Dienstag, 14. Juli 2009

Jäger und Sammler

Heute früh kurz bei Plopp & Plutsch vorbeigeschaut - desaströs. Infolge des nächtlichen Dauerregens gab es statt fester, frischer Kullerchen nur noch Mirabellenkompott. Zwar von einwandfreier biologisch-organischer Qualität, aber ein derart intensiv naturbelassenes Aroma verströmend, dass ich von meinem Erntevorhaben Abstand nahm.
Während der zwanzig Meter Fahrt durch Mutter Naturs Gär- und Waschküche (feuchtwarme Luft, 23 Grad schon um halb sechs) beschloss ich, künftig diese öffentliche Wegstrecke als mein privates Krisengartengrundstück zu nutzen, frei nach der Devise: Ernten ohne selbst anzubauen. Einfach mitnehmen, was die Scholle so hergibt. Okay, klingt jetzt vielleicht ein bisschen konsumistisch, so nach take away food - Habenwollen ohne Hand anzulegen, genau von diesem Anspruchsdenken will einen ja das Selbstversorgungsprinzip runterholen: kein Einverleiben ohne sich zu verausgaben. Aber bitte, immerhin bücke ich mich pausenlos, also, tun tue ich schon etwas, meinetwegen ist es Selbstversorgung light. Bei den Mirabellen ist noch längst nicht aller Tage Abend, da kommt noch einiges runter.
Schräg gegenüber vom Mirabellenbaum steht ein Birnbaum, den ich gottlob daran erkenne, dass er bereits kleine grasgrüne birnenförmige Früchte trägt. Noch sind sie unfotogen. Weitere Erntepotentiale werde ich die nächsten Tage eruieren. Für den Anfang nicht schlecht: Birnen einlagern über den Winter, Mirabellenmarmelade kochen und im Keller bunkern.
Ist ja überhaupt etwas Tolles, wie sich aus roher Natur etwas Gutes zum Essen verstoffwechseln lässt. Als ich heute morgen den Keller wischte, kam ein Fleischlieferant die Treppe herabgestiegen, auf der rechten Schulter einen schweren Karton tragend. Laut rief er: "Es gibt leider nur drei Kaninchen, statt sechs bestellten." Er erblickte mich im Keller und fügte erklärend hinzu, es bestünde derzeit ein Lieferengpass für Kaninchen. Schnaufend verschwand er mit Karton im Kühlhaus. Nun habe ich ja mit der Bestellabwicklung rein gar nichts zu tun, fand aber das mit dem Lieferengpass doch bemerkenswert. Wie kann das sein? Die Kaninchen springen, wie schon erwähnt, zu Hunderten in freier Wildbahn herum, man spricht von einer großstädtischen Plage, und der Kaninchenlieferant hat was? Einen Engpass. Sachen gibt's. Kaninchen-Butterberge, sozusagen.
Ich trug gerade meinen Wassereimer die Kellertreppe hoch, als der Kaninchenbringer hinter mir wieder auftauchte. Interessehalber fragte ich ihn, ob es sich um Keulen oder Rücken vom Tier handele, und er antwortete, nein, das seien komplette, unzerlegte Kaninchen, die erst von den Köchen auseinandergenommen werden. Fand ich zumindest ungewöhnlich; es werden ja schließlich auch keine unzerlegten Kühe angeliefert. So könne man das nicht sehen, meinte der Mann mit einem gutmütigen Grinsen, bei Kaninchen sei das etwas anderes als bei Kühen. Während er den Kopf schräg legte und überlegte, wie er sagen sollte, was er sagen wollte, ertönte vom oberen Ende der Kellertreppe die Stimme von Frau Übermop: "Damit man sieht, dass es keine Katze ist."
Fast schmoss es mich rückwärts die Kellertreppe runter vor Lachen. Ich weiß nicht, was mich mehr erheiterte - das mit der Katze oder der Übermop-Tonfall. Der Halbsatz 'damit man sieht, dass es keine Katze ist' kam beiläufig-belanglos daher als handele es sich um eine Marginalie, etwa wie 'an Spiegeleier gehören Salz und Pfeffer'. Im Krieg, so erfuhr ich, seien tatsächlich Katzen als Kaninchen vertickt worden, also musste man sich vorsehen als Käufer.
Ich raste sofort ins Kühlhaus um nachzuschauen, ob sich auch kein falscher Hase unter den dreien befand. Ich tippe auf dreimal Kaninchen, obwohl, beschwören könnte ich es nicht. Und wenn man erstmal ins Nachdenken kommt...kennt man ja.
Aug' in Aug' mit den drei küchenfertigen Häschen wuchsen meiner morgendlichen Krisengrundstücksvision Flügel. Dort purzeln nämlich nicht bloß Mirabellen und bald auch Birnen durch die Gegend, sondern ganze Kaninchengeschwader. Ich weiß, dass auf Kaninchen nicht geschossen werden darf, jedenfalls vermute ich es, aber ich sage ja auch nicht, dass ich auf Kaninchen schießen will, ich sage nur, Schrotflinte lernen wäre schon mal nicht schlecht, so krisentechnisch gesehen.
Vielleicht steige ich auch in die Destillierbranche ein, denn auf dem Rückweg ploppte und plutschte es wieder aus allen Rohren; frische Ware lag abholbereit. Warum nicht in Mirabellengeist machen? Warum nicht dereinst, wenn die Krise uns das letzte Hemd ausziehen wird, sich an Kaninchenbraten mit in Senf geschmorten Mirabellen stärken?
Warum in die Ferne schweifen? Jetzt wird erst mal Mirabellenkompott gekocht.


