Donnerstag, 23. August 2012

Suizid, weggesprüht


Pfffftt!

Niedergeschlagen? Gedrückte Stimmung? Am Tiefpunkt? Seelische Krise? Am Rande einer Depression? Lebensmüde? Von allem die Nase voll?

Pfffftt!

Ein neuartiges Nasenspray schafft Abhilfe. Einmal hochziehen - und der Kopf ist wieder frei von schwarzen Gedanken, depressiven Dispositionen und suizidalen Anwandlungen. Und zwar sofort, denn der Weg von der Nase ins Limbische System ist ein kurzer: Ruckzuck ist die Depression ist wie weggeschnieft, das pralle Leben kann weitergehen, Selbstmord war gestern und Morden ist heute. Wer wird sich selbst umbringen wollen, wenn er dafür bezahlt wird, andere umzubringen?

Darum hat das amerikanische Pentagon keine Kosten gescheut, vielmehr das Anti-Suizid-Nasenspray-Forschungszentrum der Indiana University mit satten drei Millionen Dollar bezuschusst, nachdem ein dringender Handlungsbedarf erkannt worden war: Die Suizidrate im amerikanischen Militär hatte sich im Juli 2012 verdoppelt. "Inzwischen sterben mehr Soldaten durch eigene Hand als durch Handgreiflichkeiten von den Taliban in Afghanistan."

Eine alarmierende Entwicklung, der mit Sofortmaßnahmen Einhalt geboten werden musste. Daher die Entwicklung einer innovativen, vor tödlichen Autoimmun-Erkrankungen schützenden biologischen Waffe, eben jenes Instant-Suizidkiller-Nasensprays, frei nach dem Slogan: Du sollst dein Gewehr nicht falsch herum halten, sprüh dir besser etwas Befreiendes in die Nase, und das Abknallen fremder Menschen funktioniert wieder wie von selbst. Ohne Störgefühle, ohne Depression, ohne Trauer...


... außer natürlich bei den Hinterbliebenen derer, die du in die Luft gejagt hast. Muss dich, Soldat, aber nicht in deiner Gemütsverfassung beeinträchtigen, trägst du doch ein Fläschchen unserer speziell für dich neu entwickelten Anti-Suizid-Droge stets im Kampfanzug mit dir und weißt um die "euphorisierenden, beruhigenden, anti-depressiven Wirkungen" des neurochemischen Wirkstoffes TRH (thyrotropin-freisetzendes Hormon) auf "nanotechnologischer Basis".

Pfffftt!

Noch befindet sich der neurochemische Kampfstoff in der Testphase; zumindest so lange, bis die Euphorisierung der suizidgefährdeten Streitkräfte so weit fortgeschritten ist, dass deren Selbsttötungsrate signifikant unter den Zahlen der getöteten Feinde liegt, inklusive der getöteten Menschen aus der Zivilbevölkerung.

Apropos Zivilbevölkerung.

Beruhigend, nachgerade euphorisierend ist das Vorhaben der universitären Forscher im Auftrag der US-Armee, "eine umfassende Versuchsreihe über die nächsten Jahre zu starten, um - so die Hoffnung - das Spray nicht nur Soldaten, sondern ebenso Zivilpersonen an die Hand zu geben zu können". Das "Spray of Hope" für den täglichen Gebrauch, zur Prophylaxe der rasant ansteigenden Suizidrate in der Zivilbevölkerung der westlichen Gesellschaften!

Selten war die Rede von der 'zweiten Großen Depression' angebrachter als in Zeiten, wo immer mehr Menschen sich von der wirtschaftlichen in die seelische Depression getrieben sehen und den suizidalen Ausweg als letzte Lösung wählen. Übrigens nicht nur in Griechenland, Spanien und Italien, sondern neuerdings auch in Großbritannien.

Pfffftt!

So what? Nasenspray, um der Selbsttötung vorzubeugen. Neue Lebensqualität durch Nanotechnologie. Jedem sein individuelles Fläschchen in die Hausapotheke. Immer schön lebendig bleiben, auch wenn es euch sterbenselend zumute ist! Bei akutem Ausfall der Lebensgeister einfach sprühen, hochziehen, und gut ist!

Obwohl. Es ginge sicherlich noch effizienter. Zum Beispiel Tränengas, das ist ja auch ein kostspieliger Kampfstoff, der auf Dauer und bei wachsendem sozialen Protest ganz schön ins Geld geht - warum nicht gleich die unzufriedenen Massen mit etwas Beruhigendem, Euphorisierendem besprühen? Nie war Problemlösen leichter, als wenn die Forschung zur Entwicklung schreitet.

Überhaupt. Zu viele Suizide schaden der Ideologie. Warum nicht das ganze depressionsgeschüttelte Land/den Kontinent flächendeckend mit einer anti-depressiven Gaswolke besprühen? Zugegeben, kein wirklich neuer Gedanke. Alles schon mal dagewesen, Schöne Neue Welt, Aldous Huxley lässt grüßen.

