Donnerstag, 30. September 2010

Märchenstunde


Die Geschichte ist schnell erzählt:

Ein Mann, 48 Jahre alt, von Beruf Spüler in einer Restaurantküche in St. Petersburg, Florida (USA), fährt am 12. September 2010 nach Beendigung seiner Nachtschicht auf seinem Fahrrad nach Hause, wird von einem unbekannten Autofahrer gestreift und vom Rad geworfen. Das Auto hält nicht an; der Fahrer begeht Fahrerflucht und wurde bis heute nicht identifiziert. Sechs Tage später erliegt Neil Alan Smith seinen schweren Kopfverletzungen, drei Tage vor seinem 49. Geburtstag.

Kurz nachdem der Unfall, die Fahrerflucht und der Tod des Unfallopfers auf der Website der Zeitung St. Petersburg Times gemeldet worden war, besaß ein anonymer Leser die Charaktergröße, den folgenden Kommentar zu posten:
"Ein Mann, der im Alter von 48 Jahren als Spüler bei Crab Shack (Name des Restaurants) arbeitet, ist mit Sicherheit tot besser dran als lebendig."
Tough shit
, dachte ich beim Lesen. Ob dieser Kommentator sich zu mehr Sensibilität hätte aufschwingen können, wenn der zu Tode gefahrene Spüler erst 38 oder 28 Jahre alt gewesen wäre? Was, wenn der Mann bereits 58 Jahre alt gewesen wäre? Wäre es um ihn dann weniger schade gewesen als um, sagen wir, eine totgefahrene und liegengelassene Katze? Was ist das für ein Mensch, der von seinem Computer aus die Welt wissen lässt, dass ein Niedriglohnjob schlimmer ist als der Tod?

Charakter zeigt sich darin, wie jemand sich verhält, wenn niemand zuschaut (zum Beispiel beim nächtlichen Umfahren eines Radfahrers), oder auch darin, wie jemand anonym kommentiert.

Oder darin, wie jemand reagiert auf Täter, die im Schutze der Anonymität handeln. Gestern hat die St. Petersburg Times (via MetaFilter) Charakter bewiesen: Sie veröffentlichte einen ausführlichen, feinfühligen Nachruf auf den 48-jährigen Spüler Neil Alan Smith, aus dem deutlich hervorgeht, warum es eine Reihe von Menschen gibt, die den Verstorbenen schmerzlich vermissen. Respekt vor dem Autor, vor dem Toten, vor den Hinterbliebenen.

"Etwas Besseres als den Tod findest du überall", sprach der altersschwache Esel, der vom Hof verjagt wurde und auf den alten Hund traf, der fortlief von seinem Herrn, da dieser ihn wegen seiner Schwäche totschlagen wollte; dann der alten Katze begegnete, die wegen ihrer stumpfen Zähne keine Mäuse mehr fangen konnte und darum ersäuft werden sollte; dann dem alten Hahn, der für den Festtagsbraten geschlachtet werden sollte. Und so kam es zum Märchen von den vier Bremer Stadtmusikanten. Wenn sie nicht gestorben sind, überleben sie noch heute.

Mittwoch, 29. September 2010

Fünf Euro


Mit fünf Euro kommt man zur Zeit überall durch. So als Gesprächsthema, meine ich. Alle reden über fünf Euro. Sogar lieber als übers Wetter. Was man mit fünf Euro machen könnte, wofür man den Pleite-Heiermann ausgeben könnte, was man sich davon kaufen könnte. Gut, rede ich halt auch darüber.

Zum Beispiel verdammt mich ein frühmorgens entdeckter Platten am Fahrrad zur Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel, um zu meinem Job und wieder zurück transportiert zu werden; eine Dienstleistung, deren Inanspruchnahme mich knapp fünf Euro kostet. Das ist deutlich mehr als die Hälfte eines Stundenlohnes. Das tut weh. Kommt also nicht in Frage. Es darf einfach morgens keinen Platten geben; nur so bin ich geschützt vor dummen Gedanken, die um den Sachverhalt der Beförderungserschleichung kreisen. Fünf Euro für so eine Popelfahrt - geht gar nicht.