Montag, 13. Juli 2009

Kopfton

Vielleicht schaffe ich es ja doch ohne eigenes Gartengrundstück durch die Krise? Heute früh, als ich noch ein wenig übernächtigt die erste Steigung hoch knetete, fiel mir etwas auf den Kopf. Es tat nicht weh, aber ich erschrak. Gleich darauf fiel schon wieder etwas auf meinen Kopf, und da war ich dann wach. Steht da ein Riesenmirabellenbaum am Weg, mitten in der Landschaft, und ist dabei, seine reifen gelben Früchte abzuwerfen. In Massen.
Am Freitag war von den gelben Kullerchen noch nichts zu sehen gewesen. Am Montag fallen sie einem auf den Kopf. Na wartet, bis ich auf dem Rückweg wieder bei euch vorbeikomme.
Um die Mittagszeit waren sie dann schon mehrfach überfahren worden, aber im Unterholz lagen die unversehrten, auf weichem Gras, und leuchteten beim Nähertreten überall orange-gelb heraus. Ich probierte eine - vorzüglich. Um mich herum fielen ständig neue Mirabellen nach. Jedes Mal war ein sanftes, gedämpftes Plopp zu hören, wenn sie im Gras landeten. Bei Kopflandung machten sie Plutsch.
Am besten schmecken Mirabellen, wenn sie eine Zeitlang von der prallen Sonne beschienen worden sind: warm, süß, saftig, mit feiner Säure. Manche sind rotwangig und haben klitzekleine Sommersprossen. Die schmecken am süßesten.
Schon toll, wenn einem die Früchte einfach so vor die Füße fallen. Gern auch auf den Kopf. Morgen gehe ich nochmal zur Ernte, dann aber mit System, sprich mit längeren Hosen. Die von heute waren entschieden zu kurz, oder die Brennesseln zu hoch, eins von beidem.

Sonntag, 12. Juli 2009

Eigenbrötler

Vielleicht hatte Frau Übermop ja doch recht neulich mit ihrem Plädoyer für das Selbstversorgungsprinzip. Sie hatte ja kassandrahaft prophezeit, dass die Leute in kommenden Zeiten gut daran täten, die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse verstärkt selbst zu organisieren. Und falls sie, die Leute, dazu nicht in der Lage seien, müssten sie es eben lernen. Und falls die Leute nicht in der Lage seien, es zu lernen, blickten sie härteren Zeiten entgegen. Noch härter nämlich als die ohnehin sich ankündigenden harten Zeiten für alle anderen. Mehr hatte Frau Übermop dazu nicht aus dem Sack gelassen, aber es hat gereicht, mich heute ihrer Worte zu erinnern:
Gartengrundstück zum Kauf oder zur Pacht gesucht.

