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Donnerstag, 19. August 2010

Schwarmintelligenz


Ich muss schon sagen, der große Blonde mit dem schweren Schlafsack hat Nerven wie breite Nudeln. Wie ich heute früh in den Park einbiege und mich seelisch-moralisch für einen harten Augenblick wappne, liegt der doch glatt an seinem angestammten Platz, zusammengekringelt (nix Partisanenschlafhaltung!) wie ein sattes Baby, in seinem Schlafsack und tut, als ob gestern nichts gewesen sei. Während ich mich zuerst auf dem Fahrrad, danach auf meinem Blog ausheule.

Zumindest nehme ich an, dass es sich bei der Gestalt im Schlafsack um den großen Blonden handelte - man kann ja nie wissen. Theoretisch könnte sich ein anderer Freischläfer gestern nacht das unverhofft freie Schlafplätzchen unter den Nagel gerissen haben; allerdings lag der Schlafsack exakt an derselben Position wie immer, nämlich schräg unterhalb der steinernen Tischtennisplatte (Wind- und Regenschutz!), und wie immer stand rechts neben dem Kopfende eine kleine Wasserflasche mit exakt demselben Etikett wie sonst auch. Mithin kann es kein Vertun geben - er muss es gewesen sein. Wer sonst.

Ich gebe zu, mich wie ein Kind gefreut zu haben. Als ich an ihm vorbeifuhr, wurde mir ganz giggelig zumute: Ob er wohl meine Fahrradreifen auf dem Kies knirschen hört? Im Halbschlaf? Im Traum? Ziemlich geräuschvoll zischte ich 'Psst!' zu ihm hinüber, aber das hat ihn nicht gerührt; jedenfalls hat er sich nicht gerührt. Na gut. Hauptsache, er ist wieder da, Hauptsache, ich habe mich gefreut.

Das bisschen Freude am frühen Morgen konnte ich gut gebrauchen, denn am späten Morgen gab es geschwollenen Ärger. Als ich in den Hinterhof des Restaurants trat, um leere Flaschen aus Kunststoffwannen heraus in den Flaschenboy zu deponieren, war kurz zuvor ganz überraschend die Sonne herausgekommen - auch dies ein Grund zur Freude, eigentlich. Uneigentlich hielt sich die Freude dann doch in Grenzen. Gefühlte 92 leere Flaschen lagen in der prallen Sonne, die meisten davon Rot- und Weißweinflaschen (es muss gestern abend mal wieder mächtig gebrummt haben, umsatzmäßig).

Leider erwies sich die Mehrzahl der Flaschen als nicht leer; speziell die Rotweinflaschen enthielten Rückstände an Rotwein. Mit Rückständen meine ich nicht so ein paar Tröpfchen, sondern mehrere Fingerbreit je Flasche. Gut, mich geht's ja nichts an - aber ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal auch nur eine einzige Flasche mit so vielen Weinresten drin entsorgt hätte. Bei mir wird seit Jahren nichts, absolut nichts mehr weggeworfen, was ess- oder trinkbar ist. (Sollte jetzt jemand fragen: auch nichts Verdorbenes?, nein, auch nichts Verdorbenes, denn bei mir verdirbt seit Jahren nichts mehr, weil ich alles aufesse und -trinke, bevor es verdirbt.)

Ich stand also sinnierend vor all den halbleeren Flaschen, kam mir schon vor wie Tante Hildegunde, die aus der Nachkriegszeit erzählt ("...euch geht's zu gut! Ihr wisst nicht, was Hungern heißt!"), bückte mich schließlich inmitten der warmen, alkoholdunstgeschwängerten Luft - da schwirrte ein aufgeschreckter Wespenschwarm aus der Flaschendeponie und es kam, wie es kommen musste: Ein Stich, ein Schrei - gute Laune vorbei. Innenseite linker Oberarm, da, wo die Haut besonders dünn und und der stechende Schmerz am wirkungsvollsten ist. Ich tobte. Ich fluchte. Ich verfluchte die Gastronomie mitsamt ihren verpeilten Servicekräften, von denen - zu ihrem Glück, zu meinem Leidwesen - keiner anwesend war.

Gottseidank hat die Gastronomie auch ihr Gutes, nämlich überall Zwiebeln und Zitronen zur Hand. Nach einer halben Stunde war ich wieder in einem annähernd menschenwürdigen Zustand. Noch jetzt prangt an meinem linken Arm ein fetter Flatschen, noch jetzt verströme ich einen durchdringenden Geruch nach feinsten französischen Rotzwiebeln. Roh genossen kommt der Zwiebelgestank ja immer am besten.

Was soll ich sagen? Mittlerweile bin ich - endgültig, unwiderruflich und wild entschlossen - urlaubsreif.

Mittwoch, 4. August 2010

Bongoländer


Es ist gar nicht so leicht, seinen Blues zu pflegen, wenn man in der Gastronomie arbeitet. Geht mir jedenfalls so. Zumindest heute ließ mein Umfeld mir kaum eine Chance, mein fernwehbedingtes Trübsal zu blasen, von den ersten anderthalb Stunden mal abgesehen.

Frau Übermop hatte schon gestern gecheckt, dass mich irgendein Weltschmerz plagte, verkniff sich auch heute sämtliche Fragen und ließ mich diskret in Ruhe schrubben. Fand ich sensibel von ihr. Es gibt keine bessere Kombination als Trübsinn und Toilettenputzen; danach weiß man wenigstens, dass es schlimmer kaum geht, und erfreut sich bereits an den kleinsten Dingen, sei dies eine saubere Klobrille oder ein jugoslawischer Getränkelieferant, der sich nicht traut pinkeln zu gehen, weil der Boden noch wischfeucht ist und ich mit einem Zerberusgesicht die Toilettentür im Auge behalte, weil, den Blues zu haben und zweimal den Toilettenboden zu wischen kommt überhaupt nicht in Frage.

Der Jugoslawe hat, genau wie der Ehemann der spanischen Putzfrau, die Angewohnheit, mich "Mala" zu nennen, was mir ein böhmisches Dorf ist. Okay, wenn der Spanier "Mala" - manchmal auch "Malita" - zu mir sagt, verstehe ich das irgendwie, auch wenn ich ganz tief innen drin fest davon überzeugt bin, dass ich im Prinzip ein herzensguter Mensch bin. Aber Jugoslawisch kann ich halt nicht, und der Jugoslawe kann nur ganz wenig Deutsch, gerade so viel, dass er mich an der Toilettentür verwundert angeschaut und gefragt hat: "Mala, was ist los mit dir?"

