Dienstag, 18. Januar 2011

Die Verachtung der Unterschicht


Es gibt so Sätze, die fräsen sich durch meine müden Augenlider hindurch bis ins nicht minder müde Hirn, das eigentlich bereits deutliche Signale der Bettschwere an die müden Glieder weitergereicht hat:
Die Mittelschichten können ihre Selbstachtung solange einigermaßen intakt halten, wie es eine Unterschicht gibt, auf die sie herabsehen können.
Sätze, die so ein Zucken in den eigentlich müden Fingern hervorrufen:
Die Verachtung der Unterschichten erreicht heute langsam wieder ein Niveau, wie es für die gesamte Geschichte des Abendlandes bis hinein ins 19. Jahrhundert normal war. Früher wurde das niedere Volk verachtet, weil es als unwürdig geltenden manuellen Arbeiten nachging und weil es einem niederen Stand angehörte...Heute werden diejenigen verachtet, die nicht gebraucht werden für die Erzeugung des gesellschaftlichen Reichtums und die in der Zone zwischen unqualifizierten Niedriglohnjobs und staatlicher Sozialhilfe leben - seit Hartz IV wieder gekoppelt mit einem staatlichen Arbeitszwang, der ebenfalls ein spätmittelalterliches bzw. frühneuzeitliches Rechtsinstitut ist.
- und dann signalisieren die munter gewordenen Finger dem müden Hirn, dass sie gerne etwas schreiben würden,
Die Verschlechterung der eigenen Lebensqualität, die grassierende Zeitarmut und permanente Selbstüberforderung, wie sie für deregulierte Arbeitsverhältnisse typisch ist: Sie sind der Preis, den akademische Mittelschichten heute bezahlen müssen, um das Gefühl zu haben, dabei zu sein, wichtig und sozial anerkannt.
- und das müde Hirn sagt zu den Fingern, na, dann schreibt halt was,
Die Verachtung der Unterschichten ist heute wohl die Bedingung für die Selbstachtung der Mittelschichten. Unterbeschäftigung und sozialer Ausschluss der einen scheint der Preis für Überbeschäftigung und soziale Zugehörigkeit der anderen zu sein. In der Verdrängung dieses Zusammenhanges liegt der Kern der Ideologie der Mittelschichten - das heißt auch in der Verdrängung ihrer eigenen kulturellen Verarmung.
- und an der Stelle wacht das Hirn auf und denkt: So neu ist das alles eigentlich nicht, aber so gesagt hat es noch niemand, jedenfalls nicht dass ich wüsste. Mit anderen Worten, indem die Mittelschichten ihre eigene kulturelle Verarmung nicht wahrhaben wollen, machen sie nicht nur die Unterschichten zum Opfer ihrer Ideologie, sondern fallen ihr selbst zum Opfer.

Darüber denkt das Hirn hinter müden Augenlidern eine Weile nach. Überlegt, wieso die Mittelschichten so ein gewaltiges Brett vor dem Kopf haben. Vielleicht sind die ja vor lauter Zeitarmut, permanenter Selbstüberforderung und sich stetig verschlechternder Lebensqualität auch ganz müde geworden? Wieso, fragt sich das Hirn weiter, liest man eigentlich so selten - praktisch nie - so eine Art Selbsterfahrungsbericht aus der Mitte des Mittelschichten-Hamsterrades, also etwas Selbsterlebtes, Hautnahes über diese permanente Selbstüberforderung, dieses ganze Elend und die daraus resultierende unendliche Müdigkeit? Wieso wird immer nur über diese Mittelschichtenbefindlichkeit geschrieben, aber nie in der Selbstauskunft-gebenden Wir-Form?

Ach ja, denkt das Hirn und wird schon wieder müde. Doch dann liest es vollends zu Ende, was der Philosoph und Politikwissenschaftler über die Mittelschichten geschrieben hat, und plötzlich, ganz zum Schluss, ist sie da - die Wir-Form:
Anstatt andere mit Verachtung und sozialem Ausschluss zu bestrafen, sollten wir uns eingestehen, dass wir selbst nicht mehr so leben wollen, und uns fragen, wie wir stattdessen leben wollen. Wir sollten uns eingestehen, dass wir an diesem ruinösen Leistungswettbewerb nicht mehr teilnehmen möchten, und damit beginnen, eine andere Form der Arbeit und der sozialen Beziehungen zu erfinden. Die Beantwortung der sozialen Frage der Unterschichten ist dann identisch mit derjenigen der Mittelschichten.
Hey, denkt sich das Hirn, der Typ hat es drauf, und legt sich müde und befriedigt endlich schlafen.


(Zitate von Dr. Michael Hirsch, Philosoph und Politikwissenschaftler, in dem politischen Magazin DIE GAZETTE via mediaclinique)

Kommentare:

  1. Stimmt, so gelesen habe ich es auch noch nie. So ähnlich gedacht schon oft. Das allerdings auch rückblickend auf meine eigene Vergangenheit. Und jetzt, wo ich mich gerade dem Boden nähere, bleibe ich bislang entspannt. wirdschonirgendwie...