Vielleicht handelt es sich bei dem Interessenten ja um einen Zeitungsleser, dem vor zwei Tagen dieser Artikel in die Hände gefallen ist. Dort wird berichtet von einem Kleinbauern im südlichen Niedersachsen, der auf seiner Stalltür stehen hat: Ich bleibe auf dem Land / und ernähre mich, wie ich kann. 'Auf dem Hof gibt es kein Fließwasser, also auch kein Klo, nur einen Blecheimer.' Mit den Fäkalien wird die Wiese gedüngt, 'so will es der Kreislauf'. Es gibt Kühe, Schafe, Hühner, eine Ziege und noch viel mehr Getier. Es gibt vor allem viel Arbeit. Sein Wasser bezieht der Landwirt aus einer nicht allzu nahen Quelle, welche er mit den Worten lobt "falls der Aldi einmal nicht mehr aufmacht".
Ein hartes Leben. Aber es gibt mit Sicherheit härtere Leben. Im Keller 'lagern seine Vorräte, 200 Einmachgläser: Gurken, Kürbis, Apfelmus, eingekochtes Fleisch, Birnen, Kartoffeln. Brennholz, Sellerie, Rote Beete. Im Regal reifen einige Käse, und weitere 30 trocknen für den Winter draußen in der Sonne. Der Selbstversorger lebt im Überfluss.' Warum sie den Artikel dennoch überschrieben haben mit 'Gottfried, der Habenichts', bleibt mir ein Rätsel. Ach ja, und Gottfrieds große Leidenschaft ist Tango tanzen. Jeden Donnerstagabend.

(Memo: Artikel ausdrucken und morgen Frau Übermop mitbringen)

Samstag, 11. Juli 2009

Happy Mopping

Heute war mein erster Putzeinsatz in einer Privatwohnung. Um neun Uhr waren wir verabredet zum Kaffeetrinken, halbe Stunde Wohnung gemeinsam checken, dann musste der auftraggebende Freund auf die Arbeit gehen. Sagenhaft guter Kaffee aus einer kleinen, kompakten italienischen Maschine. "Trink so viel du willst." Solche Jobs mag ich schon von vorneherein. In den Kühlschrank hat er vorsorglich einen Piccolo gestellt. Für den Kreislauf der Putzfrau. Ein Wahnsinnsauftraggeber. Es gibt auch andere.
Wir machten einen Rundgang durch die kleine Wohnung. Fenster, Böden, Bilder und Bilderrahmen, Schränke, Glastische, Türen, Holzleisten und und und, "halt alles mal so richtig von Grund auf". Badewanne, Waschbecken, Toilette, Spiegel, Heizungsrohre und und und, "eigentlich überall, siehst du ja selbst, wie es hier aussieht." In der Tat, ich sah es mit eigenen Augen. Da gehst du durch, sagte ich mir. Einfühlsam erkundigte ich mich, ob es vielleicht sein könne, dass er am Wochenende Damenbesuch erwartet? Ein vernichtender Blick traf mich, ein Daumen wies schräg nach oben hinten,
und ich hielt die Klappe.
In einem schmalen Einbauschrank stand ein wuchtiges Trumm von Staubsauger. "Also, er saugt", sagte der Hausherr, wobei seine Stimme am Ende nach oben ging - statt nach unten, wie wenn einer einen Satz beendet. Es klang verdächtig nach 'er saugt KOMMA ABER'. Ich sagte nichts. "Ja wirklich, er saugt, nur die Saugleistung ist halt nicht so der Knaller", vorgetragen in nochchalantem Ton, als ob es kaum Belangloseres gäbe als die Saugleistung eines Staubsaugers. Ich guckte streng. "Okay, okay, er saugt, aber er saugt halt nicht wirklich." Das ist doch schon mal eine Aussage. Noch dazu eine zutreffende: Dieser Staubsauger klingt wie ein Staubsauger, verhält sich aber nicht wie einer. Er macht nicht gerade das Gegenteil dessen, was ein Staubsauger tun sollte, das nicht, aber effektiv machen tut er eigentlich nichts. Außer Krach.
Als der Hausherr schließlich auf meine Frage "wo hast du einen Eimer?" zur Antwort gab "Eimer, wieso Eimer?", da schwante mir, welche gigantische logistische Herausforderung auf mich zukam. Ohne Eimer ist die Putzfrau nichts. Eimer ist so was von basic, dass ich ihn noch nicht mal auf meiner Checkliste stehen hatte. Und jetzt das.
Auf diesen Schreck tranken wir noch einen Kaffee, fanden die Situation irgendwie ziemlich lustig und beschlossen, halt das Beste draus zu machen. Also, ich. Was ich dann auch tat. Ich gab mein bestes Mopping. Natürlich keineswegs in vier Stunden. Nach vier Stunden war noch nicht einmal jener immer wieder faszinierende Umschlagspunkt erreicht, wo die Putzfrau im Gesamtbild deutlich mehr Sauberkeit und Ordnung wahrnimmt als Schmutz und Chaos. Ein wunderbarer Umschlagspunkt, von dem an alles leichter und schneller von der Hand geht. Ein richtiger Antreiber. Hat das heute lange gedauert, bis ich endlich Land gesehen habe.
Erfreulicherweise handelte es sich um eine Junggesellenwohnung, wo bekanntlich ganz oben statt einer Dunstabzugshaube ein Deckenventilator hängt. Das Geschaufel dieses Riesenviechs und sein gemütliches leises Schnurren haben den Wellnessfaktor der ganzen Ochsentour entschieden angehoben. Der Kaffee wurde mit jeder Tasse besser. Den Piccolo habe ich um 14 Uhr getrunken, als der magische Moment des Umschlags gekommen war. Alles in allem ging es mir verdammt gut, obwohl es verdammt anstrengend war.
Ganz am Schluss klopfte ich die Fußmatte auf dem Balkon aus und las, was darauf stand. Genau, dachte ich, Spielwiederholung wäre nicht schlecht, und dann dachte ich, es kann bestimmt nichts schaden, dem Hausherrn, Auftraggeber, Gastgeber und Freund etwas zu hinterlassen in Sachen Eigenacquise. Kapiert der bestimmt, dachte ich.

