Mittwoch, 31. August 2011

Soziale Abwärtsmobilität


Soeben ging ein Aufschrei durch die britische Presse:
Die Mittelschicht wird obdachlos!
Weil der Aufschrei nicht durch den Boulevard, sondern durch den linksintellektuellen Guardian ging, lautete die Schlagzeile etwas differenzierter, jedoch nicht minder alarmierend:
Obdachlosigkeit könnte sich ausbreiten bis in die Mittelschicht
- immerhin mit Konjunktiv und ohne Ausrufezeichen, was die Sache aber nicht weniger beunruhigend macht. Also kochte ich mir erst mal einen Baldriantee und ließ die Überschrift auf mich wirken.

Mittelschicht und Obdachlosigkeit - geht das überhaupt? Weil, wenn die Mittelschicht obdachlos ist oder wird, dann ist sie ja keine Mittelschicht mehr. Vermutlich war sie schon lange zuvor keine Mittelschicht mehr, denn vermutlich ist sie zunächst arbeitslos geworden, dann verarmt und konnte sich schließlich kein eigenes Dach über dem Kopf mehr leisten. Irgendwo unterwegs auf diesem langen - manchmal auch kurzen - Pfad des ökonomischen Abstieges hat sie aufgehört, Mittelschicht zu sein; zumindest solange Einigkeit darüber besteht, dass Mittelschicht eine ökonomisch definierte Kategorie ist. Es ist nämlich ganz einfach so: Wer sich seinen Mittelschichts-Lebensstil nicht mehr leisten kann, ist die längste Zeit Mittelschicht gewesen. Ich spreche aus Erfahrung.

Daraus folgt, dass sich Obdachlosigkeit zwar ausbreiten kann, jedoch nie und nimmer in die Mittelschicht. Oder hält irgendjemand einen Menschen, der bei einer der Tafel-e.V.-Filialen sein Abendessen zu sich nimmt und sich hernach unter einer Eisenbahnbrücke in einem Pappkarton zur Nachtruhe legt, für einen Angehörigen der Mittelschicht? Na also.

Aber gut, dachte ich dann, vielleicht nur eine reißerische Schlagzeile - auch ein Guardian muss zusehen, wie er seine Leser anfixt - lies mal weiter, vielleicht ist alles ganz anders gemeint. Aber nein - alles ist genauso gemeint:
"Der Wirtschaftsabschwung sowie die massiven Kürzungen im Bereich der Sozialfürsorge werden die Obdachlosigkeit in den nächsten Jahren hochschnellen und ein Schreckgespenst sich erheben lassen: die Mittelschicht, die auf der Straße lebt."
Der Guardian zitiert dabei aus einer aktuellen Studie der britischen Hilfsorganisation ("homelessness charity") Crisis. Grundtenor der Crisis-Studie: Die bestehenden und künftig noch massiveren, bereits angekündigten sozialpolitischen Sparmaßnahmen werden die Armut in der Bevölkerung sprunghaft ansteigen und Obdachlosigkeit zu einem "normalen" Straßenbild in Großbritanniens Städten werden lassen. Während bislang nur "die Armen" am meisten unter der wirtschaftlichen Rezession zu leiden gehabt hätten,
"...seien nun andere Schichten der Gesellschaft in Gefahr, wenn die radikale Sozialhilfe-Kürzungs-Agenda der Regierung bei anhaltend stotternder Wirtschaft fortgesetzt werde. 'Die signifikanten Streichungen im sozialen Sicherheitsnetz, wie es die Reformen vorsehen, bringen unweigerlich das Szenario von Mittelschichts-Obdachlosigkeit immer näher.'"
Am eigentlichen Befund der Crisis-Studie - Massenarmut sowie, infolgedessen, Massenobdachlosigkeit auf dem Vormarsch - gibt es zwar nichts zu bezweifeln; aber fragen wird man schon mal dürfen, wieso es dafür einer teuren Untersuchung (mit wissenschaftlichem Back-up!) bedurfte, wo doch die sozialpolitischen Weichenstellungen seit Jahren bekannt und deren Folgen unverhüllt auf den Straßen zu besichtigen sind - zuletzt bei den meist jugendlichen Riots in London und anderen britischen Städten?

Eben. Diese Riots, das waren ja "nur" die Armen; also die, die schon immer arm waren und schon lange als abgehängt galten.
"Crisis hebt hervor, dass angesichts fehlender Perspektiven einer wirtschaftlichen Erholung bereits abzusehen ist, dass Obdachlosigkeit in britische Straßen zurückkehrt."
Was heißt hier "zurückkehrt"? War das Phänomen der Obdachlosigkeit je verschwunden? War das Phänomen der Armut je verschwunden? Waren Armut und Obdachlosigkeit vernachlässigbare Phänomene, solange sie nur jene betrafen, die schon immer arm waren; nennen wir sie working class oder Unterschicht oder Prekarisierte, Marginalisierte oder egal wie? Nach denen hat in all den Jahren kein Hahn und keine Studie gekräht. Aber hoppla, jetzt kommt die Mittelschicht in Nöte, das sind anständige Leute wie du und ich - da muss doch etwas getan werden! An die Regierung appelliert werden, an die Sozialpolitik, an die Gesellschaft!

Ach ja, die Gesellschaft. Es sieht ganz danach aus, als ob die britische Mehrheitsgesellschaft bald ihr Leben in Mehrheitsghettos fristen wird; ob das nun Notunterkünfte, Obdachlosenheime, Cardboard Cities oder Eisenbahnbrücken sein werden. Massenobdachlosigkeit, der neueste Schrei des neoliberalen Dogmas - dessen jüngste und gewiss dauerhafte Errungenschaft in der Tradition des Thatcherism. Bestimmt wird die Regierung das Problem so in den Griff kriegen, dass es kein Problem mehr sein wird.

Zum Beispiel so: Sie könnte, wenn die Mittelschicht obdachlos wird, 'Armut' einfach neu definieren. Statt wie bisher bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens könnte sie die Armutsgrenze bei Null ansetzen, weil ja eh kaum einer mehr etwas verdient. Und schon wäre das Problem gelöst, denn es gäbe offiziell keine Armut! That's magic! Das Ende der Armut in Großbritannien ist erreicht! Wie wir das geschafft haben? Na, ganz einfach, indem wir alle in die Armut gestoßen haben.

Die Mittelschicht muss sich jetzt natürlich fragen, was ihr lieber ist: auf der Straße zu schlafen oder auf die Straße zu gehen? Für beide Optionen bräuchte es nur ein und dieselbe Ausrüstung - einen Schlafsack und ein Zelt. Wie auch immer sie sich entscheiden wird: Auf der Straße wird die Mittelschicht lernen müssen, die physische Nähe zur Unterschicht zu ertragen. Und irgendwann wird sie merken, dass eine obdachlose Mittelschicht alles ist, nur eines nicht: Mittelschicht.

Dienstag, 30. August 2011

Montag, 29. August 2011

Gerüstet, nicht gerüscht



Tolles Blog entdeckt.
Über kampflustige Frauen in kampftauglichen Outfits.
Ohne High Heels, Latex, Silikon
und aufgesextes Fantasy-Rumgetue.
Echte Kriegerinnen.

"You have enemies? Good.
That means you've stood up for something,
sometime in your life."
(Winston Churchill)

Sonntag, 28. August 2011

War nix


Now that's the story of the Hurricane (Bob Dylan):

(ElBloombito = hispanisierter Michael Bloomberg,
Bürgermeister von New York City)

Entwarnung.

Die wilde Irene wurde bei ihrer Ankunft in New York City handzahm -


- wurde heruntergestuft
von einem Hurricane zu einem tropischen Sturm
und zog weitgehend unverrichteter Dinge wieder von dannen.


Trotzdem kam es zu Plünderungen:


Kann aber auch sein,
dass irgendjemand zufällig vier Reifen gefunden hat.
Die Täter entkamen unerkannt.

Here we go, bitchez:
Sturm im Wasserglas.

Der eine findet, der andere plündert


Morgen, am 29. August 2011, jährt sich die Katastrophe von Hurricane "Katrina" zum siebten Mal.

Gestern, am 27. August 2011, brachte der New Yorker Bürgermeister Bloomberg seine Einschätzung zu den eventuellen Folgen des Hurricanes "Irene" auf den neuesten Stand.

Bei der aktuellen Pressekonferenz antwortete Bloomberg auf die Frage, ob es möglicherweise infolge des Unwetters und des über die Stadt verhängten Notstandes zu Plünderei (looting) kommen könnte, mit einem selbstbewussten Nein:
"Wir leben hier in New York. Solche Dinge gibt es bei uns nicht."
Ein Selbstbewusstsein, durch keinerlei Zweifel angekränkelt. Woher nimmt der Typ die Chuzpe? Und was meint er mit "wir" und "uns"?

Ein Rückblick auf die Ereignisse in New Orleans nach der Katrina-Katastrophe bringt aufklärerisches Licht ins prophetische Dunkel der Bloombergschen Andeutungen:

Damals kam es - aus der allgemeinen Not, der Lebensmittel- und Trinkwasserknappheit - zu Plünderungen großen Ausmaßes. Damals hatte die Nachrichtenagentur AP zwei Bilder veröffentlicht (beide in ein und derselben Bilderstrecke), die quer durch alle Massenmedien aufgegriffen worden waren. Nach heftigen Protesten wurden die beiden Fotos von AP zurückgezogen. Glücklicherweise haben damals wache Menschen unter den Mediennutzern die Bilder kopiert, bevor die Nachrichtenagentur den Beweis dafür tilgen konnte, wie rassistisch im Umfeld der Katrina-Katastrophe dokumentiert wurde.