    Gute Nacht!

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  2. Wünsche gute Landung ;) und gute Nacht!

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  3. Es ist an der Zeit, dass "wir" etwas ändern und mit diesem "Unterschichtenbashing" aufhören, denn "wir" sind die "Unterschicht" von morgen. Das spüren "wir" irgendwie instinktiv, wenn wir den nächsten befristeten Job annehmen und uns weiter hangeln.

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  4. Ja, ich denke, das hat der Autor gemeint: Das "Unterschichtenbashing" ist Ausdruck der Angst vor dem eigenen Absturz. Beziehungsweise Ausdruck der abgewehrten, also uneingestandenen Angst, denn er spricht ja von "Verdrängung", nach dem Motto: Augen zu und durch.

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  5. Wie definiert sich eigentlich Unterschicht, Mittelschicht, Oberschicht? Wer teilt diese Kategorien ein und nach welchen Maßstäben?
    Ich betrachte mich und mein Leben, fange an:
    1. Gattung Mensch, 2....weiter komme ich nicht...ich bin verwirrt...

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  6. Ein kleiner Kommentar des Autors an die Kommentatoren:
    Ich freue mich über die Zustimmung. Und durch den Kommentar habe ich vielleicht noch besser verstanden, wie wichtig es ist, im eigenen Namen zu sprechen - wie wichtig es ist, nicht immer nur (von einer scheinbar gesicherten Position aus) über andere zu sprechen, sondern über sich selbst, über uns alle. Also endlich lernen, die entscheidende Frage zu stellen: Wie wollen wir leben?
    In gewisser Weise ist das aber eine Art Tabu der bürgerlichen Öffentlichkeit - vielleicht das grösste Hindernis auf dem weg zu einer besseren Gesellschaft. (Es wird von allen Teilnehmern der Debatte verlangt, das eigene Leben und Begehren und Leiden zu verdrängen...) (Michael Hirsch)

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  7. U-, M-, O-Schicht wird entweder nach a. Einkommen definiert/kategorisiert, oder nach b. Bildungsstand, oder c. (leider) wird beides oft in einen Topf geschmissen, was, wie an dem Begriff "akademisches Prekariat" deutlich wird, falsch ist.

    Natürlich kannst du dich persönlich definieren wie du möchtest - aber wenn sich einer z.B. im Niedriglohnsektor durchschlägt und ihm das derzeit so beliebte "Unterschichtenbashing" (Kati) um die Ohren gehauen wird in der öffentlichen Rhetorik, dann weiß er schon sehr genau, wer gemeint ist und es dürfte ihm schwerfallen, sich den genannten Kategorien zu entziehen. Auch wenn es ihm persönlich vielleicht lieber wäre, schlicht und einfach der "Gattung Mensch" zugeordnet zu werden.

    Der Punkt des Autors ist ja gerade, dass die "Gattung Mensch" im herrschenden diffamierenden Diskurs keine Geltung mehr zu haben scheint.

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  8. @Libero
    Mein letzter Kommentar war natürlich an dich gerichtet..;)

    @Michael Hirsch
    Danke für den Kommentar und den Hinweis auf das (wie mir scheint, die gesamte Gesellschaft beherrschende) Tabu der bürgerlichen Öffentlichkeit.

    "...das eigene Leben und Begehren und Leiden zu verdrängen...": Diese ständige Verdrängungsarbeit kostet so viel Kraft - diese Kraft fehlt natürlich an anderer Stelle (und sei es auf jenem Weg zu einer besseren Gesellschaft; denn ohne Kraftanstrengung ist der ja auch nicht zu haben).

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  9. Und ich dachte immer, das vom Herrn Doktor Geschriebene sei meine Idee gewesen. Wenn das aber ein Wissenschaftler sagt, dann muß es einfach stimmen.
    Scherz beiseite: Zu den Hauptfähigkeiten des Hirns zählt das Erkennen von Veränderungen und der Vergleich von Objekten, egal auf welchen Sinnen deren Wahrnehmung geschieht. Diese neurophysiologische Gegebenheit führt dann im Psycholgischen zu dieser 'Positionierung' innerhalb der Gesellschaftsstruktur, um dem 'Ich' einen Platz zu geben. Blöd ist natürlich, wenn ich keine weiteren diese Eigenschaft - über die selbst niedrigste Tiere verfügen - überragenden Fähigkeiten entwickle. Soweit meine Theorie.
    Ein Kumpel von mir meinte dazu nur immer, daß in unserer Gesellschaft alles darauf hinaus liefe, wer den Längeren habe, wobei er Frauen in seine Analyse ausdrücklich mit einschloß. :-)

    Saludos
    R@iner

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  10. @Hansi
    „Je diffuser das Stigma droht, desto angsterzeugender ist es“, und desto heftiger das Abgrenzungsbedürfnis, und desto gnadenloser die Vedrängung, dass es letztendlich bloß der Zeitraum von zwölf Monaten ist, der den ‚Leistungsträger‘ vom armen Schlucker trennt.