Freitag, 10. Juli 2009

Nebenjob

Gerade hat mich ein guter Freund kurz besucht. Er gehört zu den wenigen Menschen meines Umfeldes, mit denen ich mich ganz locker über meine Erfahrungen als Putzfrau unterhalten kann, ohne den sonst bei diesem Thema gern aufkommenden Kommunikationsstress (reicht beim Gegenüber von Peinlichberührtsein bis mittlerem Schockzustand). Wir plauderten über dies und das, auf einmal schaute er eine Weile lang so vor sich hin und sagte dann: Ich möchte gern mal über was mit dir reden. Nur zu, antwortete ich und harrte der Dinge. Es dauerte, bis er mit der Sprache rausrückte. Nach einigen verbalen Verrenkungen und geschätzten 27 mal 'ähm, also, was ich dich mal fragen wollte, also, versteh mich nicht falsch, öhm...' sprach er schließlich mit fester Stimme: Ich bräuchte für morgen dringend jemanden zum Putzen bei mir zuhause. Sag's doch gleich, erwiderte ich. Puh, machte er und schnaufte tief.
Kann ich übernehmen, sagte ich und besann mich auf das, was ich in einschlägigen Online-Putzforen (die heißen dann irgendwas mit Gebäudereinigung) gelernt hatte: Der Profi fragt in solchen Fällen unbedingt und zuallererst, ob der Auftraggeber die Arbeitsmittel stellt. Ein gutes Vorgehen, weil es das Geschäftsanbahnungsgespräch sofort angenehm versachlicht. Man hat was Konkretes zum Drüberreden. Ich frage also, ob der Auftraggeber die Arbeitsmittel stellt, und er sagt erleichtert, ja klar, er habe alles nötige zuhause.
Das wollte ich genau wissen. Wirklich alles? Bodenreiniger? Klar, jedenfalls so eine Art Allzweckreiniger habe er. Glasreiniger? Ähm, nee, dazu nehme er immer Spülmittel. Oh. Besen und Schaufel? Nein, brauchst du nicht, es gibt einen Staubsauger, keinen ganz modernen, aber geht so. Wie, geht so, frage ich misstrauisch, geht wie? Auf Laminat geht er ganz gut, sagt der Auftraggeber. Hm. Grillreiniger? Es stellt sich heraus, dass nur Wohnzimmer- und Badezimmer-Intensivreinigung gewünscht wird; keine Küche, kein Schlafzimmer. Gut. Schwämme und Schwammtücher? Einen Schwamm habe er, sagt der Freund. Einen Schwamm?, frage ich. Ja, mindestens, antwortet er. Aha. Gut, dass wir über alles gesprochen haben.
Der Rest ging schnell und unkompliziert. Vier Stunden sind vereinbart, die Stunde merklich über dem Mindestlohn. Cool. Morgen früh um neun.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Auf dem Lokus sitzt ein Jokus