Er tat das in diesem typisch balkanesischen, weichen Singsang, was dazu führte, dass ich auf der Stelle einen Kloß in den Hals bekam und keinen Ton herausbrachte. Er sah mich aufmerksam an, schüttelte ganz sachte den Kopf und singsangte leise "Mala, Mala...". Das gab mir den Rest. Ich schaffte es gerade noch, mit wackeliger Stimme zu sagen "Geh' endlich pinkeln!" Der Toilettenboden war mir plötzlich piepegal. Ich wollte nach Kuba, konnte kein Jugoslawisch, und überhaupt. Der Getränkelieferant blieb in der Tür stehen, lächelte mich an und hörte gar nicht mehr auf zu lächeln, lächelte immer breiter (der Boden musste längst getrocknet sein), sodass ich einfach zurücklächeln musste, obwohl mir nicht die Bohne danach zumute war, aber das Lächeln war stärker.

Frau Übermop hatte die Szene aus den Augenwinkeln beobachtet.
Sie schwieg.

Dann kam der brasilianische Sprücheklopfer und Bierlieferant. Er haute mir zur Begrüßung mit seiner klodeckelgroßen Pranke auf die Schulter und rief aufgekratzt: "Hey Chica, wann kommst du mit mir nach Brasilien Samba tanzen?" Frau Übermop ging sofort dazwischen: "Samba kannst du meinetwegen auch hier im Lokal mit ihr tanzen", aber das mit Brasilien solle er sich mal aus dem Kopf schlagen, weil, "die hat doch kein Geld, die liegt dir bloß auf der Tasche", außerdem habe sie sich jetzt endlich an mich als Kollegin gewöhnt und habe keine Lust, schon wieder eine neue Putzfrau einzuarbeiten. Das klingt rauh, war aber herzlich gemeint, wenn man Frau Übermops Abneigung gegen Komplimente im allgemeinen und ihre Vorliebe für Komplimente aus echtem Schrot und Korn kennt. Ich musste lachen, obwohl ich nicht wollte.

Als ich später mit dem Flaschenboy zu den Glascontainern schipperte, überlegte ich, dass Brasilien eigentlich auch keine schlechte Wahl wäre. Brasilien steht nämlich an zweiter Stelle meiner unerfüllten Herzenswünsche. Ich rumpelte den Flaschenboy an Ort und Stelle zurecht, dachte an Bahia und Bossa, ließ es ordentlich klirren und scheppern und - fing mir unverhofft einen Heiratsantrag ein. Von Bongo.

Bongo ist bei der städtischen Müllabfuhr und heißt wirklich Bongo. Nach eigenen Angaben stammt Bongo aus - wie könnte es anders sein - "Bongoland". In Bongos Fall ist Bongoland nicht Afrika, sondern Jamaika. Wenn Bongo einen guten Tag hat, haut er immer ein paar mal mit den flachen Händen auf die geleerten Mülltonnen drauf; das ist dann sozusagen die Buschtrommel, mit der er mich begrüßt. So auch heute; nur dass ich halt gerade heute keinen besonders guten Tag hatte.

Ob ich nicht mit ihm nach Bongoland kommen wolle, fragte er. Ich dachte an Calypso und Reggae und fand das erst mal nicht schlecht, also, mal rein so an und für sich. Bongo interpretierte mein Zögern falsch und schob rasch hinterher: "Wir können ja vorher heiraten!" Oder, fuhr er fort, am besten gleich in Jamaika heiraten, dort seien Hochzeitsfeiern immer eine sehr lustige Angelegenheit. An letzterem habe ich nicht den geringsten Zweifel; trotzdem bat ich mir Bedenkzeit aus. Bongo grinste und stieg auf sein volles Müllauto. Ich gondelte mit dem leeren Flaschenboy zurück zum Restaurant.

Frau Übermop hatte die Szene vom Fenster aus beobachtet. Sie stemmte beide Fäuste auf die Hüften und sagte: "Jetzt reicht's dann aber!" Was, fragte ich. "Was wollte der Müllmann von dir? Will er dich nach Afrika mitnehmen?" Nein, nach Jamaika, antwortete ich. "Ob Afrika oder Jamaika, ist mir wurscht - du bleibst hier!" Ich schaute sie mit runden Augen an. Herausfordernd fragte sie mich: "Ist das klar?" Ich gab ihr mein Jawort.

Auf dem Nachhauseweg dachte ich intensiv über Bongoländer und Scheinehen nach. Immerhin ist Jamaika gleich um die Ecke von Kuba, und falls die Reggaefreaks anfangen sollten, mich mit ihrem pseudopolitischen Hardliner-Gedöns, das sie neuerdings gern an den Tag legen, zu nerven, dann wäre es nur ein Katzensprung bis zur nächsten Insel und ich endlich am Ziel meiner Träume. Auf jeden Fall tat sich plötzlich ein zuversichtlich stimmender bunter Strauß an Optionen auf.

Als ich die Wohnungstür aufschloss, empfing mich sattes Schnarchen unterm Sofa. Vielleicht war der Hund einfach nur eifersüchtig gewesen, weil er gedacht hat, ich haue ohne ihn ab nach Kuba? Dummer Hund. Wie könnte ich. Ich gehe nirgendwo hin ohne meinen Blues.

Mittwoch, 7. Juli 2010

Ein Grund zur Aufregung


Man sollte bei diesem Wetter vermeiden sich aufzuregen. Sagte neulich bereits Frau Übermop und hatte damit recht wie fast meistens. Nur - was soll man machen? Wenn's kömmt, dann kömmt's, so ist das nun mal, und es hat sich noch kein Ärgernis dieser Welt ans Wetter gehalten. Mitunter kömmt es ganz dicke, und dann muss der Ärger raus, was natürlich zu vermehrtem Schwitzen führt, was ja wiederum gesund sein soll, auch wenn der vorbereitende Tobsuchtsanfall hitzebedingt als eher ungesund gilt.

Heute früh jedenfalls entschied ich mich fürs gesunde Schwitzen und nahm dafür den ungesunden, weil kreislaufgefährdenden Tobsuchtsanfall in Kauf. Der Anlass war nichtig, aber nichtsdestotrotz für Aufwallung sorgend, denn zu Arbeitsbeginn musste ich feststellen, dass irgendjemand mit meinen profilbildenden roten Schuhen (siehe Profilbild) Schindluder getrieben hatte, und da bin ich empfindlich. Obwohl die roten Schuhe naturgemäß ziemlich verschmutzt sind, gehören sie noch lange nicht in den Dreck geschmissen, was gewiss nicht aus Böswilligkeit geschah, vielmehr aus Hirnlosigkeit, im Resultat jedoch auf das Gleiche hinauslief: Ärger.

Ich schimpfte. Zwar laut, aber ganz normal halt. Ich schimpfte mir den Ärger von der Seele, und damit hätte es gut sein können, wenn nicht jemand den Fehler begangen hätte, mir zu unterstellen, ich sei es wohl selbst gewesen, die ihre Schuhe in den Dreck verschusselt habe, und der Unterstellung die Worte folgen ließ: "Kennt man ja von Putzfrauen!", was wiederum den ersten Tobsuchtsanfall des Tages folgen ließ. (Böse Zungen behaupten ja, Putzfrauen würden in Wirklichkeit dazu gebraucht, das mysteriöse Verschwinden von Familienschmuck, Tafelsilber und Tresorinhalten zu erklären; das bisschen Putzen diene lediglich der Verschleierung jenes peinlichen Sachverhaltes.) Das war um zehn nach sieben. Gut, da war es noch nicht soo heiß, also wird es auch nicht so furchtbar ungesund gewesen sein. Auf alle Fälle fühlte es sich hinterher gesund an.