Hier die beiden Bilder mit den Original-Bildunterschriften:

Bildunterschrift:
"Zwei Bewohner waten durch brusthohes Wasser,
nachdem sie Brot und Wasser in einem örtlichen Supermarkt
gefunden haben."

Bildunterschrift:
"Ein junger Mann läuft durch brusthohes Wasser,
nachdem er einen Supermarkt in New Orleans
ausgeplündert hat."

Man darf gespannt sein, wer in den nächsten Tagen in New York City zu den "Findern" und wer zu den "Plünderern" gerechnet werden wird.

Wen meinte der stolze Bürgermeister mit "wir"?
Natürlich die Finder, wen sonst.

Wohin mit den anderen, den Plünderern, die nicht zu "uns" gehören?
Natürlich nach Rikers Island, wohin sonst.

Merke:
Wenn zwei das Gleiche tun, ist das noch lange nicht dasselbe.
Haben "wir" das jetzt endlich alle begriffen?

Goodnight Irene


Es ist jetzt Nacht in New York City.
Am Sonntag in den frühen Morgenstunden
wird Hurricane "Irene" die Stadt erreichen.


Dr. John plays 'Goodnight Irene'.

Samstag, 27. August 2011

Lasst sie doch absaufen


Das Chillen bringt es mit sich, dass man sich - intensiver als normalerweise - mit Naturkatastrophen beschäftigt. Auch solchen, zu denen es vermutlich gar nicht kommen wird; die aber im Vorfeld so dramatisiert werden, dass die New Yorker Bevölkerung seit Tagen nicht mehr das Haus verlässt, die U-Bahnen stillgelegt und die Regale in den Supermärkten leergefegt sind.

Stichwort: Hurricane-Apokalypse. Sturmflutgefahr.


Die wilde Irene ist unterwegs entlang der amerikanischen Ostküste.

Aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Bevölkerung seiner Stadt hat der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg heute einen umfassenden Evakuierungsplan vorgelegt: In allen nahe am Wasser gelegenen Wohngebieten (das sind in New York City sehr viele) werden die Bewohner aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Die Farbe Orange bedeutet höchste, die Farbe Gelb ziemlich hohe Überflutungsgefahr, Grün bedeutet: Aufpassen, Gefahr im Verzug.

Dass die Gefahr einer Sturmflut am Wasser hoch ist, leuchtet ein. Umso mehr leuchtet ein, dass die Gefahr einer Sturmflut auf oder inmitten des Wassers, nämlich auf einer Insel, am höchsten ist. Man staunt daher nicht schlecht, wenn man auf der Karte New York City Hurricane Evacuation Zones unter all den vielen gelben und orangefarbenen Evakuierungszonen einen großen weißen Tupfen mitten im Gewässer liegen sieht, scheinbar unberührt von aller Überschwemmungsgefahr, umgeben von lauter gelben, orangefarbenen und grünen Ufergebieten der Bronx, dem Stadtteil Queens und dem La Guardia Airport - alles dicht, alles stillgelegt, alles evakuiert.


Das muss eine magische Insel sein! Wehrhaft und erhaben gegen die Tsunamis dieser Welt, mit übernatürlichen Kräften ausgestattet gegen das Unheil, welches aus dem Wasser droht. Dort muss es sich gut leben lassen, denkt man sich, wer möchte nicht augenblicklich auf dieses gesegnete Eiland fliehen, bevor Irene die Stadt heimsucht? Überhaupt, fragt man sich, wieso evakuiert der Bürgermeister - der Einfachheit halber - nicht gleich die umliegenden Ufergebiete komplett auf diese Insel? Wäre logistisch, geografisch und sicherheitstechnisch doch am naheliegendsten, oder? Wo es doch auf dieser Insel scheinbar nichts zu evakuieren gibt?

"Rikers at night"
Flickr/alamagordo via Mother Jones

Man denkt, man fragt, man staunt. Und überlegt sich, wieso sämtliche New Yorker Stadtteile akribisch gekennzeichnet sind mit Alarmfarben, Stadtteil- und Straßennamen sowie den über die gesamte Stadt verteilten Evakuierungszentren. Nur diese eine Insel nicht. Hat die denn keinen Namen? Liegt über dieser Insel gar ein Fluch?

Damit kommen wir dem Rätsel ein Stück näher. Mayor Bloomberg hat nämlich über diese Insel den weißen Fluch des Schweigens verhängt. Es handelt sich um Rikers Island, der Gefängnisinsel von New York City, gelegen im East River. Geschätzte Zahl der dort Inhaftierten: um die 13.000, darunter viele jugendliche, psychisch kranke und Untersuchungshäftlinge, die erst noch eines Verbrechens überführt werden müssen.

"Lasst sie doch absaufen!", steht mit unsichtbarer Tinte über dem großen weißen Tupfen auf Bloombergs Evakuierungsplan geschrieben. Anders sind seine selektiven Notfallmaßnahmen nicht zu interpretieren und auch nicht die Verärgerung, mit der Bloomberg reagierte, als er auf der Pressekonferenz auf den weißen Fleck mit dem darauf befindlichen "Hochsicherheitstrakt" angesprochen wurde. Der Rest sind Erinnerungen.

Ungute Erinnerungen an den Hurricane Katrina und den Horror, dem die damaligen Gefangenen des Orleans Parish Prison in New Orleans ausgesetzt waren:
Eine Kultur der Verwahrlosung und Vernachlässigung offenbarte sich in den Tagen, bevor Katrina losbrach, als der Sheriff erklärte, die Gefangenen würden dort bleiben, "wo sie hingehörten".
Damals stieg das Flutwasser stetig am, die Stromversorgung war unterbrochen, komplette Haftgebäude lagen im Dunkeln. Die Gefängnisbeamten verließen fluchtartig ihre Posten und ließen Häftlinge in ihren verschlossenen Zellen zurück, von denen einige bis zur Brust in Abwasser- und schlammverseuchtem Wasser standen; tagelang lebten sie ohne Essen, ohne Wasser, ohne Belüftung und blieben - dort, "wo sie hingehören"?

Lasst sie doch absaufen. Sind eh mehrheitlich Arme, Schwarze und Latinos, die auf Rikers Island einsitzen, mehrheitlich wegen (des Verdachts auf) Kleinkriminalität wie zum Beispiel Drogenbesitz oder Trunkenheit am Steuer; 80 Prozent Untersuchungshäftlinge, 25 Prozent psychisch Erkrankte. Durchschnittliche Dauer der abzusitzenden Haftstrafe: 40 Tage. (Quelle: GothamGazette)

Haftstrafen? Bestrafen wir sie durch Ertränken! Sind ja schließlich Kriminelle, oder? Es muss ja auch nicht gleich zum Schlimmsten kommen. Ein paar Tage ohne Essen, ohne Trinkwasser, ein wenig Verwesungsgefühl im Klärschlamm, ein bisschen Horror im Dunkeln - Strafe muss sein. Sollen doch froh sein. Endlich mal Abwechslung, endlich mal Action im Hochsicherheitstrakt. Bravo, Bloomberg.

Sport am Samstagabend


via Felix

Nach meiner gestrigen Ochsentour bin ich heute nur am Chillen und wende mich jetzt dem Sport am Samstagabend zu.

Heute aktuell:

Ein Trainingsvideo zu den Ruder-Weltmeisterschaften 2011 in Bled, Slowenien. Der britische Männer-Achter lässt keine Minute ungenutzt verstreichen und widmet sich selbst während der Zwischenlandung in München auf dem Weg nach Bled dem intensiven Trocken-Rudertraining. In anderen Worten, auf dem Flughafen München fanden soeben die ersten Weltmeisterschaften im Flughafen-Rudern statt.

Subjektive Objektbetreuung


Interaktiv ist, wenn alle mitmachen.
Show ist, wenn alle gaffen.
Kochen ist Kochen.

Fertig ist die interaktive Kochshow.

Gestern war ich den ganzen Tag als Nebendarstellerin in einer interaktiven Kochshow engagiert. Das geht so: In eine klitzekleine Fresshütte kommen 35 geladene Gäste und wollen den Koch beim Kochen begaffen. Zwischendrin wollen sie unbedingt ein langes scharfes Profimesser in der Hand halten und und sich vom Koch den Unterschied zwischen einer geschälten Zwiebel und einem abgehackten Finger erklären lassen. Das finden die Gäste aufregend, und deshalb gibt es die interaktive Kochshow.

Noch aufregender wird die interaktive Kochshow, wenn sie auf kleinster Fläche stattfindet, wo eigentlich schon 20 Anwesende ausreichen würden, um das Bedürfnis zu wecken, dem Nebenmann zur Rechten oder der Nebenfrau zur Linken das Profimesser in die Rippen zu jagen. Der Job der Nebendarstellerin besteht dann darin, überall gleichzeitig zu sein und dafür zu sorgen, dass am Ende tatsächlich geschmortes Kalbsfilet auf den Tellern liegt und nicht etwa frische Schlachtplatte mit geschmorten Rippen.