Womit ich sagen möchte, dass ich bei der Frage des Wertes oder Gegenwertes von fünf Euro instinktiv denke: Was musst du für fünf Euro tun?, mich sodann ein leichtes Zucken befällt, was dazu führt, dass in der Mehrzahl irgendwelcher kaufrelevanter Situationen die fünf Euro in der Tasche stecken bleiben. Wo sie hingehören. Das macht mich zum Konsummuffel, was mich wiederum zur Kommunikationsbremse macht, weil man sich mit mir einfach nicht länger als eine halbe Minute darüber unterhalten kann, was man mit fünf Euro so alles machen könnte. Mir wird dann fad.

Gar nicht fad finde ich hingegen die Frage, was andere Menschen für fünf Euro zu tun bereit sind. So etwas interessiert mich brennend. Auch wenn es in Wirklichkeit nicht um fünf Euro, sondern um fünf Dollar geht, aber ist ja egal. Hier ein paar Perlen:
Ich mache für Sie eine Stadtführung durch Moskau für 5 $
Ich drucke und verteile Flyer an mindestens 30 Häuser für 5 $
Ich höre mir 15 Minuten lang via Skype deine Beziehungsprobleme an für 5 $
Ich beantworte zehn Fragen über Berlin (Deutschland) für 5 $
Ich werde jeden Song deiner Wahl als Jazz-Song singen für 5 $
Ich mache ein Design für dein Tattoo für 5 $
Ich werde eine Woche lang ein T-Shirt mit der Werbung Ihrer Firma tragen für 5 $
Ich erstelle jedes gewünschte Video in New York City für 5 $
Ich schreibe deinem Kind einen Brief vom Nikolaus für 5 $
Ich gestalte Ihnen eine Website für 5 $
Ich bringe Ihrer Katze in drei Wochen bei, wie sie sich auf Ihre Toilette setzt, für 5 $
Ich installiere Ihnen WordPress plus eine volle Woche Support für 5 $
Ich schreibe eine Rede für einen Brautvater für 5 $
Ich bringe Ihnen das Jonglieren bei für 5 $
Ich werde Sie einen Monat lang jeden Morgen telefonisch wecken für 5 $
Ich komponiere Ihnen ein italienisches Liebeslied für 5 $
Der Marktplatz, auf dem ausschließlich Fünf-Dollar-Niedriglohn-Gigs feilgeboten und nachgefragt werden, heißt Fiverr.com. Das Ganze ist kein Scherz. Obwohl die Seite einen hohen Unterhaltungswert bietet, findet hier eine rege Kleingeschäfte-Macherei statt. Manchmal bleibt beim Lesen das Lachen im Hals stecken. Weil unschwer herauszulesen ist, wie sehr den Anbietern das Wasser bis zum Hals steht.

Am besten hat mir dieses Inserat gefallen:
Ich bringe Ihnen für 5 $ bei, wie Sie mit dem, was Sie bei fiverr anbieten, doppelt so viel Geld machen können.

Dienstag, 28. September 2010

Bruch mit dem Brötchengeber


Du wirst wach von der schneidenden Stimme der Armutsministerin im Radio, trinkst einen schlechtgelaunten Kaffee, findest dieses Video und denkst: Na bitte, geht doch.


Hiermit erstatten wir Strafanzeige gegen alle Mitglieder der Bundesregierung und gegen Unbekannt, da auch andere Außenstehende an den aktuellen Vorgängen beteiligt sind.

1. Bruch des Amtseides
2. Missachtung eines Verfassungsorgans (hier das Bundesverfassungsgericht)
3. Willkürlichkeit im Amt
4. Missachtung des Grundgesetzes
5. Nötigung mit besonderer Schwere
6. schwere Körperverletzung

Diese Strafanzeige bezieht sich auf die aktuelle Bekanntgabe der neuen HartzIV-Regelungen, die verfassungswidrig sind, wie ja in dem Urteil vom Februar des BVerfG diesesn Jahres nachzulesen ist.
Von den Initiatoren ausdrücklich zur Nachahmung empfohlen.

Montag, 27. September 2010

Das geht so nicht weiter


Die Einschläge werden dichter:

"Sucht ist teuer."

Der Ton rauher:

"Nicht nur für die Abhängigen, sondern auch für alle anderen."