Drei Stunden später, bei brütender Hitze, der zweite Tobsuchtsanfall. Mit dem randvollen Flaschenboy im Anschlag nähere ich mich dem Altglascontainer. Sehe von weitem, dass zwei Hundebesitzerinnen sich direkt vor den Containern angeregt unterhalten, während ihre voluminösen Haustiere auf dem schattigen Boden kauern. Sehe aus der Nähe, dass die beiden Köter nicht etwa kauern, sondern im Begriff sind, sich auf typische Weise zu krümmen. Während der eine von beiden bereits dampfendes Zeugnis seiner Notdurft abgelegt hatte und zu einem Nachschlag sich krümmte, war der andere noch ganz mit den die Entleerung vorbereitenden Darmverkrümmungen beschäftigt. All dies unmittelbar vor den Einwurflöchern der Container. Es roch nach Ärger.

Ich schimpfte. Zwar laut, aber ganz normal halt. Damit hätte es gut sein können, wenn nicht die eine der beiden Hundebesitzerinnen an mein Verständnis appelliert hätte, dass den Hunden die Hitze ebenso zusetze wie den Menschen, weshalb Hunde nun mal gern den Schatten aufsuchten. Sie tat dies durchaus maßlos und keinen Widerspruch duldend, wie man es eigentlich nur von Hundebesitzern kennt. Ich erklärte ihr, dass ich den Glascontainer nicht wegen seiner Schattenspende aufsuchte und mich von der Verbindung Schatten/Scheiße an meiner Arbeit gehindert sähe. Ich tat dies durchaus streng und keinen Widerspruch duldend, wie man es eigentlich von einer Putzfrau nicht so kennt. Und halt ein wenig lauter, aber immer noch normal.

Damit hätte es gut sein können, wenn nicht die andere Hundebesitzerin den Fehler begangen hätte, mich abschätzig von unten (ultraverdreckte rote Schuhe, verschmutzte Schürze) bis oben (Arbeitshandschuhe, fleckige Kappe) zu mustern und mich zu fragen: "Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?", worauf der nächste Tobsuchtsanfall seinen Lauf nahm. Die beiden Frauen reagierten perplex, aber noch perplexer die Hunde: Sie schienen beide in ihrer gekrümmten Position zu erstarren, der eine mit geducktem Kopf, der andere böse zu mir nach oben spähend und dabei anhaltend knurrend.

Wenn ich heute eines gelernt habe, dann dies: Knurrende Hunde scheißen nicht. Sie mögen beißen, aber zu scheißen vermögen sie nicht, solange sie knurren. Was mich mit besonders genussvoller Schadenfreude erfüllte, war der Umstand, dass der knurrende der beiden Hunde derjenige mit dem trägen Darm war, mithin derjenige, der sich von dessen Inhalt noch nicht emanzipiert hatte. Krampf und Krümmung bei gleichzeitigem Knurren machten ihn völlig obstipat. Der zweite Hund zerrte mit gekrümmtem Rücken an der Leine, strebte weg von Tatort, Ersthaufen sowie einer randalierenden Mrs. Mop, die jeden ihrer Sätze mit einem Flascheneinwurf in überdurchschnittlicher Lautstärke skandierte. Akustisch war ich ganz klar im Vorteil. Argumentativ sowieso. Und so rein allzumenschlich gesehen ging es mir auch nicht schlecht dabei. Außer dass ich tierisch geschwitzt habe.

Es waren wohl Selbstreinigungskräfte am Werk. Mein Putzjob zwingt mich zur Seelenhygiene. Und das ist gut so.


Dienstag, 1. Juni 2010

Rückenschwäche


Es kam, wie es kommen musste. "Und, was sagst du zum Rücktritt vom Köhler?" Statt meine Antwort abzuwarten, sprach Frau Übermop einfach weiter, so dass wir beide gleichzeitig ihre Frage beantworteten und natürlich kein Wort verstanden von dem, was die andere sagte, außer einem einzigen Wort, welches in beiden Antworten enthalten war. Das Wort hieß Rückgrat. Wir starrten uns entgeistert an und fragten uns, wieder gleichzeitig: "Wie, Rückgrat?"

Wie sich herausstellte, hätten unsere Vorstellungen von Rückgrat unterschiedlicher nicht sein können. Sie fand, dieser Rücktritt zeuge von Rückgrat und nicht etwa von dessen Fehlen und verdiene darum Respekt; ich war in allen drei Punkten gegensätzlicher Ansicht. Wir gerieten uns ordentlich in die Putzwolle. Damit nichts eskalierte, griff ich zum Flaschenboy, schob ab und pfefferte mit hohem Klirrfaktor geschätzte 57 leere Flaschen in den Container, jede einzelne dem Rückgetretenen hinterher. Bei meiner Rückkehr meinte ich versöhnlich, ob wir uns nicht auf Raab for President einigen könnten, was die beiden anwesenden Getränkelieferanten wesentlich lustiger fanden als Frau Übermop.


PS: War sonst noch was? Nein. Doch. Wer mir auch nur einen, nur einen einzigen Gastronomen nennen kann, der zur Zeit nicht gefährlich übersäuert durch die Gegend läuft, dem spendiere ich eine Palette Zitronen. Ja, ja, ich weiß, das schlechte Wetter. Sagen alle. Sogar die ohne Biergarten.


Dienstag, 13. April 2010

Flaschenwurf


So ein Altglascontainer hat ja seine Tücken. Nämlich dann, wenn er quasi doppelt gemoppelt ist und statt drei Einwurföffnungen sechs hat. Also vorne drei Löcher und hinten drei Löcher, und weil die sich gegenüberliegenden Löcher jeweils in einen gemeinsamen Riesencontainer (grün, braun, weiß) münden, passen in jeden dieser Teilcontainer Unmengen von Flaschen, was wiederum den Handschwung beim Einwerfen verstärkt und, logischerweise, auch den Krach und irgendwie auch den Spass. Weil, bei geschätzten 50 leeren Flaschen (können auch 70 sein) merkt der Flaschenwerfer irgendwann, wie kontrollierte Aggressionsabfuhr funktioniert.

Ganz toll ist auch, dass das schwungvolle Einwerfen ganz ohne Hinschauen klappt: Links für weiß, Mitte für braun, rechts für grün, das hat der Wurfprofi längst verinnerlicht; während die Hände routiniert werfen, darf der Blick nach oben in die knospenden Bäume schweifen. Oder herumgucken, was auf der Gasse so passiert.
So weit, so tückenfrei.