Darum bedarf eine interaktive Kochshow der wohlorganisierten interaktiven Vorbereitung. Um halb drei hatte es geheißen: "Um sechs kommen die Gäste, das schaffen wir locker", dabei den Umstand ignorierend, dass es um halb drei in der kleinen Fresshütte aussah wie bei Hempels unterm Sofa. Als es um halb fünf immer noch so aussah, als hätte ein Werwolf in die Hütte gerülpst, erlaubte ich mir die Frage, was das eigentlich für Leute seien, die um 18 Uhr in 35-Mann/Frau-Stärke anrücken würden. "Die Mitarbeiter von so einer Gebäudereinigungsfirma", hieß es. Aha. Augenblicklich erwachten meine Putzfraueninstinkte. Auf meine bis zum Haaransatz hochgezogenen Augenbrauen hieß es: "Nicht die Putzfrauen, sondern das Management." Ach so. "Also, das mittlere Management." Okay. Das mittlere Management einer Gebäudereinigungsfirma. Na dann.

Um 17 Uhr erschien, wie vom Himmel geschickt, eine weitere Nebendarstellerin in Gestalt einer Aushilfsputzfrau. Unteres Management, sozusagen. Eine blitzgescheite, sympathische, keineswegs auf den Mund gefallene, mit allen beruflichen Wassern gewaschene Kroatin. Ihr ist es zu verdanken, dass die Werwolfhütte um 18 Uhr aussah wie mit allen Wassern gewaschen. Die freche Bemerkung des Kochs an meine Adresse - "du machst dich gut als neue Frau Übermop" - ignorierte ich würdevoll.

Wenn 35 mittlere Manager einer Gebäudereinigungsfirma sich zu einer geschlossenen Gesellschaft versammeln, ist klar, dass den ganzen Abend beruflich gefachsimpelt wird. Selbstverständlich im branchenspezifisch geschlossenen Fachjargon. Da ich gewohnheitsmäßig mit den Ohren Maulaffen feilhalte, wurde ich schnell vertraut mit der Basisterminologie des mittleren Gebäudereinigungsmanagements: Objekte. Kräfte. Synergien. Objekteinheiten. Objektbetreuung. Von Subjekten, vulgo: Menschen, war nichts zu hören.

Als ich - mit Ohren so groß wie Garagentore - einem mittleren Managementsubjekt das Weißweinglas nachfüllte, glaubte ich mich dunkel zu erinnern, in grauer Vorzeit mal etwas von der 'Idee als Subjekt-Objekt-Einheit und als Bedingung der Wahrheit' gelesen zu haben. War das der olle Hegel? Keine Ahnung. Alles vergessen. Während der Weißwein ins Glas gluckerte und meine Ohren schlackerten, schoss mir impulsiv die Bedingung der Wahrheit durch den Kopf: Das, was du jetzt grade machst, ist ein klassischer Fall von Objektbetreuung. Vielleicht auch neoklassisch.

Einen ketterauchenden Objektexperten fragte ich höflich, ob ich mal so ganz subjektiv seinen Aschenbecher leeren dürfe, was der Objektraucher irgendwie köstlich fand. Er behielt mich für den Rest des Abends im Auge. Gegen Ende - es war schon spät, der Weißwein erstklassig, das Gewitter heftig - meldete sich beim Abräumen der vollgeregneten Aschenbecher das mittelhierarchische Gebäudereinigungssubjekt zu Wort und meinte leicht schwerenöterisch zu mir: "Ihnen merkt man an, dass Ihnen die Arbeit Spass macht!", worauf ich antwortete: "Stimmt, sogar ohne Trinkgeld!", worauf das Subjekt "Oho!" rief und mir einen Zehn-Euro-Schein zusteckte, worauf mir die Arbeit doppelt Spass machte.

Was lernen wir? Dass man sein Geld nicht geschenkt bekommt; man muss schon etwas dafür tun. Am besten irgendwas Interaktives. Weil, von nix kommt nix. Man muss ja nicht gleich dem Objekt das Messer an die Rippen setzen.


Donnerstag, 25. August 2011

Muammar Oscar Gaddafi


Heute nur Geklautes zum Thema "Gaddafi auf der Flucht".
Hauptsache lustig.
Regie: Barack Obama
(bereits Oscar-nominiert für den besten Filmtitel aller Zeiten:
'Ein Krieg, der kein Krieg ist')
"...nähert sich seinem dramatischen Ende. Die libyschen Rebellen kämpfen gegen den bösen Tyrannen Gaddafi, der eigentlich böse ist, der aber für kurze Zeit mal gut war, um jetzt wieder böser als bös zu sein. Die tapferen Wüstenkrieger haben die Hauptstadt bereits erobert, die Residenz des Herrschers ist gefallen und Gaddafi ist auf der Flucht. Die Spannung steigt ins Unermessliche: wie wird das bzw. sein Ende sein? Wird ihn eine Bombe der NATO zerfetzen, werden ihn die Rebellen lynchen oder wird Barbara Salesch ihn zum Tode verurteilen? Bald werden wir es erfahren!"
Jawohl, sehr bald.
Noch heute, im Rahmen dieses Beitrages, versprochen.
"Bisher wurde die Menschenjagd auf Gaddafi grandios inszeniert."
Kein Wunder. Aus Fehlern lernen heißt inszenieren lernen:
"Nur ungern erinnern wir uns noch an die verkorkste irakische Epoche."
Wer lässt sich schon gern an peinliche Filmflops erinnern.
"Die Spannung wurde zwar gekonnt aufgebaut und auch gut gehalten, doch am Ende wurde gepatzt: Saddam kroch aus einem Erdloch - bäh, wie billig!"
Wir erinnern uns - das Produzententeam um den damaligen Regisseur Bush war stinksauer, haute mit der Faust auf den Schneidetisch und brüllte: Beim nächsten Mal läuft das professioneller, klar?

Beim nächsten Mal lief es besser, denn der nächste Regisseur ging die Sache geschmeidiger an:
"In Pakistan lief es besser. Die Liquidierung Osamas in einer Nacht und Nebel Aktion durch amerikanische Spezialeinheiten mit einer Live-Schaltung ins Weiße Haus war durchaus gelungen und machte da schon Lust auf mehr."
Mmmh, ja genau, gestiegene Erwartungshaltung des Publikums nennt man das, und die will bedient werden. Wie also lässt sich der Thriller 'Osama - ex, hopp, versenkt' (jetzt schon kultverdächtig aufgrund bombastisch hoher Einschaltquoten) Gaddafi-spannungstechnisch noch toppen?
"Wer weiß, vielleicht dürfen wir diesmal alle an Gaddafis Ende live teilhaben?"
Genau! Das wär's doch!

Die dazu notwendigen Vorkehrungen wurden bereits getroffen, was relativ wenig Kostenaufwand verursachte, denn die erforderliche Kulisse war bereits vorhanden:


Der Filmknaller des Jahres! Gaddafi, untergeschlüpft in der leerstehenden pakistanischen Bude von Osama - das riecht jetzt schon nach einem Oscar für den sparsamsten Low-Budget-Film aller Zeiten.

Aber - nörgelte das Produzententeam weiter - vielleicht geht es ja noch kostengünstiger? Ihr wisst schon, wir müssen das vom Regisseur soeben verordnete Haushaltssparprogramm - spending cuts - dramatisch glaubwürdig mit filmischen Mitteln kommunizieren, also: Lässt sich da noch irgendwas zusammenschneiden? Ohne große Kulissenschieberei, weil, das kostet ja bloß wieder?

No problem, kam es aus dem kreativen Schneideraum zurück: Es gibt da die Idee einer Wohngemeinschaft, bestehend aus Gaddafi, Mubarak und Assad! Das steigert die Action, multipliziert den Thrill und hält zugleich den Etat niedrig.

Genial!, schrie das Produzententeam und fuhr fort: Alles, was jetzt noch fehlt zum absoluten Abräumer, wäre ein gelungener regionaler special effect, habt ihr da vielleicht noch was im Rohr?

Null Problemo, kam es von der anderen Seite des Atlantiks zurück: Wir vergrößern einfach die WG um einen weiteren Bewohner, dann zieht das Filmding richtig gut durch:
Danke.

Mittwoch, 24. August 2011

Gelächter der Stärke 5.9


Gestern gab es ein Erdbeben der Stärke 5.9 im amerikanischen Osten.

Ein Erdbeben - vor allem in Gegenden, die bislang von Erdbeben verschont blieben - ist etwas Schlimmes, da macht man keine Witze drüber. Wenn aber die vom Erdbeben Betroffenen selber anfangen, darüber Witze zu reißen, darf schon mal gelacht werden.

Sehr gelacht habe ich heute früh, als ich irgendwo gelesen habe:
"Die Erdbeben-Ursachenforschung läuft auf Hochtouren. Neuesten Erkenntnissen gemäß handelte es sich um die Folge eines massiven Druckanstiegs von heißer Luft infolge von Obamas Reden zur Lage der Wirtschaft."
Vor Lachen gebebt habe ich schließlich bei folgender, via Facebook kolportierter Meldung:
"In Washington gab es, laut offiziellen Berichten, ein Erdbeben der Stärke 5.9. Präsident Obama wollte das Erdbeben auf 3.4 herabstufen, aber die Republikaner bestanden auf 5.9 - daher zeigte sich der US-Präsident kompromissbereit."
Und damit zurück in den Erdbeben-Keller.

