Donnerstag, 24. September 2009

Igel hinterm Spiegel


Morgens bei Dunkelheit radzufahren ist so öd. Weil es nichts Interessantes zu sehen gibt. Weil es gar nichts zu sehen gibt, eben weil es so kuhfinster ist. Andererseits, zur Zeit ist gerade mal wieder in Sachen Sperrmüll schwer was los, die Leute entrümpeln reihenweise ihre Haushalte und in manchen Straßen wartet Hochinteressantes darauf, gescannt zu werden. Gottseidank hat die energiesparbewusste Stadtverwaltung hier und da noch ein paar Straßenlaternen stehen lassen. Die einzelnen Sperrmülldeponien sind morgens um halb sechs noch sehr aufgeräumt, mithin schnell zu durchflöhen.
Es interessierte mich ein halbhoher schmaler Spiegel, der gegen ein Mäuerchen lehnte und gut aussah. Ich näherte mich ihm, erkannte in ihm schemenhaft meine Beine, kam noch näher, um ihn anzufassen, sah jetzt nur noch meine Füße im Spiegel, und plötzlich war da dieses Geräusch. Wie von kleinen hektischen Trippelschrittchen, trippel trippel trippel. Nervös klang das irgendwie. Nicht nach Angriff, sondern nach Flucht. Das Geräusch kam exakt von dort, wo ich meine Füße sah. Einen Moment lang war ich sehr verwirrt, weil doch im Spiegel klar zu erkennen war, dass meine Füße sich gar nicht mehr bewegten; schließlich war ich ja vor Schreck über das Geräusch stillgestanden. Trotzdem schien das Fußgetrippel von dort zu kommen, wo meine Füße zu sehen waren. Kam es natürlich nicht. Es kam von hinterm Spiegel.
Die Neugierde war stärker als der Schreck. Hinter dem Spiegel hatte sich ein Igel versteckt. Er reagierte mindestens so verschreckt wie ich und rührte sich vor lauter Schreck nicht mehr von der Stelle, was mich wunderte, denn ich dachte immer, Igel machen sich rund und stachelig bei Gefahr im Verzug. Dieser Igel schien auf der Leitung zu stehen. Er machte gar nichts. Irgendwie mochte ich ihn.

Damit hätte ich es bewenden und dem armen Igel seine Ruhe lassen können. Aber nein. Das Ego war stärker als das Mitgefühl. Ohne nachzudenken, von einem dümmlichen Automatismus angetrieben, griff ich die Kamera aus der Jackentasche, fotografierte den kleinen Irrläufer und bereute es sofort. Das Blitzlicht hatte das ohnehin verschreckte Tier erst recht zu Tode erschreckt. Jetzt hockte der Igel am Boden, zitternd am ganzen Leib, jede einzelne seiner braunen Stacheln schien zu beben, die heftig pumpenden Atembewegungen waren deutlich zu sehen. Es zerriss mir das Herz.
Ich lehnte den Spiegel zurück an das Mäuerchen, um dem Igel den Schutz der Dunkelheit zurückzugeben. Obwohl er wirklich schön war, der Spiegel. Aber der Igel war schöner, in seiner ganzen Verletzlichkeit. Dann setzte ich mich wieder aufs Rad und versuchte, mir das schlechte Gewissen aus dem Leib zu radeln.

Im Restaurant traf ich Frau Übermop beim Aufstuhlen an und sagte zu ihr: "Stell dir vor, welches Tier mir gerade begegnet ist." Ohne nachzudenken oder ihre Arbeit zu unterbrechen meinte sie beiläufig: "Ein Wildschwein." Nein. "Ein Bär. Hieß er vielleicht Bruno?" Nein. Kleiner. "Ein Maulwurf?" Ich dachte an ihn und musste lachen. Tat gut. Es folgten Karnickel, Katze, Maus sowie die gleichmütig hingeworfene Bemerkung: "Wußtest du, dass vor Jahren mir nachts einmal eine Ratte von hinten auf die Schulter gesprungen ist?" Das hätte jetzt morgens um sechs nicht unbedingt sein müssen, aus meiner Sicht. Alles nein.
"Ein Igel", klärte ich sie auf. "Ach so", antwortete Frau Übermop und unterbrach ihre Arbeit, "stimmt, jetzt sind die Igel wieder unterwegs. Die suchen sich ihre Winterquartiere. Igel sind kluge Tiere, die wissen genau, jetzt kommen die harten Zeiten, und stellen sich drauf ein. Die Igel nehmen Signale aus der Witterung auf, die lassen sich nicht täuschen wie Menschen." Frau Übermop ist ländlicher Herkunft, auch wenn inzwischen ein Großstadtmensch aus ihr geworden ist. Ihre Jugend hat sie großteils auf dem Feld verbracht. Mit Igeln kennt sie sich aus. Mit Menschen auch.

Auf dem Rückweg war der Sperrmüll weg. Und der Igel in Sicherheit. Da bin ich mir sicher.

Kommentare:

  1. :) ich muß sperrmüll auch immer inspizieren.. immerhin hat 'er' mir schon zu zwei schaukelstühlen, einem spiegel [ohne igel] und einem sessel, den ich aber wieder abgeben werde, verholfen.

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  2. Komme grade mit Beute heim. Sagenhafter Kerzenständer, sechsarmig.
    ;)

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