Die geforderten Konsequenzen härter:

"Das geht so nicht weiter."

Sagen die Medien.

"Tiefere und raschere Einschnitte."

Sagen die Suchtforscher.

Hoher "Produktivitätsverlust im Todesfall in Haushalt, Ehrenamt und Job..."

Sagen alle.

Hohes Einsparpotential bei den Sozialkosten infolge verkürzter Lebenserwartung...

...sagt keiner.

Spielsüchtige.
Alkoholsüchtige.
Nikotinsüchtige.

Sagen bald nichts mehr.

Der Ton.

Sagt alles.

Sonntag, 26. September 2010

Leserbrief


Sehr geehrter Herr Reents,

mit Interesse habe ich Ihren gestrigen Ordnungsruf an alle Rucksackträger gelesen, die Ihr ästhetisches Empfinden derart massiv beleidigen, dass Sie - offenbar der Notwehr gehorchend - Ihrerseits zu einem beleidigenden Rundumschlag ausholen mussten und sich dabei nicht scheuten, Ihre Hassobjekte als "Ihr Esel und Stiesel" zu adressieren.

Anscheinend geht Ihnen die lästige Spezies der - ich darf Sie zitieren - "Packesel" gewaltig auf den Zeiger, zum einen wegen ihrer (dem kultivierten U-Bahnbenutzer) unzumutbaren Optik ("würdelos"), zum andern wegen der Gefahr, die jene Lastenträger für die Allgemeinheit darstellen, wenn letztere sich dichtgedrängt auf engem U-Bahnterrain zu arrangieren hat ("gemeingefährlich").

Mit zoologischem Feingefühl empfehlen Sie dem rucksackschleppenden Pack ("wie das stumpfe Vieh"): "Nehmt Euch ein Beispiel an denen, die noch Koffer und Aktentaschen tragen", was sicherlich herzensgut gemeint ist von Ihnen - nur, lieber Herr Reents, warum sollte ich mir ausgerechnet an Ihnen ein Beispiel nehmen? Gehören Sie auch zu jenen Aktentaschenträgern, die ihr Handgepäckstück beim Betreten der U-Bahn wie eine Waffe vor dem Körper tragen, eine respektheischende Geste, die für jedermann unschwer als 'Platz da, jetzt komme ich' zu dekodieren ist? Waren Sie das, der mir neulich die spitze Kante seines Aktenkoffers in die linke Kniekehle rammte, weil ich wegen Überfüllung der U-Bahn zu nahe am Ausgang gestanden hatte, auf dessen barrierefreie Nutzung Sie als Aktentaschenträger ein Naturrecht zu haben meinen?

Oder zählen Sie etwa zur Gattung der Rollkofferzieher? Sie wissen schon, das sind jene menschlichen Vollkoffer, die mit ihrem metallgeräderten Hackenporsche den vollen U-Bahnwagen durchpflügen, als seien sie mit einer Planierraupe unterwegs, Motto: Was schert mich rechts, was schert mich links, jetzt komme ich mit meinem Dings! Mein rechter großer Zeh weiß noch heute ein blaugefärbtes Lied davon zu singen. Waren Sie das? Falls ja, ist Ihnen als typischer Rollkofferzieher bestimmt entgangen, dass Ihr nächstes Opfer ein im Kinderwagen sitzendes Baby war, dem sie mit Ihrem zügig rollenden Hartschalenpanzer ruck-zuck den Schnuller aus dem Mund gesäbelt haben.

Nicht weiter tragisch, das Kind hat halt gebrüllt, der Schnuller hüpfte quer unter der Sitzbank durch, kam vor der Schnauze eines darunter liegenden Hundes zum Stillstand, wurde von letzterem ausgiebig sensorisch geprüft, was das Baby erst recht zum Erzgebrüll anstiftete, die Mutter in den Wahnsinn und zwei Fahrgäste auf alle Viere trieb, um den Schnuller vor der Zerfleischung zu retten, ohne dabei vom Hund zerfleischt zu werden.