Schöner zelten



Nein, das ist keine dieser neumodischen mobilen Treibhausanlagen zur schonenden Aufzucht besonders empfindlicher Vegetation. Und nein, das sind auch keine schnell aufzublasenden Notunterkünfte für den Fall eines atomaren Fallouts oder eines überraschenden Erdbebens.

Obwohl, warum nicht Notunterkünfte? Denn sollte infolge zu erwartender eiserner Sparprogramme die Obdachlosigkeitsrate nach oben schnellen und die Kapazität der ausufernden Zeltstädte (beispielsweise in Amerika) -


- an ihre Grenzen stoßen, wäre das doch ein zukunftsweisendes Unterbringungsmodell mit Open-Air-Lagercharakter.

Ist es aber nicht. Angeblich. Oder vielleicht doch. Weil, erfahrungsgemäß weiß man ja nie, wozu die genialen Erfindungen von möglicherweise leicht durchgeknallten Wissenschaftlern eines Tages ge- oder missbraucht werden. Im vorliegenden Fall handelt es sich um die sogenannte "vorübergehende aufblasbare Stadt". Klingt das nicht anheimelnd? Ein paarmal kräftig Power durch die Blasebalge gepustet, und fertig ist das innovative Massenasyl.

Hervorragendes Feature der futuristischen Zeltstadt: Deren menschlicher Inhalt wäre perfekt von außen (oder aus der Luft) kontrollierbar, da die "Wände" der niedlichen knubbeligen Zelte aus "leicht transparentem" Material sind.


Aber natürlich ist das so von den erfindungsreichen Architekten nicht gedacht. Vorgestellt wurde die "vorübergehende aufblasbare Stadt" auf einem Architekturfestival in Frankreich mit Schwerpunkt auf "Luft und Textil". Luft und Textil - das klingt irgendwie nach Leichtigkeit und Luftigkeit und Naturnähe und ökologischer Sinnhaftigkeit und ganz toll. Und ist tatsächlich auch so gemeint:
"Diese Infrastrukturen bestehen aus mobilen mikro-architektonischen Teilen. Sie ermöglichen das Erschließen von experimentellen ökologischen Prinzipien und kreieren neue, nachhaltige Lösungen für Alltagsgewohnheiten und -bedürfnisse."
Wobei ich mir unter "nachhaltig" durchaus etwas anderes vorstelle als unter "vorübergehend". Doch wer wird kleinlich sein angesichts bahnbrechender neuer Lösungen für Alltagsgewohnheiten und - bedürfnisse?

Nicht unpoetisch, wenn auch etwas aufgeblasen äußern sich die Festivalmacher zu den provisorischen Mikrofaser-Freiluftcontainern:
"Die vorübergehende Stadt hat große Ähnlichkeit mit der realen Stadt, in der wir leben, mit ihren ständigen Zwängen und Begrenzungen, für die wir versuchen, unaufhörlich neue Antworten zu finden."
Keine Ahnung, wieso ich schon wieder an überschaubare Massen-Notunterkünfte denken muss. Ganz neu ist die Idee des aufblasbaren Wohnens übrigens nicht. Bereits 1975 schwärmte einer ihrer Protagonisten:
"Ein lebendes Ensemble - und so überraschend, wenn Sie, beeindruckt von der äußeren Erscheinung, einen Blick ins Innere werfen! Es ist natürliche Atmung. Es ist Architektur, die atmet und Sie atmen lässt. ... Sie erbeben, Sie öffnen die Augen, Sie lauschen, wollen lieben, sind ergriffen von einer starken, aktiven Stille, Sie leben, Sie stellen fest, dass Sie imstande sind zu leben. Dies ist das Warum und Weshalb den 'aufblasbaren' Wohnens."
Ein Text, der zum tiefen Durchatmen stimuliert, sowie zu dem Gedanken, dass für die Idee des aufblasbaren Wohnens die aufgeblasene PR bereits perfekt ausformuliert vorliegt. Bekanntlich lässt sich alles schönreden, speziell auf dem Gebiet des Lagerwesens.

Andererseits: Sollte das Campen unter freiem Himmel zum Zwecke des gesellschaftlichen Protestes - vorgeführt von den spanischen Indignados - im restlichen Europa irgendwann Schule machen, wäre die vorübergehend nachhaltig aufgeblasene Zeltstadt vielleicht gar keine schlechte Idee. So als Einstiegsmodell. Mit Pilotcharakter.
Ran an die Blasebalge, Leute. Yes we camp.

Dienstag, 23. August 2011

Der Absturz lauert überall



Es ist ja alles nicht mehr so einfach heutzutage.

Zum Beispiel für die Werbung. Oder für die Investmentberater.
Jetzt, wo die Finanzmärkte auf Höllenfahrt sind und alle in einen hässlich gähnenden Schlund blicken.

Da sind die Investmentfachleute schon zu bedauern.
Müssen den lieben langen Tag am Fenster stehen, in den Abgrund namens Wall Street starren und dabei so tun, als ob sie einen Blick in die erfolgsversprechende Zukunft werfen ("just long-term vision and success").

Dabei, mal ehrlich, wenn es nach dem Typen ginge:

Hände hinter dem Rücken verschränkt - was will er uns damit sagen?
Etwa am Ende:
"Ach, mir sind die Hände gebunden!"
oder:
"Wann kommt denn endlich einer mit Handschellen?"
oder einfach nur:
"Ich bin am Ende, basta."

Die Finger fast spastisch ineinander verhakelt, meint er damit:
"Ab heute lass' ich die Finger von den weltweiten Betrugsgeschäften!"
oder:
"Ich mach' mir meine Finger nicht mehr schmutzig mit dem ganzen Dreck!"
oder einfach nur:
"Ey, unter uns, ich hab' keinen Bock mehr, ich steig' aus."

Die Werber sind aber auch nicht zu beneiden.
Müssen dem armen Tropf in Hosenträgern irgendwie eine visuelle Botschaft unterjubeln, die Vertrauen weckt und draußen gut ankommt.

Wie, draußen?
Na ja, draußen halt, wo die Leute sind.
Und auf Entscheidungen warten.
Auf kluge Entscheidungen.
Ausgereifte Entscheidungen.
Keine überstürzten Entscheidungen.
Entscheidungen, die keiner gern übers Knie bricht.
Long-term vision, wie es so schön heißt.

Geduld, Leute.

Gut Ding will Weile haben.

Sonntag, 21. August 2011

Ausdünstungen


Ladendiebe aller Länder, vereinigt euch!
Steht da. Ich schwör's.

Ist als Überschrift noch ganz witzig, aber beim Rest des Textes vergeht das Lachen. Der Text stammt von Slavoj Zizek. Das ist der, der immer schon dort ist, wo man selber grade hin möchte, und der dann jedes Mal triumphierend ruft: Ha!, ich war vor dir da! Der Slavoj, so viel steht fest, hat die Nase vorn, wann immer sich in dieser postmodernen Welt etwas bewegt.

Wer den Slavoj einmal live erlebt hat, weiß, wie Wahnsinn wehtut. Weil es einen glatt in den Wahnsinn treibt, wenn der Typ beim Vortragen seiner Gedanken unablässig hyperaktiv an seinem verschwitzten Hemd zupft und zerrt, jawohl, verschwitzt, denn der Slavoj transpiriert seine intellektuellen Ergüsse förmlich aus allen Poren heraus, umklammert mit schweißnassen Händen sein Redemanuskript, wischt sich den strömenden Schweiß von der Stirn und - Stichwort Nase vorn - zupft und zerrt dabei pausenlos an der phänomenal schweißtriefenden Nase, von der man gar nicht wissen möchte, was er da so alles reingetan hat, jedoch intuitiv schlussfolgert, dass 'zupfen' irgendwie von 'schnupfen' kommen muss.

Ohne Redemanuskript ist der Slavoj übrigens genauso aufgeschmissen wie der legendär-charismatische Redner Obama ohne Teleprompter. Das nur am Rande. Freie Rede? Aber woher denn! Freies Reden, das ist allenfalls etwas für freie Revolutionäre, aber doch nicht für einen hektisch vom Blatt ablesenden, redenschwingenden Intellektuellen, der sich die Revolutionen dieser Welt zu seinem wissenschaftlichen Sachgebiet gemacht hat.

Revolutionen, jetzt sind wir beim Thema. Der Slavoj hat wieder mal ordentlich ausgeholt und einen Rundumschlag abgeliefert, der sich gewaschen hat. Einen Rundumschlag über alles, was rund ums Mittelmeer revolutionär so kreucht und fleucht, nicht zu vergessen das Königreich in der Nordsee. Einen Rundumschlag nach dem Motto: Wo der Slavoj war, da wächst kein Gras mehr. Weil nämlich sein Lieblingshobby darin besteht, überall dort, wo's irgendwie knallt und kracht und sich bewegt, den verwertbaren Gehalt an revolutionärer Theorie abzugrasen. Also, seiner revolutionären Theorie, nicht irgendjemandes Theorien. Könnte ja jeder kommen. Aber - hier kommt Slavoj.

