Mittwoch, 4. Juli 2012

Fett weg


Es gibt ein fabelhaftes Wort in der deutschen Sprache. Fabelhaft erstens, weil es so schön lautmalerisch daherkommt, und noch fabelhafter zweitens, weil es in seiner Bedeutungsvielfalt kaum zu übertreffen ist.
Das Wort heißt:
Schmiere.
(1) Schmiere kommt von schmieren, also das, was man sich auf sein Brot schmiert. Oder auch das, was einem tagtäglich aufs Brot geschmiert wird von irgendwelchen Schmierfinken, die der Ansicht sind, ein zusammengematschter Einheitsbrotaufstich - bestehend aus zerdrücktem altem Käse, kleingewürfelten faulen Eiern, künstlichen Geschmacksverstärkern sowie synthetisch hergestellten Schlechte-Geschmacks-Unterdrücker - wäre die richtige Kost in Zeiten schmieriger EU-Machenschaften.

(2) Wobei die täglich verabreichte Schmiere aufs Brot nichts anderes ist als ein industriell bearbeitetes, bis zur Unkenntlichkeit gerührtes und gemixtes, streichbares Fertigprodukt aus den Zutaten der zeitgenössischen europäischen Küche, die man getrost auch als unterirdisch niveauloses Theater - bestehend aus erbärmlich schlecht inszenierten Stücken (Schmierenkomödien) und gnadenlos chargierenden Darstellern - vulgo: Schmiere bezeichnen darf.

(3) Um die Schmiere (2) möglichst reibungslos und schwingungsdämpfend in die Schmiere (1) zu überführen, bedarf es wiederum geeigneter Schmiermittel - kurz: Schmiere -, bestehend nicht etwa aus Tinte oder Druckerschwärze, sondern aus allem, womit sich Schmiere (1) schmieren lässt, damit am Ende das Ding läuft wie geschmiert. Woher die dazu notwendigen Schmierstoffe stammen, wird gern im Dunkeln gehalten, kann man sich jedoch als täglich aufs neue Angeschmierter denken.

(4) Damit nicht auffliegt, wie geschmiert (3) das Ding zwischen Schmiere (2) und Schmiere (1) läuft, muss es jemanden geben, der aufpasst, also Schmiere steht. Der Hauptjob des Schmierestehers - bestehend darin, abzusichern, dass der Schmierbelag aus (1) so nebulös, also verschmiert rüberkommt, dass keine Sau mehr durchblickt - wird in der Regel, der Einfachheit halber und zur Vermeidung unnötiger Reibungsverluste von Protagonisten aus Schmiere (1) und Schmiere (2) übernommen.

(5) Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass Schmiere (1), (2), (3) und (4) alles daransetzen, um dem/die Angeschmierten davon abzulenken, in welcher Schmiere sie, die Angeschmierten sitzen. Mit anderen Worten: Der Dreck, durch den letztere waten und der ihnen mittlerweile bis zum Halse steht, sollte stets so appetitlich aufgetischt werden, dass keiner auf die Idee kommt, das ganze Schmierzeugs sei ungenießbar oder gefährde am Ende gar Gesundheit, Leib und/oder Leben.

(6) Dennoch kann es vorkommen, dass einzelne Vertreter der in der Schmiere (5) Sitzenden das unbezwingbare Bedürfnis - bestehend aus Völlegefühl, Brechreiz und Überdruss an der eintönigen Kost - verspüren, der Hauptschmierendarstellerin unter (2) endlich mal eine zu schmieren.

(7) Den unter Schmiere (6) Genannten sei gesagt: Es handelt sich dabei keineswegs um eine verwerfliche, sondern im Gegenteil eine ganz natürliche Regung, die bereits in alten, überlieferten Schriften ihren Niederschlag - bestehend aus 'Auge um Auge, Zahn um Zahn' - gefunden hat. Nicht umsonst hält der Volksmund für die einschlägigen Begriffe Prügel, Dresche, Haue, Keile, Kloppe oder Senge auch das Synonym Schmiere bereit.

(8) Als Synthese aus Schmiere (1) bis (7) lässt sich daher - unter besonderer Berücksichtigung der unter (7) aufgeführten semantischen Begriffserweiterung und quasi mit biblischem Back-up zur Rückenstärkung - zumindest perspektivisch die folgende Gegenmaßnahme formulieren:
Schmiere um Schmiere.
Aus reiner Notwehr, versteht sich.

Kommentare:

  1. Und das mal eben so hingeschmiert - sorry, ich meine sehr schön geschrieben und entwickelt.

    oblomow

    AntwortenLöschen