Sonntag, 20. Dezember 2009

Der Charlottenburger


Es sind bei dieser Polarkälte ja nur wenige Leute draußen. Aber die, die draußen sind, tun es alle. Manche gehen dazu verschämt hinter den nächsten Baum und tun es dort; alternativ der beiläufige Gang um die Litfaßsäule, bis man sich außer Sichtweite wähnt und es tut. Manche bleiben plötzlich stehen, schauen wie gebannt auf ihre Füße, stützen sich mit der rechten Hand am Oberschenkel ab und tun es mit der linken Hand. Und dann andersrum. Schließlich hat der Mensch zwei Nasenlöcher. Die hat der liebe Gott uns gegeben, damit wir uns in der Kunst des doppelten Charlottenburgers üben.

Beim Charlottenburger handelt es sich um 'eine gebräuchliche Schneuzmethode bei Sportlern und Bauarbeitern', sowie bei Joggern, Radfahrern und Normalsterblichen, möchte man ergänzen. Weil es nun mal alle tun. Denn es handelt sich um eine Art Kältenotdurft, die zu unterdrücken höchst ungesund wäre, im Sinne des freien Flusses der Säfte. Die Vorgehensweise ist wie folgt:
Man nehme einen beliebigen Finger und drücke diesen wahlweise auf ein Nasenloch. Nun gibt man Druck (also Atemdruck, nicht Fingerdruck) auf das Riechorgan. Daraufhin sollte der überflüssige Inhalt torpedoartig aus dem freien Loch fliegen. Als unmittelbare Folge sollte sich wieder freier Atem im Riechkolben einstellen.
Stimmt, hinterher fühlt es sich immer großartig an. Bis das Geschnaube nach ein paar hundert Metern wieder losgeht. Beim Radfahren ist das verschränkte Charlottenburgern insofern nicht unriskant, als besagter Torpedo im eiskalten Fahrtwind schneller gefrieren kann als einem lieb ist. Um dann als Eiszapfen womöglich die Flugrichtung zu ändern. Nun ja.

Wieso das fragliche Geschoss ausgerechnet Charlottenburger heißt und nicht Lüneburger oder Hamburger oder Cheeseburger, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass es Leute gibt, die sagen "Du, Moment mal, ich muss mal 'nen Charlie absetzen". Und es gibt solche, die sagen "Du, wart mal, ich geh mal eben schauen, wann die Philharmoniker nächste Woche spielen", und dann wandern sie um eine Litfaßsäule herum. Gemeint sind natürlich die Charlottenburger Philharmoniker.

Kommentare:

  1. witzig - hab' ich echt noch NIE gehört...
    [liest du eigentlich noch bei mir? :)]

    AntwortenLöschen
  2. ich habe vielleicht die herkunft von 'charlottenburger' gefunden!! ;) in einem SpOn-Artikel über einen tippelbruder steht, daß der charlottenburger, sein gesamtes hab und gut also, hinter ihm liegt. ich nehme an, ursprünglich meinte man damit das [taschen]tuch, das alles zusammenhält.

    was meinst du? :)

    AntwortenLöschen
  3. Hey, das ist großartig, mitten im Sommer eine Recherche zum polaren Charlottenburger!

    Das Taschentuch, das alles zusammenhält (oder halten sollte) (oder hätte halten sollen), bevor ES Richtung Boden geschneuzt wurde.

    :)

    AntwortenLöschen