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Montag, 5. August 2013

Häuser räumen, Heime bauen


Wieder mal schlechte Nachrichten aus Griechenland.

Die griechische Regierung kündigt zum 1. Januar 2014 Zwangsräumungen an.

Zwar sind seit 2008 Zwangsräumungen von Häusern verboten, die als Hauptwohnsitz genutzt werden und einen Wert von 200.000 Euro nicht übersteigen - gewissermaßen zum Schutz der sogenannten 'kleinen Leute'. Und eigentlich war von der Troika vorgesehen, das Zwangsräumungsverbot Ende 2012 aufzuheben;  denn schließlich muss es ja vorangehen in Griechenland, dem Land, das sich laut Schäuble "auf dem richtigen Weg" befindet und dessen Weg erst dann am Ziel angelangt ist, wenn der Karren endgültig in den Dreck gefahren sein wird. Wohlgemerkt, der Karren der 'kleinen Leute'.

Doch dann zeigte sich die griechische Regierung "schockiert" angesichts der Suizidwelle, die Spanien überzog, nachdem zahlreiche Hausbesitzer - allesamt 'kleine Leute' - ihre Häuser durch Zwangsräumung verloren hatten. Die Troika - bekanntlich Freund und Helfer der 'kleinen Leute' - ließ sich von der menschlichen Tragödie erweichen und genehmigte eine Verlängerung des griechischen Zwangsräumungsverbotes. Allerdings dürfe die Gnadenfrist keinesfalls länger andauern als bis zum 31. Dezember 2013, danach müsse der menschlichen Tragödie - ergo dem Zugriff der Banken auf die geräumten Immobilien - endlich der Weg frei gemacht werden; der richtige Weg, wohlverstanden.
Aufgrund des immensen Drucks seitens der Kreditgeber des Landes - der Troika (die ihrerseits unter dem immensen Druck seitens der Banken steht) - kündigte die griechische Regierung die schrittweise Aufhebung des Verbotes von Zwangsräumungen an bei Menschen, die außerstande sind, ihre Hypothek zu bezahlen.
- also bei Menschen, die aufgrund von Arbeitslosigkeit, Lohnkürzungen, Steuererhöhungen und Rentenstreichungen außerstande sind, die Hypothek auf das einzige zu bezahlen, was ihnen noch geblieben ist.

Nun steht die griechische Regierung vor der heiklen Aufgabe, jene menschliche Tragödie zu managen, die von der Troika so zielstrebig wie ergebnisorientiert eingeleitet wurde. Was tun, nachdem die Häuser geleert und die Straßen gefüllt sein werden mit immer mehr wohnungslosen Menschen, von denen wiederum immer mehr zu dem Schluss kommen, dass sich etwas Besseres als der Tod nirgends finden lässt? Noch drängender: Wie jener imageschädigenden Wirkung gegensteuern, die der heranrollenden Massenobdachlosigkeit und neuerlichen Suizidwelle auf dem Fuße folgen wird?

Mut machen in harten Zeiten, heißt die Devise. Wie macht man einem verzweifelten, von Obdachlosigkeit bedrohten, suizidgefährdeten Volk Mut? Indem man ermutigende Zeichen setzt.

Und damit zu den guten Nachrichten aus Griechenland:
Ermutigende Zeichen aus den Obdachlosenasylen Athens
Ein neues Wohlfahrtsprogramm der Stadt Athen zielt darauf ab, den Menschen zu helfen und das Image der Hauptstadt zu verbessern
Neue Heime für wohnungslose Athener werden gebaut. Die Stadt, heißt es, habe die Zeichen der Zeit erkannt. Sie gehe mutigen Schrittes voran, um die Menschen zu ermutigen und das Image der Stadt zu verbessern, indem sie die Menschen ermutige, sich von der Straße ins Obdachlosenheim zu entfernen und damit das schmuddelige Stadtbild zu verbessern. Sie nennt dies einen "Wechsel in der Philosophie der Wohlfahrtspolitik".

(Lalaounis ist das teuerste Juweliergeschäft in Athen.)

Raus aus den Häusern, weg von der Straße, rein in die Heime.
Ich bin immer noch auf der Suche nach einem Namen für die philosophische Richtung, aus der der Wind weht.

Samstag, 9. März 2013

Ölperlen vor die armen Säue


Vermutlich hat sich inzwischen - dank des konzertierten Engagements der westlichen Presse - herumgesprochen, dass es sich bei Hugo Chávez zu Lebzeiten um eine höchst verwerfliche politische Persönlichkeit gehandelt hat, um eine perfide Mischung aus populistischem Clown, bäuerlichem Großmaul und diktatorischem Monster, der es verdient, weit über seinen Tod hinaus als das wirklich Allerletzte, nämlich als der Leibhaftige schlechthin, zumindest aber als der Stalin von Lateinamerika dämonisiert zu werden.

Haben das jetzt alle? Gut.