Haben Sie gar nicht mitbekommen? Natürlich nicht, denn da hatten sie bereits im anderen Ende des Wagens Platz genommen, versperrten mit ihrem Samsonite den Durchgang, vertieften sich in den abstoßenden Anblick zweier unzumutbar hässlicher Rucksackträger und dachten sich angewidert: "Was habt Ihr da eigentlich immer drin in Euren Säcken? Proviant für Euren Lebensweg, der auch nicht mühsamer sein kann als der unsere?"

Ach Herr Reents, mit dem Proviant liegen Sie gar nicht so falsch - nur das mit dem Lebensweg und der Mühsal, das sollten Sie sich noch mal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen, am besten morgen, wenn Sie Ihren gewohnten Gang ins FAZ-Kasino antreten; selbstverständlich ohne Rucksack, denn wer braucht schon einen Rucksack, wenn er trockenen Fußes seine Futterstelle erreichen und dort konvenient zwischen drei Sättigungsbeilagen wählen kann. Mahlzeit, Herr Reents.

Bevor ich es vergesse: Am Ende Ihrer Ungezieferdurchsage rufen Sie nach längst überfälligen Verboten in einer Welt, "in der es offensichtlich noch nicht genug Vorschriften gibt, sonst wäre diese auch ästhetisch nicht eben vorteilhafte Unsitte längst unterbunden", schwingen sich gar zum Ordnungshüter auf ("Also, zum letzten Mal, herunter damit!").

Aber nicht doch, lieber Herr Reents, warum denn gleich so platzhirschmäßig? Sie als Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel kennen doch bestimmt Emma Clarke, die berühmte Stimme aus dem Off der Londoner U-Bahn, 'voice of the London Underground', die sich mit problemlösenden Lautsprecherdurchsagen einen Namen gemacht hat. Hören Sie mal rein, ob nicht etwas für Sie dabei ist.

Samstag, 25. September 2010

Immer auf die dummen Dicken


Zur Zeit wird wieder mal die dickste aller dicken Säue durchs Dorf getrieben. Und alle machen begeistert mit bei der Treibjagd. Wer oder was wird gejagt? Mal wieder die Dicken. Die Übergewichtigen. Die Fettleibigen.

Was täten wir nur, wenn wir die vielen Dicken nicht hätten? Die sich so wunderbar in den volksfürsorglichen Klammergriff nehmen lassen? Dann müssten wir das Kind beim Namen nennen, denn es wird uns ja schon seit einigen Jahren eingebleut: Es ist die dicke, dumme, faule Unterschicht, die adipös aus dem Leim geht; die Dicken sind die, die zu dumm, pardon, zu bildungsfern sind, um sich vernünftig zu ernähren. Heute reicht es schon, öffentlich 'den Fettleibigen' ins volksgesundheitliche Gewissen zu reden, und jeder weiß, wer damit gemeint ist. Gelernt ist gelernt.

Viel Dummes ist seither über die dummen Dicken geschrieben worden; aber auch manch Kluges: Dummheit und Körperfett in Bezug zueinander zu setzen, sei eine Steilvorlage für Diskriminierung, so der Soziologe Friedrich Schorb vor knapp einem Jahr - und so ist es ja denn auch gekommen. "Dick" sagen reicht, "dumm" denkt sich jeder selbst dazu. Wer sich von der Unterschicht abgrenzen will, achtet auf sein Gewicht.

"Fette Tatsachen" lautet die heutige Schlagzeile, "Übergewicht wird zur Epidemie" hieß es gestern. Mir dagegen scheint, das sintflutartige Studienaufkommen zum Thema ist mittlerweile selbst zur Epidemie geworden. Auf sogenannte Studien folgt sogenannter Handlungsbedarf, auch das haben wir gelernt; also dürfte sich demnächst mal wieder epidemischer Aufklärungsaktivismus breitmachen, um den Übergewichtigen beizubiegen, dass man es doch nur gut mit ihnen meine und sie deshalb jetzt endlich ihren Lebenswandel ändern sollten, gefälligst, denn allmählich müssten sie es doch gemerkt haben, die Übergewichtigen, die Trinker, die Raucher, die Unsportlichen, die Extremsportler und all die anderen Risikogruppen, was für eine enorme volkswirtschaftliche Belastung sie darstellten. Die Gesundheitspolizei marschiert. Absurderweise meist in Gestalt von übergewichtigen Politikern. Warum muss ich gerade in diesem Augenblick an die Katholen denken?