Diesmal hat er sich im altehrwürdigen London Review of Books einen abgeschnieft; also genau dort, wo bekanntlich Revolutionen gemacht und entschieden werden. Gleich vorneweg: An keinem einzigen der aktuellen revolutionären (dürfen wir sie überhaupt so nennen?) Praktiker lässt der Theoretiker Slavoj ein gutes Haar. Warum? Na, ganz einfach: weil denen die Theorie fehlt. Welche Theorie? Na, die richtige. Welches ist die richtige Theorie? Na, die vom Slavoj. Noch Fragen?

An der revolutionären Substanz der britischen Riots hat der Slavoj besonders viel zu bekritteln, was irgendwie klar ist, weil diese durchgeknallten Ladendiebe ja nun theoretisch und/oder programmatisch wirklich gar nichts auf die Reihe bringen.
"Genau wie die Autoverbrenner der Pariser Banlieues im Jahr 2005 sind die UK Riots außerstande, eine Botschaft zu liefern."
Ein Grund, sie abzuwatschen - kommen als revolutionäre Subjekte nicht in Frage. Ins Schwärmen gerät der Slavoj dagegen bei den britischen Studentenunruhen im November 2010, denn die Studenten wussten, was sie taten:
"Die Studenten machten klar, dass sie die geplanten Bildungsreformen ablehnten."
Und weil die Studenten klar machten, was sie ablehnten, und die Riots ebendies versäumten klarzumachen, ist für den Slavoj klar:
"Deshalb ist es schwierig, sich die UK Riots in marxistischer Begrifflichkeit vorzustellen als einen Fall von Auftauchen des revolutionären Subjekts."
Und dass sich diese Riots jetzt bitte nicht rausreden mit Bildungsbenachteiligung und sozialer Ungleichheit - mag ja alles sein, quengelt der Slavoj, ist aber noch lange kein Grund, weder mit politischem Bewusstsein noch mit politischem Programm aufzuwarten, denn schließlich haben sie
"... zwar unterprivilegiert und sozial ausgeschlossen, so doch nicht am Rande des Verhungerns gelebt."
Ja, und? Der Slovaj legt erläuternd nach:
"Es gibt Menschen in weit schlimmerer materieller Bedrängnis, ganz zu schweigen von physischer und ideologischer Unterdrückung, die waren trotzdem imstande, sich zu einer politischen Kraft zu organisieren mit einem klaren Programm."
Da habt ihr's, Riots! Anderen geht's noch viel schlechter als euch, und die bringen trotzdem etwas auf die Beine, genauer gesagt: etwas mit revolutionärem Hand und Fuß, ein Programm!

Der Slovaj wäre aber nicht der Slovaj, würde er nicht noch ein wenig schicksalhaft dräuendes postmodernes Geschwurbel obendrauf setzen:
"Möglicherweise ist dies eine der größten Gefahren des Kapitalismus: Obwohl er, kraft seiner Globalität, die ganze Welt umfasst, hält er eine 'weltlose' ideologische Konstellation aufrecht, in der die Menschen jener Wege beraubt werden, die ihnen verortbare Bedeutung geben könnten."
Steht da. Ich schwör's. Locating meaning? Ideological constellation? Worldless? Keine Ahnung, was der Slovaj sich in die Nase geballert hat, bevor er diese unverortbaren weltlosen Verbalhohlkörper rausschwitzte.

Weiter geht's mit Slovajs Schwitzkur-Express nach Ägypten. Wer jetzt denkt, die ägyptischen Revolutionäre kommen besser weg als die unprogrammierten englischen Riots - Fehlanzeige. Was keiner weiß - denn woher soll er es zum jetzigen Zeitpunkt wissen? -, der Slovaj weiß es längst:
"Leider wird der Ägyptische Sommer von 2011 erinnert werden als das, was das Ende der Revolution markiert, nämlich als eine Epoche, in der das emanzipatorische Potential erstickt wurde. Seine Totengräber sind die Armee und die Islamisten."
Zwar hatte ich erst dieser Tage einen recht lebendigen Eindruck von dem, was auf Kairos Tahrir Square passiert, bin da aber wohl nicht auf der Höhe der Zeit, denn der Slovaj prophezeit, dass nach Ersticken des emanzipatorischen Potentials die Armen Ägyptens sich die Straße erobern werden:
"... die Armen, die während der Frühlingsproteste praktisch abwesend waren, (gehen) auf die Straße. Wahrscheinlich wird es zu einer neuen Explosion kommen, und die schwierige Frage für Ägyptens politische Subjekte wird sein: Wer wird imstande sein, den Wutausbruch der Armen zu steuern?"
Ist klar, was der Slovaj meint, oder? Nicht die Armen sind oder werden die politischen Subjekte sein, sondern die, äh ja, wer denn nun eigentlich? Die mit dem emanzipatorischen Potential? Sind die alle wohlhabend, oder was? Und die Armen haben kein emanzipatorisches Potential? Solche Fragen erwischen den Slovaj auf dem falschen Nasenloch, denn worauf er eigentlich hinaus will, ist dies:
"Wer wird das (den Wutausbruch der Armen) dann übersetzen in ein politisches Programm?"
Na, die Armen bestimmt nicht, schon wegen ihres mangelhaften emanzipatorischen Potentials. Und die ominösen "politischen Subjekte" ebenso wenig, denn denen mangelt es an einem politischen Programm. Wenn die nur endlich mal auf den Slovaj hören würden! Auf den bildungsbürgerlichen Bescheidwisser, dem die ewig triefende, ewig schniefende Nase vermutlich in die Hose rutschen würde, begäbe er sich auch nur ein einziges Mal auf die Straße zum Zwecke des Kämpfens. Darum bleibt Schniefnase auch lieber an seinem Schreibtisch hocken und programmiert die verpeilten revolutionären Subjekte auf Programm: Der "heutigen Linken" stelle sich die Frage,
"welche neue Ordnung sollte die alte Ordnung ersetzen nach erfolgtem Aufstand, wenn der ergreifende Enthusiasmus des ersten Augenblickes abgeklungen ist?"
und da der Slovaj sich selbst unzweifelhaft zu dem zählt, was er die "heutige Linke" nennt, jedoch ebenso unzweifelhaft noch nie auf irgendeinem Straßenaufstand gesichtet wurde, darf davon ausgegangen werden, dass er sich selbst gern am programmatischen Kopf einer Bewegung sähe, die - getragen von ergreifendem Enthusiasmus - für ihn die Dreckarbeit des Aufstandes erledigt. Das ist jetzt gemein, aber irgendwie logisch.

Besonders kopflos - im Sinne mangelnder Programmiertheit - findet der Slovaj die spanischen Indignados. Das ist kein Wunder, hat doch die Bewegung 15-M ein schriftliches Manifesto vorgelegt, an dem der Slovaj sich revolutionstheoretisch-systematisch abarbeiten kann, um es dann systematisch zu verreißen:
"Die Indignados wollen mit der gesamten politischen Klasse nichts zu schaffen haben, weder mit links noch mit rechts, weil sie diese (die politische Klasse) abtun als korrupt und von Machtgier getrieben. Trotzdem enthält das Manifesto eine Reihe von Forderungen, gerichtet an - wen? ... Und genau das ist die fatale Schwäche der jüngeren Protestbewegungen: Sie bringen eine authentische Wut zum Ausdruck, die außerstande ist, sich in ein positives Programm des soziopolitischen Wandels zu transformieren."
Wäre ich eine spanische Indignada, würde ich dem ignoranten Daherschwätzer eine authentische Wut ins Gesicht schnauben, die locker imstande wäre, sich in das positive Programm einer gewandelten, nämlich gebrochenen Nase zu transformieren.
"Sie bringen den Geist der Revolte zum Ausdruck, aber ohne Revolution."
Meine Güte, Slovaj, komm runter! Es ist alles viel einfacher: Die Indignados verstehen unter Revolution etwas anderes als du, verstehst du? Nein, verstehst du nicht. Kann ja so ein vom Leben abgekoppelter Revolutionstheoretiker nicht verstehen, dass da Menschen sich ganz alltagspraktisch versammeln, miteinander diskutieren, einander zuhören, gemeinsam essen, gemeinsam kochen, gemeinsam zelten, gemeinsam eine eigene Indignado-Stadt organisieren mit einer eigenen Indignado-Infrastruktur, miteinander leben, ganz neue Erfahrungen sammeln, sich ausbreiten, in den Stadtteilen weiter miteinander diskutieren, zelten, essen, leben und dabei neue, bislang unbekannte Lebensformen ausprobieren, weiterentwickeln und das ganze soziale Experiment wie nennen? Richtig: gelebte, direkte, am eigenen Leib erfahrene Demokratie.