Es offenbart sich aber die Tücke des Objektes, wenn der Flaschenwerfer sich eines Tages gezwungen sieht, die hinteren drei Öffnungen zu benutzen, weil 'seine' gewohnten vorderen drei von einem fetten SUV zugeparkt sind. Erst dachte ich nichts Böses, warf meine Flaschen wie immer und schaute in der Gegend herum. Eine Frau mit einem Hund, einem kleinen Jungen an der einen und einer großen Flaschentüte in der anderen Hand näherte sich. Fing an mit mir zu plaudern, während sie wartete, bis ich fertig wurde. Kind brabbelte mit Hund. Flaschen klirrten. Bäume knospten.

"Mamiii!" brüllte das Kind plötzlich und streckte seinen kurzen Arm mit dem kleinen Zeigefinger streng gegen mich. "Mami, die darf das nicht!" Voller Empörung beobachtete der Zwerg, wie meine rechte Hand grüne Flaschen in die 'weiße' Öffnung warf, während die linke Hand weiße Flaschen ins Loch 'für grün' versenkte und meine Augen dabei auf Mami gerichtet blieben. Es dauerte aber, bis ich das überhaupt kapierte, so sehr war ich in meiner alten Gewohnheit gefangen. Sogar als ich die drei Öffnungen fest in den Blick nahm, zuckte meine Hand mit den grünen Flaschen immer noch nach rechts. Mit dem Doppelcontainer verhält es sich so tricky wie mit dem Paartanz: Sie geht mit dem rechten Fuß zurück, er mit dem linken vor. Man muss nur wissen, auf welcher Seite man steht.

Als ich mich zum Gehen wandte, hörte ich das Kind entrüstet zu Mami sagen, "die Frau" müssen doch jetzt aber die Flaschen wieder aus dem Container herausholen und dann "richtig reinmachen". Ich floh.

Hilfe.

Mittwoch, 10. März 2010

Flaschen-Post


Ach ja, der Flaschenboy. Sprach ich doch gestern noch von ihm wie von einem alten Bekannten. Oder wie von einem treuen, wenn auch etwas doofen Hund, den ich täglich zur Entleerung nach draußen führe. Heute ging ich zum letzten Mal mit ihm Gassi. Danach wurde er verschrottet.
Es traf mich unvorbereitet, obwohl gerade dieser Flaschenboy, wie schon gesagt, ein ziemlich doofes Ding ist. Aber erstaunlicherweise ist selbst mit doofen Gegenständen ein friedliches Koexistieren möglich, wenn man sich nur lange genug aneinander gewöhnt hat. Kennt man ja von irgendwoher. Jetzt steht er da und hat ausgedient. Der Entsorger selbst wird entsorgt.

Weil nämlich um Punkt halb sieben (es wurde noch rascher hell als gestern) die Handwerker kamen und die halbe Küche umkrempelten. Neue Teilsysteme. Irgendwie effizienter. Den Arbeitsabläufen besser angepasst. Wenn ich das richtig verstanden habe. In der Theorie. Die Praxis konnte ich leider nicht mehr begutachten, denn als ich Feierabend machte, herrschte überall noch Baustelle. Jedenfalls soll im Zuge der Umbauten ein neuartiges Altglas-Entsorgungs-Subsystem implantiert werden. Eines, was auf keinen Fall Flaschenboy heißen wird. Weil das neuartige System einen Flaschenboy überflüssig mache, hieß es. Vielleicht bekomme ich ja eine computergestützte Fernsteuerung, mit der ich alle Leerflaschen zielgenau programmieren und wie kleine Mittelstreckenraketen zum Glascontainer beamen kann. Farblich vorsortiert, versteht sich. Ich bin auf alles gefasst.

Dienstag, 9. März 2010

Dem Frühling auflauern


"Hach, Frühling", seufzte ich verzückt, als gegen neun Uhr die ersten wärmenden Sonnenstrahlen schräg ins Restaurant fielen. Solange die Sonne noch so flach steht wie jetzt, wirkt das Lokal urplötzlich wie lichtdurchflutet. "Hach, Frühling", seufzte ich, blieb im breitesten der Strahlen stehen, schloss die Augen und genoss. "Ach was, wir sind noch mitten im Winter", brummte Frau Übermop, wie immer unerbittlich realitätsnah. Pff, machte ich und ging nach draußen, wo der Flaschenboy samt klirrender Kälte wartete.

Heute war der erste Tag, wo der Weg zum Glascontainer völlig frei war von Schnee- und Eiskrusten. Stattdessen rumpelte der Flaschenboy über endlose Geröllhalden (Rollsplitt) und machte dabei sehr hässliche Geräusche. Egal, die Sonne schien. Sie schien auch direkt auf den großen Glascontainer, zumindest auf zwei Drittel von ihm, nämlich die beiden Einwurföffnungen für weißes und braunes Glas. Rechts daneben die Öffnung für grünes Glas lag in tiefem, eiskaltem Schatten.

Aus Gewohnheit nehme ich immer die grünen Leerflaschen in die rechte Hand, die braunen und weißen in die linke. So geht das Verteilen am schnellsten: links weiß, Mitte braun, rechts grün. Als der Flaschenboy halbleer war, begann ich links zu schwitzen und rechts vor Kälte zu zittern. Die linke Gesichtshälfte glühte, die rechte fühlte sich wie tiefgefroren an. Links war ich Frühling, rechts war ich Winter.

Ja, ich liege dem Frühling auf der Lauer. Frühmorgens erwische ich ihn auf frischer Tat. Die Dämmerung beginnt um halb sieben, und dann wird es in Windeseile hell. Zur Zeit kann man dem rasanten Übergang von der Nacht zum Tag buchstäblich zuschauen; nicht so ein ewiges verhuschtes Halbdunkel wie im Januar und Februar. Jeden Morgen nimmt die Dämmerung noch an Fahrt auf, jeden Morgen wird es schneller heller, jeden Morgen fühlt sich das Gemüt angesteckt vom flotten Tempo des beginnenden Tages.
Das muss, das kann nur der Frühling sein.


Dienstag, 22. Dezember 2009

Schnee von heute


Alle reden vom Wetter und davon, wie sie im Schnee steckengeblieben sind. Vor der Garage oder auf dem Parkplatz oder unterm Ärmelkanal. Jeder hat eine Geschichte parat. Mrs. Mop seit heute auch.
Es blieb nämlich der randvolle Flaschenboy auf freier Strecke stecken, einfach so, wie man es sonst nur von den ICEs kennt. Eine durch Schneemassen verursachte spontane Betriebsstörung. Nichts ging mehr. Weder vor noch rück. Kein Schieben, kein Ziehen. Da der Flaschenboy mitten auf der Straße liegenblieb, erwägte ich schon, ein Auto anzuhalten und um Anschubhilfe zu bitten. Frau Übermop war dagegen. Es half alles nichts, die gefühlten hundert Leerflaschen mussten aus dem Flaschenboy in Kisten umgepackt und von Hand zu den Containern geschleppt werden. Was heißt von Hand - von Körper! Durch Schnee, Matsch und gurgelnde Riesenschneewasserpfützen. Ganzkörperlicher geht's nicht.