Ja, ist denn das die Möglichkeit? Die Brombeeren reifen!
Wieso tun die das? Die dürfen das doch noch gar nicht, jetzt, Anfang Juli. Sondern frühestens im August. Als relativer Brombeerbanause habe ich mich bei Experten rückversichert; tatsächlich, es heißt, die Früchte könne man von August bis Oktober ernten.
Ich erntete heute, am 9. Juli: reif, süß und vollmundig, mit leicht pelzigem Abgang.
Immer noch erstaunt über die frühreifen Früchtchen, kam ich auf den Recherchetrip. Man glaubt es kaum, wieviele unterschiedliche Dialektausdrücke es für die Brombeere gibt. Der beste von allen kommt unzweifelhaft aus Schlesien. Die Leute dort sagen statt 'Brombeere' ein Wort, das man in meiner Region höchstens zur Bezeichnung eines hirnamputierten Vollkoffers verwendet: Brombeere heißt auf schlesisch - echt jetzt, ohne Scherz - 'Arschbeere'. Arschbeere! Hat man Töne? Hat man keene. Ich rief einen Freund mit ausgewiesener Dialektobsession an und fragte ihn, was er, ohne nachzudenken oder nachzuschlagen, unter Arschbeere verstünde. Er wollte sich vor Lachen gar nicht mehr einkriegen und antwortete: Ganz klarer Fall, das müsse ein umgangssprachlicher Ausdruck für 'Hasenköttel' sein. Der Freund ist Hamburger und sprach das Fremdwort aus wie 'Hasenköddl', was mich an 'Brunsbüddl' erinnerte, wo der Freund längere Zeit gelebt hat. Wie, Köddl?, fragte ich, was das denn sein solle? Er klärte mich über die etymologische Verwandlung von 'Kot' in 'Köttel' auf. Aha. Wieder was gelernt. Ich meinerseits nenne die fragliche Absonderung 'Hasenknödel'.
Wie das dann so ist, der schlesische Arschknödel ließ mir keine Ruhe, ich graste das Guugel-Universum genauso systematisch nach Brombeeren ab wie heute mittag die wildwuchernde Hecke. Und wurde abermals fündig, ausgerechnet bei einem bekannten Onlinewarenversender. Der bietet allen Ernstes einen Klosettsitz namens 'Brombeere' an für schlappe 37,95 Euro, mit der Produktbeschreibung 'sehr kratzfest'. Ich betrachtete melancholisch meine Unterarme, die von der Brombeerhecke sehr feste zerkratzt worden waren. Dachte an die schlesische Arschbeere, wie sie sich wohl auf dem Brombeer-WC-Sitz machen würde. Und kam zu dem Schluss, dass etwaige Analogien mit dem gestrigen Blogbeitrag rein zufälliger Natur wären.