Das juckt aber einen Slovaj nicht, den juckt nur die eigene Nase. In dieser Nase steckt noch viel Zeugs, und das kriegen abschließend die Griechen entgegengeschnieft:
"... selbst in Griechenland trägt die Protestbewegung die Grenzen der Selbstorganisation zur Schau: Die Protestler pflegen einen Raum der egalitären Freiheit mit keinerlei zentralen Führungsfigur, um diesen Raum zu regulieren ... Was nötig sei, behaupten sie übereinstimmend, sei weder eine neue Partei noch ein direkter Versuch, an die Staatsmacht zu kommen, sondern eine Bewegung mit dem Ziel, Druck auszuüben auf die politischen Parteien."
Klingt doch nicht schlecht: sich jenseits der korrupten Parteienseilschaften zu verbünden, von außen ordentlich Druck zu machen und dabei viel voneinander zu lernen und praktische Solidarität zu üben. Unsinn, schneuzt Slovaj:
"Es ist völlig klar, dass dies nicht reicht, um eine Neuorganisation des sozialen Lebens zu erreichen. Um das zu erreichen, bedarf es eines starken Körpers, der imstande ist, schnell zu entscheiden und diese Entscheidungen mit aller nötigen Härte zu implementieren."
Ein starker Körper! Mit einem - Slovaj, wir ahnen es! - starken Kopf am oberen Körperende. Mit einer - Slovaj, gib's zu! - starken Nase im mittleren Kopfbereich. Das wär's doch, oder?

Jetzt hör mal gut zu, Slovaj: Steck deine Schniefnase nicht in anderer Leute Revolutionen, klar? Hör auf, an deinem schwitzigen Körper zu zupfen und zu zerren, während du revolutionäre Subjekte, die mit ihren Körpern auf der Straße für ein besseres Leben kämpfen, zulaberst und zu Objekten deiner verquasten intellektuellen Begierden machst. Reiß dich mal ein bisschen zusammen. Zieh ein letztes Mal deine verdammte Nase hoch und dann: Sei stark! Treffe eine schnelle Entscheidung und implementiere diese mit aller nötigen Härte. Formuliere ein positives Programm, sei deine eigene zentrale Führungsfigur und schreibe hundertmal in dein verschwiemeltes Redemanuskript den Satz: Ich will endlich eine freie Nase!

Du wirst sehen, Slovaj, das wirkt sich äußerst befreiend auf dein Hirn aus. Und befreit die Freiheitskämpfer dieser Welt von einem der zahllosen mitteleuropäischen profilierungssüchtigen, karrieregeilen, linke-Phrasen-dreschenden, ego-trippigen akademischen Revolutionswindsurfern.

Ein gutes Nasenspray kann dabei helfen.


Samstag, 20. August 2011

Katholisch und dickfellig




Den ganzen Morgen denke ich über das Phänomen der sozialen Hornhaut nach.

Wie dick müssen eigentlich die Hornhäute auf den christlichen, nächsten- und friedensliebenden Seelen der katholischen Jugend sein, dass sie ihrem gewaltverherrlichenden/-verniedlichenden/-verschleiernden "Oberkellner" auf Knien entgegenrutschen, während ihnen die parallel stattfindenden rabiaten Prügelorgien der spanischen Polizei mal grad den Buckel runterrutschen?

Oder rutschen die den Frommen etwa gar nicht den Buckel runter? Vielleicht finden die unkritischen frommen Jugendlichen es sogar gut, dass ihrer Frömmigkeit zuliebe kritische unfromme Jugendliche zusammengeschlagen werden? Fällt deshalb der Applaus für den Oberhirten so frenetisch aus? Weil sie insgeheim die Gewaltakte der Ordnungshüter beklatschen, die dafür sorgen, dass ihre frömmlerische Ordnung gehütet wird?

Na ja. Sind vielleicht gar keine Hornhäute auf den Seelen. Nur gigantische Tomaten auf den religiös verblendeten Augen.


(Bildquelle:

Power To The People


Geschichte wird geschrieben.

Jetzt.

Willst du ein Teil davon sein?

Dann mach mit.

Power to the people.

Freitag, 19. August 2011

Gehet hin und mehret euch


Er ist gekommen. Nun ist er da. Nun sage niemand, er habe keinen Sinn für die Symbolik der Location, auf der seine Erscheinung zu erscheinen beliebt; auserwählt wurde die Plaza de Cibeles in Madrid, in deren Mitte der berühmte Brunnen Fuente de Cibeles steht. Dieser Brunnen ist der griechischen Göttin Kybele gewidmet, welche sich wiederum - mythologisch gesehen - der Fruchtbarkeit widmet. Womit sich der Kreis symbolisch schließt:

Seid fruchtbar,
gehet hin und mehret euch,
mit einem Wort,
habt Spass!


Das ließ die Jugend sich nicht zweimal sagen.
Sie ging hin,
mehrte sich,
feierte und sang:
Es lebe der Papst
und die freie Liebe!

Ein paar Ewiggestrige gingen auch hin, standen herum und warteten auf eines der Wunder, für die seine Heiligkeit berühmt ist. Zum Beispiel: Frieden auf Erden. Oder: den Menschen ein Wohlgefallen. Oder: das Ende der Finanzkrise. Oder wenigstens: das Ende der Arbeitslosigkeit. Oder, in aller Bescheidenheit: etwas zu essen, sprich, etwas gegen die Armut.

Sie warteten vergeblich. Denn er kam, sah und sprach:

Retranca*

"Ich bringe euch nicht, wie üblich, Brot und Fisch,
und auch nichts Leckeres fürs Abendmahl.
Vielmehr werde ich dafür sorgen,
dass es Banknoten regnet."

Wie nicht anders zu erwarten, haben die ewig unzufriedenen spanischen Indignados genau daran etwas zu mäkeln. Wurde im spirituellen Umfeld des Veranstalters noch frohlockt, wie anziehend der katholische Weltjugendtag sei - "Der Jugendtag des Papstes zieht eine Million an" -, stänkerten die Empörten mit Blick auf den maroden spanischen Haushalt: Der Papstbesuch zieht uns 50 Millionen Euro aus der Tasche! Ein Argument, das schwer von der Hand zu weisen scheint.

Jedoch, da haben die Indignados die Rechnung ohne die geschäftstüchtige katholische Jugend gemacht. Wie es einer der Organisatoren ausdrückte: "Wir verbreiten nicht nur die Frohe Botschaft - wir verbreiten auch Millionen Euros an Einkünften aus dem Tourismus." Womit er sagen wollte: Gehet hin und mehret euch,
oh Euros!

Wenn das keine frohe Botschaft ist. Auch ein 21-jähriger Papstfan, angereist aus Philadelphia, bewies Geschäftssinn mit seiner vorwurfsvollen Botschaft an die Adresse der Empörten Spaniens: "Was wir hier machen, kurbelt schließlich eure Wirtschaft an - ich verstehe überhaupt nicht, was ihr da zu meckern habt."

Und was sagen die Indignados dazu? Die verstehen allmählich auch nichts mehr. Jüngste Berichte aus Madrid belegen, dass die teure Papstsause Tausende, wenn nicht gar Millionen von Indignados anzieht. Sie gehen hin, mehren sich, stehen fassungslos am Straßenrand und greifen sich an den Kopf, während sie das jungdynamisch-geschäftige Treiben der katholischen Jugend verfolgen. Den meisten von ihnen hat die Große Heilige Bumfiedelei die Sprache verschlagen; nur einigen wenigen Erleuchteten dämmert, was die Stunde geschlagen hat:

"Erst die pädophilen Priester
und jetzt die altersgeilen Kinder..."


*(Cover der galizischen Satirezeitschrift Retranca im Oktober 2010 anlässlich des Papstbesuches in Galizien im November 2010. Das Titelbild fiel der Zensur zum Opfer.)

Donnerstag, 18. August 2011

Verpisst euch


Wie das mit dem Plündern funktioniert, haben wir jetzt verstanden. Die internationale Finanzmafia tut's, die abgehängte Unterschicht hat gut aufgepasst und macht es nach. Wie im Großen, so im Kleinen. Nur dass halt die Großgangster straffrei ausgehen, während die elfjährigen Kleinkriminellen für ein geklautes iPod sechs Monate eingebuchtet werden. Weil, sonst könnte ja jeder. Es soll aber nicht jeder können dürfen. Dafür haben wir Recht und Gesetze, und wenn das nicht reicht, werden die eben verschärft. Oder gleich ganz ausgehebelt. Wie derzeit auf der englischen Insel zu beobachten.

Derweil machen kontinental-konservative Edelschreibstubenhocker einen auf betroffen, sorgen sich um den öffentlichen Sittenverfall oder auch nur um ihre Besitzstände, fordern ein - so großes wie diffuses - Umdenken, haben jedoch bislang durch die Bank vergessen eines zu fordern, nämlich die Strafverfolgung krimineller Banker, organisierter Finanzbetrüger und gutvernetzter Länderausplünderer. Von irgendwoher muss der Sittenverfall ja kommen, nicht wahr? Ehrlich gesagt, möchte ich lieber nicht wissen, was dabei herauskommt, wenn solche Schreibtischtäter ernst machen mit ihrem nunmehr in Mode gekommenen "Umdenken". Denn so wie die bisher öffentlich gedacht haben, schwant mir bei einem Umdenken nichts Gutes. Mir graust ein wenig davor. So viel zum öffentlichen Umdenken.

