Donnerstag, 27. Januar 2011

Butterbrot trifft Jakobsmuschel


Jakobsmuscheln. Habe ich noch nie in meinem Leben gegessen. Das sind so kinderfaustgroße knuffige Knödeldingerchen aus weißem Fleisch, die irgendwie hauchzart nach Meeresfrüchten schmecken, aber nur wenn man's weiß, sozusagen. Köstlich auf jeden Fall.

Traf ich eben beim Nachhauseradeln einen Freund, der in der Gastronomie arbeitet, und als wir uns zur Begrüßung umarmten, schnüffelte er an mir herum und meinte: "Huch, wie riechst du denn?" Woher soll ich wissen, wie ich nachts um halb zwölf rieche? "Ich tippe auf Bouillabaisse", sprach er mit Kennermiene.

Völlig daneben. Die Jakobsmuscheln schwammen in trauter Eintracht mit Heilbuttstückchen und Kleinstkrabben in einer sämig-scharfen gemüsigen Sauce, angerichtet auf einem Berg pechschwarzer Tintenfischnudeln. Oh heiliger Poseidon, hat das gut geschmeckt.

"Mhm, dein Strickschal riecht nach gedünsteten Steinpilzen", fuhr der Gastro-Insider fort, womit er recht hatte, denn die Pulpo-Pasta war nur ein Zwischengang gewesen. Danach gab es ein Pilzgericht, bestehend aus Steinpilzen, Pfifferlingen und Stockschwämmchen, mit einem Fleisch dabei, was ich ebenfalls noch nie in meinem Leben gegessen hatte - Kalbsemmerolle. Keine Ahnung, ob das korrekt buchstabiert ist, jedenfalls stammt das Fleisch - schön fest und würzig - vom hinteren unteren Teil eines Kalbsoberschenkels und schmeckt so unvergleichlich gut, dass ich künftig jedes Fleischgericht stehen lassen würde, sollte mir nochmals in meinem Leben eine Kalbsemmerolle angeboten werden.

"Was gab's zum Nachtisch?", fragte der Freund nicht ohne fachkundige Gier, und ich entsann mich eines saftigen Waldbeerenkuchens auf flauschigem Biskuit, schwimmend in einer Schokoladen-Marzipan-Sauce, von einer irgendwie fast blutrünstig-sündigen Optik. Mehr als ein kleines Häppchen hat leider nicht mehr reingepasst - dieses opulente Schlemmen ist schon eine gewaltige Herausforderung für einen Magen, der sich die letzten Tage von Butterbrot, Bratkartoffeln und Polenta ernährt hat.

Sehnsuchtsvoll verdrehte ich die Augen und bedauerte, für den Nachhauseweg kein größeres Stück von dem Waldbeerensündenfall mitgenommen zu haben. Der Gastrofreund bedauerte ebenfalls. "Vielleicht beim nächsten Mal", sagte ich mit einem zufriedenen vegetativen Seufzen.

"Aha", entgegnete der Freund, "beim nächsten Mal also. Dir scheint's dort zu gefallen." Statt zu widersprechen seufzte ich nochmals. Dann fragte er: "Wie ist es denn dort so?" Ich überlegte. Mir fiel nichts ein. "Cool", seufzte ich schließlich. Der Freund hob eine Augenbraue. "Na ja", ergänzte ich, "irgendwie so zwischen edel und rustikal und frech und durchgeknallt."

"Aha", bemerkte er, "und du mittendrin?" Hm, meinte ich, könnte man vielleicht so sagen.

"Aha", sagte der Freund mit einem rustikalen Grinsen und fuhr fort, in einer unedlen Mischung aus frech und durchgeknallt, "ich verstehe - einmal Gastro-Schlampe, immer Gastro-Schlampe."

Aha. Gastro-Schlampe. Bitte, warum nicht. Soll mir auch recht sein.

Zum krönenden Abschluss und statt Nachtisch gibt es jetzt eine wundervolle Hommage an alle wundervollen Gastro-Schlampen dieser Welt:


Kommentare:

  1. Gemein...grausam...böse...habe vor dem Lesen überlegt, ob es zum Frühstück Knäckebrot oder Müsli gibt. Jetzt habe ich doch fast auf meine Tastatur gesabbert...ich will auch Gastro-schlampe werden!!! Steinpilze...Kalbsdings...Schoko-Marzipan-Sauce...mir stehen die Tränen in den Augen ;-)
    Darf man gratulieren?

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  2. grad wieder von eine paar tagen auswärts nach hause gekommen, muß ich so was lesen und kaue hier mein trocken brot. Na warte!
    bel;-)
    geht jetzt einkaufen.

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  3. ...womit ich keinesfalls gesagt will, dass Butterbrot nix Leckeres ist. Nur, ganz trocken ohne Butter ist dann schon hart...;)

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  4. :D krass - ich bin krank, so richtig, und möchte mir jetzt SOfort etwas 'gutes' zu essen machen... ach, irgendwas gibt das vorratsregal schon her. hin!!

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  5. Vielleicht ein Rebhuhn mit geschmorten Steinpilzen? Gute Besserung...;)

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  6. Nun beruhiht euch alle erstmal wieder!