Tröstlich ist, dass man nicht alleine von Schicksal und Schneemasse geschlagen ist. Jeden kann es treffen, ob Mensch oder Tier. Hier ist, glaube ich, eine Hummel steckengeblieben:


Hier scheint einem Affen das Lachen im Hals steckengeblieben zu sein:


Das hier sieht ganz nach steckengebliebener Taube aus. Kann aber auch sein, dass sie festgefroren war:


Ist ja auch egal. Sind wir nicht alle ein bisschen steckengeblieben?


Montag, 7. September 2009

Rad ab

Der hat wohl ein Rad ab, geht eine gebräuchliche Redensart. Gemeint natürlich im übertragenen Sinne, etwa wie Bei ihm ist eine Schraube locker, um in der maschinell-technischen Metaphorik zu bleiben, oder auch Sie hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, eine Redensart traditionell-häuslicher Provenienz. Beim Googeln nach dem metaphorischen Umfeld von Rad ab stieß ich auf die Universität Oldenburg, Fachbereich Psychologie, und habe viel gelernt und gelacht.
Dort findet sich nämlich zum Thema Metaphernanalyse ein so erhellendes wie erheiterndes Referat. Es geht um die metaphorische Alltagsumschreibung von Krisen- und anderen seelischen Zuständen, wo 'die gesuchten psychischen Extremzustände in Bildern von beschädigten Werkzeugen oder Maschinen benannt werden'. Kennt man ja: Beim einen rappelt es, der zweite dreht durch, der dritte tickt nicht richtig und wird ebendrum in Bälde wohl ein Rad ab haben. Ich kann mir die Heiterkeit vorstellen, welche die Studentin beim Vortragen ihres Referates ausgelöst haben dürfte:
A hat ein Rad ab,
B hat 'ne Panne,
bei C ist die Luft raus,
D ist überdreht,
E hat überhaupt nicht geschaltet,
F ist ins Schleudern gekommen,
G stand unter Dampf, den er aber nicht ablassen konnte,
H hat Gas gegeben,
I kriegt die Kurve nicht.
Zuweilen ist man ganz überrascht, wenn einem bei all dem gewohnheitsmäßigen Metageschwurbel mal ein wortwörtlicher Sinnzusammenhang unterkommt. Wenn beispielsweise infolge eines abben Rades eine Panne sich ereignet, das Fahrzeug ins Schleudern kommt und aus der Kurve fliegt und somit die Luft aus allem raus ist. Es ist nämlich so: Der Flaschenboy hat ein Rad ab, und zwar tatsächlich. Ich meine, gesponnen hat er schon immer, der Flaschenboy, aber jetzt hat er, ganz unmetaphorisch, die Grätsche gemacht. Einseitiger Radbruch. Materialschwäche. Maroder Kunststoff, fürs Kaputtgehen konstruiert. Dummheit auf Rädern.
Ohne Räder sieht der Taugenichts noch dümmer aus. Ein Flaschenboy ohne Räder ist wie ein Ackergaul ohne Hufe, sprich zu nichts zu gebrauchen. Beide fressen sich voll, der eine mit Heu, der andere mit leeren Flaschen, dann stehen sie vollgefressen rum und rühren sich nicht vom Fleck; Luft raus, sozusagen. Währenddessen Mrs. Mop mächtig unter Dampf stand, den sie aber nicht ablassen konnte.
Als Problemlöser in der Not erwies sich ein solider Sackkarren alter Schule: Stahlrohrgestell, Vollkautschukräder, null Kunststoff. Der wuppt das dumme Ding auf seine Schaufel, bringt es in stabile Schräglage, der Rest ist bequemes Schieben. Wobei, aus der Perspektive des Flaschenboys ist es Geschobenwerden - er hockt halt radlos da vorne drauf und lässt sich von mir wie im Rollstuhl durch die Gegend kutschieren. Das Ganze sieht ziemlich von der Rolle aus, um im Bild zu bleiben, funktioniert aber gut. Über den Anblick haben sich die Jungs von der Müllabfuhr prächtig amüsiert; "Mülltonnentaxi", meinte der eine, der andere sagte was von "Pflegestufe", während der dritte nur den Kopf schüttelte und ein paar Mal "krrrass!" hervorstieß. Ich gab dann Gas, kriegte gerade noch die Kurve und konnte so doch noch ein bisschen Dampf ablassen.

Mittwoch, 29. Juli 2009

Absturzgefährdet

Nichts bleibt, wie es war. Gestern genervt, heute gegafft. Heute nahm ich den Krach von gestern gar nicht mehr wahr, so gebannt stand ich am Restaurantfenster und hielt Maulaffen feil. Irgendwann hielt ich es drinnen nicht mehr aus; es zog mich mit Macht hinaus in die Gehwegnasen-Vorhölle. Mitten hinein in diese chaotisch anmutende Ausgrabungsstätte, an der - einem geheimnisvollen, für mich kaum zu erschließenden Systemprinzip folgend - das Unterste zuoberst gekehrt wird.
Schon jetzt lässt sich eindeutig feststellen, dass in puncto Gehwegnase das Restaurant die Nase vorn hat: Keine andere Straßenecke bekommt einen so ausladenden Riesenzinken; keine andere Straßenecke bietet so viel krawallige Action. Ich war nicht die einzige, die sich der Gafferfreude hingab, auch nicht die einzige, die fotografierte, halt nur die einzige mit einer weißen Schürze und einem Flaschenboy im Schlepptau. Alle starrten wie hypnotisiert auf die aggressiv gebleckten Zähne der Baggerschaufel,
auf das stete Heben und Senken, auf die permanente Suchbewegung des Schaufelarmes nach der richtigen Position, auf die Veränderung des Schaufelwinkels im entscheidenden Moment,
auf das Innehalten der schwankenden Schaufel kurz vor dem finalen Biss in den Boden, bis es schließlich hieß -
Zugriff! Für eine bange Sekunde hielten dann alle die Luft an, bevor endlich zu sehen war, was die Schaufel zutage förderte - das Richtige? Oder irgendwas Verkehrtes? Volle Ladung? Oder nur ein paar Erdkrümel? Oder womöglich gar nichts? Wenn letzteres passierte - und es passierte mehr als einmal -, war es dem Baggerführer sichtlich peinlich, weil der schaulustigen Menge unisono ein enttäuschtes 'Ooh!' entfuhr. Griff er dagegen in die Vollen, kündete ein langgezogenes 'Aaaah!' von tiefer Befriedigung infolge Spannungsabfuhr.
Bei diesem Volltreffer wurde sogar spontan Beifall geklatscht. Das Dumme war nur, dass der Betonklotz, kaum dass er auf der Schaufel balancierend nach oben schwebte, sein Gleichgewicht verlor und meteoritengleich zurück in die Tiefe stürzte. Mindestens vier der versammelten Foto-Gaffer (mich eingeschlossen) brüllten gleichzeitig 'Neiiin!'. Keineswegs aus Enttäuschung oder Schreck, sondern aus Ärger: Hatten wir doch alle abgedrückt, als der Klotz erfolgreich geborgen schien. Keiner von uns war schnell genug am Drücker gewesen, um das unerwartete Scheitern fotografisch festzuhalten - das wäre doch das symbolträchtige Motiv der Stunde gewesen. Der Absturz lauert schließlich überall. Wer wüsste das nicht in diesen unangenehmer werdenden Zeiten.