Dann kann nun endlich reiner Tisch gemacht und ein Strich unter die Bilanz aus angeblichen Verdiensten und tatsächlichem Scheitern des GröLaRaZ (Größter Latino-Rattenfänger aller Zeiten) gezogen werden:
Chávez investierte Venezuelas Ölreichtum in soziale Programme wie staatlich betriebene Lebensmittelmärkte, Geldleistungen an arme Familien, kostenlose Gesundheitskliniken und Bildungsprogramme
Verdienste, Errungenschaften, Erfolge? Pfft, alles peanuts.
Jedoch handelt es sich um magere Verdienste, verglichen mit den spektakulären Bauprojekten, die der Ölreichtum in den glitzernden Städten des Mittleren Ostens vorangetrieben hat, einschließlich dem höchsten Gebäude der Welt in Dubai und geplanten Niederlassungen des Louvre und des Guggenheim Museums in Abu Dhabi.
Tja. Ist halt alles eine Frage von Prioritäten. Hat dieser liederliche Chávez doch tatsächlich die ganze Ölknete seines Landes verballert in: Gesundheit! Nahrung!! Bildung!!! Anstatt seinem Volk einen glitzernden Wolkenkratzer vor die Haustür zu bauen! Auf dass es, das Volk, jeden Tag aufs neue von seinem zufriedenen Stoßseufzer "Wir haben den Längsten", pardon, "den Höchsten!" pappsatt werde! Hat er aber nicht gemacht, dieser Latino-Lump mit der lausigen Bilanz.
Hat einfach das Armutsniveau drastisch nach unten gesenkt statt einen mit Erdöl viagratisierten Glitzerphallus in die Höhe zu ziehen.

Ein veritables Monster, dieser Chávez. Wir haben es gewusst.
Wollten es hiermit nur noch mal gesagt haben.

Samstag, 22. September 2012

Blühende Landschaften



Frankfurt, Stadtteil Ostend. Anlässlich des Richtfestes für den im Bau befindlichen EZB-Tempel freut sich die Stadt mitteilen zu können, dass dem Aufstieg Frankfurts als prestigeträchtiger internationaler "Global City" nichts mehr im Wege steht. Erst recht keine traditionell gewachsenen, ehemaligen Arbeiterviertel wie das Ostend, das inzwischen zur zweitteuersten Wohnlage Frankfurts avanciert ist.

Durch die Schaffung hochwertigen Wohn- und Büroraumes für die Ansiedlung globaler Finanzdienstleistungen und damit verbundener einkommensstarker Haushalte, so die Stadt, sei es gelungen, die einkommensschwachen und daher als verzichtbar geltenden Bevölkerungsteile aus dem Stadtteil zu verdrängen.


Dies, so die Stadt weiter, sei eine alternativlose Auswirkung des EZB-Neubaus, in dessen Schatten immer mehr Luxuswohnanlagen entstehen und in dessen ebenfalls neu gestaltetem Umfeld samt gehobener Infrastruktur ressourcenschwache Elemente nur ungern gesehen würden. An der zügigen Durchgentrifizierung eines ehemals bezahlbaren Stadtteils führe daher kein Weg vorbei.

Frankfurt habe nämlich den Ehrgeiz, sich - unter städtebaulichem Gesichtspunkt - weltweit mit Finanzdienstleistungsmetropolen wie New York, London und Tokio zu messen. Der Rest - also der Rest der noch verbliebenen urbanen Bevölkerung - sei im Rahmen der ambitionierten Stadtplanung ein zu vernachlässigender Faktor.


Sollte es sich bei dieser Restbevölkerung um marginalisierte Bevölkerungsschichten handeln, spreche nichts dagegen, diese konsequent weiter zu marginalisieren und in wohnghetto-artige Stadtrandgebiete auszulagern. Ein boomender Wohn- und Immobilienmarkt und die damit verbundenen Rendite-Erwartungen fordere nun mal seinen Preis. Außerdem gelte nach wie vor das Diktum der ehemaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth, jeder Bürger habe das "demokratische Recht, woanders hinzuziehen", wenn es ihm am einmal gewählten Wohnort nicht mehr passe (egal aus welchen Gründen).


Erfreulicherweise, hieß es weiter, zögen bei dem Projekt "Global City" (auch: "unternehmerische Stadt" oder Neoliberalisierung des städtischen Raumes) alle am gleichen Strick: Planungsamt, Bauaufsicht und Magistrat (schwarz-grün) äußerten Genugtuung über das völlige Fehlen einer ernstzunehmenden Opposition.

Um letzteres zu illustrieren, betonte unlängst eine Kommunalpolitikerin (SPD), "Wir beobachten diese Tendenzen mit Besorgnis" und fügte hinzu, zu mehr als dem Artikulieren von tendentieller Besorgnis habe es bisher leider nicht gereicht, was jedoch für eine sozialdemokratische Partei bereits einer heroischen Kampfansage gleichkomme.


Keineswegs übertrieben hat Jörg Asmussen, Mitglied des EZB-Direktoriums, als er in seiner Richtfest-Begrüßungsansprache darauf hinwies: "Von meinem Büro im Eurotower konnte ich mitverfolgen, wie die EZB-Türme im Frankfurter Osten langsam in die Höhe wuchsen. Mittlerweile kann man sie von vielen Orten innerhalb und sogar außerhalb der Stadt sehen." Ja, sogar weit außerhalb der Stadt, beispielsweise von wohnghetto-artigen Randlagen aus, ist das "neue und einzigartige Wahrzeichen" mit bloßem Auge zu erkennen.

