they’re very upset with the politicians and the government. But it’s still unclear whether this will go any further than music and camping on the street. They had a small assembly this afternoon, but I heard mixed reactions about how it went. Tomorrow we will try again.

    We opened a twitter account. We’re writing mostly in hebrew, but we’ll try to write some in english as well: @TLV_Revolution

    Photos here: http://www.ronengoldman.com/?p=1418

    I will try to write more soon, there’s little time and a lot of work.

    Cheers from Tel Aviv!

    Aya

    (Quelle: http://acampadabcninternacional.wordpress.com/2011/07/16/letter-from-tel-aviv)

    AntwortenLöschen
  24. Ich habe übrigens auch schon Zelt, Therma-Rest-Matte und Schlafsack griffbereit daliegen. ;-))

    AntwortenLöschen
  25. Kennt ihr mein Haustier? Neulich am Baggersee: http://pijamasurf.com/2011/07/confirman-que-la-impresionante-fotografia-de-un-cocodrilo-gigante-saltando-junto-a-un-bote-es-real

    AntwortenLöschen
  26. "Ich habe übrigens auch schon Zelt, Therma-Rest-Matte und Schlafsack griffbereit daliegen. ;-))"

    Fehlt nur noch eine gute Gelegenheit.

    AntwortenLöschen