Dienstag, 5. Oktober 2010

Verteilungsprobleme


Sage keiner, die letzten Rätsel der Menschheit seien geklärt. Sind sie nicht. Jedenfalls nicht das Rätsel der Um- und Hauptverteilung. Und nein, jetzt kommt nichts Hanebüchenes zum spannenden Thema von sozialpolitischen Umverteilungsmaßnahmen, und auch nichts zu dem noch prickelnderen Thema, wer sich dabei den Hauptbatzen unter den Nagel reißt. Nichts dergleichen. Jetzt kommt etwas Kommunikationstechnologisches und damit etwas, was meine kleine Welt von einem Moment zum anderen aus den Fugen gelupft hat.

Komme ich heute abend um halb sechs nach Hause: kein Internet, keine Email, kein Festnetztelefon, natürlich auch kein Zugriff aufs Blog. Nüschd. Weg. Alles tot. Ich im Adrenalinrausch aufs Rad und zum einzigen, winzigen, taschentuchgroßen Sowieso-Punkt-Laden in meinem Stadtteil gespurtet. Machen ihren Laden um halb sieben dicht. Ich: "Mein Anschluss zuhause ist vollgestört!" Zwei Typen in Feierabendlaune mampfen Kekse und antworten: "na, na," (der eine), "um die Uhrzeit, muss das sein?" (der andere), so frech, dass es schon wieder cool war.

Darauf nimmt sich der eine Typ der Sache an, Erstdiagnose: "Mit Ihrer Beta-Ader stimmt was nicht." Ich staune Bauklötzer. Ob es sich bei der Beta-Ader um jene Ader handelt, durch die mein adrenalinpochendes Blut schießt? Beta-Ader. Was es alles gibt. Der zweite Typ telefoniert mit einem Techniker, der sich wiederum per Fernfummelei meinem Anschluss zu nähern versucht und schließlich verkündet: "Vergesst die Beta-Ader, das Problem liegt in der Hauptverteilung."

Hauptverteilung. Da haben wir's. Typ Eins schiebt mir die Keksschachtel übern Verkaufstresen zu und malt auf einem Blatt Papier so lange an einem Kasten, bis mir der Kasten bekannt vorkommt: Klar, einer jener potthässlichen grauen Kästen, die an den Straßenecken stehen mit so einem Sowieso-Punkt drauf. In den grauen Kästen ist die Hauptverteilung drin. "Hauptverteilung ist gut für Sie", sagt Typ Eins, sieht mich kauen und deutet auf die Schokowaffeln, "die sind besonders gut", woraus ich schließe, dass Schokowaffeln in großen Mengen mir besonders gut tun. Zugriff.

Gut an dem Hauptverteilungsproblem, erklärt Typ Zwei, sei der Umstand, dass der Techniker es quasi auf der Straße lösen könne und ich nicht zu einem bestimmten Termin zuhause sein müsse. Schlecht an dem Hauptverteilungsproblem sei, dass das Sowieso-Punkt-Technikerkontingent momentan derart angespannt arbeite, dass an eine Problemlösung vor Donnerstagmittag nicht zu denken sei. Bitte, wir haben heute Dienstag. Meine Beta-Ader schwoll an.

"Nicht aufregen", tröstete Typ Eins, indem er auf die letzten verbliebenen Schokowaffeln wies, "nur zu - Schokolade ist gut für die Nerven." Kauend rannten meine Nerven im Laden auf und ab. Ich war außer mir. Setzte mich aufs Rad und düste betamäßiger Laune nach Hause.

Und was empfängt mich dort? Ein vollfunktionierendes Internet, ein munteres Telefonklingeln, ein Haufen Emails! Von Störung keine Spur. Wie weggeblasen. Verhext, dachte ich. Wie kann das sein? Ein Rätsel. Ich griff zum Festnetztelefon - es war 18:25 Uhr - und rief bei den Kekseulen an. Typ Eins ging mit vollem Mund dran. Hallo, sagte ich nett, ob er sich an mich erinnere? Klar, entgegnete der Mann. Kurze Pause (in der er vermutlich auf seinem Display meine Nummer wiedererkannte).

Dann verschluckte er sich heftig und hustete sich einen Zentner Kekskrümel aus dem Leib. "Das kann doch gar nicht sein, dass Sie hier anrufen!", japste er, "das geht doch überhaupt nicht! Das ist unmöglich!" Typ Eins war fix und fertig; ich konnte hören, wie Typ Zwei ihm herzhaft auf den Rücken klopfte. Beide debattierten erregt das rätselhafte, "technisch unmögliche" Zustandekommen dieses Telefonats. "Gibt's. Doch. Nicht.", rief ein ums andere Mal Typ Eins aus.

"Nicht aufregen", sagte ich und versprach, morgen nachmittag mit einer Umverteilungstüte Schokowaffeln vorbeizukommen.

Kommentare:

  1. Isch lach' misch kapudd - wie schee Du dess beschreibsd *rofl*

    PS.: Ein Exemplar aus der Erstauflage des Buches "Mitten im Leben - ein Mop berichtet" krieg ich - ich bezahl' auch - handsigniert.

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  2. "...ein Mop berichtet": *lol, du alter Knallvogel.

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