Mittwoch, 8. Juli 2009

Sanitäre Geschlechterforschung

Alle zwei Wochen ist mittwochs Fensterputztag. Heute wären also wieder die Restaurantfenster fällig gewesen, jedoch, der Dauerregen warf den Putzplan über den Haufen. Weil Regen jedes geputzte Fenster auf der Stelle in ein ungeputztes verwandelt. "Immer schön flexibel bleiben", meinte Frau Übermop, als ich meinen Dienst antrat: Statt der Fenster bekam ich die Toiletten zugeteilt. Keine Frage, ich putze zehnmal lieber Fenster als Toiletten, was insofern günstig ist für mich, als Frau Übermop hundertmal lieber die Toiletten putzt als die Fenster. Zumal die Toiletten vierzehnmal so oft geputzt werden müssen wie die Fenster, ist ja klar.
Es wurde heute also umdisponiert, zum einen wetterbedingt, zum andern aus, nun ja, sagen wir 'erzieherischen' Gründen, oder wie die Große Mop-Vorsitzende es ausdrückte, "damit du nicht aus der Übung kommst". Denn selbstverständlich hatte ich in den ersten Tagen meiner Putztätigkeit ein Allroundtraining verpasst bekommen, zu welchem auch die Toilettenreinigung gehört. "Überall mal reinschnuppern", hatte das damals auf Übermop-Deutsch geheißen, was im Falle der Toiletten sprachlich vielleicht nicht ganz erste Wahl, andererseits durchaus treffend ist, schließlich kann man sich beim Putzen ja nicht die Nase zuhalten. (Allmählich wird, so hoffe ich, meine Vorliebe für Lindenblüten- und Kamilledüfte nachvollziehbar.)
Jedenfalls wusste ich heute, was auf mich zukommt: Ich mache 'es' nicht gern, aber es macht mir auch nicht übermäßig viel aus, und da ich es schon ein paar Mal gemacht hatte, schnappte ich mir meine Utensilien - Eimer, Desinfektionsmittel, WC-Ente und so - und legte los.
In Ermangelung erwähnenswerter subjektiver Ekelkomponenten schien es mir angemessen, die Sache aus soziologischer Sicht zu betrachten, denn nicht zum ersten Mal stand die Frage im sanitären Raum: Wieso werden Herrentoiletten von ihren Benutzern signifikant sauberer hinterlassen als Damentoiletten? Nun ist zwar so ein Blog nicht das passende Örtchen, um unappetitliche Details aufzulisten, aber so viel sei immerhin gesagt: In jedem öffentlich zugänglichen Klo pflegt ein Eimer zu stehen, in welchen hinein der Benutzer/die Benutzerin all das entsorgen kann, was nicht in die Toilette gehört. Gut, da haben die Herren womöglich weniger zu entsorgen als die Damen, weshalb der Herreneimer fast immer leer ist; nur ist der Dameneimer ebenfalls meistens leer, nicht aber das unmittelbare Umfeld des Dameneimers, sprich der Boden. Können die Mädels nicht zielen oder fangen sie auf dem WC an zu schielen oder was ist da los?
Auch heute war der Damentoiletteneimer wieder mal fast inhaltsfrei, bis auf ein paar kaum nennenswerte Partikelchen. Drumherum sah es aus wie bei Hempels unterm Sofa, wiewohl ich damit den Hempels höchstwahrscheinlich Unrecht tue, denn vermutlich wird es selbst bei Hempels unterm Sofa manierlicher aussehen. Nun gut. Ich tat, was zu tun war. Dann leerte ich den Eimer. Wollte ihn leeren, ging aber nicht. Weil das, was drin war, am Boden des Eimers festklebte. Hartnäckig. So dass mir der Griff in den Eimer - gesegnet sei die Erfindung der Latexhandschuhe - nicht erspart blieb. Nach einiger Mühe hatte ich endlich die fünf alten Kaugummiknuddel entfernt: fünf ausgekaute Kaugummiknuddel, allesamt fein säuberlich zu kugelrunden adretten Bällchen gerollt und von fünf Damen (eine allein wird's ja wohl nicht gewesen sein) so zielsicher wie präzise ins Eimerchen geschnickst. Na bitte, dachte ich, geht doch. Wieso schaffen die das mit winzigkleinen Kaugummikügelchen, nicht aber mit größeren Objekten? Und warum schmeißen sie ihre Kaugummis nicht gleich in die Toilette, wo sie (die Kaugummis) keine Chance haben festzukleben? Und weshalb verwechseln sie eine Gastronomietoilette mit einer Sanitärmülldeponie?
Ja, ich weiß, über so etwas spricht man nicht, aber so etwas macht man auch nicht. Würde so etwas nicht gemacht werden, müsste auch nicht darüber gesprochen werden. Gut, dass man mit Frau Übermop über derlei Genierliches ganz ungeniert sprechen kann; ich kam aus der Toilette, schimpfte wie ein Rohrspatz und fragte sie, wieso das so sei mit den Mädels und den Jungs und den geschlechtsspezifischen Hygieneunterschieden. "Wusstest du das nicht?", fragte sie zurück, "das war schon immer so", und nach einer Pause, "bei sich zuhause auf der Toilette machen sie so was nicht", woraus wir beide im gleichen Atemzug schlussfolgerten, "da haben sie ja auch keine Putzfrau." Und weil Frau Übermop gern das letzte Wort hat, setzte sie noch einen drauf, "... und wenn sie eine hätten, dann würden sie sich vor der Putzfrau schämen, so etwas zu machen."
Sozialpsychologisch astrein auf den Punkt gebracht. Gezielt, getroffen, versenkt. Eins-Null für Frau Übermop. Na ja. In diesem speziellen Fall wohl doch eher Null-Null.