Ob er allerdings die dorthin abgeschobene frühere Ostend-Nachbarschaft meinte, als er hinzufügte, er freue sich anlässlich des "Umzuges ins Ostend, der neuen Nachbarschaft der EZB wieder einen Schritt nähergekommen zu sein", darf bezweifelt werden. Dennoch hoffe er, "dass die Menschen hier in Frankfurt unseren Neubau als Bereicherung der Frankfurter Skyline und der europäischen Landschaft ansehen". Schließlich kennzeichne es die zeitgenössische europäische Landschaft, dass selbst verarmte Bevölkerungsschichten einen bereichernden Blick auf die Frankfurter Skyline werfen könnten.


Denn, so fuhr er fort, Austerität schaffe nun mal neue Perspektiven. Wie nachhaltig sich die EZB selbst dem Austeritätsprinzip verpflichtet fühle, brachte Asmussen zum Ausdruck, als er erwähnte: "Als öffentliche Einrichtung sind wir dazu verpflichtet, verantwortungsvoll mit unseren Ressourcen umzugehen," womit natürlich keine menschlichen Stadtteil-Ressourcen gemeint waren, sondern öffentliche Baukosten.

Die, so Asmussen, seien aufgrund "einiger unvorhergesehener Herausforderungen" in die Höhe geschnellt, allerdings nicht etwa unverantwortlich, sondern verantwortungsvoll, seien also budget-disziplinär zu verantworten; weshalb die gesamten Investitionskosten von ursprünglich 850 Millionen Euro um den peanuts-kompatiblen Betrag von weiteren 200 Millionen Euro aufgestockt werden müssten.

Immerhin, betonte Asmussen, liege das ehrgeizige EZB-Neubauprojekt mit seinen nunmehr 1,2 Milliarden Euro Gesamtkosten höchstens bei der Hälfte jener von der griechischen Regierung noch zu tätigenden Budgetkürzungen, um ein der EZB (im Rahmen der Troika) gefälliges Austeritätspaket zu schnüren. Weil, von nichts komme nun mal nichts, weder Kredite noch Bondkäufe, wie Asmussen mit einem launigen Seitenblick auf Spanien anmerkte.


Mit seinen verantwortungsvollen Sparbemühungen, schloss das Direktoriumsmitglied, wolle die EZB im Frankfurter Ostend als leuchtendes Beispiel in der verarmenden, weil verantwortungsvoll kaputtgesparten europäischen Landschaft vorangehen. Wem das nicht passe, der könne gern von seinem demokratischen Recht Gebrauch machen, also woanders hinziehen oder Europa verlassen oder - im Falle Frankfurts - halt die SPD wählen.

Er vergaß zu erwähnen, dass zu den demokratischen Rechten auch das Recht auf Widerstand gehört. Gottlob ist eine wachsende Zahl von Frankfurtern sich dieses Rechts bewusst und wird keinesfalls vergessen, das EZB-Direktorium, das Planungsamt, die Bauaufsicht, den schwarz-grünen Magistrat und die in Besorgnis verharrende SPD daran zu erinnern. Weil, von nichts kommt nichts, auch kein Widerstand. Aber wo was ist, da blüht er, der Widerstand.
Demnächst in diesen blühenden Landschaften.

Sonntag, 1. April 2012

Bürger ohne Bürgersteig


1. April 2012. Gerade ein bisschen im Internet rumgelesen. Festgestellt, dass es heutzutage immer schwieriger wird zu unterscheiden, ob man einem Aprilscherz aufsitzt oder einfach nur eine der normal gewordenen Absurditäten vorgesetzt bekommt.

Natürlich dachte ich sofort an einen schlechten Aprilscherz, als ich las, die britische Regierung habe - als Teil ihrer jüngsten Reformbemühungen - angekündigt, alle Bürgersteige des Landes zu entfernen.
Auf seiner wöchentlichen Pressekonferenz sagte David Cameron zu Journalisten,

"Ich kann zwar die sentimentale Bindung verstehen, die viele Leute zu Bürgersteigen haben, aber wir müssen uns nun mal den Tatsachen stellen. Die Welt hat sich verändert, wir leben in einer Zeit, wo wir mehr denn je von unseren Autos abhängen; daher kann sich das Land nicht länger leisten, den Zugang zu öffentlichen Straßen zu beschränken."
Verständlich. All diese verkehrsbehindernden Bürgersteige machen den Autofahrern das Leben immer schwerer. Deshalb will der britische Premier sämtliche städtischen Trottoirs aufbuddeln und mit schön glattem Asphalt ersetzen, damit dem Autoverkehr endlich die volle Breite der Straße zugute kommt.