    Glaubt mir. Früher oder später gehen einem all diese Leckereien auch auf die Nerven. Haute Cuisine hin oder her. Da bekommt man irgendwann wieder einen richtigen Heißhunger auf "Tote Oma", Gemüseeintopf oder ein deftiges Schnitzel.

    Das ist also nichts, worauf man dauerhaft "neidisch" sein muss. Außerdem dürfte es Mrs. Mop dabei ja auch mehr um die Erlangung des "täglichen Brotes" gehen. All die Jacobsmuscheln sollten dabei wohl eher das (unregelmäßige) "Abfallprodukt" sein.

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  7. Hast du ne Ahnung - neuerdings schicke ich allmorgendlich ein Stoßgebet an die Gastrogötter "...unser täglich Jakobsmuschel gib uns heute, und erlöse uns von der Bratkartoffel..." (weiter weiß ich leider nicht im Gebetstext), wobei ich schon betonte, dass ich den lukullischen Wert von Butterbrot&Bratkartoffel durchaus zu schätzen weiß, aaaber - man wird ja wohl mal schwelgen dürfen, ne.

    Überhaupt, "Tote Oma", wasollndassein? Kalter Hund im Schlafrock oder was?

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  8. auch ein krankes [reb]huhn wartet gespannt auf die beantwortung ebendieser frage... ;)!

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  9. Oha! Kochrezeptdefizite! ;-) Da freue ich mich doch glattweg, etwas zur Verbreitung regionaler (ist das wirklich so?) Kochkünste beizutragen. Vielleicht liegt es ja aber auch nur am Namen, dass ihr es nicht kennt.

    Guckst Du hier: http://www.chefkoch.de/rezepte/790011182339242/Tote-Oma-Thueringer-Art.html

    Mit Sauerkraut und wahlweise Kartoffeln/Kartoffelpürree ´ne feine Sache. Gegen Erkältung hilft es allerdings nicht so richtig, glaube ich. ;-)

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  10. Grade lese ich, dass die "Tote Oma" mit "grünem Speck" zubereitet wird. Ich glaube, mein Gesicht läuft ein wenig grün an. Kann es sein, dass die Großmutter an dem Speck gestorben ist?

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  11. Wenn der Speck schon eine grüne Farbe angenommen hat, dann sollte man ihn doch eher entsorgen! ;-)

    Ich bin kein Koch. Keine Ahnung, was grüner Speck überhaupt ist. Vielleicht eine Thüringer Besonderheit? Beim Rezept steht aber doch auch, dass auch "normaler Speck" möglich ist. Ich denke, auf den Speck kommt es eher untergeordnet an. Die Blutwurscht :-) bzw. die Grützwurscht macht es! Und die Gewürze sind, so denke ich, ziemlich wichtig.

    Aber ich habe keine wirkliche Ahnung, wie man das richtig zubereitet. Entweder gibt es das beim Gastronomen Ihres Vertrauens. Oder alternativ auch hier und da schon fertig im EH. Oder auch direkt beim Fleischer (sicher regional abhängig). Und da meine Kochkünste eher begrenzt sind, bin ich froh, dass es so ist.

    Also. Nur keine Angst. Wenn Du nicht gerade ein Problem mit Blutwurst hast (das soll´s ja geben, dass jemand prinzipiell damit ein Problem hat), dann ist es auf jeden Fall mal was Neues, was man auch probieren kann.

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  12. OK, morgen geh ich zum "Gastronom meines Vertrauens" und sage: Ich pfeif auf deine Jakobsmuscheln, gib mir ne tote Oma zu essen! Und was mach ich, wenn er antwortet: Hey, spinnst du, die lebt noch!?

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  13. Also, wenn Du sagst: "Gib mir ´ne (also: eine) tote (eigtl. ja: Tote) Oma zu essen!", dann kann er dies nicht antworten! Dann müsstest Du ihn schon nach SEINER toten Oma fragen! Und das wäre ja wohl sehr pietätslos.

    Keine Ahnung, wie das eventuell in anderen Regionen heißt. Denn ich glaube kaum, dass dies ein ausschließlich thüringisch/sächsisches Gericht ist. Das hat woanders eben nur einen anderen Namen. "Heiße Jungfer"? :-)

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  14. @Lutz
    Aufhören, sonst gibt's totgelachtes Rebhuhn :).

    @rebhuhn
    Wieder gesund?

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  15. nein :(. noch 'ne woche krankgeschrieben..... geselle mich bald zur oma! [so schlecht geht's mir gar nicht mehr, aber bin noch schlapp und hab' die totale nebenhöhlenkacke, inklusive leichtem brust-hustenbefall, sozusagen. antibiotikum nr. 2 ist im einsatz - drück' mal däumchen! [muß ich auch noch :)?]

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  16. Nicht doch! Lieber 'n lebendes Rebhuhn als 'ne tote Oma (wobei wir immer noch nicht wissen, an was dem Lutz seine Tote Oma eigentlich gestorben ist, aber egal).

    Und, klar, drücken. Du. Ich. Immer weiter. Hat noch nie geschadet ;).

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