Aber egal, Hauptsache, es wird darüber geredet. Ins Gerede gekommen ist jetzt auch eine neue Variante des Sittenverfalls. Es geht um das öffentliche Urinieren. Nein, nicht das gegen einen Baum oder hinters Gebüsch. Vielmehr das Verrichten der Notdurft im Flugzeug. Nein, nicht das Verrichten derselben in der Flugzeugtoilette, sondern im Flugzeug selbst, also da, wo die Passagiere sitzen. Warum auch nicht? Der Mann von Welt pisst, wo es ihm passt.

Letzte Woche war es ein prominentes Mitglied des amerikanischen olympischen Ski-Teams, der während eines Transatlantikfluges ungeniert auf das Bein eines elfjährigen Mädchen pinkelte. Warum er das tat? Na, er musste halt mal. Dumme Frage. Diese Woche war es der bekannte französische Schauspieler Gerard Depardieu, der halt mal musste und sich darum im Flugzeug öffentlich entleert hat. Weshalb der vollbesetzte Jet zum Gate zurückkehren, dort von einer Putzkolonne gereinigt werden musste und schließlich mit zwei Stunden Verspätung in die Luft ging. Überflüssig zu erwähnen, dass die Passagiere ziemlich angepisst waren.

Im französischen Fernsehen gab es zu dem Vorfall ein öffentliches Statement der AirFrance: Es wurde zum einen bestätigt, dass es sich bei dem inkontinenten Pisser um den bekannten Schauspieler Depardieu gehandelt habe; zum anderen wurde verlautbart, es sei noch unklar, ob Depardieu wegen seiner sanitären Fehlleistung samt der aus ihr entstandenen Folgen und Kosten belangt würde, zum Beispiel strafrechtlich.

Kommentar von CBS:
"This isn't exactly first class behavior."
(Hier ein Bild des Erste-Klasse-fliegenden Sympathieträgers)

Ob auch diese Variante öffentlichen Sittenverfalls beim gemeinen Volk Schule machen wird? Oder wird das straffreie Ich-pisse-wohin-es-mir-passt-Verhalten nur den betuchten, bildungsnahen First-Class-Pinkeln vorbehalten bleiben? Hey Alder, hast du Kohle oder was, because then you can take the piss out of everybody else? Ist vielleicht ganz gut, wenn die reiche Elite dafür sorgt, dass die Massen arm sind und es auch bleiben, denn sonst würden ja künftig Flugzeuge stinken wie der Berliner Tiergarten während der Loveparade. Doch, je länger ich darüber nachdenke, desto besser finde ich die Idee, dass die meisten Leute wenig bis kein Geld haben.

Obwohl. Das war jetzt die zweite öffentliche Prominenten-Piss-Story innerhalb von nur einer Woche. Eine mehr, dann sind es drei und wir haben einen Trend. Noch eine drauf, und alle wollen es nachmachen. Organisieren sich via Twitter zum Pinkel-Flashmob. Am Ende könnte ein öffentlicher Protest daraus werden. Mit einer klaren Botschaft.
Und jetzt alle so: Piss off!

Mittwoch, 17. August 2011

Arm mit Herz


"King of Style" CASE2

Schon wieder berührt mich die Schönheit einer Kultur, die von anderen Kulturen gern als hässlich abgetan wird.

Am Sonntag starb der Graffitikünstler "King of Style" CASE2 im Alter von 53 Jahren.

CASE2 war einer der New Yorker "Subway Car Bomber" der ersten Stunde. Bekannt wurde er durch den 1982 gedrehten Dokumentarfilm Style Wars.


Obwohl CASE2 nur einen Arm hatte, galt er als einer der versiertesten Graffitizeichner und -schreiber und wurde zu einem Vorbild in der jüngeren Graffiti-Generation.


Einer dieser jüngeren Graffitikünstler, 12ozProphet, hat in Gedichtform einen Nachruf auf CASE2 geschrieben, dessen schlichte Schönheit mich berührt.

Schon die Überschrift "One-Armed Army" ist voller wunderschönem Wortwitz; one-armed bedeutet einarmig (wie beim einarmigen Banditen), aber eben auch: mit nur einer Waffe ausgestattet.
CASE2: die einarmige Armee - oder der mit nur einer Waffe kämpft.

One-Armed Army

Let's bid farewell to Almighty Case
He came here and he rocked the place
Writing and fighting his way to fame
Made damn sure we knew his name
Computer Rock and T.F.P.
Just part of his legacy
A legend of graffiti art
With half the limbs and twice the heart.
The King of Style has left his throne.
In our culture he stood alone.
"With half the limbs and twice the heart"
(mit nur der Hälfte an Gliedmaßen, aber doppelt so viel Herz):

Das ist so einfach und zugleich so warmherzig und gewitzt.
Einfach schön.

Noch mehr Schönheit


Neulich hatte ich mich verliebt in eine Musik, der es gelingt, die "Schönheit" einer Unterschichtskultur in Worten und Noten auszudrücken, ohne dabei kitschig oder pathetisch zu werden:
Jeden Tag sehe ich die Schönheit
aus dem Nichts in einer hässlichen Welt.
Schönheit,
verlorener Abwassergraben im Latino-Slum der Welt.
Schönheit des Unkrauts.
Schau, der Mensch,
ein nie vergehendes Unkraut.
Schönheit,
die meine Seele tief berührt
und mein Leben füllt.
Wie der Wind, der alles berührt.


"8 Hours in Brooklyn in Slow Motion"

Noch mehr Schönheit,
diesmal aus dem armen Teil Brooklyns, New York City.

Eine meisterhafte Zeitlupenstudie von
gelebten Sekundenbruchteilen
auf sommerlich aufgeheizten Straßen.

Schönheit, die meine Seele tief berührt.
Wie der Wind, der alles berührt.

Dienstag, 16. August 2011

Blauäugig


Dies ist ein blaues Auge:

Shepard Fairey

Ein blaues Auge holt sich, wer sich aus opportunistischen Gründen zu weit aus dem Fenster hängt, bei den Falschen anbiedert und am Ende sagt, er habe es doch bloß gut gemeint. Wer so blauäugig ist, kann eigentlich froh sein, mit einem blauen Auge davonzukommen. Hat er erst mal diesen Schaden erlitten, braucht er für den Spott nicht zu sorgen; das übernehmen andere:


Kommt uns das zweite Bild irgendwie bekannt vor? Das ist doch, ja, wer war das gleich noch mal, an wen erinnert uns das? Genau, an den hier. Shepard Fairey wurde im Jahr 2008 berühmt und erfolgreich mit seiner zeitgemäßen ikonischen ("punk-kulturellen", hieß das damals) Visualisierung des seinerzeitigen Hoffnungsträgers Obama. Letzterer hatte dem Künstler überschwenglich gedankt für dessen konstruktiven Beitrag zur gelungenen Präsidentschaftswahl-Operation, und der ehemalige Straßenkünstler wurde zu dem, was man mainstream nennt.

Kürzlich segelte Fairey unter ähnlicher Flagge - peace, we believe in - nach Dänemark, wo er sich mit einem künstlerischen mainstream-Manöver eher unbeliebt machte:


Links:
Faireys ornamentale Friedenstaube an der verbliebenen Mauer des 2007 zwangsgeräumten und abgerissenen Jugendkulturzentrums Ungdomshuset im Kopenhagener Jagtvej 69; ein unmissverständlicher Appell an die Jugend Kopenhagens, es doch endlich mal gut sein zu lassen mit dem alten Groll. Die war nämlich sauer, dass ihr Kulturhaus samt Grundstück nach der Räumung von der rechtsgerichteten Stadtverwaltung verkauft worden war an eine rechtsgerichtete christliche Organisation. Nach dem Abriss kam es 2007 zu einem gewaltigen Aufstand (Copenhagen December Riot).

Rechts:
Ganz offenkundig geriet die Friedensmission einigen jungen Kulturhaus-Aktivisten in den falschen Hals: "No peace!" und "Go home, Yankee hipster!" lauteten (via Farbbeutel) die unmissverständlichen Antworten auf Faireys monumentale Versöhnungssymbolik. Damit war der Konflikt auf dem Tisch - peace, we don't believe in.

Zu dem Zeitpunkt hätte Fairey - eingeschnappt, aber ohne Gesichtsverlust, also ohne blaues Auge - sich mit einem ehrenhaften Rückzieher aus der Affäre retten können. Was muss ein 'gemachter Mann' und mainstream-Hipster sich auch an eine ins Mark getroffene Alternativszene ranschmeißen mit der (verdächtig nach Obama klingenden) Botschaft, dass wir ja doch alle Brüder sind, irgendwie oder so?

Jedoch, er zog sich nicht zurück, denn wer einmal mainstream ist, will immer noch mehr mainstream werden. Kennt man ja. Ist wie mit dem Geldverdienen und dem Berühmtwerden. Können den Hals nicht voll kriegen, die Platzhirsche dieser Welt. Apropos Geldverdienen: Bei Faireys Außenfassade handelte es sich um eine Auftragsarbeit der Kopenhagener Stadtverwaltung - derselben Stadtverwaltung, die für Zwangsräumung und Verkauf des Jugendkulturhauses verantwortlich ist -, dotiert mit 250.000 dänischen Kronen. Die muss er sich erst mal verdienen, wird Fairey sich gedacht haben, und machte sich an die Überarbeitung seines verunstalteten Murals:


Links:
Das opportunistische "Peace" wurde opportunistisch übermalt. Kommt nicht so gut, das mit dem peace, in Zeiten sozialer Konflikte, wird Fairey sich gedacht haben, und verpasste stattdessen dem Oeuvre eine trendige Straßenkampfszene, künstlerisch aufgewertet durch ein lichterloh brennendes Auto und einen Polizeihubschrauber.

