Montag, 7. September 2009

Rad ab

Der hat wohl ein Rad ab, geht eine gebräuchliche Redensart. Gemeint natürlich im übertragenen Sinne, etwa wie Bei ihm ist eine Schraube locker, um in der maschinell-technischen Metaphorik zu bleiben, oder auch Sie hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, eine Redensart traditionell-häuslicher Provenienz. Beim Googeln nach dem metaphorischen Umfeld von Rad ab stieß ich auf die Universität Oldenburg, Fachbereich Psychologie, und habe viel gelernt und gelacht.
Dort findet sich nämlich zum Thema Metaphernanalyse ein so erhellendes wie erheiterndes Referat. Es geht um die metaphorische Alltagsumschreibung von Krisen- und anderen seelischen Zuständen, wo 'die gesuchten psychischen Extremzustände in Bildern von beschädigten Werkzeugen oder Maschinen benannt werden'. Kennt man ja: Beim einen rappelt es, der zweite dreht durch, der dritte tickt nicht richtig und wird ebendrum in Bälde wohl ein Rad ab haben. Ich kann mir die Heiterkeit vorstellen, welche die Studentin beim Vortragen ihres Referates ausgelöst haben dürfte:
A hat ein Rad ab,
B hat 'ne Panne,
bei C ist die Luft raus,
D ist überdreht,
E hat überhaupt nicht geschaltet,
F ist ins Schleudern gekommen,
G stand unter Dampf, den er aber nicht ablassen konnte,
H hat Gas gegeben,
I kriegt die Kurve nicht.
Zuweilen ist man ganz überrascht, wenn einem bei all dem gewohnheitsmäßigen Metageschwurbel mal ein wortwörtlicher Sinnzusammenhang unterkommt. Wenn beispielsweise infolge eines abben Rades eine Panne sich ereignet, das Fahrzeug ins Schleudern kommt und aus der Kurve fliegt und somit die Luft aus allem raus ist. Es ist nämlich so: Der Flaschenboy hat ein Rad ab, und zwar tatsächlich. Ich meine, gesponnen hat er schon immer, der Flaschenboy, aber jetzt hat er, ganz unmetaphorisch, die Grätsche gemacht. Einseitiger Radbruch. Materialschwäche. Maroder Kunststoff, fürs Kaputtgehen konstruiert. Dummheit auf Rädern.
Ohne Räder sieht der Taugenichts noch dümmer aus. Ein Flaschenboy ohne Räder ist wie ein Ackergaul ohne Hufe, sprich zu nichts zu gebrauchen. Beide fressen sich voll, der eine mit Heu, der andere mit leeren Flaschen, dann stehen sie vollgefressen rum und rühren sich nicht vom Fleck; Luft raus, sozusagen. Währenddessen Mrs. Mop mächtig unter Dampf stand, den sie aber nicht ablassen konnte.
Als Problemlöser in der Not erwies sich ein solider Sackkarren alter Schule: Stahlrohrgestell, Vollkautschukräder, null Kunststoff. Der wuppt das dumme Ding auf seine Schaufel, bringt es in stabile Schräglage, der Rest ist bequemes Schieben. Wobei, aus der Perspektive des Flaschenboys ist es Geschobenwerden - er hockt halt radlos da vorne drauf und lässt sich von mir wie im Rollstuhl durch die Gegend kutschieren. Das Ganze sieht ziemlich von der Rolle aus, um im Bild zu bleiben, funktioniert aber gut. Über den Anblick haben sich die Jungs von der Müllabfuhr prächtig amüsiert; "Mülltonnentaxi", meinte der eine, der andere sagte was von "Pflegestufe", während der dritte nur den Kopf schüttelte und ein paar Mal "krrrass!" hervorstieß. Ich gab dann Gas, kriegte gerade noch die Kurve und konnte so doch noch ein bisschen Dampf ablassen.

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