Nichts bleibt, wie es war. Gestern stand der Altglascontainer noch dort, wo jetzt der Bagger parkt. Heute mittag stand der Container dort, wo heute morgen noch das Pixiklo stand.
Gut, ein Klohäusl mitten auf der Straße, kann man verstehen, dass sie es dezent ein wenig nach hinten und dafür den Glascontainer in die erste Reihe gerückt haben. So finde ich ihn auch leichter. Denn es ist ja nicht gerade so, dass der Zugang zum Glascontainer barrierefrei wäre - was per Luftlinie nach einem Katzensprung aussieht, ist de facto ein aufwendiges Gekurve um Baulöcher und -fahrzeuge herum, immer auf der Suche nach einer abgesenkten, aber noch nicht ausgehobenen Stelle am Gehweg, die mir der tolpatschige Flaschenboy nicht allzu übel nimmt.
Ich ertappte mich bei der Phantasie, den überquellenden Flaschenboy Hals über Kopf in den Baugrund zu kippen, um dann gierig zu gaffen, wie die Baggerschaufel mit einem kraftvollen Hub denn Flaschenberg nach oben wuppt und auf die andere Seite der Straße hievt. Erstaunt hörte ich meine Stimme ein lautes, langgezogenes 'Aaaah!' machen.

Montag, 27. Juli 2009

Vom Bau

Um neun Uhr heute früh wurde es irrsinnig aufregend. Eine Baubrigade rückte an. Baufahrzeuge, von denen ich allesamt keine Ahnung habe,
aber ich nenne sie mal Traktoren, Tieflader und Raupenfahrzeuge, weil die so schön martialisch klingen, und martialisch ging es zu, heute früh um neun. Was für ein Getöse. Sie luden Unglaubliches ab.
Man hätte meinen können, sie riegeln den kompletten Straßenzug ab wegen einer der Militanz verdächtigen Großdemo.
Dabei wollen sie bloß Gehwegnasen bauen. Keine Geh-weg-Nasen, vielmehr Gehweg-Nasen. Eine Gehwegnase ist, wenn der Gehweg sich an einer Straßenecke verbreitert in den Straßenraum hinein. Wenn ich das richtig verstanden habe, zum Zwecke der besseren Verkehrsübersicht des Fußgängers. Es sei.
Dann sprühten sie fette rote Kreise auf die Straße, die sollten wohl die künftigen Nasenlöcher der Gehwegnase markieren.
Dann hauten sie mit einem fetten Hammer lauter fette Nägel in die fetten roten Kreise.
Wenn ich es richtig verstanden habe, zum Zwecke einer "verkehrsoptimalen Rundung" der Gehwegnase. Es sei auch dieses.
Zu meinem Glück taten und erklärten mir die Bauleute all das, während ich gerade mit dem Flaschenboy lautstark vorbeigescheppert kam. So hatte ich Gelegenheit zu fragen, ob die neuen Nasen denn auch ordentlich abgeflachte Nasenschwellen bekommen würden, zum Zwecke der konvenienten Lenkung eines in sich instabilen Flaschenboys. Klar, antworteten sie, sie dächten ja auch an die Radfahrer, die Kofferzieher, die Kinderwagenschieber, die Rollstuhlfahrer; und mein Flaschenboy, versprachen sie mir, würde über die Gehwegnasenschwellen schweben wie von selbst. Das stimmte mich milde. Ich fing an, mich auf die neuen Gehweggurken zu freuen.

Donnerstag, 2. Juli 2009

Soziale Kälte, revisited

Heute früh empfing Frau Übermop mich mit diesem gewissen Blick, den ich mittlerweile gut kenne an ihr. Sie schaut dann ganz ernst drein, schließlich will sie mir gleich etwas ganz Ernstes sagen. Aber irgendwo in den Augen blitzt ein versteckter Schalk: Sie grinst dann, sozusagen, ganz leicht aus den Augenwinkeln, obwohl ihre Mundwinkel keinerlei Anstalten machen zu lächeln. Ich wusste also heute morgen, aha, da ist ein Geschoss im Anflug. Es kam zunächst ganz harmlos daher in Gestalt einer Feststellung: "Du hast am Dienstag was vergessen!" Gemeint war: Im Rahmen meiner Putzaufgaben habe ich am Dienstag etwas vergessen zu tun.
Fieberhaft rekapitulierte ich gedanklich, was am Dienstag alles war, es wollte mir nicht gleich einfallen, kein Wunder, es war ja schon wieder 28 Grad warm, und beim Spüren der 28 Grad Wärme erinnerte ich mich, dass es am Dienstagmorgen auch verdammt warm war, und dass in meinem Blog am Dienstag etwas steht von wegen großer Schwüle, beziehungsweise Kälte, und dann fiel mir endlich das Kühlhaus ein und ich fragte: "War was mit dem Kühlhaus?" (So ein Blog ist wirklich prima gegen Ausfallserscheinungen im Kurzzeitgedächtnis.)
Frau Übermop schüttelte den Kopf und ließ mich noch ein Weilchen vergeblich raten. Sichtlich genoss sie es, die Katze nicht vorschnell aus dem Sack zu lassen. Dann kam das Projektil angeschossen: "Vor lauter Schäkern mit den Lieferanten im Keller hast du vergessen, den Haupthahn zum Wasserschlauch zuzudrehen." Sagte ich Geschoss? Bei mir kam es an wie eine Mittelstreckenrakete. Auf der Stelle wurde mir siedend heiß (bei 28 Grad, bitte). Mein erster, mein einziger, mein alles beherrschender Gedanke war: Frau Übermop liest in meinem Blog mit! Zwar ist in jenem Dienstagspost keine Rede von Schäkern, und was sich faktisch am Dienstag im Kühlhaus abgespielt hatte, war gewiss kein Schäkern, sondern eine kurze gemeinsame Auszeit von der unerträglichen Hitze; gewissermaßen eine kleine Flucht in die soziale Kälte (um diesen Begriff endlich einmal positiv zu besetzen). Aber bekanntlich entsteht ein Bild nicht im Text, sondern im Kopf des Lesers. Und Frau Übermop hat ja durchaus ihren eigenen Kopf. Mir wurde immer heißer. Ich wollte für den Rest meines Lebens nur noch ins Kühlhaus. Die liest in meinem Blog mit!
Tut sie natürlich nicht. Sie hat lediglich eine faktische (Wasserhahn) mit einer fiktiven (Schäkern) Aussage verknüpft, anders gesagt, sie hat spasseshalber mal so ein krummes Ding ausgelegt, um zu schauen, wie ich reagiere. Inzwischen lachten auch die Übermop-Mundwinkel breit. Das musste an meiner gesunden roten Gesichtsfarbe liegen. Reichlich lahm fragte ich, welchen Lieferanten sie jetzt meine? Und da war er schon wieder, dieser Blick, passend zur Antwort: "Na, es waren ja genug hier am Dienstag!" Da hat sie nun auch wieder recht. Die Getränkelieferanten gaben sich die Klinke in die Hand, klar, bei dem Wetter. Es wurde eine Unmenge, was sage ich, ganze Flotten von Getränkekästen in den Keller hinunter, Leergutkästen aus dem Keller nach oben geschleppt. Nicht nur die Kellertreppe war dauernd blockiert von schleppenden Kerlen, sondern der gesamte Kellergang sowie der Getränkekeller selbst. Eine herumwischende Putzfrau macht sich da nur unbeliebt.
Also blieb der Putzfrau gar nicht anderes übrig als sich zwischendurch immer wieder entspannt auf ihren Schrubber zu stützen, um die Dinge oder die Kerle an sich vorbeiziehen zu lassen, und dabei fiel natürlich das eine oder andere Wort. Man ist ja in keinem Stummfilm, weder als Putzfrau noch als Getränkelieferant. Und dass man bei solcherart fraktalem Arbeiten auch mal einen Wasserhahn aus den Augen verliert...hm ja, kann zwar vorkommen, sollte aber besser keinesfalls vorkommen. Ich entschuldigte mich angemessen. Meine Erleichterung darüber, dass Frau Übermop sich eindeutig auf die Getränkelieferanten bezog und nicht auf mein Blog, war so groß, dass ich alles zugab und nichts abstritt. Ich meine, wenn sie die schleppenden Flaschenboys nicht erwähnt hätte, würde ich jetzt noch mit rotem Kopf vor dem Computer sitzen. Weil ich ja denken würde, Frau Übermop liest jetzt grade mit. Jessas.