Es sei höchste Zeit, so ein Sprecher des britischen Pendlerverbandes, das Straßensystem fit zu machen fürs 21. Jahrhundert. Die Bürgersteig-Abrissarbeiten seien ohnehin längst überfällig, denn:
"Ich meine, wer geht denn überhaupt noch zu Fuß heutzutage? Okay, mal abgesehen von ein paar armen Leuten."
An der Stelle zog ich zum ersten Mal die mutmaßliche aprilscherzige Komponente in Zweifel und dachte: Könnte ja was dran sein, oder? Zumal beim Weiterlesen deutlich wurde, dass der - nur schwachen Widerstand leistenden (es ist überall dasselbe) - Oppositionspartei Labor vorgeworfen wurde, sie lasse sich von der organisierten Fußgängerlobby massiv unter Druck setzen. Erpressung durch Lobbyisten? Damit macht man keine Scherze!

Ein paar ewiggestrige Bedenkenträger hatten sich betroffen geäußert, durch den flächendeckenden Trottoir-Abriss könnte möglicherweise den wenigen verbliebenen Fußgängern eine gewisse Lebensgefahr drohen; dramatisierende Schwarzmalereien, die vom Verkehrsministerium prompt als gegenstandslos vom Tisch gefegt wurden:
"Es gibt überhaupt keinen Grund zu befürchten, dass zwei Tonnen schwere Metallbrocken mit 30 kmh Fahrgeschwindigkeit - ohne Barriere zwischen ihnen und diesen matschig-zerbrechlichen Fußgängern - irgendeine Gefahr darstellen könnten. Gegenteiliges zu behaupten ist nichts als absurde Panikmache."
Das ist wunderschön Orwell-mäßig - nachgerade realistisch - ausgedrückt und kann sich schon deshalb um keinen Aprilscherz handeln.

Außerdem, dachte ich, sind Fußgänger ja hartgesottene, weil leidgeprüfte, und darum wehrhafte Bürger und werden sich schon irgendwie zu helfen wissen, wenn ihnen ihr Recht auf einen Bürgersteig streitig gemacht wird. Wenn also der Bürgersteig zur Straße gemacht wird, müssen die Bürger halt in Gottes Namen die Straße zum Bürgersteig machen:


Mit 'Druck der Straße' hat dies übrigens absolut nichts zu tun.
Kein Aprilscherz.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Winterreise


Welcome to Occupy Anchorage, Alaska.

Was dem einen sein Iglu, ist dem andern sein Zelt.

Alles paletti.

Alles Türklinke oder was.

Alles trocken.

Alles warm.

Alles sturmfreie Bude.

Welcome to Occupy Frankfurt, Germany.

Dienstag, 13. September 2011

Lasst sie doch erfrieren



Doug Hardman
Musiker
wohnsitzlos
spielt Klavier im Wald
am 3. September 2011:
A Whiter Shade of Pale
(Procol Harum 1967)

Er spielt nicht nur Klavier im Wald, sondern lebt auch dort:

Doug Hardmans Tipi-Zelt

Er ist weder Romantiker noch Hippie noch ein Künstler, der zu seiner Inspiration die Natur und die Einsamkeit sucht. Im Gegenteil, Doug hat viel Gesellschaft: Etwa 70 Menschen leben in der Zeltstadt ("tent city") im Wald außerhalb von Lakewood, New Jersey, eine Autostunde von New York City entfernt. Manche von ihnen leben dort schon seit vier Jahren, andere seit ein paar Monaten.


Sie bezeichnen die Zeltstadt als ihr Zuhause.


Auch wenn es in ihrer Zeltstadt
weder Elektrizität noch fließendes Wasser gibt.
Sie haben gelernt, ohne zu leben.

Sie haben eine Gemeinschaftsküche gebaut...


...ein Waschhaus...


...und Toiletten:


Letztes Jahr haben sie drei Holzhütten zum Übernachten gebaut, um die Zeltstadtbewohner sicher über den Winter zu bringen. "Wir haben niemanden von uns verloren letzten Winter", sagt der Zeltstadtgründer Steve Brigham stolz, "und keiner von uns ist krank geworden."

Das könnte sich im kommenden Winter ändern. Nachdem die Stadtverwaltung von Lakewood auf die Holzhütten aufmerksam wurde - nicht etwa durch einen Besuch vor Ort, sondern durch eine Fernsehsendung - schickte sie ein Abrissteam in den Wald und ließ die Übernachtungshütten zerstören.


Laut einem UN-Bericht vom August 2011 stellt das Verhalten der USA, ihren Bürgern den Zugang zu Wasser und einem Grundstandard an sanitärer Hygiene zu verwehren und wohnsitzlose Menschen zu kriminalisieren, eine Verletzung der Internationalen Menschenrechtserklärung sowie des Internationalen Abkommens über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Grundrechte dar.


"Unsere Community ist zu einem lebenden Protest geworden.
Wir protestieren gegen die Heuchelei des politischen Systems.
Dieses System war für uns Menschen gedacht -
und genau das ist es nicht."

(Bildquelle: via BusinessInsider)

Montag, 2. Mai 2011

Zurück zur Natur


Neulich habe ich irgendwo gelesen, dass die 70-jährige Sängerin Joan Baez aus ihrem Baumhaus gefallen ist. Baez, eine Politaktivistin und Protagonistin der sogenannten Hippie-Ära, hatte sich wie viele ihrer damaligen Zeitgenossen ein provisorisches Baumhaus gebaut, um der Natur näher und der Zivilisation ferner zu rücken. Auf Außenwände hatte sie verzichtet, was ihren Baumhaus-Bretterverschlag besonders naturnah machte, aber eben auch den freien Fall in die Natur nach sich zog, welcher wiederum, gottlob, nur ein paar harmlose Prellungen nach sich gezogen hat.

