Mittwoch, 24. August 2011

Schöner zelten



Nein, das ist keine dieser neumodischen mobilen Treibhausanlagen zur schonenden Aufzucht besonders empfindlicher Vegetation. Und nein, das sind auch keine schnell aufzublasenden Notunterkünfte für den Fall eines atomaren Fallouts oder eines überraschenden Erdbebens.

Obwohl, warum nicht Notunterkünfte? Denn sollte infolge zu erwartender eiserner Sparprogramme die Obdachlosigkeitsrate nach oben schnellen und die Kapazität der ausufernden Zeltstädte (beispielsweise in Amerika) -


- an ihre Grenzen stoßen, wäre das doch ein zukunftsweisendes Unterbringungsmodell mit Open-Air-Lagercharakter.

Ist es aber nicht. Angeblich. Oder vielleicht doch. Weil, erfahrungsgemäß weiß man ja nie, wozu die genialen Erfindungen von möglicherweise leicht durchgeknallten Wissenschaftlern eines Tages ge- oder missbraucht werden. Im vorliegenden Fall handelt es sich um die sogenannte "vorübergehende aufblasbare Stadt". Klingt das nicht anheimelnd? Ein paarmal kräftig Power durch die Blasebalge gepustet, und fertig ist das innovative Massenasyl.

Hervorragendes Feature der futuristischen Zeltstadt: Deren menschlicher Inhalt wäre perfekt von außen (oder aus der Luft) kontrollierbar, da die "Wände" der niedlichen knubbeligen Zelte aus "leicht transparentem" Material sind.


Aber natürlich ist das so von den erfindungsreichen Architekten nicht gedacht. Vorgestellt wurde die "vorübergehende aufblasbare Stadt" auf einem Architekturfestival in Frankreich mit Schwerpunkt auf "Luft und Textil". Luft und Textil - das klingt irgendwie nach Leichtigkeit und Luftigkeit und Naturnähe und ökologischer Sinnhaftigkeit und ganz toll. Und ist tatsächlich auch so gemeint:
"Diese Infrastrukturen bestehen aus mobilen mikro-architektonischen Teilen. Sie ermöglichen das Erschließen von experimentellen ökologischen Prinzipien und kreieren neue, nachhaltige Lösungen für Alltagsgewohnheiten und -bedürfnisse."
Wobei ich mir unter "nachhaltig" durchaus etwas anderes vorstelle als unter "vorübergehend". Doch wer wird kleinlich sein angesichts bahnbrechender neuer Lösungen für Alltagsgewohnheiten und - bedürfnisse?

Nicht unpoetisch, wenn auch etwas aufgeblasen äußern sich die Festivalmacher zu den provisorischen Mikrofaser-Freiluftcontainern:
"Die vorübergehende Stadt hat große Ähnlichkeit mit der realen Stadt, in der wir leben, mit ihren ständigen Zwängen und Begrenzungen, für die wir versuchen, unaufhörlich neue Antworten zu finden."
Keine Ahnung, wieso ich schon wieder an überschaubare Massen-Notunterkünfte denken muss. Ganz neu ist die Idee des aufblasbaren Wohnens übrigens nicht. Bereits 1975 schwärmte einer ihrer Protagonisten:
"Ein lebendes Ensemble - und so überraschend, wenn Sie, beeindruckt von der äußeren Erscheinung, einen Blick ins Innere werfen! Es ist natürliche Atmung. Es ist Architektur, die atmet und Sie atmen lässt. ... Sie erbeben, Sie öffnen die Augen, Sie lauschen, wollen lieben, sind ergriffen von einer starken, aktiven Stille, Sie leben, Sie stellen fest, dass Sie imstande sind zu leben. Dies ist das Warum und Weshalb den 'aufblasbaren' Wohnens."
Ein Text, der zum tiefen Durchatmen stimuliert, sowie zu dem Gedanken, dass für die Idee des aufblasbaren Wohnens die aufgeblasene PR bereits perfekt ausformuliert vorliegt. Bekanntlich lässt sich alles schönreden, speziell auf dem Gebiet des Lagerwesens.

Andererseits: Sollte das Campen unter freiem Himmel zum Zwecke des gesellschaftlichen Protestes - vorgeführt von den spanischen Indignados - im restlichen Europa irgendwann Schule machen, wäre die vorübergehend nachhaltig aufgeblasene Zeltstadt vielleicht gar keine schlechte Idee. So als Einstiegsmodell. Mit Pilotcharakter.
Ran an die Blasebalge, Leute. Yes we camp.

Kommentare:

  1. Möchtest Du öffentlich zelten, ohne erst nach Madrid fahren zu müssen? Du kannst es jetzt auch in Berlin tun.

    AntwortenLöschen
  2. Darauf hat mich R@iner schon vor zwei Tagen aufmerksam gemacht.

    AntwortenLöschen