Donnerstag, 28. Juli 2011

Der Norweger und die Frauen


Ein Manifest heißt deshalb so, weil sich in ihm etwas manifestiert. Zum Beispiel - im derzeit am heftigsten diskutierten aller Manifeste - eine Menge gequirlter, aber partiell durchaus mehrheitsfähiger paranoider Käse.

Interessant wird es, wenn sich inmitten des gequirlten Käses plötzlich der eigene Name manifestiert. Oder, nicht minder interessant, der Name der eigenen Mutter. So erging es nämlich der amerikanischen Journalistin Nona Willis Aronowitz, Mitherausgeberin des Onlinemagazins Good Culture (Anders Breivik Railed Against My Mom: When Anti-Women Rhethorics Hit Home). Bei ihrer Analyse des 1.500 Seiten starken Schinkens - pardon: Käses - sprang ihr auf Seite Soundsoviel der Name ihrer Mutter, Ellen Willis, entgegen, vom Autor in einem Atemzug genannt mit Simone de Beauvoir und Virginia Woolf. Müßig zu erwähnen, dass die drei Frauen ganz oben auf der Hassliste des Verfassers stehen.
After looking at both (Manifest und Video), I've learned that Breivik was a 32-year-old Norwegian Christian fundamentalist who hated Muslims, Marxists, global capitalists, and my mom.
Ellen Willis war Musikkritikerin, Feministin und Gründerin der Gruppe Redstockings im Jahr 1969. Die Tochter fasst die Haltung ihrer Mutter so zusammen:
Sie sah im Engagement für ein freud- und lustvolles Leben ein viel mächtigeres Instrument, um gesellschaftlichen Wandel zu erreichen, als in der scheinheiligen Politik von Konservativen (und ebenfalls einiger Linken). Sie hat den Begriff "pro-sex feminism" erfunden und verteidigte das Recht von Frauen auf ein glückliches und erfülltes Leben, selbst wenn dies mit Kinderlosigkeit verbunden war.
Womit bereits auf den Punkt gebracht wird, warum Frauen wie Ellen Willis für Männer wie Anders Breivik ein rotes Tuch und damit zur Hassfigur wurden: Schiebt letzterer ihnen doch die Schuld zu an "explodierenden Scheidungsraten" und "abgestürzten Geburtenraten", beides aus seiner Sicht verantwortlich für das "kulturelle und demographische Vakuum" im Westen, das auf direktem Wege zu jener feindlichen islamischen Übernahme geführt habe, welches wiederum ihn, Breivik, auf direktem Wege zu seinem Gebombe und Gemetzel veranlasst habe.

Paranoider Käse, wie gesagt, aber durchaus anschlussfähig, wie gesagt, denn mit der Hypothese 'Die Frauen sind an allem schuld' kommt der vielgelesene Manifestator bestimmt bei vielen Leuten gut an, und man möchte lieber nicht wissen, was das genau für Leute sind, bei denen er mit seinem Eve complex (zur Erinnerung: das ist die alte Kiste mit der Schlange und dem Apfel) mehr als nur einen Punkt machen kann.

Zwar ließe sich nun naiv fragen, wieso der selbsternannte Kreuzritter - unterwegs im Auftrag der weißen Rasse gegen die islamische Vereinnahmung - nicht einfach selbst einen Stall voll reinrassig arischer Kinder in die Welt gesetzt hat, anstatt einen Haufen Kinder abzuschlachten?Wäre aber wirklich naiv, denn der arme Teufel hat sich ja öffentlich zu seinem libidinös unterversorgten Status bekannt, woran - wir ahnen es - diese entmaskulinierenden Frauen schuld sind, die offenbar das ganze Cro-magnon-hafte Gebaren des Protagonisten als eher unattraktiv empfanden.

Apropos, der Typ beklagt ja auch wortreich die sogenannte Entmaskulinisierung der Gesellschaft, die den traditionellen Vorbildern heldenhafter Männlichkeit keinen Spielraum mehr lässt. Eines muss man ihm lassen - da hat er einen wahrhaft heroischen Kontrapunkt gesetzt: Unbewaffnete, wehrlose Menschen abzuknallen - wenn das kein Musterbeispiel für männliches Heldentum ist, dann weiß ich auch nicht. Vermutlich hätte er dazu ohne die regelmäßige Einnahme von Steroiden gar nicht die Nerven gehabt und es bei kranken Phantasien belassen, die sich dann zwar möglicherweise in einem Manifest, jedoch nicht in einem Massaker manifestiert hätten.

Ach ja, die Frauen. Ist es nicht wunderbar, dass man ihnen einfach alles Schlechte in die Schuhe schieben kann? Selbst das, was gar nicht schlecht ist?



Kommentare:

  1. Alles richtig. Nur, er schiebt den Feministen die Schuld zu, nicht den Frauen. Das ist gewiß genauso blöd. Genauso blöd wie der Haẞ auf Alt-68er und Kulturmarxisten, die Multikulti-Ideologie und andere Popanze. Und nicht nur blöd sondern auch unlogisch. Die kulturelle Vielfacht in unseren Ländern verdanken wir doch den konservativen Regierungen, nicht 68ern, die doch Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern herbeischaffte. Und die Parallelgesellschaften verdanken wir der sozialen Ausgrenzung dieser Schwarzen, weil die Deutschen mit denen nichts zu schaffen haben wollten. Hier sehen wir Schuldumkehr vor uns.