Pfffftt!

Brauche dringend eine Ladung aus meinem Anti-Paranoia-Sprayflakon.

Kommentare:

  1. Hoffentlich wird das bald marktreif und die tägliche Einnahme auch für Zivilisten verbindlich, dann lösen sich sämtliche Menschheitsprobleme in Wohlgefallen auf. Weiter wie bisher in den Abgrund - aber mit einem fröhlichen Lächeln im Gesicht. Wenn das nicht eine wunderhübsche Utopie ist ...

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    1. Bin gespannt auf die TV-Werbespots, das Zeugs wird ja bestimmt rezeptfrei verkauft werden, denn es muss ja jeder Zugang dazu haben, damit die Breitbandwirkung sich voll entfalten kann. Denkbar wäre auch ein sedierendes Wählerspray, kriegt jeder in die Nase gesprüht, bevor er an die Wahlurne schreitet, damit er den Braten nicht mehr riecht und sich euphorisiert in die eigene Sklaverei wählt.

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  2. "Brauche dringend eine Ladung aus meinem Anti-Paranoia-Sprayflakon."

    biddeschön...

    (btw: schon mal den futurologischen kongreß besucht?)

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    1. Hi Mo (Dich gibbet ja noch, blog doch mal wieder mehr!)
      War nicht bei Dir zu lesen, dass die Amis das mal "durchgerechnet" hatten, das Trinkwasser "prophylaktisch" mit Antidepressiva anzureichern, weil's billiger kommt als Therapien zu bezahlen?
      Aber als Spray oder besser als Gas ist natürlich eleganter. Morgens auf dem Weg in der U-Bahn, im Bus, bei der Arbeit via Klimaanlagen: Obey! Consume!
      Nach dem Besuch des Kongress gleich ins Kino zu http://de.wikipedia.org/wiki/THX_1138
      Unsere Junta bedient sich munter des Fundus vergangener Dystopien.

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    2. Vergessen:
      Wenn ich sowas lese, würd ich mir das Zeugs auch am liebsten reinpfeifen.

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    3. Übrigens wird ‚Der futurologische Kongress‘ zur Zeit von Ari Folman verfilmt, von dem auch der Film ‚Waltz With Bashir‘ stammt über die verdrängten und wiedererlangten Erinnerungen israelischer Soldaten an die Invasion und Massaker in Libanon 1982. Folmans ‚The Congress‘ wird 2013 erscheinen, passend in unsere Zeit.

      Habe mir grade nochmal ein Interview mit Aldous Huxley über 'Brave New World' angesehen (deutsche Untertitel): so gespenstisch wie realistisch.

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  3. Wunderbar, der "schönen neuen Welt" so nah zu sein!
    Ich frag mich nur, was die ganze Gilde der Psychotherapeuten dann machen soll... Wo wir doch gerade dabei sind, die Arbeitslosigkeit endgültig zu besiegen ;)

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    1. "...was die ganze Gilde der Psychotherapeuten dann machen soll...", na, die wird dann halt arbeitslos und kriegt zum Trost auch ein Fläschchen verpasst ;)

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    2. Oder die müssen dann in der schönen neuen Welt als Arbeitsthererapeuten die Non-Responder zum Minenräumen in den Kolonien überreden.

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  4. Das Zeugs der Zivilbevölkerung zugänglich zu machen, ist aber kontraindiziert, weil es längerfristige Verschreibungen von AD's torpediert. Nix gut für Big Pharma.
    Darüber hinaus (Achtung VT) muss man sich fragen, ob es im real existierenden Sozialdarwinismus zielführend ist, dass depressive Gene überleben.
    Der vorauseilende Gehorsam der seelisch Moribunden wird doch begrüßt.
    Dass die gestiegenen Selbstmordraten in den Krisenländern thematisiert wurden in den MSM, ist mir bisher entgangen.

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    1. "Dass die gestiegenen Selbstmordraten in den Krisenländern thematisiert wurden in den MSM, ist mir bisher entgangen."

      Sag ich doch, zu viele Suizide schaden der Ideologie, s.o.

      Anderswo (in angelsächsischen MSM) hat sich der Begriff "economic suicides" bzgl. gestiegene Suizidraten in Eurokrisenländern längst eingebürgert und es wird (in Ansätzen) darüber berichtet, z.B. NY Times, WashPo, Guardian (oben verlinkt), DailyMail. In D ist man da sehr zurückhaltend, denn zu viele Suizide..., s.o.

      Übrigens erstaunlich, was der englischsprachige Spiegel so alles "thematisiert", im Ggs. zu seinem deutschen Pendant. Nur mal so als Beispiel.

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