Nein, ich verteidige weder exzessives Fressen noch Komasaufen. Was mir zunehmend mentales Sodbrennen verursacht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der die verstaatlichte Inobhutnahme des persönlichen Lebenswandels betrieben wird. Ich habe schon Probleme damit, Politiker als Führungspersönlichkeiten ernst zu nehmen; auf der Predigerkanzel finde ich sie nur noch unerträglich. Es geht Politiker nichts an, wie ich lebe, weshalb sie weder die Pflicht noch das Recht haben, mir vorzuschreiben, wie ich zu leben habe.

Trotzdem führen sie sich auf wie überfürsorgliche Sozialarbeiter, die mir auf Biegen und Brechen die Risiken meiner Lebensführung abnehmen wollen. Habe ich sie darum gebeten? Nein. Warum maßen sie es sich dann an? Weil sie sich anmaßen, es gut mit mir zu meinen. Ihre Selbstanmaßung geht so weit, dass sie sich einbilden, ich würde sie wegen ihres alarmistischen Zugriffs auf die bedrohte Volksgesundheit schätzen oder gar wählen.

Übrigens verweist die aktuelle Studie auf eine weitere aktuelle Studie, in der nachgewiesen wird, dass die Dicken durch ihr sozialverträglich frühes Ableben unterm Strich die Renten- und Krankenkassen nicht etwa be-, sondern entlasten. Mehr noch:
"Die Versicherer halten es unterdessen sogar für möglich, dass die Zunahme der Fettleibigkeit eines Tages den Trend zur Langlebigkeit stoppen könnte."
Sind das nicht gute Nachrichten? Grund genug, den Dicken zu Lebzeiten eine fette Prämie auszuzahlen. Und sie ansonsten in Ruhe zu lassen.

Freitag, 24. September 2010

Winterblues


Nach dem Herbstblues kommt der Winterblues. Das ist ganz normal. Zum Winterblues ist eigentlich schon alles gesagt. Trotzdem, er ist wieder da und will mitreden. Kann er haben.

Der Winterblues kommt, wenn es morgens dunkel ist und man genau spürt, dass es noch sehr lange dauern wird, bis es hell wird. Dieses Mehr an Eigenenergie, was aufgebracht werden muss, um wach zu bleiben, weil die natürliche Energie des Tageslichtes fehlt. Anstrengend ist das. Habe ich aber alles schon mal geschrieben.

Neu ist, dass ich neuerdings mit flutlichtähnlicher Beleuchtungsanlage am Fahrrad unterwegs bin. Es ist wie Nacht-Trekking mit Kaninchen- und Eichhörnchenjagd. Der potente Lichtkegel erlaubt es mir, meine Querfeldein-Lieblingsstrecke zu fahren, wo zu zwei Dritteln keine einzige Straßenlaterne steht. Flora und Fauna zuhauf. Die Kaninchen bleiben immer wie hypnotisiert mitten auf dem Weg sitzen, schauen mir schreckensstarr entgegen, um im letzten Moment ins Gebüsch wegzuflitzen. Die Eichhörnchen rasen kreuz und quer und machen sich einen Sport daraus, direkt vor meinem Vorderrad über den Weg zu huschen. Ich muss dann jedes Mal furchtbar laut stöhnen, zur Drosselung der Adrenalinspitzen. Passiert ist noch nichts.

Ja, und dann die Flora. Mein Suchscheinwerfer erfasst unvorstellbare Mengen von Laub auf dem Boden, viel zu früh für die Jahreszeit. Seit heute, wo das Wetter umgeschlagen hat, sagt jeder, mit dem ich rede, melancholisch: "Ach, es wird Herbst", und wenn ich dann antworte: "Nein, Winter", finden sie das übertrieben. Ich nicht. Mein Hund Blues auch nicht. Er schläft zwar, aber anders als sonst. Normalerweise liegt er der Länge nach unterm Sofa; als ich heute aufstand, lag er quer, so dass die Schnauze vorne herausschaute. Augenlider auf Halbmast. Unruhiges Schnaufen. Er kann es nicht leiden, wenn morgens elektrisches Licht brennt. Ich auch nicht.