Nun ist der Wunsch nach Naturnähe und Zivilisationsferne heutzutage kein belächeltes Hippiephänomen mehr, sondern - wie sagt man? - in der etablierten Mitte der Gesellschaft angekommen. Wobei, na ja, was heißt Mitte - sagen wir mal: in den oberen Zehntausend der Gesellschaft angekommen. Baumhäuser, so ist im Wall Street Journal nachzulesen (mit Fotos, via Marginal Revolution), gehören zu den "must-have Accessoires" der Reichen, Schönen und Gestressten. Im Baumhaus finden sie zur meditativen Ruhe und zu sich; internationale Popstars, Hollywoodstars und Modedesignerstars lassen sich von Stararchitekten und Stardesignern schicke Edeldomizile in die Bäume ihrer Gärten oder Parks zimmern, um sich darin von ihrem starbedingten Burnout zu erholen. Wer nicht bis drei auf den Bäumen ist, gehört nicht mehr zur Elite.

Luxushippies brauchen Luxusbaumhäuser. "Unsere Sehnsucht war, der natürlichen Umgebung so nahe wie irgend möglich zu sein", das war zwar bereits vor 40 Jahren das Credo der Zivilationsmüden; nur gibt sich heute mit fehlenden Außenwänden keiner mehr zufrieden - eine verglaste Decke muss es schon sein, und ohne integierte Sauna läuft gar nichts, "ich liebe es, bei dunstigem Wetter im heißen Whirlpool zu sitzen und vom Himmel geküsst zu werden." So viel Spiritualität im naturnahen Himmelbett hat ihren Preis; Einsteiger-Baumhäuser gibt es ab 100.000 Dollar, ein Premiummodell ist nicht unter einer Million zu haben. Wenn das die Hippies geahnt hätten, hätten sie vermutlich beizeiten Teile der nordamerikanischen Wälder weggerodet.

"Den Wald rings um mich herum zu spüren und dabei gemütlich vor dem brennenden Kaminofen zu sitzen, während der Regen herunterprasselt - es gibt keine bessere Art, den Regen zu genießen. Es ist eine Art architektonisches Gedicht." Altvater Freud hingegen hätte es höchstwahrscheinlich als eine Art spätdekadenter Regression bezeichnet. Hippie eben, auch er, irgendwie.

"Eigentlich wollten wir nur ein ganz normales Baumhaus. Dann ging es mit uns durch. Wir fügten ein spiralförmiges Treppenhaus hinzu, einen Holzkaminofen, Rettungsnetze, eine Seilbrücke und eine Rutschstange für die Kinder. Und schließlich dachten wir: warum keinen Whirlpool aus Zedernholz?" Warum eigentlich keinen zedernhölzernen, solarbetriebenen Fahrstuhl zum Hochsitz, für den ultimativen Komfort?

Der Zurück-zur-Natur-Gedanke steht bei den modernen Baumbewohnern ganz obenan. Das Tolle daran, sagen sie: es sei "wie Camping bei sich zuhause". Camping in den eigenen vier Baumwänden, wie darf man sich das vorstellen? So: "Wir schließen uns im (Baum)Haus ein, schalten den Fernseher an, machen es uns auf ein paar Sitzsäcken gemütlich, zünden ein Feuerchen im Kamin an, und zum Absacken setzen wir uns auf die Veranda mit einem Glas Wein, schön verborgen im Wald." Immerhin, sie verschließen die Baumhaustür, bevor sie den Fernseher aufdrehen. Das zeugt von Rücksicht gegenüber den übrigen Waldbewohnern, die womöglich irgendwann ins Dickicht der Städte übersiedeln, weil sie von der Naturnähe der Luxushippies - peaceful paradise lost - die tierische Schnauze voll haben.

Nun wäre allerdings diese kleine Kulturgeschichte des Baumhauses nicht vollständig, ohne einen Blick nach Detroit zu werfen. Die Stadt - früher von zwei Millionen, heute nur noch von 700.000 Menschen bewohnt - ist zum Symbol des post-industriellen Niedergangs Amerikas geworden. Fast 80.000 Häuser stehen leer. Weil sie leerstehen, verfallen sie. Weil sie verfallen, macht sich die gefräßige Natur über sie her. Bäume und Sträucher, die in den Gärten früher einmal Dekorationszwecken dienten, wachsen ungebändigt über und in diese Häuser hinein, den Rest verleibt sich der wildwuchernde Efeu ein. Allmählich verschwinden die Häuser in den Bäumen; irgendwann werden sie von den Bäumen vollständig verschluckt sein.

Sweet Juniper nennt diese Häuser "feral houses": verwildert, entdomestiziert (lat. fera), aber auch 'zu den Toten gehörig' (lat. feralis). Eigenartig, wie düster in diesen Häusern Schönheit und Vergänglichkeit ineinander verwachsen. Bäume können brutal sein. Baumhäuser ebenso.

