Sonntag, 9. August 2009

Ungeschriebene Kommentare

Es gibt Dialoge, die gibt's gar nicht. Mit Leuten, die mein Blog lesen und das Gelesene gern kommentieren, allerdings nicht hier an Ort und Stelle, sondern lieber am Telefon. Wenn ich dann frage, weshalb sie das am Telefon machen - schließlich blogge ich ja auch nicht mit dem Telefonhörer in der Hand -, sagen sie über kurz oder lang, dass ihnen das am Telefon irgendwie lieber sei. Okay.

Der Dialog heute am Telefon ging so:
(A = Anruferin, M = Mrs. Mop)

A: Auf deinem Blog fühlt man sich wie im tiefsten Winter.
M: Wie das?
A: Ja, weil es auf deinem Blog morgens immer so dunkel ist.
M: Bitte, es ist morgens dunkel, überall, nicht bloß auf meinem Blog.
A: Es hat halt so was Unrealistisches, findest du nicht?
M: Ich finde, es gibt kaum was Realistischeres als die verdammte Dunkelheit morgens.
A: Ja schon, aber wer kriegt die schon mit?
M: Ich zum Beispiel.
A: Ja eben, aber für die meisten Leute ist es im Sommer morgens hell.
M: Genau. Und wenn es im Sommer morgens nicht mehr hell ist, weiß man, der Sommer geht zu Ende. Und was danach kommt, kennt man ja.
A: Bei dir holt man sich ja den Winterblues. Und das Anfang August!

Winterblues. Was für ein wunderschönes Wort. Augenblicklich erkannte ich mich darin wieder. Es war früher Nachmittag, freundlich sonnig, schwülwarm aber noch angenehm, die Luft roch schwer sommerlich, und die Lust am Sommer paarte sich mit der melancholischen Gewissheit, morgen früh erneut dem Winterblues zum Opfer zu fallen.
Was lag näher als dem Winterblues hinterherzugoogeln. Um festzustellen, dass meine neu entdeckte Wortkreation längst in aller Munde ist. Alle reden vom Winterblues, alle haben ihn, nur keiner hat ihn Anfang August. Vermutlich weil sie, genau wie A, morgens um halb fünf noch im Bett liegen.
Am interessantesten fand ich diesen Artikel samt Editorial über den sogenannten manifesten Winterblues; liefert eine blitzsaubere Diagnose dessen, was mir widerfährt. Zum Beispiel erkennen Tiere die Wechsel der Jahreszeiten anhand der Tageslänge, was bei Fledermäusen, Siebenschläfern, Hamstern und Murmeltieren (klingen alle schon so verschnarcht) ein notwendiger Signalgeber für den Winterschlaf zu sein scheint. Genau wie bei mir: Keine Lust, mitten in der Nacht das Schlafen abzubrechen, bloß weil angeblich Morgen ist.
Sobald die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen auf die Netzhaut fallen, senden spezielle Photorezeptoren Signale zu den Neuronen des SCN (Nervenzellbündel über der Kreuzung der Sehnerven), die daraufhin schneller und anhaltend feuern - wie ein Wecker, der den ganzen Tag nicht mehr aufhört zu bimmeln.
Eben, weswegen in dunkler Herrgottsfrühe nichts bimmelt noch feuert; mein Organismus zieht es vor, im Nachtmodus zu bleiben. Dies, so lese ich,
quittiert ihre (meine) Zirbeldrüse prompt mit einer verlängerten Melatoninfreisetzung am Morgen, was dann wiederum zu Stimmungstiefs und Antriebslosigkeit führt.
Wissenschaftlich aufgebrezelt heißt das Ganze Seasonal Affective Disorder (SAD), vulgo Winterblues. Und wer wissen will, wie sich die affektive Unordnung frühmorgens anfühlt, braucht nur an seinen letzten Langstreckenflug zu denken:
Menschen mit saisonalen Depressionen erleben so etwas wie einen ständigen Jetlag. Sie wachen auf und fühlen sich, als wäre es mitten in der Nacht. Und wie verschiedene Studien zeigen, ist es für sie physiologisch gesehen wirklich mitten in der Nacht.
Genau so fühlt es sich an. Jeden Morgen mache ich einen kleinen Jetlag durch. Der wie per Knopfdruck endet, sobald die ersten Lichtstrahlen auf die Netzhaut treffen. Ab dann wird gefeuert und die Lebensgeister kommen in Fahrt. Davor ist es zappenduster im System. Müsste A jetzt eigentlich auch verstehen. Bestimmt ruft sie die nächsten Tage wieder an. Ich kann sie ja auch verstehen, von wegen Winterblues im August. Ich weiß, wie Schokoladennikoläuse im September nerven.

Kommentare:

  1. ich habe die ganze zeit angst, den [zugegeben zur zeit nicht sehr vorhandenen] sommer zu verpassen und mich am ersten wintertag wahnsinnig zu ärgern, daß ich ihn nicht genutzt habe.. deswegen bringe ich jedesmal, wenn ich spazieren oder länger draußen war, einen tannenzapfen mit. um mir im winter zu beweisen, daß das nicht stimmt, was ich dann bestimmt denke ;).

    ach, und OT: hier bloggt eine kollegin von Ihnen, vielleicht ist das ja interessant für Sie :).

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  2. Cool, Tannenzapfen gegen Winterblues ;).

    Danke für den Blogtip!

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