Donnerstag, 9. August 2012

Sommermärchen, das achte


Es war einmal ein Land im Süden Europas, da hatten die Menschen großen Hunger und nichts zu essen. Um nicht zu verhungern, öffneten sie die Mülltonnen hinter den Supermärkten, holten sich weggeworfene Lebensmittel heraus, nahmen diese mit nach Hause und verteilten sie an andere Menschen, die auch großen Hunger hatten.

Das ging eine Zeitlang gut, bis die Stadtverwaltung der spanischen Stadt Girona fand, dass das nicht ginge, und gut schon gleich gar nicht. Darum befahl sie allen Supermärkten der Stadt, ihre Mülltonnen mit Sicherheitsschlössern zu verriegeln. Diese Schlösser, so argumentierte die Stadtverwaltung, dienten der Sicherheit der hungernden Bevölkerung: Denn die weggeworfenen, abgelaufenen Produkte stellten ein "Gesundheitsrisiko" dar für diejenigen, die sie verzehrten. Die "Praxis" hungernder Menschen, sich von Lebensmitteln aus Mülltonnen zu ernähren, habe bei der Stadtverwaltung einen "sozialen Alarm" ausgelöst und deshalb zu der sicherheits- und gesundheitsschützenden Sperrmaßnahme geführt.

Seitdem haben die Menschen in Girona zwar immer noch großen Hunger, leben aber jetzt viel gesünder und, natürlich, viel kalorienärmer.

Ferner, so ist zu hören, plane die Stadtverwaltung aus Sorge um die Gesundheit ihrer notleidenden Mitbürger bereits weitere Sicherheitsmaßnahmen; so solle demnächst ein neues Gesetz in Kraft treten, das armen, hungernden, obdach- oder sonstwie mittellosen Menschen verbietet, auf den Straßen der Stadt herumzusitzen oder dort gar zu übernachten. Auch dies sei nämlich eine "Praxis", die "sozialen Alarm" auslöse, und man ließe sich nun mal im Rathaus von Girona ungern sozial alarmieren.

Seitdem herrschen in der spanischen Stadt Girona wieder Sicherheit, öffentlicher Friede, Gesundheit und soziale Hygiene zum Wohle aller, und wenn die Menschen von Girona noch nicht verhungert sind, dann leben sie noch heute.

Kommentare:

  1. .....das ist doch hervorragend....auf diese Weise wird es in absehbarer Zeit zu einem Aufstand kommen......je brutaler, je besser....

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    1. Was hindert Dich eigentlich daran, aus der Anonymität herauszutreten und Dir einen Nickname zuzulegen? Hab ich Dich schon ein paar Mal gefragt. Ich schließe daraus, dass Du weiterhin bewusst anonym auftreten willst und dafür Deine Gründe hast, Gründe, die ich als Blogbetreiberin nicht akzeptiere. Sieh Dich vor.

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  2. niemand sollte sich aus mülltonnen ernähren - das finde ich auch. und schließlich haben in einer anderen spanischen stadt (bin jetzt zu faul den namen rauszugoogeln) oder schon vor jahren die "glücklichen arbeitslosen" von berlin gezeigt, wie man auch ohne geld kostengünstig und gut einkaufen kann.

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    1. Ist mir bekannt und finde ich sehr erfreulich, dass in Andalusien gerade den Supermärkten zuleibe gerückt wird (steht ja inzwischen in fast jeder Zeitung), das Sommermärchen sollte ein düsterer Kontrat dazu sein.

      "Niemand sollte..." Nun ja. Ich finde auch, ganz vieles "sollte" anders sein als es ist. Hat nur noch nie jemandem was genützt, wenn ich oder Du oder sonstwer das findet. Jedenfalls respektiere ich als Nichthungernde die Entscheidung hungernder Menschen, sich aus Mülltonnen zu bedienen, mehr als die Entscheidung jener Stadtverwaltung, die ja ebenfalls behauptet, "niemand sollte sich aus Mülltonnen ernähren".

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