Baumhäuser in Detroit

Sonntag, 2. Januar 2011

Lebkuchen-Slums



Jetzt, wo allmählich der Appetit auf Stollen, Spekulatius und Co. vergangen sein dürfte,


...der Christbaum zu nadeln anfängt und die neue Digitalwaage zum Einsatz kommt,


...kann man ja mal einen Blick in die weniger appetitlichen Wohngegenden riskieren.


Dienstag, 20. Juli 2010

Ist das angekommen?


"Endlich ankommen."
Ist das nicht ein toller Werbeslogan? Will das nicht jeder, ankommen? Egal wo oder bei wem, Hauptsache ankommen? Endlich, endlich ankommen. Nach langer Mühsal.

Man denkt ja dann an so Pilgerreisen und Wüstenwanderungen und Oasen, vielleicht auch an den bald erklommenen Gipfel, vielleicht auch an ein bisschen Meditieren oder an alles mögliche, um zu sich selbst zu finden, daran, zur Ruhe zu kommen oder sich zur Ruhe zu setzen, je nachdem, daran, es geschafft und sein Ziel erreicht zu haben, endlich nach Hause zu kommen, ein Nest zu bauen und mindestens einen Baum zu pflanzen, man denkt an Sicherheit, an Belohnung, an Aufatmen, an immerwährend, an Endstation Sehnsucht, auf dass ein großer Friede einkehren möge. Notfalls reichen auch zwei Wochen Mallorca.

Endlich ankommen. Wer will das nicht. Doch, ich auch. Auch ich würde gern endlich ankommen, aber wenn mich jemand fragte: wo?, käme ich in Verlegenheit. Manchmal erstaunt es mich selbst, wie sehr ich mich an mein unstetes Leben gewöhnt habe; ich fühle mich sozusagen im Unterwegssein zuhause und nehme das auf der Stelle wieder zurück, weil es so bescheuert pathetisch klingt - als Pilger fühle ich mich nämlich weißgott nicht, obwohl meine Reise schon ziemlich beschwerlich ist.

Statt anzukommen schweife ich ab, drum komme ich jetzt endlich zur Sache:
"Endlich ankommen. Zentral. Nachhaltig. Luxuriös."
Stand da in großen Lettern an einem Bauzaun, und ich verwünschte den Tag, an dem ich meine Kamera im Regen liegen gelassen hatte.

Gut rübergebracht, das Eigentumswohngefühl des modernen Städters mit dem nötigen Kleingeld und dem richtigen Bewusstsein. Kommt bestimmt gut an. Und da ist er auch schon wieder, der immer mehr im Alltag ankommende Allerweltsspruch Weniger ist mehr, diesmal in der Variante
"Weniger (CO2) ist mehr (Klimaschutz)"
wogegen absolut nichts einzuwenden ist, auch wenn der nächste Spruch schon wieder verdächtig nach den Besseren unter den Guten klingt:
"Als Eigentümer einer Wohnung im XYZ sind Sie beim Klimaschutz fein raus",
wogegen aber auch nichts einzuwenden wäre, folgte dem nicht der Spruch
"...nicht zuletzt das gute Gefühl, Teil der Lösung zu sein",
aha, verstehe, wer weniger "deluxe" wohnt, muss sich mit dem schlechten Gefühl abfinden, Teil des Problems zu sein. Welchen Problems? Na, des Klimas! Der Umwelt! Überhaupt! Damit keine Missverständnisse aufkommen, was das für Leute sind, die im XYZ endlich ankommen wollen oder zumindest sollen, folgt der nächste Spruch auf dem Fuße:
"Prozent der XYZ-Eigentümer, die etwas für unser Klima tun: 100."
So schafft man Eliten. Wem das jetzt immer noch nicht klar geworden ist, muss sich an den Bauzaun stellen, dort wird es ihm mit einfachen Worten verständlich gemacht:
"Luxus ist, wenn Ihr Geschmack zur Maxime wird."
Ah, diesen letzten Spruch bitte auf der Zunge zergehen lassen! Sind Zweideutigkeiten nicht etwas Wundervolles? Zur Maxime für wen?
Ist angekommen, danke.

Donnerstag, 3. Juni 2010

Trauerfeiertag


Immer wenn Feiertag ist, feiern die Leute am Abend vorher. Ist ja klar. Deshalb heißt der Feiertag auch Feiertag. Weil es sich in den Feiertag so gut reinfeiern lässt. Lust auf Feiern haben die Leute eigentlich immer; nur die Gründe, warum sie feiern, unterscheiden sich. Eigentlich sind es immer fröhliche Gründe; nur selten wird aus einem traurigen Grund gefeiert. Aber auch das gibt es.

Zum Beispiel gestern abend, denn da haben sich - wenn die morgendlichen Spuren nicht trügen - viele Leute öffentlich getroffen zu einer gemeinsamen Trauerfeier.

Zu Grabe getragen wurde ein Stadtteil, welcher im Begriff ist, zu Tode saniert zu werden.


Ich finde, es hat etwas Tröstliches, wenn eine traurige Entwicklung öffentlich 'gefeiert' wird. Es wird der traurigen Würde eines alten, gewachsenen Stadtviertels gerecht.