    Tut mir leid, Frau Mop! Ich leide an krankhafter Besserwisserei.

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  2. Auch wenn ich hier recht selten zum Kommentieren komme, deine Posts gefallen mir, der hier ganz besonders. Danke für den interessanten Diskurs!

    Übrigens zum Thema "traditionelle Vorbildern heldenhafter Männlichkeit": Es hat zwar nichts mit Männlichkeit, wohl mehr mit Menschlichkeit zu tun, aber vor dem Verhalten der Norwegischen Bevölkerung habe ich größten Respekt. In anderen Ländern wäre Breivik längst der Lynch- oder Selbstjustiz zum "Opfer" gefallen. Er sagte ja, er habe nur darauf gewartet, auf dem Weg ins Gericht abgeknallt zu werden. Aber er überschätzt sich da wohl. Und unterschätzt die Norweger.

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  3. @georgi

    „Er schiebt den Feministen die Schuld zu, nicht den Frauen.“

    Eine spitzfindige Unterscheidung, und in Anbetracht des realen Massakers mehr als unpassend. In seinem Manifest (ob du das „blöd“ findest, steht hier nicht zur Disposition) gibt Breivik den sogenannten Kulturmarxisten die Schuld, nicht etwa den Teilnehmern eines sozialdemokratischen Freizeitlagers, was ihn nicht davon abgehalten hat, den unschuldigen Jugendlichen die Kugel zu geben. Ihre Unschuld hat sie nicht davor bewahrt, ermordet zu werden.

    @Mary Malloy

    Mir geht es genauso. Die Menschen in Norwegen zeigen eine Haltung, vor der ich großen Respekt habe. Nicht nur ‚eine‘ Haltung, sondern vor allem: Haltung.

    „Er sagte ja, er habe nur darauf gewartet, auf dem Weg ins Gericht abgeknallt zu werden. Aber er überschätzt sich da wohl. Und unterschätzt die Norweger.“

    Kluger Gedanke.

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  4. Hallo Frau Mop!

    Ich wußte doch, daß wir uns wieder um des Kaisers Bart streiten werden. Die ganze Geschichte zeigt doch, was wir von der Zukunft erwarten dürfen. Du magst ja die jungen Leute für unschuldig halten. Gewisse andere Leute halten sie aber sehr wohl für schuldig. Sozis sind nämlich mindestens am Untergang Europas schuld, weil sie Liberalität, Toleranz und Demokratie praktizieren, von diesen Leuten "Multikulti", "Dhimmitude", "Einknicken vor dem Islam" genannt.

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  5. @Mary Malloy

    Zum Thema Haltung. Aus einem Interview mit einem Augenzeugen und Überlebenden des Massakers in der österreichischen Zeitung Standard:

    "Wie würden Sie die Stimmung in Oslo im Moment beschreiben?

    Ali Esbati: Es ist sehr ruhig auf den Straßen. Überall sind Blumen. Es gibt einen starken Willen, dieser Situation nicht zu erlauben, ein Klima der Angst zu erzeugen. Was wir derzeit sehen, ist Norwegen und Oslo von seiner besten Seite."

    Sehr lesenswert, das ganze Interview.

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  6. Ein wohltuender Artikel von Michalis Pantelouris über Norwegens Umgang mit dem Terrorattentat:

    "Angesichts der Katastrophe haben die Führer des Landes – allen voran Ministerpräsident Stoltenberg und Kronprinz Haakon – Worte und Haltung gefunden, die der ganzen Nation und darüber hinaus Menschen in der ganzen Welt in dieser langen, dunklen Nacht der Seele Trost, Mut, Kraft und das Gefühl einer starken Gemeinschaft gegeben haben."

    (Zitat Kronprinz Haakon):

    'Heute Abend sind die Straßen mit Liebe gefüllt. Wir wollen Grausamkeit mit Nähe beantworten. Wir wollen Hass mit Zusammenhalt beantworten. Wir wollen zeigen, wozu wir stehen. […]

    Heute Abend sind die Straßen mit Liebe gefüllt. Wir stehen vor einer Wahl. Wir können das Geschehene nicht ungeschehen machen. Aber wir können uns entscheiden, was es mit uns als Gesellschaft und als Einzelnen macht. Wir können uns dafür entscheiden, dass niemand allein stehen muss. Wir können uns dafür entscheiden, zusammenzustehen.

    Jeder Einzelne hat diese Entscheidung, Du hast sie und ich habe sie. Zusammen haben wir eine Aufgabe zu erfüllen. Diese Aufgabe steht an, wenn wir beim Abendessen zusammensitzen, in der Kantine, beim Vereinsleben, als Freiwillige, Männer und Frauen, auf dem Land und in der Stadt.

    Wir wollen ein Norwegen in dem wir zusammenleben in einer Gemeinschaft, mit der Freiheit Meinungen zu haben und uns zu äußern. In der wir Unterschiede als Möglichkeiten sehen. In der Freiheit stärker ist als Angst. Heute Abend sind die Straßen mit Liebe gefüllt.'

    Wohltuend einerseits; andererseits beklemmend finde ich, dass solche oder ähnliche Worte aus dem Mund von deutschen Politikern nicht nur fehlen, sondern absolut unvorstellbar sind. Man hört ja, was die stattdessen zu Täter und Hintergrund zu sagen haben. Mich erfasst in den letzten Tagen ein leises Grausen in Deutschland.

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