Dienstag, 16. Juni 2009

Dummheit auf Rädern

Katastrophe. Der neue Flaschenboy ist da. Der alte (links) wendet sich mit Grausen.
Der neue hat den Namen Flaschenboy nicht verdient. Kein Mensch nennt ihn so, alle sagen "das Ding" zu ihm. Bei Frau Übermop heißt er "das komische Ding", für Mrs. Mop ist er "das dumme Ding". Frau Übermop findet, er sieht komisch aus. Mich interessiert die Optik weniger als die Funktion, schließlich muss ich mit dem dummen Ding durch die Gegend eiern. Anders kann man es nicht nennen. Apropos, das mit den Eierkartons zum Abdichten des (alten) Flaschenboy-Bodens ging natürlich voll in die Hose, um im Bild zu bleiben. Oder halb, um korrekt zu sein: Statt eines gleichmäßigen Rinnsals ließ der Gebrechliche nun lauter unregelmäßige Pfützchen hinter sich. Es war nicht mehr vertretbar. Er musste aufs Altenteil.
Jetzt also ein neuer. Er ist das Dümmste, was mir je über den Weg gelaufen ist. Er ist ein taumelndes Nichts. Weil er nämlich kein Eigengewicht hat. Oder so gut wie keines. Und damit keine Persönlichkeit. Klingt jetzt für Uneingeweihte vielleicht ein wenig haarsträubend, ist aber so. Ich meine, wenn ich einen (gescheiten) Flaschenboy hinter mir her ziehe, will ich sein Gewicht spüren; ich will nicht spüren, dass da nichts ist. Er kriegt einen kleinen Tritt, dadurch neigt er sein Gewicht meiner Hand entgegen und lässt sich mühelos ziehen (wir reden jetzt nicht von Vulkankratern auf der Straße). Prinzip Hackenporsche eben.
Bei dem neuen spürt man gar nichts. Als ich ihn das erste Mal unten leicht angekickt habe, fiel er einfach um. Rollte nach hinten weg und peng. Ihm fehlt jegliche Statik, oder nennt man das dann schlechte Statik? Während der alte Flaschenboy sich aus jedweder labilen Position immer wieder von selbst zurechtgeruckelt hat (gut, ich musste halt immer so lange warten, aber es hat funktioniert), reagiert das neue Ding in egal was für einer labilen Position immer nur mit einem: Es fällt um. Der alte blieb dauernd stehen, der neue fällt dauernd um. Keine gute Entwicklung.
Wozu der vielen Worte, das Bild oben sagt alles: Man betrachte (links) die breite Radachse und bekommt ein Gefühl für die Stabilität und den tiefliegenden Schwerpunkt des Good Old Boys. Seine Räder liegen weit auseinander und seitlich des Containerbodens. Bei dem neuen Ding stehen die Räder viel enger und unterhalb des Bodens. Kann ja nicht gut gehen. Von der Radqualität selbst will ich gar nicht erst anfangen - ich sage nur: Massivgummi versus irgendein obskurer Hartkunststoff. Letzterer mit null Dämpfungsvermögen beim Rollen über Stock und Stein; obendrein ein krasser Sound, so kratzig-schabend-schauerlich und irgendwie nicht von dieser Welt. Mit welcher ich für heute fertig bin. Weil aus dem bisher so fidelen Flaschen-Rumgekarre ein ganz und gar freudloses Gehampel geworden ist. Aus dem gemütlichen Haustier ein überreaktiver Fremdkörper. Ich hör ja schon auf.
Einer geht noch. Irgendwie sieht man seiner Physis
die Dummheit an, finde ich. Frau Übermop hat wieder mal recht. Architektonisch nachgerade komisch, oder? Ein Riesenkorpus auf zwei winzigen Füßchen. Unsicher auf den Beinen. Erkennbare Tendenz zur Schlagseite. Kann ja nicht gut gehen. Dummes Ding.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Schieflagen