Freitag, 14. August 2009

Nase vorn

Das Wetter ist monstermäßig gut, die Saison läuft auf Hochtouren, das Wochenende naht, die Außenumsätze warten. Die großen Sonnenschirme warteten ebenfalls. Darauf, dass sich jemand ihrer erbarmt und sie dorthin schafft, wo sie hingehören, um den erwarteten Gästescharen Schatten zu spenden. Die Schirme sind groß. Die Schirme sind schwer. Die Sonne schien heiß. Der Schweiß rann. Die Schirme rührten sich nicht vom Fleck.
Irgendwie machten sie dann so einen Deal mit dem Baggerführer, gewitzt wie sie sind, die Gastronomen. Und oops, up, down, schon wuppte der Bagger mal eben die tonnenschweren Riesensonnenschirme von hier nach dort.
Der Rest war ein Kinderspiel. Fast, sagen wir mal so, weil, vier Männer und ein Sonnenschirm, das wäre doch gelacht.
Aufregende Zeiten sind das. Seit heute also ist die Gehwegnase vor dem Restaurant fertiggestellt und somit schanigarten-tauglich. Nach ihrer verkehrstechnischen Funktion fragt inzwischen keiner mehr, nachdem selbst Väter von Blogleserinnen mit ihrer Expertise ins Boot geholt wurden und bestätigt haben, was alle ahnten: Seit heute hat das Restaurant die Nase endgültig vorn.


Dienstag, 11. August 2009

Nasenraum


Es wird die schönste Nase weit und breit werden.
Trotz Baustellenambiente ist zu erahnen, was für ein edles Stück da gestaltet wird. Irgendwie was Klassisches. Keine Knollennase, auch keine Stupsnase. Auf jeden Fall ein Kolben mit Charakter.
So sehr mir bislang die angebliche Funktionalität der Gehwegnase verschlossen blieb, umso mehr überzeugt mich doch inzwischen ihre Ästhetik. Ein steinerner Vorgarten der besonderen Art. Als hätten sie das Prinzip Schanigarten bereits bei der Nasengrundsteinlegung berücksichtigt. Offenbar haben sie einen Riecher für Kommendes.

Dienstag, 4. August 2009

Nasenkorrektur

Logenplatz. Direkt unterm Restaurantfenster ist mords was los. Es gibt Nasenkorrektur aus nächster Nähe zu begaffen. Hier wird die künftige sogenannte Gehwegnase aufgefüllt und dann geglättet. Oder modelliert, wie es die Kollegen von der Gesichtsnasenfront ausdrücken würden.
Das Tolle ist, dass beides von ein und demselben Bagger verrichtet wird. Offensichtlich ist ein Bagger nicht bloß zum Baggern da. Sondern auch zum Glätten. Und wie! So ein Bagger ist das reinste Bügeleisen. Zuerst mit ordentlich Nachdruck. Dann beim Finish fährt die Bügelseite der Baggerschaufel nur noch ganz sachte über das rote Geröll; die Berührung wirkt fast zart. So viel Feingefühl hätte ich jetzt von einem Schaufelbagger nicht erwartet. Ich bin ziemlich beeindruckt.

Mittwoch, 29. Juli 2009

Absturzgefährdet

Nichts bleibt, wie es war. Gestern genervt, heute gegafft. Heute nahm ich den Krach von gestern gar nicht mehr wahr, so gebannt stand ich am Restaurantfenster und hielt Maulaffen feil. Irgendwann hielt ich es drinnen nicht mehr aus; es zog mich mit Macht hinaus in die Gehwegnasen-Vorhölle. Mitten hinein in diese chaotisch anmutende Ausgrabungsstätte, an der - einem geheimnisvollen, für mich kaum zu erschließenden Systemprinzip folgend - das Unterste zuoberst gekehrt wird.
Schon jetzt lässt sich eindeutig feststellen, dass in puncto Gehwegnase das Restaurant die Nase vorn hat: Keine andere Straßenecke bekommt einen so ausladenden Riesenzinken; keine andere Straßenecke bietet so viel krawallige Action. Ich war nicht die einzige, die sich der Gafferfreude hingab, auch nicht die einzige, die fotografierte, halt nur die einzige mit einer weißen Schürze und einem Flaschenboy im Schlepptau. Alle starrten wie hypnotisiert auf die aggressiv gebleckten Zähne der Baggerschaufel,
auf das stete Heben und Senken, auf die permanente Suchbewegung des Schaufelarmes nach der richtigen Position, auf die Veränderung des Schaufelwinkels im entscheidenden Moment,
auf das Innehalten der schwankenden Schaufel kurz vor dem finalen Biss in den Boden, bis es schließlich hieß -
Zugriff! Für eine bange Sekunde hielten dann alle die Luft an, bevor endlich zu sehen war, was die Schaufel zutage förderte - das Richtige? Oder irgendwas Verkehrtes? Volle Ladung? Oder nur ein paar Erdkrümel? Oder womöglich gar nichts? Wenn letzteres passierte - und es passierte mehr als einmal -, war es dem Baggerführer sichtlich peinlich, weil der schaulustigen Menge unisono ein enttäuschtes 'Ooh!' entfuhr. Griff er dagegen in die Vollen, kündete ein langgezogenes 'Aaaah!' von tiefer Befriedigung infolge Spannungsabfuhr.
Bei diesem Volltreffer wurde sogar spontan Beifall geklatscht. Das Dumme war nur, dass der Betonklotz, kaum dass er auf der Schaufel balancierend nach oben schwebte, sein Gleichgewicht verlor und meteoritengleich zurück in die Tiefe stürzte. Mindestens vier der versammelten Foto-Gaffer (mich eingeschlossen) brüllten gleichzeitig 'Neiiin!'. Keineswegs aus Enttäuschung oder Schreck, sondern aus Ärger: Hatten wir doch alle abgedrückt, als der Klotz erfolgreich geborgen schien. Keiner von uns war schnell genug am Drücker gewesen, um das unerwartete Scheitern fotografisch festzuhalten - das wäre doch das symbolträchtige Motiv der Stunde gewesen. Der Absturz lauert schließlich überall. Wer wüsste das nicht in diesen unangenehmer werdenden Zeiten.