    @R@iner
    „Blöd ist natürlich, wenn ich keine weiteren diese Eigenschaft - über die selbst niedrigste Tiere verfügen - überragenden Fähigkeiten entwickle“, - und fertig ist die Hackordnung, die wir aus dem Tierreich kennen. „Soweit meine Theorie“ - und, leider Gottes, ist die Praxis (=Realität) auch schon so weit.

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  11. Ich finde, es ist außerordentlich bemerkenswert, daß Herr Dr. Hirsch den »Sozialrassismus«, den er auf der wirtschaftlichen Ebene kritisiert, auf der intellektuellen Ebene selbst gezielt cultiviert, und damit auch noch durchkommt, ohne daß ihm das von der geneigten Leserschaft sonderlich übelgenommen würde:

    Aber der nunmehr ehemalige Bundesbankvorstand manövrierte sich selbst ins politische Abseits, in eine Minderheitenposition, die zwar nicht ohne Sympathisanten ist, aber in die politische Schmuddelecke gehört. Dort hat man zwar auch Freunde, aber fast nur noch solche, die zumindest in der bürgerlichen Öffentlichkeit nicht als satisfaktionsfähig gelten.

    Vielleicht meint er ja mit der mangelnden Satisfaktionsfähigkeit auch nicht die intellektuelle, sondern die politische Ebene, was die Sache aber keinesfalls besser machte. Er stellt jedenfalls einen nicht gerade geringen Teil des Meinungsspektrums im politischen Diskurs als von vornherein so unsäglich blöde oder aber kriminell dar, daß dessen Vertreter von vornherein vom Meinungsbildungsprozeß ausgeschlossen werden sollten. Und damit stellt er genau den academischen Hochmut zur Schau, den er auf einer anderen Ebene geißelt. Ich empfehle die Lektüre des Römerbriefes:

    Deshalb bist du nicht zu entschuldigen, o Mensch, jeder der da richtet; denn worin du den anderen richtest, verdammst du dich selbst; denn du, der du richtest, tust dasselbe. (R. 2, 1)

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  12. Sollten Sie zu jenem "nicht gerade geringen Teil" der Mittelschicht gehören, dem ein Sarrazin mit seiner Verachtung der Unterschicht aus der Seele gesprochen hat, finden sich mehr als genug Anlaufstellen im Internet, wo Sie sich mit Ihresgleichen austauschen können. Mein Blog gehört mit Sicherheit nicht dazu.

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  13. Wie ich gerade sehe, haben Sie an anderer Stelle in meinem Blog versucht, einen Link zu einer besonders widerwärtigen Website abzusetzen. Ganz erstaunlich, was bibeltreue Menschen so für Vorlieben haben, allerdings unerklärlich, wie sie auf die Idee kommen, ausgerechnet dieses Blog sei ein geeigneter Abladeplatz für derartigen Müll.

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  14. Liebe Mrs. Mop,
    nichts anderes habe ich sagen wollen.

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  15. Liebe Mrs. Mop, auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: Applaus für deinen Blog!
    Kein schönes Thema, dafür um so spannender, schließlich wird jeder einzelne von uns (ob gewollt oder nicht sei mal dahingestellt) zwangsläufig zu irgendeiner Schicht gezählt. Das ist wohl gewollt, muss man annehmen, denn "Teile und herrsche" scheint ein auf ewig funktionierendes Prinzip zu sein....wenn die Betroffenen (und das sind letztlich ja wohl alle, die sich zur menschlichen Gattung zählen) dieses Prinzip nicht nur dulden, sondern bereitwillig unterstützen. Jeder will sich in einem Lager positionieren - rechts, links, grün, arm, reich etc. - und viele verlieren dabei leider die Gemeinsamkeiten aus den Augen, die uns alle, wenigstens auf einer grundsätzlichen Ebene, einen. Ich habe da noch das Gespräch der römischen Senatoren im Kopf, die die Sklaven markieren wollten: "Um Gottes willen, wenn die wissen, wieviele sie sind, dann ist das Spiel für uns vorbei." Ist jetzt sehr frei zitiert...in der perfekten Welt sollte es kein "die da oben oder unten oder seitlich..." geben. Und ganz langsam scheinen es immer mehr zu begreifen, dass man von "denen da mittig" schnell zu "denen da unten" werden kann

    Liebste Grüße!

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  16. Tscha. Runter geht's immer schneller als rauf. Scheint was mit der Fallgeschwindigkeit zu tun zu haben ;).

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  17. Auf einer geneigten Ebene mag es zwar langsamer bergab gehen. Die Fallhöhe bleibt aber letztendlich dieselbe.

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  18. Schön gesagt.

    Geneigte Grüße ;)

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