Rechts:
Hat alles nichts genützt. Auch das aktualisierte Zeitgemälde wurde verwüstet; diesmal mit - sage keiner, Vandalen hätten keinen Sinn für Ironie - grünstichigem Schaum aus einem Feuerlöschgerät, immerhin so punktgenau plaziert, dass die symbolträchtige Zahl "69" (in Kopenhagen eine Chiffre für den Konflikt und Kampf um das Jugendkulturhaus) halb gelöscht erscheint.

Daraufhin war Fairey endgültig eingeschnappt, hatte keine Lust mehr und zog sich - mit beleidigtem Ego, aber immer noch ohne blaues Auge - zurück, und zwar mit den Worten:
"My overall global vision is too great for me to get bogged down in local complexities."
(Meine gesamt-globale Vision ist zu groß für mich, um mich in lokalen Komplexitäten aufreiben zu lassen.)
Ein Statement, das von Größe zeugt. Warum sich in lokales Klein-Klein verheddern, wenn es in Wahrheit ums große Ganze der eigenen Bedeutungshuberei geht?

Folgerichtig wandte sich Fairey den wirklich bedeutenden Dingen im Leben eines großen Weltkünstlers zu, nämlich seiner eben eröffneten Ausstellung mit dem sinnschwangeren Titel "Your Ad Here" ("Werben Sie hier") in einer Kopenhagener Galerie. Die Vernissage soll super gelaufen sein, denn danach ließ sich Fairey auf einer rauschenden After Party in einem Kopenhagener Nachtklub gebührend feiern. Das war letzten Samstag. Und jetzt kommt's.

Beim Verlassen des Nachtklubs wurde Fairey von drei finsteren Gestalten vermöbelt. Drei, wie Fairey behauptet, "jungen linken Anarchisten". Ein gezielter Schwinger hinterließ ein Mordsveilchen auf Faireys linkem - vermutlich auch dies nicht völlig ironiefrei gewählt - Auge; sodann hinterließen die drei Angreifer den Blauäugigen mit dem unfreundlichen Kommentar "Obama illuminati, fuck you, go back to America!"

Auf seiner Website liefert Shepard Fairey ein brettlanges mäkeliges Statement zu dem Vorfall ab. Unter anderem beschwert er sich über die dänischen Medien, die fälschlicherweise berichtet hätten, er habe Auftragskunst im Dienste der Stadtverwaltung - vulgo: kommerzielle Friedens-Propaganda - verrichtet. Stimmt doch gar nicht!, empört sich das Veilchen, schweigt sich allerdings darüber aus, woher die 250.000 Möpse Auftragshonorar stammen. Ebenso vergisst der geschäftstüchtige Macher zu erwähnen, dass er Drucke seines Kopenhagener Murals gewinnbringend verkauft (zu 9o Dollar das Stück). Doch, es lässt sich gut verdienen an Zeiten latenter oder offener sozialer Unruhen!

Nach wie vor zeigt sich der Friedenskünstler unfähig zu begreifen, warum Betroffene sauer reagieren, wenn ein ungelöster, schmorender lokalpolitischer Konflikt weißgewaschen wird, ob mit oder ohne Auftrag. (Etwas ausgewogener berichtet der britische Guardian.) Nur eines - außer dem blauen Auge natürlich - quält den verkannten Ex-Street-Artist, dessen letzter Rest an street credibility wohl endgültig dahin sein dürfte: Wo bleibt, fragt er, der Respekt für seine "street art"? Er habe, so beteuert er, ja nichts gegen Kritik an seiner Kunst, aber wenn schon, dann doch bitte mit "künstlerischen Mitteln", oder?

Foto: Scanpix

Na ja. Die sind halt nicht jedem gegeben, die künstlerischen Mittel, und werden auch nicht jedem dahergelaufenen Graffitimaler von der Stadtverwaltung oder irgend einem dubiosen Sponsor finanziert.

Dafür holt sich der gemeine Graffitimaler auch keine blaues Auge.


Er malt lieber welche.

Montag, 15. August 2011

Sekundärtugenden


It's the sneakers, stupid.

Jetzt, wo nach umfänglicher medialer Ursachenforschung endlich die tieferen Beweggründe herausgearbeitet wurden, warum diese englischen Revoluzzerjugendlichen so einen Höllenlärm veranstaltet haben - sie wollten nämlich nichts weiter als unbedingt ein Paar neuer Schuhe haben -, können wir uns den wirklich wichtigen Fragen zuwenden, derer allerwichtigste lautet:

Wieso wollten die eigentlich nichts für die neuen Schuhe bezahlen?

Seit in London die ersten Schaufensterscheiben zu Bruch und inzwischen über 500 Einbrecher in den Knast gingen, wurde gerätselt, warum diese kriminellen Jungspunde derart umständlich zu Werke gegangen sind. Dabei wäre es doch so einfach gewesen: Hätten diese verwirrten jungen Leute doch, wie jeder normale Mensch, das Schuhgeschäft ihrer Wahl aufsuchen und gegen Bezahlung des marktüblichen Preises ein Paar neuer Schuhe erstehen können, und der Fall wäre erledigt gewesen.

Wozu also das ganze komplizierte nervenaufreibende Straßentheater?

Man kann über den britischen Premierminister David Cameron sagen, was man will, aber eines muss man ihm lassen: Er bringt die Dinge simpel und für jeden verständlich auf den Punkt. Er reduziert, sozusagen, die soziale Komplexität gesellschaftlicher Unruhen auf ein so niedriges, schlichtgestricktes Level, dass ihm jeder folgen kann. Wirklich jeder, selbst der größte Depp.
"Diese Leute, die da Fernsehgeräte aus den Läden geklaut haben - die haben sich doch nicht beschwert über unsere Bildungsreformen oder über die Zulassungsgebühren zum Hochschulstudium. Die haben Fernsehgeräte geklaut, weil sie ein Fernsehgerät haben wollten, aber nicht bereit waren, dafür Geld zu sparen, wie es normale Leute machen."
Kann auch wirklich jeder folgen? Nochmal ganz langsam zum Mitschreiben: "...nicht bereit waren, dafür Geld zu sparen". Haben das jetzt alle? Oder hat Cameron sie noch alle?

Tja, Leute, sparen heißt das Zauberwort! Was hindert die armen Leute daran zu sparen, so wie es die normalen Leute machen? Heißt es nicht überaus treffend "Spare in der Zeit, so hast du in der Not"? Na also. Womit habt ihr armen Leute bloß eure Zeit verplempert, also noch Zeit zum Sparen war? Hm? Seht ihr, und nun habt ihr halt nichts in der Not, weil ihr beizeiten versäumt habt zu sparen. Wie, ihr hattet schon die ganze Zeit nur Not und darum nichts zu sparen? Dummes Zeug. Nehmt euch ein Vorbild an den normalen Leuten. Was die können, könnt ihr schließlich auch. Ihr müsst nur wollen. Aber ihr wollt ja nicht. Ihr wollt nur einen Fernseher und ein paar Schuhe und nichts dafür bezahlen.

So nicht! Nicht mit uns! Bei uns herrschen Gesetze! Wer Fernseher oder Turnschuhe klaut, wandert in den Knast. Seid froh, dass ihr nur in den Knast wandert, ihr kriminellen Kids - ihr habt ja keine Ahnung von Geschichte, bildungsfern wie ihr seid. Wisst ihr, was wir in England früher gemacht haben mit Kindern, die aus Hunger Brot gestohlen haben? Aufgehängt haben wir die. Nur mal so als Warnschuss vor euren kriminellen Bug.

Ach ja, und dann gab es noch so eine herrliche Stilblüte in Camerons Gardinenpredigt an die Nation: Hat er sich doch unglaublich moralisch entrüstet über jene Gruppe amoralischer Riot-Jugendlicher, ohne Rückgrat, ohne einen Funken Sozialgefühl, die einem verletzten Indonesier erst auf die Beine geholfen und dann seinen Rucksack ausgeplündert haben (das Video kursiert im Internet und ruft eine weltweite, fest geschlossene Indignado-Bewegung hervor). O-Ton Cameron, im Brustton:
"Wie kann man nur jemanden ausrauben unter dem Deckmantel, ihm zu helfen?"
("...rob someone whilst pretending to help them")
Verwerflich - so tun, als ob man jemandem hilft und ihn in Wirklichkeit ausrauben!

Hey, klingelt's? Wie heißen die Typen nochmal, die gerade dabei sind Griechenland auszurauben, in Italien bereits in den Startlöchern stehen und sich demnächst den Rest der Welt unter den Nagel reißen wollen? Ach richtig, IMF. Das sind die Typen, die all den Ländern beim "Sparen" helfen. Um sie besser ausrauben zu können.

Sparen. Helfen. Ausrauben.
Die Sekundärtugenden des internationalen Finanzkapitals.

Man kann über den britischen Premierminister sagen, was man will, aber eines muss man ihm lassen: Er hat Sinn für Ironie. Muss eine amoralische Spielart des britischen Humors sein.