Um den Flaschenboy in Bewegung zu versetzen, muss man ihm unten einen kleinen Tritt geben. Dadurch kippt er nach vorne in Schräglage, so dass er sich ohne großen Kraftaufwand ziehen lässt, selbst dann, wenn er randvoll mit leeren Flaschen ist. Randvoll ist er so gut wie immer. Also ist er sauschwer. Aber er macht es mir nicht schwer. 
Fester Griff oben, kleiner Tritt unten und ab geht die Luzie. Hebelwirkung vom Feinsten. Den Rest besorgen die zwei fetten Gummiräder. Allerdings nur solange sie auf einem einigermaßen glatten Untergrund rollen. Nun ist unser gemeinsamer Morgengang zum Altglascontainer zwar kurz, dafür gepflastert mit Schikanen aller Art - Asphaltlöchern auf der Straße, holprigen Bürgersteigen, krummen Bordsteinschwellen. Von Rollen kann also keine Rede sein, höchstens von Rumpeln. Denn der Flaschenboy muss ja auf diese Unebenheiten ständig mit ruckartigen Eigenbewegungen reagieren, sonst würde er seine Balance verlieren. In solchen Momenten ist weder mir noch Außenstehenden wirklich klar, wer hier eigentlich an wem zieht. Aber irgendwie schaffen wir das. Es fühlt sich ein wenig so an, als ob ich ein störrisches, aber im Prinzip gutartiges Riesenhaustier hinter mir her bugsiere: Manchmal hat das Viech keine Lust und bleibt einfach stehen. Ich dann auch, was soll ich machen, in puncto Body mass index ist es mir haushoch überlegen. Gut zureden hilft meistens. Einmal habe ich meine Stimme sagen hören "Mann, stell dich nicht so an!", danach ging's wieder.
Auf dem Rückweg vom Container verhält sich der Flaschenboy immer ganz handzahm, kein Wunder, da muss er nur noch sein Eigengewicht tragen. Er wackelt und tänzelt dann so rum, bleibt aber im Großen und Ganzen fügsam. Gutgelaunt halt irgendwie, genau wie ich auf dem Rückweg.

So, das war die lange Einleitung zum eigentlichen, aktuellen, traurigen Thema dieses Posts. Seit heute sieht es nämlich so aus, als ob die Tage 
des betagten Flaschenboys gezählt sind: Sein Boden ist durchgerostet. Infolgedessen ist er undicht geworden. Infolgedessen lässt er auf dem Weg zum Container eine feuchte Spur hinter sich (Flüssigkeitsreste aus Leerflaschen). Infolgedessen muss er aus dem Verkehr gezogen werden. Sagen alle. Gut, ich seh's natürlich ein, weil, wie schaut das auch aus, wenn Mrs. Mop jeden Morgen mit einem inkontinenten Flaschenboy durchs Viertel tingelt. Darum habe ich heute, als Erste-Hilfe-Maßnahme, den maroden Boden von innen mit einem dieser quadratischen Eierkartons ausgekleidet.
Ob auch abgedichtet, wird sich morgen zeigen. Jedenfalls laufen Verhandlungen mit der Stadtreinigung wegen Bereitstellung eines neuen Flaschencontainers. Am Telefon drohten die von der Stadtreinigung bereits mit "neuartigen, viel handlicheren Modellen". Ich weiß gar nicht, was die wollen, der - mein - Flaschenboy ist doch nicht unhandlich. Bisschen schwerfällig, ja, bisschen altersschwach, gut, aber ansonsten ein grundsolider gemütlicher alter Brummer, an den ich mich irgendwie gewöhnt habe, und das nicht ungern. Wie gut, dass gerade heute der große halbwelke Restaurantblumenstrauß entsorgt werden musste.

Samstag, 23. Mai 2009

Frühdienst

Um sechs Uhr in der Frühe beginnt mein Arbeitstag. In den ersten Wochen war es um diese Zeit noch stockdunkel draußen, im Restaurant brannte überall das elektrische Licht, auch in der Küche, dem ersten Reinigungsrevier des frühen Tages. Inzwischen dringt um sechs Uhr von allen Seiten freundliche Helligkeit herein. Eines steht fest: Der Anblick von grobem Schmutz ist bei Tageslicht viel leichter zu ertragen als bei künstlichem Licht. Warum das so ist, habe ich noch nicht geknackt, aber dass es so ist, merke ich an meiner Stimmung, die sich parallel zum Morgenlicht aufhellt, wenn ich die Küche betrete. Zur Zeit könnte mich noch nicht mal ein abgenagtes Haifischskelett unterm Gewürzregal aus der Fassung bringen. Andererseits, irgendwann werden die Tage auch wieder kürzer.
Die Küche also. Um neun Uhr kommen die ersten Köche oder Küchenhilfen und wollen einen aufgeräumten, sauberen Arbeitsplatz vorfinden. Drei Stunden also für die Reinigung von Herd, Dunstabzughaube, Grill, Backofen, Fenster, Wandfliesen, Regale, Kühlschränke und Küchenboden. Das ist das Kernstück der Küchenreinigung. Den Auftakt um sechs Uhr macht der Müll: die vollen Küchenmüllsäcke (drei Stück) in den Hof tragen, diese in Containern verstauen sowie den Altglascontainer aus der Küche in den Hof rollen. Dort bleibt er erst mal stehen, der Altglascontainer, und wartet auf neun Uhr. Weil man um sechs Uhr früh auf der Straße noch nicht rumscheppern kann. Und weil die Küchenreinigung absolute Priorität hat. Diese wiederum endet Punkt neun Uhr mit dem Einspannen der neuen Müllsäcke in ihre Behälter.
Dann ist die Zeit für den Flaschenboy gekommen, so heißt er nämlich, der Altglascontainer. Jedenfalls wird er von allen so genannt. Mir gefällt dieser Name gut. Flaschenboy passt super zu Mrs. Mop, finde ich. 
Wenn wir zwei so gegen neun Uhr über die Straße zockeln, auf dem Weg zum öffentlichen (sagt man so?) Altglascontainer - also einem dieser glasfressenden Dreiteiler, die überall herumstehen -, dann ist die Welt irgendwie in Ordnung. Die Küche ist gemacht, die Sonne scheint (meistens), das Viertel ist aufgewacht und alles ist so frisch draußen. Wir nehmen mit viel Getöse die Bordsteinkanten (leere Flaschen machen einen Höllenlärm), und manche Leute sagen nett Guten Morgen. Einigen Nachbarn ist das Duo bestehend aus Mrs. Mop und Flaschenboy bereits ein vertrauter Anblick, sie grüßen mit Kopfnicken und dem flüchtigen Lächeln des Wiedererkennens.
Kurz nach neun Uhr taucht auch die Müllabfuhr auf. Um die Zeit haben der Flaschenboy und ich den besagten Dreiteiler erreicht. Der typische Müllabfuhr-Lärm schwillt an, diese hochgejagten Motoren (glaube ich), oder ist es Hydraulik, es dröhnt und stöhnt, ich werfe grüne, braune, weiße Flaschen in grüne, braune, weiße Containeröffnungen, es splittert und klirrt und zerbirst, eine infernalische Krachwolke entlädt sich über den Straßenzug. Nach zwei Minuten ist der Spuk vorbei. Erschöpfte Stille scheint sich in den Straßen auszubreiten. Der leere Flaschenboy und ich trollen uns zurück. Ich weiß nicht warum, aber danach fühle ich mich immer großartig. Schon merkwürdig.