Nichts bleibt, wie es war. Gestern stand der Altglascontainer noch dort, wo jetzt der Bagger parkt. Heute mittag stand der Container dort, wo heute morgen noch das Pixiklo stand.
Gut, ein Klohäusl mitten auf der Straße, kann man verstehen, dass sie es dezent ein wenig nach hinten und dafür den Glascontainer in die erste Reihe gerückt haben. So finde ich ihn auch leichter. Denn es ist ja nicht gerade so, dass der Zugang zum Glascontainer barrierefrei wäre - was per Luftlinie nach einem Katzensprung aussieht, ist de facto ein aufwendiges Gekurve um Baulöcher und -fahrzeuge herum, immer auf der Suche nach einer abgesenkten, aber noch nicht ausgehobenen Stelle am Gehweg, die mir der tolpatschige Flaschenboy nicht allzu übel nimmt.
Ich ertappte mich bei der Phantasie, den überquellenden Flaschenboy Hals über Kopf in den Baugrund zu kippen, um dann gierig zu gaffen, wie die Baggerschaufel mit einem kraftvollen Hub denn Flaschenberg nach oben wuppt und auf die andere Seite der Straße hievt. Erstaunt hörte ich meine Stimme ein lautes, langgezogenes 'Aaaah!' machen.

Dienstag, 28. Juli 2009

Nasebohren

Seit heute weiß ich, dass ein Bagger etwas anderes ist als ein Traktor. Hier ist ein Bagger zugange, der jede Straßenecke in ein Inferno verwandelt.
Ein gefräßiges Monster. Es gräbt und schaufelt und baggert wie besessen. Wo Straßenecke ist, soll Gehwegnase werden. Es kommt einem vor wie ein unablässiges, gigantisches, so breitflächiges wie ertragreiches, entsetzlich nerviges Nasebohren. Dabei laut ohne Ende. Von dem Krachmacher brummt mir noch jetzt der Schädel.

Montag, 27. Juli 2009

Vom Bau

Um neun Uhr heute früh wurde es irrsinnig aufregend. Eine Baubrigade rückte an. Baufahrzeuge, von denen ich allesamt keine Ahnung habe,
aber ich nenne sie mal Traktoren, Tieflader und Raupenfahrzeuge, weil die so schön martialisch klingen, und martialisch ging es zu, heute früh um neun. Was für ein Getöse. Sie luden Unglaubliches ab.
Man hätte meinen können, sie riegeln den kompletten Straßenzug ab wegen einer der Militanz verdächtigen Großdemo.
Dabei wollen sie bloß Gehwegnasen bauen. Keine Geh-weg-Nasen, vielmehr Gehweg-Nasen. Eine Gehwegnase ist, wenn der Gehweg sich an einer Straßenecke verbreitert in den Straßenraum hinein. Wenn ich das richtig verstanden habe, zum Zwecke der besseren Verkehrsübersicht des Fußgängers. Es sei.
Dann sprühten sie fette rote Kreise auf die Straße, die sollten wohl die künftigen Nasenlöcher der Gehwegnase markieren.
Dann hauten sie mit einem fetten Hammer lauter fette Nägel in die fetten roten Kreise.
Wenn ich es richtig verstanden habe, zum Zwecke einer "verkehrsoptimalen Rundung" der Gehwegnase. Es sei auch dieses.
Zu meinem Glück taten und erklärten mir die Bauleute all das, während ich gerade mit dem Flaschenboy lautstark vorbeigescheppert kam. So hatte ich Gelegenheit zu fragen, ob die neuen Nasen denn auch ordentlich abgeflachte Nasenschwellen bekommen würden, zum Zwecke der konvenienten Lenkung eines in sich instabilen Flaschenboys. Klar, antworteten sie, sie dächten ja auch an die Radfahrer, die Kofferzieher, die Kinderwagenschieber, die Rollstuhlfahrer; und mein Flaschenboy, versprachen sie mir, würde über die Gehwegnasenschwellen schweben wie von selbst. Das stimmte mich milde. Ich fing an, mich auf die neuen Gehweggurken zu freuen.