Freitag, 21. August 2009

In die Nesseln getappt


"Kräuterweiber sind keine Apotheker.
Ebenso wenig sind Phrasenmacher Philosophen."

Anscheinend waren die Apotheker schon seit jeher geübte Lobbyisten; oder warum sonst findet sich diese boshafte Sentenz in einem Sprichwörter-Lexikon aus dem 19. Jahrhundert? Es muss wohl mit der damaligen Popularität von Kräuterweiblein, Wurzelsepp und Wichtelzweg zusammenhängen, dass die Pillendreher sich in ihrer Standesehre bedroht sahen.
Das Kräuterweiblein, das mir heute mittag in der freien Großstadtwildnis begegnete, war mit einer fast historisch anmutenden Tracht bekleidet, die mich augenblicklich ins 19. Jahrhundert zurück versetzte, wenn nicht noch früher. Mit einem respektablen Messer in der rechten Hand schnitt die alte Frau ganze Bündel von Löwenzahnblättern und anderem Grünzeug ab. Sie tat dies flink und ökonomisch in der Bewegung. Jeder Griff saß. Neben ihr stand ein großer grauer Müllsack, in welchem sich ihre Ernte anhäufte. Ich wurde neugierig.
Sie erklärte mir in gebrochenem Deutsch, dass sie Löwenzahn und Brennesseln zu Gemüse verarbeite. Mit ein bisschen Zitrone und viel Butter. Und, nach gusto, Schafskäse. Dem Sackinhalt nach zu schließen, hätte das Kräuterweib ohne Probleme ein halbes Dorf verköstigen können. Mein Selbstversorgungsspleen war aktiviert. Ich fragte ihr Löcher in den Bauch. Morgen, sagte die Sammlerin, würde sie Brotfladen mit Löwenzahnfüllung und Schafskäse zubereiten. Ob ich nicht um zwölf Uhr in ihrem Schrebergarten vorbeikommen möge, um so einen Löwenzahnfladen zu probieren? Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Natürlich sagte ich freudig zu.
Einmal tappte ich während unseres Gesprächs in eine Brennesselstaude (knielange Hose, sehr schmerzhaft) und brüllte kurz wie am Spieß. Die Kräuterfrau lächelte mitfühlend. Brennesseltechnisch gesehen war sie entschieden funktionaler bekleidet als ich. Was mich dann aber wirklich umhaute, war ihre geübte, entspannte Art, mitten in die Brennesseln hineinzufassen und sich genau das Blattwerk zu holen, was sie haben wollte. Mit bloßen Händen. Dabei freundlich mit mir plaudernd. Als ob nichts wäre.
Sie erklärte mir radebrechend, in Brennesseln seien konzentrierte Stoffe enthalten, die gut fürs Blut und schlecht für die Krebsentstehung wären. Was für ein Gemüse! Gesund, kostet nichts und, wie mir die Kräuterfrau versicherte, schmackhafter und würziger als jeder Spinat. Überzeugend.
Wieso ihr das nicht an den Händen weh täte, wollte ich wissen, während ich mir noch die brennende Wade rieb. Sie lachte. Sie war eine so liebenswürdige Frau. Mit einem schnellen Griff fuhr sie unter die großen Blätter einer Brennessel, hielt den Stengel fest und hieb mit dem Messer von der Seite flach und sanft dagegen. Das abgeschnittene Blattwerk fiel ihrer Hand entgegen. Sie zuckte nicht mit der Wimper. Man müsse es halt an der richtigen Stelle machen, erklärte sie lächelnd. Und üben müsse man das. Viel üben.

Kommentare:

  1. Von unten nach oben anfassen. Die Unterseite der Blätter ist harmlos und die Nesseln an den Stielen legen sich dann um.

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